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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe A – Gottesbegriff und Erlösung in Christentum und Buddhismus

Thema

Gottesbegriff und Erlösung in Christentum und Buddhismus sowie Deutungen des Kreuzestodes Jesu

Aufgabenstellung

1)

Fasse die Aussagen von Pater Cosmas in dem vorliegenden Interview zusammen. (Material)

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2)

„[I]m Christentum ist es das Kreuz, […] an dem in Christus Gottes Liebe und Barmherzigkeit offenbar wird.“ (Material)

Stelle Deutungen des Kreuzestodes Jesu Erlösungsvorstellungen im Buddhismus gegenüber.

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3)

Nach der Lektüre des Interviews entsteht in der Schule die Idee eines gemeinsamen Gottesdienstes von Christinnen und Christen und Buddhistinnen und Buddhisten.

Erörtere unter Berücksichtigung biblischer Gottesbilder, ob ein solcher Gottesdienst aus christlicher Sicht vertretbar ist. Beziehe dabei Aussagen des Interviews (Material) ein.

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Material

Impulse aus der Begegnung von Buddhisten und Christen. Interview mit Pater Dr. Cosmas Hoffmann (2019)

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[...] Gerade durch die beiden letzten Elemente des achtfachen Pfades, rechte Achtsamkeit und rechte
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Meditation, wirkt der Buddhismus auf viele Menschen im Westen faszinierend. Woran liegt das?
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Pater Cosmas: Tatsächlich ist der Buddhismus in Europa vor allem für seine Meditationspraxis
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bekannt. Seit den 70er Jahren wird der japanische Zen-Buddhismus1 auch hier geübt. Seit den 80er
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Jahren etabliert sich in Deutschland der tibetische Buddhismus, der vor allem vom Dalai Lama
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repräsentiert wird. Seit den 90er Jahren wächst das Interesse an Übungen der „Achtsamkeit“ [...].
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Viele religiös suchende Menschen fasziniert die systematische und leibbezogene Einführung in
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Meditation und Achtsamkeit, die der Buddhismus pflegt, weil sie hier nicht nur geistlich, sondern auch
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leibhaft religiöse Erfahrungen machen können.
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Zudem knüpfen die Lehren des Buddhismus, wie schon die vier edlen Wahrheiten zeigen, an den
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konkreten Lebenserfahrungen der Menschen an und entwickeln daraus die buddhistische Lehre von
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Mensch, Welt und Erlösung. Dementsprechend steht der Buddhismus Spekulationen über Gott, dessen
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Wesen und Existenz sehr skeptisch gegenüber. Vom Buddha wird sinngemäß überliefert, dass er die
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Existenz von Gott und Göttern weder bejahte noch leugnete, da dies außerhalb seines
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Erfahrungsbereiches sei, er vielmehr auf die Notwendigkeit der Überwindung des Leids durch den
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achtfachen Pfad hinwies. Diese agnostische Haltung, die die Frage nach der Existenz Gottes offen
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lässt, ist vielen Menschen heute vertraut.
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Wofür könnte der Buddhismus uns Christen sensibilisieren?
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Pater Cosmas: Der Buddhismus weist darauf hin, dass Erfahrung ein wichtiges Element von Glaube
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und Spiritualität ist. Mich erinnert das an den bekannten Satz des Jesuiten2 Karl Rahner, dass der
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Fromme von morgen ein Mystiker3 sein werde, einer, der etwas erfahren habe. Ein gutes Beispiel
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dafür ist Jesus selbst, der mit der Aufforderung „Komm und sieh!" Menschen einlädt, ihm
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nachzufolgen und so mehr von ihm und seinem Weg zu erfahren. Gerade heute suchen viele
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Menschen nach Orten, an denen sie Religion, Spiritualität und Glaube erfahren können. Davon zeugt
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gegenwärtig die große Resonanz auf buddhistische Meditationszentren und deren Achtsamkeitskurse.
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Die Begegnung mit Buddhisten kann uns Christen auch daran erinnern, dass uns Formen der
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Achtsamkeitsübung nicht fremd sind. [...]
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Im Bereich der Theologie, also der Lehre und Rede von Gott, kann der Buddhismus uns Christen
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daran erinnern, dass Gott auch der ganz andere und unbegreifliche Gott ist und bleibt, jenseits all
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unserer Konzepte und Bilder, die wir uns von ihm machen.
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Andererseits findet die Sehnsucht des Menschen, das, was er als absolut und transzendent erfährt,
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ansprechen, in Bilder und Begriffe bringen und mit ihm in Beziehung treten zu können, auch im
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Buddhismus ihren Ausdruck. Dies wird deutlich erkennbar in den buddhistischen Tempeln mit den
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Figuren des Buddha und anderer geistiger Wesen, in denen Zeremonien, Liturgien und Gebete von
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Gemeinschaften und einzelnen stattfinden.
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Dieses gegenseitige aufeinander Verwiesen-Sein beider Religionen stellt der srilankesische4 Jesuit
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Aloysius Pieris besonders anschaulich dar, wenn er darauf hinweist, dass in beiden Religionen ein
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Baum von besonderer Bedeutung ist. Im Buddhismus ist es der Baum der Weisheit und der
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Erkenntnis, unter dem der Buddha die Erleuchtung erfährt, im Christentum ist es das Kreuz, der
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Baum, an dem in Christus Gottes Liebe und Barmherzigkeit offenbar wird. Unter welchem Baum man
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auch immer steht, ist es gut und hilfreich, auch den anderen Baum im Blick zu bewahren. [...]
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Pater Cosmas, Sie stehen als katholischer Mönch, als Benediktiner im Austausch mit buddhistischen
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Mönchen. Was sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten?
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Pater Cosmas: Der stärkste Eindruck meines mehrwöchigen Aufenthaltes in buddhistischen Klöstern
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in Japan war, dass ich mich einerseits als Westeuropäer und Christ dort am äußersten Ende Ostasiens
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und in einer buddhistisch geprägten Welt geographisch, kulturell und religiös in der Fremde sah, dass
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ich mich aber anderseits im Zen-Kloster sehr zuhause fühlte, weil es wie bei uns von ähnlichen
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Strukturen geprägt ist. So hat mich fasziniert, dass es in beiden klösterlichen Lebensformen ähnliche
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Formen der Einteilung der Zeiten und Räume, des Ausbildungsweges, der Ausdrucksformen in
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Liturgie und Alltag, der Gemeinschaftsorganisation und der Arbeitsteilung gibt.
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Selbst im Inneren, das heißt in den Grundwerten der Spiritualität, wie Demut, Gehorsam, Mitgefühl,
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Barmherzigkeit, Weisheit, Maß finden sich viele Übereinstimmungen. Allerdings finden diese
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Grundwerte ihre Begründung in unterschiedlichen religiös-spirituellen Grundannahmen. Denn
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während die Begriffe „Gott" und „Person" im Christentum von großer Bedeutung sind, werden sie im
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Buddhismus eher kritisch-distanziert wahrgenommen.
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Was können christliche und buddhistische Mönche voneinander lernen?
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Pater Cosmas: Das Kennenlernen der monastischen5 und spirituellen Traditionen des jeweils anderen
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lässt einen sehr bald die Tiefen, aber auch die Ergänzungsbedürftigkeit der eigenen Position
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entdecken. Manches, was mir zuerst fremd erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als etwas
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Vertrautes, was mir aber nicht bewusst war oder ich aus dem Blick verloren habe: So verweist das
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buddhistische Schweigen vom Absoluten die Christen auf ihr kontemplatives6 Wissen von Gott als
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den Seinsgrund7 jenseits von Rede und Anrede. So erinnert der vertraute Umgang der Christen mit
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Gott als ansprechbarer Person die Buddhisten an die Sehnsucht des Menschen, das Absolute als
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personales Gegenüber zu erfahren. So ermutigt das sozial-caritative Engagement der christlichen
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Ordensleute die buddhistischen Mönche zu Mitgefühl und Barmherzigkeit. So regt die leibhafte
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Übung der Meditation, wie sie die Buddhisten praktizieren, die Christen zum wachen Umgang mit
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dem Leib auch im geistlichen Leben an.
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In dieser wechselseitigen Komplementarität kann der inter-religiöse Dialog zum intra-religiösen8
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Dialog werden, indem man, angeregt vom anderen, neue Wege wagt und alte Pfade wiederentdeckt.
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Auf diese Weise erlebe ich die geschwisterliche Begegnung mit buddhistischen Mönchen und Nonnen
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als ein großes Geschenk, das mein Herz weit macht und die Freude an meinem Christ-sein stärkt.

