Aufgabe A – Jesu Leben & Verkündigung
Thema
Jesu Leben und Verkündigung sowie Gottesvorstellungen
Aufgabenstellung
Fasse den vorliegenden Text zusammen. (Material)
„Sie [Gott] gibt uns Nahrung, lehrt uns sprechen, erklärt uns die Welt, leidet mit uns, wenn es uns schlecht geht, steht uns mit Rat und Tat zur Seite, tröstet und ist ein Vorbild.“ (Material)
Setze diese These Schrupps in Beziehung zu Jesu Reden und Handeln.
Laut Schrupp sei es nur „ein Zwischenschritt, Gott als Frau zu denken.“ Letztlich müsse Gott als „Leerstelle“ gedacht werden. (Material)
Diskutiere diese These vor dem Hintergrund des Textes und der Vielzahl biblischer Gottesbilder.
Material
Mutter unser (2014)
Antje Schrupp
1 Zampano – Heldenfigur, die vorgibt, Unmögliches möglich machen zu können und alle Fäden in der Hand zu haben scheint.
2 Bruce Willis – US-amerikanischer Schauspieler, vor allem durch actionbetonte Rollen bekannt
3 Meryl Streep – US-amerikanische Schauspielerin, besonders für emotional ausgereifte Rollen bekannt
4 Hos 11,9. Andere Bibeln übersetzen hier „…und kein Mensch“; vom Hebräischen her ist beides möglich.
5 Hos 11,4
6 Das Beginentum war damals eine in Europa weit verbreitete religiöse Bewegung, die überwiegend, aber nicht ausschließlich von Frauen getragen wurde. Sie lebten in Gemeinschaften zusammen, ohne sich dabei aber offizielle Ordensregeln zu geben.
7 Mem – Träger von Erinnerungen, Überzeugungen, Verhaltensmustern, die soziokulturell weitergegeben werden; Kunstwort analog zu „Gen“ als Träger der Erbinformationen
Antje Schrupp (*1964): Politikwissenschaftlerin, Philosophin und Theologin, Journalistin und Bloggerin
Die formale Gestaltung entspricht der Textvorlage.
Quelle: Antje Schrupp: „Mutter unser“, in: „der Freitag“, Ausgabe 23/2014, URL: https://www.freitag.de/autoren/antjeschrupp/mutter-unser (abgerufen am 04.10.2022). (Zwischenüberschriften wurden entfernt.)
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Einleitung: In ihrem Artikel Mutter unser, erschienen 2014 in der Wochenzeitung der freitag, beschäftigt sich Antje Schrupp mit der Frage nach überholten, alternativen und angemessenen Gottesvorstellungen.
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Männlich geprägte Bilder von Gott als Herr oder Vater seien überholt, weil der Begriff „Herr“ heute sehr viel alltäglicher sei als vor zweitausend Jahren, als „Herren“ faktisch Macht über andere Menschen hatten und es dazu in starkem Kontrast stand zu behaupten, Gott sei der eigentliche Herr.
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Allzu heldenhafte Gottesbilder seien unrealistisch, denn das Leben sei gekennzeichnet von Leid und Ungerechtigkeit und Gott sei eben nicht wie ein filmischer Superheld. An solchen Bildern dennoch festzuhalten, leiste dem Atheismus Vorschub.
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Es entstünden ganz neue Ideen von Gott, wenn diejenigen biblischen Bilder hinzugenommen würden, die auf Gottes weibliche Seite hinweisen, etwa aus dem 11. Kapitel des Hoseabuches, wo es expressis verbis heiße, Gott sei Gott und kein Mann.
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Dann sei Gott allmächtig wie eine Mutter in den Augen ihres Kindes: Sie kümmere sich mit Hingabe, könne aber nicht jeden Schaden verhindern.
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Schrupp verdeutlicht diesen Denkansatz mit einem Verweis auf das Tagebuch der von den Nationalsozialisten verfolgten Jüdin Etty Hillesum, die schrieb, dass Gott offenbar nichts an den Umständen ändern könne, dass aber Gottes Wohnsitz im Menschen verteidigt werden müsse.
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Schrupp führt aus, dass der Ansatz der wechselseitigen Angewiesenheit von Gott und Mensch die Theologie von Frauen seit Jahrhunderten präge. Konkret bezieht sie sich auf eine weibliche Theologietradition aus dem Mittelalter.
