Aufgabe C – Mensch, Technik & Religionskritik
Thema
Mensch und Technik, Religionskritik und biblisch-christliche Menschenbilder
Aufgabenstellung
Fasse den vorliegenden Text zusammen. (Material 1)
Guardini kommt zu dem Schluss, dass mit der Abnahme des Gottesglaubens eine „seelische Entleerung“ des Menschen einhergehe. (Material 1)
Stelle diesen Befund und seine Begründung der Religionskritik Ludwig Feuerbachs gegenüber.
Guardini befürchtet, dass dem Menschen durch die Entwicklung und zunehmende Dominanz der Technik eine Dimension des Daseins verloren gehe und das Leben „einförmiger“ werde.
Diskutiere den Romanauszug (Material 2) unter Bezugnahme auf Guardinis These und biblisch-christliche Vorstellungen vom Menschen.
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Vom Schwinden der religiösen Erfahrung (1977)
Romano Guardini
1 in Verfügung nehmen - hier: die er nach Belieben (be)nutzen kann
2 Preisgegebenheit - das Gefühl, der Natur ausgeliefert zu sein
3 numinos – heilig, göttlich; etwas, das zugleich fasziniert und erschaudern lässt
Romano Guardini (1885–1965): katholischer Religionsphilosoph und Theologe
Quelle: Romano Guardini: Von der Natur zur Technik. Theologische Briefe an einen Freund. Einsichten an der Grenze des Lebens, herausgegeben aus dem Nachlass, Paderborn 1977 (Erstveröffentlichung 1963), S. 35–40.
Die Rechtschreibung von Material 1 entspricht der Textvorlage.
Material 2
Der Circle (2013)
Dave Eggers
Bailey, einer der Chefs des mächtigen IT-Konzerns „The Circle“, erläutert der Mitarbeiterin Mae die
Idee, dass jeder Mensch eine Kamera tragen solle, die permanent filmt, um konstant online mit
anderen zu teilen, was ihr Träger oder ihre Trägerin gerade tut. „Transparent werden“ nennen die
Konzernchefs diese Idee, denn sie denken: „Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen. Alles Private
ist Diebstahl.“ Ihr Ziel ist vollkommene Vernetzung und Kontrolle.
Dave Eggers (*1970): US-amerikanischer Schriftsteller
Quelle: Dave Eggers: Der Circle, Köln 6. Auflage 2016 (deutsche Erstveröffentlichung 2013), S. 331.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
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Einleitung: Romano Guardini beschäftigt sich in seinem Brief mit dem Titel Vom Schwinden der religiösen Erfahrung, der im Jahr 1977 erschien, mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Er stellt darin die These auf, dass mit der zunehmenden Beherrschung der Natur religiöse Erfahrung verschwinde.
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Guardini sieht einen Wandel: Ursprünglich („vorher“) sei der Mensch von der Natur abhängig gewesen und habe unter der Gefahr unvorhergesehener Ereignisse gestanden. Er habe seine Kräfte der Natur unterordnen müssen. Die Natur sei ein „geheimnisvoller Urbereich“ gewesen.
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Mit der Beherrschung der Natur (durch Technik) verändere sich die Stellung des Menschen und sein Zugang zur Welt und Natur fundamental. Damit gehe das Gefühl von Macht einher. Der Mensch betrachte die Natur nicht mehr mit Ehrfurcht, sondern als selbstverständlichen Vorrat von Energien.
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Mit dem Ende der naturgegebenen Ordnung, mit den neuen Möglichkeiten verliere der Mensch existentiellen Halt, dadurch entstehe Maßlosigkeit und Beliebigkeit im Umgang mit der Schöpfung, der Mensch werde „herrenmäßiger“ und setze seinen eigenen Willen stärker durch.
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Durch Technik gewinne der Mensch Vielfältigkeit an Produktion, werde aber zum Konsumenten und verliere an Lebendigkeit.
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Nach Guardini bewege sich der moderne Mensch aus der Natur in die Welt der Technik bzw. Künstlichkeiten. Durch viele Reize entstehe Gewöhnung und Abstumpfung, wodurch eine Dimension des Lebens verloren gehe.
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Durch den Verlust des Numinosen und der damit einhergehenden materialistischen Weltdeutung werde religiöse Erfahrung erschwert und als naiv diskreditiert. Der Mensch fühle sich legitimiert, Herrscher über die Welt zu sein.
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Die größte Gefahr für den Glauben sei jedoch das seelische Vakuum, dadurch erhalte der Glaube den Anschein des Überflüssigen. Zudem würden durch die Verbreitung des Atheismus totalitäre Systeme gestärkt.