1 Zen-Buddhismus – Richtung des Buddhismus, die einen besonderen Schwerpunkt auf das Erleben des gegenwärtigen Augenblicks und des gegenwärtigen Bewusstseins durch meditative Versenkung legt

2 Jesuiten – katholische Ordensgemeinschaft

3 Mystiker – Anhänger einer Form der Religiosität, bei der durch Versenkung, Hingabe, Askese eine persönliche, erfahrbare Verbindung mit Gott gesucht wird

4 srilankesisch – aus dem südostasiatischen Land Sri Lanka stammend

5 monastisch – klösterlich, mönchisch

6 kontemplativ – tiefsinnig, gedankenversunken

7 Seinsgrund – Ursprung der gesamten Wirklichkeit

8 intra-religiöser Dialog – Formulierung, die im Interview gebraucht wird, um den Dialog innerhalb einer Religion zu kennzeichnen, so wie der interreligiöse Dialog ein Dialog zwischen verschiedenen Religionen ist

Cosmas Hoffmann (*1965): katholischer Theologe, Benediktinermönch und Universitätsdozent. Er engagiert sich im interreligiösen Dialog, in dessen Rahmen er mehrfach Begegnungen zwischen christlichen und buddhistischen Mönchen und Nonnen in Europa und Asien erfahren und organisiert hat.

Quelle: Impulse aus der Begegnung von Buddhismus und Christentum, Pater Dr. Cosmas Hoffmann OSB über den Buddhismus, 20.11.2019, URL: https://www.erzbistum-paderborn.de/news/impulse-aus-der-begegnung-von-buddhisten-und-christen/ (abgerufen am 18.03.2024).

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

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