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Margareta Poretes Gottesbild sei der „Fern-Nahe“, der durch die liebende Seele in die Welt komme. Gottes Möglichkeiten, in der Welt zu handeln, seien an die Beziehungen zu den Menschen gebunden. Porete verstehe Gott als Leerstelle, über die wir nicht verfügten, die nicht auszufüllen sei.
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Laut Schrupp liege darin die eigentliche Aufgabe: diese Stelle frei zu räumen von allen Vorstellungen und Zuschreibungen. Deshalb sei die Idee, sich Gott als Frau vorzustellen, nur ein Zwischenschritt zur Überwindung des männlichen Gottesbildes, auf dem Weg zu einer unverfügbaren Leerstelle, von der niemand sagen könne, dass er sie verstehe. Denn Gott sei das grundsätzlich Andere; Träger kultureller Muster und Überlieferungen, die davon zeugen, dass nichts je abgeschlossen sei.
Teilaufgabe 2
Alle sieben Einzelaspekte, die Schrupp Gott zuschreibt, können in Richtung Lebensbegleitung gedeutet werden und sind geprägt durch eine umfassende Vorstellung von liebevoller Fürsorge. Folgende Zusammenhänge lassen sich exemplarisch im Einzelnen zu Jesu Reden und Handeln herstellen:
Gott gibt uns Nahrung
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Ein Charakteristikum der von Jesus verkündigten Reich-Gottes-Botschaft ist der Gedanke, dass jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Dies zeigt sich u. a. im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–15), in welchem der Weinbergbesitzer gemäß Gottes Verständnis von Gerechtigkeit nicht Lohn nach Leistung, sondern nach Bedarf zahlt.
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Verwiesen werden könnte auch auf die Perikope von der Speisung der 5000 (Mk 6,30–44). Jesu Geschenkwunder illustriert, dass Mangel beseitigt werden soll und Gott für Leib und Seele sorgt.
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Letztlich könnte Jesu Einsetzung des Abendmahls (z. B. Mt 26,26–28) hier subsumiert werden. Das Abendmahl soll uns nach Jesu Tod auch heute noch als (geistliche) Nahrung und Stärkung dienen.
Gott lehrt uns Sprechen, erklärt uns die Welt
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Ein wesentliches Moment des Wirkens Jesu ist seine Verkündigung der Reich-Gottes-Botschaft. Er sieht sich von Gott gesandt, um Menschen von Gottes Welt u. a. in Gleichnissen zu erzählen. In ihnen sind viele Analogien zu der Lebenswelt seiner Zuhörerinnen und Zuhörer zu finden, denn sie berichten von ganz alltäglichen Erfahrungen und Vorgängen wie beispielsweise von der Arbeit auf dem Acker, im Weinberg, bei der Schafherde oder im Haus, von Gastmählern, Festen, Ernten, Betrügereien oder Familienkrisen.
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Dass Jesus nicht nur Gelehrtengespräche führen will, zeigt sich an der so genannten Kindersegnung (Mk 10,13–16). Gerade die Perspektive der Kinder eröffnet einen Zugang zu Gottes neuer Welt.
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Verwiesen werden könnte in diesem Zusammenhang zudem auf das Vaterunser (Mt 6,9–13) als dem zentralen Gebet, welches Jesus uns gelehrt hat. Dass nicht nur das Sprechen von Gott, sondern auch mit Gott für ihn wesentlich ist, zeigt sich u. a. am Ende seines Lebens, etwa in der Gethsemaneszene (Mt 26,36–46) oder am Kreuz, wenn er mit Worten des Psalms 22 betet (Mt 27,46).
Gott leidet mit uns, wenn es uns schlecht geht, tröstet
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Dieser Aspekt lässt an Jesu mannigfaltige Zuwendung zu den Ausgestoßenen und Randgruppen der damaligen Gesellschaft denken, beispielsweise an Arme, Verachtete, Sünder. In seiner bewussten Hinwendung zu den Übersehenen richtet Jesus diese auf und eröffnet ihnen neue Lebensperspektiven. Theologisch findet dieses Verhalten Ausdruck im Begriff der Barmherzigkeit.
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In den Heilungserzählungen wird deutlich, dass sich Jesus der Kranken erbarmt und sich von ihrem Leid anrühren lässt (z. B. Mk 10,46–52).