Teilaufgabe 2
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Bei der Gegenüberstellung mit Feuerbach lässt sich als deutlicher Unterschied herausstellen, dass Guardini den Bedeutungsverlust von Religion nicht fordert, sondern mit Bedauern und Erschrecken feststellt.
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Guardini betrachtet den Bedeutungsverlust von Religion im Zusammenhang mit der zunehmenden technischen Erschließung der Welt. In dem Maße, in dem sich die Welt technologisch erklären lasse, sei der Mensch auf sich gestellt und verliere vertraute Gewissheiten.
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Im Gegensatz dazu verlangt Feuerbach, dass der Mensch positive menschliche Eigenschaften nicht auf ein göttliches Wesen übertragen solle.
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Während Guardini feststellt, dass mit dem Bedeutungsverlust von Religion ein wesentliches Element menschlicher Existenz verloren gehe, sieht Feuerbach diesen „Verlust“ als Befreiung.
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Eine Parallele zwischen Feuerbach und Guardini ist der Gedanke, dass durch das Schwinden des Gottesglaubens der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.
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Feuerbach formuliert seine Religionskritik in der These, nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, sondern der Mensch habe seine Sehnsüchte wie Unsterblichkeit, Allwissenheit usw. auf Gott übertragen (sog. Projektionstheorie).
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Ziel Feuerbachs ist es, dass der Mensch den falschen Charakter der Projektion und sich selbst als höchstes Wesen erkenne. Feuerbach fordert daraus, dass der Mensch seine eigenen Fähigkeiten entdecken und sich nicht länger auf ein imaginiertes Wesen verlassen solle. Die Erkenntnis, dass der Gottesglaube eine Illusion ist, befreie den Menschen zu eigenverantwortlichem Handeln.
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Guardini stellt fest, der Rückgang des Glaubens bedeute für den Menschen ein „Gefühl nicht absehender Macht“. Die Natur, die in vormoderner Zeit als geheimnisvoll und unberechenbar gesehen wurde, ist für den Menschen durch Technik und Wissenschaft verfügbar und beherrschbar geworden.
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Ein weiterer Unterschied zeigt sich in der Beurteilung des Bedeutungsverlustes des Gottesglaubens.
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Feuerbach vertritt eine klar atheistische Position, nach der Gott eine menschengemachte Illusion sei, die überwunden werden müsse.
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Guardini dagegen sieht im modernen Fortschritt eher nur eine äußerliche, technische Autonomie des Menschen und schätzt diese Entwicklung deshalb als Gefahr einer „seelischen Entleerung“ ein. Aus dem Menschen werde „das konstruierende und konsumierende Individuum“, während der Mensch selbst meine, „[d]as Leben werde erwachsener, ehrlicher, ernster“. Das Staunen über technische Errungenschaften nehme jedoch mit der Zeit ab und er brauche immer mehr Reize, weil sie immer schneller aushöhlten.
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Der Mensch, indem er seine Welt aufgrund zunehmender technischer Möglichkeiten immer stärker selbst gestalte, verliere Gott und eben deshalb die „Dimension des Nicht-Rationalen, Gewährten, Gnadenhaften“. In Guardinis Begründungszusammenhang ist das Göttliche, er nennt es „das numinose Element in der Welterfahrung“, sehr eng mit der Natur und den Erfahrungen des Menschen als Teil der Natur verknüpft. Indem er sich die Natur unterwerfe, verliere der Mensch die Geborgenheit in und die Ehrfurcht vor ihr und damit in und vor Gott.
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Während Feuerbach Gott für eine reine Projektion des Menschen hält, verortet Guardini Gott in der Natur, in ihrer lebensspendenden, ordnenden und bergenden Kraft. Deshalb ist es für Feuerbach eine Befreiung, wenn der Mensch sich von Gott befreit und von der Projektion seiner Wünsche zur direkten Bearbeitung derselben gelangt, und für Guardini ein Verlust, wenn der Mensch Gott (und damit in gewisser Weise auch sich selbst) durch zunehmende Beherrschung der Natur verliert.
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Guardini bewertet den Bedeutungsverlust des Gottesglaubens damit eher kritisch, während Feuerbach das Ablegen der vermeintlichen Illusion positiv bewertet. Nach Guardini verliere der Mensch in der Moderne den Sinn, den sein Wesen als Mensch ausmacht. Nach Feuerbach dagegen finde der Mensch erst durch Ablegen der Illusion zu seinem menschlichen Wesen, da Feuerbach die Religion als „die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst“ sieht.
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Teilaufgabe 3
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Guardinis These, das Leben des Menschen werde durch technische Entwicklungen „magerer und einförmiger“ steht in einem Spannungsverhältnis zur Idee der Romanfigur Bailey, der durch hohen technischen Einsatz die Menschen gläsern und dadurch besser machen möchte. Dies gilt es unter Bezugnahme auf das biblisch-christliche Menschenbild zu diskutieren.
