Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe C – Sterbehilfe, Kreuz & Auferstehung

Thema

Sterbehilfe sowie Kreuz und Auferstehung Jesu

Aufgabenstellung

1)

Fasse den vorliegenden Text zusammen. (Material)

30 BE
2)

In diakonischen Einrichtungen wie Pflegeheimen und Krankenhäusern ist das Logo der Diakonie Deutschland zu sehen, das im Zentrum ein Kreuz enthält. Erläutere ausgehend vom Text die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung Jesu für den Umgang mit Leid.

40 BE
3)

„Der Wunsch der Mehrheit der Kirchenmitglieder, mit der Frage der Suizidassistenz toleranter und lebensnäher umzugehen, ist ernst zu nehmen. Zugleich sind vulnerable Menschen in einer inklusiven Gesellschaft zu schützen.“ (Material)

Diskutiere das Dilemma im Kontext von Utilitarismus und christlicher Ethik.

30 BE

Material

Suizid – Vorbeugen und Helfen (2021)

Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie

Im Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht das Verbot geschäftsmäßiger Förderung der

Selbsttötung für verfassungswidrig. Dieses Urteil misst dem Recht Einzelner höheres Gewicht bei als

dem kollektiven Recht auf Schutz des Lebens. Eine gesetzliche Neuregelung, die diesem Urteil

Rechnung trägt, steht bis heute aus. An der gesellschaftlichen Debatte beteiligen sich auch die

Kirchen, die sich der Frage stellen müssen, ob sie (in besonderen Ausnahmefällen) assistierten Suizid

in Einrichtungen der Diakonie, dem Sozialverband der Evangelischen Kirchen in Deutschland,

zulassen.