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Die Seligpreisungen haben ein Augenmerk auf diejenigen, die unter der gegenwärtig heillosen Welt leiden, die hungern und dürsten etc. Ihnen wird Gottes Zuspruch in Aussicht gestellt.
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Auch Jesu Tod könnte als solidarisches Mitleiden mit den Gequälten dieser Welt gedeutet werden.
Gott steht uns mit Rat und Tat zur Seite
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Diese Verhaltensweise könnte z. B. zur Bergpredigt (Mt 5–7) in Beziehung gesetzt werden. Jesus zeigt sich hier als Rabbi, der die Jünger unterweist. Er gibt ihnen Normen an die Hand, die allerdings auch in die Tat umgesetzt werden sollen. So wird in diesem Kontext mehrfach auf das Tun verwiesen; prägnantestes Beispiel ist die so genannte Goldene Regel (Mt 7,12).
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Vereinzelt wird Jesus auch konkret um Rat gefragt, z. B., was man tun müsse, um das ewige Leben zu bekommen (Mk 10,17), oder erteilt diesen ungefragt, etwa an die Ehebrecherin in Joh 8,11.
Gott ist ein Vorbild
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Dass das Reich Gottes inklusiv und nicht exklusiv ist und welche Konsequenzen daraus resultieren, demonstriert Jesus u. a. anhand seiner Mahlgemeinschaft mit Sündern und Zöllnern wie etwa Zachäus. Nachdem Jesus bei ihm gegessen hat, vollzieht der Oberzöllner eine Kehrtwende und beabsichtigt, die über Gebühr Zolleinnahmen zurückzuerstatten (Lk 19,1–10).
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Der Vorbildcharakter zeigt sich immer wieder in Jesu Gleichnissen. Man denke etwa an den verlorenen Sohn, den der Vater nach seiner Heimkehr nicht bestraft, sondern mit offenen Armen empfängt und so Gnade vor Recht ergehen lässt (Lk 15,11–32). Auch der barmherzige Samariter wendet sich vorbehaltlos dem Überfallenen zu und leistet tätige Nächstenliebe (Lk 10,25–37). An diesem Verhalten sollst du dich orientieren (vgl. Appell Lk 10,37).
Teilaufgabe 3
Verschiedene biblische Gottesbilder
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Gottesbilder sind schon innerhalb der Bibel unterschiedlich bzw. wandelbar und keineswegs einheitlich. Neben anthropomorphen Bildern – Gott als Hirte (Ps 23), Gott tröstend wie eine Mutter (Jes 66,13), Gott als Vater (Mt 6,9) – finden sich abstrakte und bildliche Vorstellungen – Gott im brennenden Dornbusch (Ex 3), Gott als Geist (Gen 1,2; Mk 1,10–11), Gott als Schöpfer (Gen 1), Gott als das ganz Andere (z. B. in der Geschichte des Propheten Elija am Berg Horeb in 1 Kön 19,11–14: Gott offenbart sich nicht in gewaltigen Naturerscheinungen wie Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern im sanften, leisen Säuseln) sowie weitere Vorstellungen, die eher weibliche Eigenschaften Gottes betonen – z. B. Gott als Weisheit (Spr 8), Gott beschützend wie eine Bärenmutter (Hos 13,8), Gott wie eine Henne, die ihre Küken um sich sammelt (Mt 23,37).
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Dieser Wandel liegt darin begründet, dass Gottesbilder immer in Zusammenhang stehen mit der Lebenswelt der Glaubenden: Gott war mit den Nomaden unterwegs, wanderte mit durch die Wüste („Jahwe“), wurde mit den Bauern sesshaft, wurde zum Hüter des Staates und in babylonischer Gefangenschaft zum souveränen Schöpfer, zum Inbegriff der Freiheit.
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Auch die unterschiedlichen Übersetzungen bzw. Übersetzungsmöglichkeiten des Gottesnamens spiegeln dies wider. So nutzt beispielsweise die „Bibel in gerechter Sprache“ durchgehend verschiedene Begriffe für Gott, wobei sich weibliche, männliche und neutrale Begriffe abwechseln.
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Insofern gibt es keinesfalls das biblische Gottesbild. Man könnte konstatieren, dass es entweder eine Vielzahl – oder eben keines gibt. Trotz aller menschlichen Vorstellungen von Gott entzieht sich Gott dem Menschen und bleibt letztlich ein Geheimnis. Diese Unverfügbarkeit wird auch im Gottesnamen JHWH erkennbar, ist aber gleichzeitig mit der Zusage der Nähe und Anwesenheit Gottes verbunden.