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Guardini befürchtet, dass das Dasein des Menschen „beliebig“ und „maßlos“ wurde, weil er mit Hilfe der Technik immer stärker den eigenen Willen und die eigene Macht über die Natur stellte. Nach Guardini habe der Mensch damit die Geborgenheit in und Zugehörigkeit zur Natur verloren, er beziehe sich nur noch auf sich selbst, sei „in leeren Raum“ getreten, wodurch sein Leben „magerer und einförmiger“ geworden sei. Darin zeigt sich, dass der moderne Mensch seine Geschöpflichkeit zunehmend ignoriert und sich nicht (mehr) in Beziehung zu seinem Schöpfer/Gott sieht bzw. erlebt.
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In Gen 1,1–2,4a wird der Mensch am letzten Tag der Schöpfung als Gottes Ebenbild (imago dei) erschaffen und erhält den Auftrag, die Welt zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch ist aus biblisch-anthropologischer Sicht endlich und begrenzt (wie die Natur), er ist auf den Bezug zu seinem Schöpfer angewiesen. Mit Gottebenbildlichkeit ist die Verantwortung des Menschen als Stellvertreter Gottes gemeint, nicht Gottgleichheit. Von Gott wird der Mensch nach biblisch-christlicher Vorstellung zur verantwortungsvollen Gestaltung der Schöpfung beauftragt (Gen 1,26–28). Diese Verantwortung besteht gegenüber Welt, Pflanzen, Tieren und Mitmenschen. Ausbeutung und Zerstörung der Natur stehen im Widerspruch zu diesem Auftrag.
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Wenn der Mensch sein Handeln nun, wie Guardini ausführt, zunehmend weniger von Gott her begreift und ausrichtet, sondern zunehmend mehr über die Natur verfügt und seinen eigenen Willen durchsetzt, um seine Existenz – vermeintlich – zu verbessern und zu sichern, entfernt er sich von seiner Geschöpflichkeit und damit von einer bis dato wesentlichen „Dimension des Daseins“.
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In Gen 2,4b-25 ist die Beziehung zwischen Gott als Schöpfer und dem Menschen als Geschöpf dadurch charakterisiert, dass der Mensch von Gott aus dem Ackerboden geformt ist. Die Zerstörung der Beziehung zwischen Gott und Mensch ist nach biblischer Erzählung der Sündenfall, der den Menschen nicht etwa befreit, sondern menschliches Dasein als ein Gefangensein in Schuld und Verfehlung beschreibt.
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Aus dieser Verstrickung kann der Mensch sich nicht selbst befreien. Er ist auf Gnade angewiesen, wie Luther in seiner Rechtfertigungslehre erläutert (sola fide, sola gratia). Wenn Bailey aus Der Circle meint, „einen moralischeren Lebenswandel“ durch ultimative technische Quasi-Überwachung herbeiführen zu können und damit zu erreichen, dass der Mensch „endlich […] gut sein“ kann, verkörpert er genau den von Guardini erahnten/antizipierten/beschriebenen seelisch entleerten Menschen, der vielleicht „eine außerordentliche Sicherheit“ gewinnt, aber „als Persönlichkeit verliert“. In dem Glauben, durch permanente Überwachung (Beobachten und Beobachtetwerden) sicher und gut zu leben, gehen Menschlichkeit und Angewiesenheit auf Gnade – und damit weitere Dimensionen des Daseins – verloren; so auch Guardini.
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Versuche, „wie Gott zu sein“ (Gen 3; Gen 11) und sich an die Stelle Gottes zu setzen, sind im biblischen Zusammenhang immer Versuchungen, die in die Irre führen. In einem solchen Versuch verfehlt der Mensch sich selbst als endliches und von Gott geliebtes Geschöpf, das sich nicht selbst erlösen kann, sondern stets auf die Zuwendung und die verwandelnde Kraft Gottes angewiesen ist. Der Mensch als Ebenbild Gottes erhält seine Würde nicht durch Leistung oder Technik, sondern durch den Bezug zu Gott als Schöpfer. Diese Würde, diese wesentliche „Dimension des Daseins“ geht in der literarischen Fiktion bzw. Dystopie des Circle vollständig verloren; Guardini beschreibt dies mit dem Verfliegen des numinosen Elements in der Welterfahrung.
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Nach Guardini gewinnt der Mensch zwar einerseits durch Technik an Lebensqualität und Sicherheit in vielen Bereichen. Er kann eine (zunehmende) Vielzahl an Produkten maschinell herstellen bzw. kaufen (konstruieren und konsumieren). Jedoch verliert der Mensch dabei andererseits durch Technik als Persönlichkeit bzw. Person, er wird immer „einförmiger“.
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