1
[...] Es gibt aus christlicher Sicht ein uneingeschränktes Recht auf Leben, aber keine Pflicht zum
2
Leben. Eine Person darf nicht gegen ihren ausdrücklichen Willen zum Weiterleben gezwungen
3
werden. Die Achtung und Stärkung des Selbstbestimmungsrechtes entsprechen insofern christlichen
4
Grundsätzen. [...] Die Alternative zur Selbstbestimmung wäre eine paternalistische1
5
Fremdbestimmung, an der niemandem gelegen sein kann.
6
Sterbewünsche und Suizidabsichten sind ernst zu nehmen und weder zu moralisieren noch generell zu
7
pathologisieren2.[...]
8
Lange Zeit haben die Kirchen den Suizid entschieden verteilt. Schied jemand durch Selbsttötung aus
9
dem Leben, wurde ihm eine christliche Bestattung verweigert und das ewige Heil abgesprochen.
10
Darüber hinaus wurden die Familienangehörigen stigmatisiert3. Diese frühere Haltung wird von den
11
Kirchen heute weithin verurteilt, doch schwingt manchmal in der emotional geführten Debatte um
12
Suizidassistenz noch die moralische Missbilligung des Suizids als einer Handlung mit, die an sich und
13
nicht etwa wegen möglicher negativer Auswirkungen auf andere sittlich böse ist.
14
Selbstverständlich kann ein Suizid „Sünde“ sein – ein Suizid, der als Machtdemonstration angelegt ist
15
und die Angehörigen vor den Kopf stoßen und verletzen will, kann so interpretiert werden. Aber einen
16
Suizid zu begehen und dabei möglicherweise Assistenz in Anspruch zu nehmen ist nicht zwangsläufig
17
als gegen Gott gerichtet zu deuten.
18
Jedenfalls hält das Argument, dass durch Selbsttötung das Urteil Gottes über das eigene Leben4 durch
19
den Suizidenten vorweggenommen werden soll [...], den Szenarien nicht stand, die derzeit im
20
Angesicht der Hochleistungsmedizin thematisiert werden. Hier müssen ständig unabdingbare
21
Entscheidungen über die eigene Zukunft und das eigene Leben an dessen Grenzen getroffen werden.
22
Gerade in diesem Zusammenhang muss ein assistierter Suizid am Lebensende nicht als Akt der
23
Lebensverneinung interpretiert werden. Der Wunsch, das Leben zu beenden, kann auch Ausdruck
24
eines spirituellen Einverständnisses, der Akzeptanz des Todes und der Endlichkeit sein. Menschen
25
müssen aus christlicher Sicht keine Helden sein.
26
Gerade Christen sollten eine Sensibilität für die menschliche Schwäche haben und nicht zu viel von
27
Menschen verlangen. So wirkt es fragwürdig, Menschen, die ein extremes Leid durchleben oder bei
28
manchen Erkrankungen trotz palliativer Möglichkeiten einen schlimmen Tod fürchten müssen,
29
prinzipiell eine Hilfe vorzuenthalten, die sich darauf bezieht, ein subjektiv nicht mehr erträgliches und
30
ohnehin zu Ende gehendes Leben zu verkürzen. Christlichem Glauben geht es darum, Menschen in
31
belastenden Situationen seelsorglich beizustehen, sie die Nähe Gottes spüren zu lassen und ihnen zu
32
versichern, dass sie auch in dieser extremen Situation nicht allein sind. [...]
33
Nur wenn Diakone und Seelsorge jede Form der Belehrung und jede Attitüde moralischer
34
Überlegenheit vermeiden, wird sich ein suizidwilliger Mensch erstgenommen fühlen und
35
gegebenenfalls nochmals über seine Entscheidung nachdenken. In der Seelsorge ist Raum für die
36
Grauzonen des Lebens und dessen Ambiguität5. An der Grenze des Lebens gibt es keine einfachen
37
Entscheidungen, sondern immer nur den konkreten Einzelfall, der je für sich zu betrachten ist und bei
38
dem individuell nach gangbaren Wegen zu suchen ist.
39
Entscheidend ist, dass wir respektieren und akzeptieren können, dass auch unter guten palliativen
40
Bedingungen Menschen in eine Lage kommen können, in der sie sagen: „Es ist genug. Ich bin an
41
einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr kann, das Leiden wird mir zu viel, ich möchte und kann die
42
letzte Wegstrecke nicht mehr gehen.“ In solchen Situationen kann es ein Akt christlicher
43
Barmherzigkeit sein, den Sterbewunsch anzuerkennen – und zwar auch dann, wenn man die Situation
44
anders einschätzt. Leiden entzieht sich einer Beurteilung von außen. Es ist etwas anderes, das Leiden
45
eines anderen zu sehen als selbst zu leiden. […]
46
Kirche muss sich der schwierigen Frage nach dem assistierten Suizid stellen. Den Einwand, dass
47
gerade kirchliche Einrichtungen beispielhaft allein dem Lebensschutz verpflichtet sein müssen, haben
48
wir bedacht. Es ist richtig, dass diese Einrichtungen eine besondere Verantwortung haben – durch
49
ihren Auftrag und in vielen Fällen auch durch ihre Geschichte. Dennoch geben wir zu bedenken: Muss
50
diese symbolische Funktion nicht zurückstehen, wenn es darum geht, einzelnen Menschen in den
51
angesprochenen Grenzsituationen zu begleiten?
52
Die Zuwendung zum konkreten Einzelfall sollte in unseren Augen Vorrang haben vor Interessen der
53
Institution. Für die Diakonie heißt das zunächst, dass sie keine unzumutbaren oder unrealistischen
54
Bedingungen an Menschen stellen kann, die in ihren Einrichtungen leben. Wann und wie sollte von
55
diesen verlangt werden, die Inanspruchnahme einer Suizidhilfe definitiv auszuschließen? Jeder und
56
jede ist in der Diakonie willkommen, jeder und jede wird so akzeptiert, wie er oder sie ist oder auch
57
sein wird. Diese diakonische Grundhaltung macht diakonische Einrichtungen zu sicheren Orten.
58
Selbstverständlich gehört der assistierte Suizid nicht in das reguläre Aufgabenportfolio der Diakonie,
59
er kann immer nur äußerster Grenz- und Ausnahmefall sein. Die Initiative zum assistierten Suizid darf
60
deshalb niemals von der Einrichtung selbst ausgehen. [...]
61
Es bleibt eine Dilemma-Situation, die per se6 mehrdeutig ist. [...] Der Wunsch der Mehrheit der
62
Kirchenmitglieder, mit der Frage der Suizidassistenz toleranter und lebensnäher umzugehen, ist ernst
63
zu nehmen. Zugleich sind vulnerable7 Menschen in einer inklusiven Gesellschaft zu schützen8. [...]

1 paternalistisch – autoritär, entmündigend

2 pathologisieren – eine Verhaltensweise als krankhaft bewerten

3 stigmatisieren – ächten, in ein negatives Licht rücken

4 Hintergrund ist hier die Vorstellung, nur Gott allein urteile über Leben und Tod.

5 Ambiguität – Mehr-, Doppeldeutigkeit

6 per se – aus sich heraus, von selbst

7 vulnerabel – verletzlich, verwundbar

8 Gefordert ist ein Schutz vulnerabler (z. B. schwerkranker oder pflegebedürftiger) Menschen vor gesellschaftlichem Druck, der zu Missbrauch bzw. übermäßig häufiger Anwendung/Durchführung des assistierten Suizids führen könnte.

Reiner Anselm (*1965): evangelischer Theologe

Isolde Karle (*1963): evangelische Theologin

Ulrich Lilie (*1957): evangelischer Theologe

Quelle: Reiner Anselm, Isolde Karle, Ulrich Lilie: Suizid: Vorbeugen und Helfen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2021.

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV