Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe A – Jesu Leben & Verkündigung

Thema

Jesu Leben und Verkündigung sowie Gottesvorstellungen

Aufgabenstellung

1)

Fasse den vorliegenden Text zusammen. (Material)

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2)

„Sie [Gott] gibt uns Nahrung, lehrt uns sprechen, erklärt uns die Welt, leidet mit uns, wenn es uns schlecht geht, steht uns mit Rat und Tat zur Seite, tröstet und ist ein Vorbild.“ (Material)

Setze diese These Schrupps in Beziehung zu Jesu Reden und Handeln.

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3)

Laut Schrupp sei es nur „ein Zwischenschritt, Gott als Frau zu denken.“ Letztlich müsse Gott als „Leerstelle“ gedacht werden. (Material)

Diskutiere diese These vor dem Hintergrund des Textes und der Vielzahl biblischer Gottesbilder.

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Material

Mutter unser (2014)

Antje Schrupp

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[…] [E]s ist nicht leicht, das Bild des alten Mannes mit dem weißen Bart wirklich loszuwerden. Die
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Vorstellung von Gott als „Vater“ und „Herr“ hat sich wie ein altes Kaugummi in alle Ritzen unserer
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Kultur hineingeklebt. […]
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Natürlich ist an der Metapher was dran, sie macht klar, dass wir „Gott mehr gehorchen sollen als den
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Menschen“, was richtig ist. Aber vor 2.000 Jahren bezeichnete das Wort Herr tatsächlich jemanden,
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der über andere nach Belieben verfügen konnte, über seine Untertanen oder über seine Sklavinnen und
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Sklaven. Da war es revolutionär, zu behaupten: In Wahrheit ist nicht der euer Herr, sondern Gott!
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Aber heute, wo jeder Schmidt, Meier oder Schulze mit Herr angesprochen wird?
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In den meisten Fernsehserien gibt es einen Helden, der verspricht, dass am Ende alles gut wird. […]
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Zum Verwechseln ähnlich sind sie sich, der Supermann und der Supergott.
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Diese Verwechslung macht nicht nur unser Konzept von Männlichkeit leicht größenwahnsinnig, es
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macht auch Gott im wahrsten Sinne des Wortes unglaubwürdig. Denn dass Gott (oder heldenhafte
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Männer) die Dinge regeln würden, ist ja eine Behauptung, die von der Realität ständig widerlegt wird.
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Im wirklichen Leben geht es selten so aus wie im Film. Am Ende werden die Guten oft nicht gerettet
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und die Bösen nicht bestraft. Für alle, die an den Zampano1-Gott glauben, ist das bitter. Wie kann er
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das zulassen?, fragen sie, und auf diese sogenannte Theodizeefrage finden Theologen seit
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Jahrhunderten keine überzeugende Antwort. Und für Atheisten ist sie wiederum der Beweis für Gottes
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Nicht-Existenz: Wenn ständig schreckliche, grausame, ungerechte Dinge geschehen, kann es Gott
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wohl nicht geben. Sonst würde er doch etwas unternehmen!
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Wenn Gott aber nicht Bruce Willis2, sondern Meryl Streep3 wäre? Also keine, die wie ein strenger
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Vater droht: Wehe, du hörst nicht auf mich, dann gibt’s Hausarrest!, sondern eine, die warnt: Zieh dir
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lieber etwas Warmes an, sonst wirst du dich noch erkälten? Meine Lieblingsbibelstelle dazu steht beim
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Propheten Hosea, 11. Kapitel. Dort wird Gott, gefragt, warum sie [Gott] die abtrünnigen Israeliten
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nicht bestraft, mit den Worten zitiert: „Mein Mitleid lodert auf, aber ich vollstrecke meinen Zorn nicht.
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Denn Gott bin ich, und kein Mann.“4[…]
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Wenn es aber nicht Gottes Art ist, die Gesetzlosen zu strafen, wenn sie uns anders als ihre irdischen
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Imitatoren nicht verspricht, dass am Ende alles gut wird, weil sie es schon regelt: Was ist Gott dann?
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Was tut sie? Wie wirkt sie?
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Sie ist, sagt der Prophet Hosea, die, die „den Säugling an ihre Wangen hebt, sich ihm zuneigt und ihm
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zu essen gibt“5. Gott ist so allmächtig, wie eine Mutter (oder jemand anders an ihrer Stelle) für ein
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kleines Kind allmächtig ist: Von ihr hängt es ab, dass wir überleben. Sie gibt uns Nahrung, lehrt uns
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sprechen, erklärt uns die Welt, leidet mit uns, wenn es uns schlecht geht, steht uns mit Rat und Tat zur
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Seite, tröstet und ist ein Vorbild. Aber manchmal erkälten wir uns trotzdem oder schlagen uns das
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Knie auf. Das kann sie nicht verhindern.
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Kaum jemand hat diese Erkenntnis so klar in Worte gefasst wie die Niederländerin Etty Hillesum. Sie
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war noch keine 30 Jahre alt, als sie im Jahr 1943 in Auschwitz umgebracht wurde. In den zwei Jahren
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zuvor hatte sie in ihrem Tagebuch […] angesichts der Katastrophe des Holocaust, von der sie klar
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vorhersah, dass sie sie als Jüdin das Leben kosten würde, ein intensives Gespräch mit Gott geführt.
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Etty Hillesum schrieb: „Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu
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können. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit
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fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen
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müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“ […]
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Etty Hillesum ist aber nicht die Einzige, die das Verhältnis zwischen Menschen und Gott als eines der
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gegenseitigen Bedürftigkeit – und nicht der Herrschaft – interpretiert hat. Dieser Gedanke durchzieht
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die Theologie der Frauen seit Jahrhunderten […]. Eines der wichtigsten Bücher in dieser anderen, ich
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möchte sagen weiblichen Theologietradition ist Ende des 13. Jahrhunderts erschienen und heißt Der
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Spiegel der einfachen Seelen von Margareta Porete, einer französischen Begine6 […]. Sie beschreibt
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Gott darin als „Fern-Nahen“, der seine Handlungsmöglichkeiten an die Beziehung zu einzelnen
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Menschen knüpft. Die Erkenntnis des Wahren, erläutert Porete, ist keine Frage des Glaubens, der
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Vernunft oder der Tugend, sondern eine der Liebe. Nur eine liebende […] Seele könne ein
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„Durchlass“ für Gott auf diese Welt sein.
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Margareta Porete verehrt Gott nicht als Frau, sondern geht tatsächlich noch einen Schritt weiter: Sie
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verehrt Gott als Nichts, als Leerstelle. Das ist sozusagen Glauben für Fortgeschrittene: nicht der
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Versuchung nachzugeben, die unverfügbare Leerstelle Gott mit irgendetwas aufzufüllen. […]
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[U]nsere Aufgabe ist es, diese Stelle Gottes wieder frei zu räumen. Sie von allen menschlichen
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Projektionen leer zu machen. Auszuhalten, dass dort nichts ist. Deshalb ist es tatsächlich auch nur ein
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Zwischenschritt, Gott als Frau zu denken. Aber er erscheint mir notwendig, um das Mann-Gott-
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Kuddelmuddel zu überwinden. […]
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Niemand kann sagen, dass sie Gott wirklich versteht. Gott ist nicht Einer, sondern Differenz, Gott ist
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nicht Dieses, sondern das Andere. Gott ist nicht Etwas, sondern die Leerstelle, über die wir nicht
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verfügen können, von der aber dennoch unser Leben und die ganze Welt abhängen. Gott ist ein
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„Mem“7, in dem Wissen, Erfahrungen, Theorien und Geschichten zusammengefasst sind.
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Geschichten, die sich damit auseinandersetzen, dass Menschen niemals alles in der Hand haben. Dass
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nie über etwas wirklich das letzte Wort gesprochen ist, dass ständig etwas Unerwartetes geschehen
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kann, und zwar im Positiven wie im Negativen. Dass da immer noch jenes Andere ist, das unsere
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Pläne und Prognosen möglicherweise durchkreuzt. […]