Argumente für den Ansatz der Autorin
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Schrupps Weiterdenken knüpft hier an: Gottesbilder der Kategorie „alter Mann/Herr/Held/Zampano“, wie sie teilweise salopp formuliert, werden heute zunehmend unbrauchbar, weil diese Bilder in unserer Lebenswelt zunehmend problematisch besetzt oder zu einseitig sind.
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Schrupps Wandel des Gottesbildes hin zur Betonung der weiblichen Seite Gottes entspricht unserer emanzipierten Gesellschaft; insofern denkt sie den o. g. innerbiblischen Wandel der Gottesvorstellungen weiter bis in die heutige Zeit.
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Außerdem korrigiert ihr Impuls, „Gott als Frau zu denken“, die in der Vergangenheit einseitige Betonung männlicher Gottesvorstellungen und macht somit die eigentliche Vielfalt der biblischen Gottesbilder wieder sichtbar.
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Wenn Schrupp gleichzeitig sagt, dies sei nur ein Zwischenschritt, ist dies nur konsequent, denn wäre es keiner, wäre es erneut eine Verengung. Dies entspricht ebenfalls unserer Lebenswelt, denn eine Vorherrschaft der Frauen wäre ebenso einseitig und problematisch wie die der Männer; außerdem stellt die aktuelle gesellschaftliche Diskussion teilweise sogar die Existenz der binären Geschlechterordnung an sich in Frage.
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Letztlich unterstützt Schrupp eine Öffnung des Gottesbegriffs hin zu einer Leerstelle, die dem o. g. Befund, dass die Vielzahl der biblischen Gottesvorstellungen darauf verweist, dass es eigentlich keines gibt, Rechnung trägt und die dem heutigen Suchen und Fragen vieler Menschen entspricht. Das alttestamentliche Bilderverbot (Ex 20,4) kann hier verstärkend herangezogen werden, warnt es doch ebenfalls davor, Gott auf eine allzu konkrete Vorstellung zu reduzieren.
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Jedes Gottesbild birgt die Gefahr der Festlegung und damit der Verfügbarmachung, der Reduzierung Gottes auf ein Objekt. Sowohl die Vorstellung von Gott als Mann wie als Frau steht deshalb unter Projektionsverdacht (vgl. Feuerbach), weil dadurch anthropomorphe Vorstellungen auf Gott übertragen werden.
Gegen die Argumente der Autorin kann angeführt werden
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Nicht ohne Grund ist die Bibel voller vielfältiger Gottesbilder. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Menschen zu allen Zeiten Bilder gebraucht haben und brauchen, um Gott fassen, in ihr Leben lassen zu können. Eben darum erzählt Jesus Gleichnisse (z. B. Gott als Weinbergbesitzer in Mt 20,1–16) und lehrt die Menschen, „Vater“ zu Gott zu sagen (Mt 6,9–13).
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Mit Kant bleibt festzuhalten, dass Anschauungen ohne Begriffe blind sind, damit gleichsam inhaltslos, nicht fassbar, darum nicht beziehungsfähig und nicht diskussionsfähig. Was in diesem Sinne blind und leer ist, kann kaum noch kommuniziert und verkündigt und kann dann auch leicht vergessen werden.
Fazit
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Vor diesem Hintergrund kann abschließend einerseits bewertend festgehalten werden, dass Schrupps Denkbewegung über den Zwischenschritt „Gott als Frau“ hin zum Leerhalten jeder Gottesvorstellung nachvollziehbar und zukunftsfähig ist, weil sie zeitlos erscheint und den Raum eröffnet, mit eigenen Erfahrungen und ggf. Bildern anzuknüpfen.
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Alternativ ist jedoch auch denkbar, dass die Vielfalt der biblischen Gottesvorstellungen als Argument dafür herangezogen wird, dass der Mensch immer bildhafte Vorstellungen braucht und die Idee der Leerstelle im Widerspruch zu den biblischen Bildern steht und daher abgelehnt wird. Dabei könnte argumentativ auch auf Jesu Rede von und mit Gott verwiesen werden. Das Bilderverbot wäre dann zu interpretieren als Verbot vor der Verengung auf ein allzu starres, sich gleichsam zum Götzenbild verzerrenden Bild.