1 Zampano – Heldenfigur, die vorgibt, Unmögliches möglich machen zu können und alle Fäden in der Hand zu haben scheint.

2 Bruce Willis – US-amerikanischer Schauspieler, vor allem durch actionbetonte Rollen bekannt

3 Meryl Streep – US-amerikanische Schauspielerin, besonders für emotional ausgereifte Rollen bekannt

4 Hos 11,9. Andere Bibeln übersetzen hier „…und kein Mensch“; vom Hebräischen her ist beides möglich.

5 Hos 11,4

6 Das Beginentum war damals eine in Europa weit verbreitete religiöse Bewegung, die überwiegend, aber nicht ausschließlich von Frauen getragen wurde. Sie lebten in Gemeinschaften zusammen, ohne sich dabei aber offizielle Ordensregeln zu geben.

7 Mem – Träger von Erinnerungen, Überzeugungen, Verhaltensmustern, die soziokulturell weitergegeben werden; Kunstwort analog zu „Gen“ als Träger der Erbinformationen

Antje Schrupp (*1964): Politikwissenschaftlerin, Philosophin und Theologin, Journalistin und Bloggerin

Die formale Gestaltung entspricht der Textvorlage.

Quelle: Antje Schrupp: „Mutter unser“, in: „der Freitag“, Ausgabe 23/2014, URL: https://www.freitag.de/autoren/antjeschrupp/mutter-unser (abgerufen am 04.10.2022). (Zwischenüberschriften wurden entfernt.)

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