Aufgabe B – Gottesvorstellungen & Jesu Handeln im Kontext des assistierten Suizids
Thema
Biblische Gottesvorstellungen sowie Jesu Handeln und Verkündigung im Kontext des assistierten Suizids
Aufgabenstellung
Skizziere die Kernaussagen des Theologen Ritter (Material 1) und der literarischen Figur Bischof Thiel (Material 2) hinsichtlich der Problematik des assistierten Suizids.
„Theologisch geht es für mich bei Sterbehilfe letztlich und entscheidend darum, an welchen Gott ich glaube, wir glauben: An einen, der uns elendiglich zugrunde gehen lässt, oder an einen, der uns gnädig und barmherzig heimholt und aufnimmt, wenn wir ,genug gelittenʻ haben und ,gehenʻ wollen.“ (Material 1)
Setze – ausgehend von diesem Zitat – Ritters Ausführungen in Beziehung zu biblischen Gottesvorstellungen.
Frau Dr. Keller sieht im assistierten Suizid einen Akt der Nächstenliebe. (Material 2)
Diskutiere diese These ausgehend von Material 1 und 2 unter Bezugnahme auf Jesu Handeln und Verkündigung.
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Selbstbestimmtes Sterben in Würde (2020)
Werner H. Ritter
1 Hybris – Überheblichkeit, Selbstüberschätzung
Quelle: Werner H. Ritter: Selbstbestimmtes Sterben in Würde. Das neue Karlsruher Urteil zum Sterbehilfegesetz, URL: https://www.weissenburg-evangelisch.de/selbstbestimmtes-sterben-wuerde-das-neue-karlsruher-urteil-zum-sterbehilfegesetz-werner-h-ritter (abgerufen am 26.04.2023).
Material 2
Gott (2020)
Ferdinand von Schirach
Im Theaterstück Gott diskutiert der Ethikrat einen konkreten Antrag auf assistierten Suizid. Im vorliegenden Auszug aus einer Szene befragt Frau Dr. Keller, Mitglied des Ethikrates, den Bischof Thiel als Sachverständigen.
1 Büchse der Pandora öffnen – Redewendung, die ausdrückt, dass man Unheil anrichtet
Werner H. Ritter (*1949): evangelischer Theologe
Ferdinand von Schirach (*1964): Schriftsteller und Jurist
Quelle: Ferdinand von Schirach: Gott. Ein Theaterstück, München 2020, S. 74–80.
Die formale Gestaltung entspricht den Textvorlagen.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
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Der evangelische Theologe Werner H. Ritter vertritt eine liberale Haltung zum assistierten Suizid:
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Dem Leben selbst ein Ende zu setzen, sei ein Akt der Freiheit und es sei theologisch nicht vertretbar, den sich darin zeigenden freien Willen gegen den Willen Gottes auszuspielen.
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Das Leben selbstbestimmt in Gottes Hand zurückzugeben, könne vielmehr als Bezeugung großen Gottvertrauens gesehen werden.
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Barmherzigkeit sei, biblisch betrachtet, eine zentrale Eigenschaft Gottes, und wenn Menschen an einen barmherzigen Gott glaubten, nehme dieser sie in Gnade auf, wenn sie nach langem Leid zu ihm heim wollten.
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Diese Barmherzigkeit sollten sich auch Menschen zum Vorbild nehmen, wenn es um den Sterbewillen eines Menschen gehe.
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Bischof Thiel, eine literarische Figur aus Ferdinand v. Schirachs Drama Gott, vertritt eine ablehnende Haltung zum assistierten Suizid:
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Weil das Leben grundsätzlich wertvoll und zu Gott gehörig sei, sei es heilig und unbedingt schützenswert, das sage auch die Verfassung.
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Zwar sehe die Verfassung auch das Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit vor, aber dies dürfte die Werte Lebensschutz und Fürsorge nicht überlagern. Tötung sei tabu und solle es bleiben. Zwischen assistiertem Suizid und Tötung auf Verlangen sieht Thiel keinen qualitativen Unterschied.
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Thiel befürchtet vor diesem Hintergrund einen Dammbruch: Wenn man den assistierten Suizid erlaube, könnte eine gelähmte Person auf gleiches Recht bestehen, dann müsse aus Gründen der Gerechtigkeit Tötung auf Verlangen ebenfalls erlaubt werden. Danach würden Menschen beginnen, über den vermeintlichen Willen komatöser oder alzheimerkranker Menschen zu befinden und vor diesem Hintergrund dann möglicherweise ebenfalls eine Tötung verlangen, und man stehe in der Gefahr, wieder aktiv über (un-)wertes Leben zu befinden.
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Weiterhin werde der Druck auf alte und kranke Menschen wachsen, von ihrem Recht auf Suizid Gebrauch zu machen, weil es Geld und Ressourcen spare.
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Er akzeptiere die Selbstbestimmung des Menschen, so Thiel, aber das sei etwas anderes als sie gutzuheißen oder gar beim Suizid zu helfen. Zumal man wisse, wie sehr ein Suizid die Hinterbliebenen belaste. Das Leben gehöre einem nicht nur allein, und ein Suizid sei allzu egoistisch.
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Teilaufgabe 2
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Laut Ritter ist die ethische Frage nach Sterbehilfe eng mit der Vorstellung verbunden, die Menschen von Gott haben. In dem dieser Aufgabe zugrundeliegenden Zitat nennt er zwei konträre Bilder: einen Gott, der den Menschen elend zugrunde gehen lässt, und einen gnädigen und barmherzigen Gott. Er selbst spricht sich für letzteren aus, was allein daran ersichtlich wird, dass das Stichwort Barmherzigkeit innerhalb von Material 1 bereits einmal vor und ein weiteres Mal nach dem Textzitat genannt wird.
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Zu Ritters Aussage passen beispielsweise folgende Gottesvorstellungen:
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Der Aspekt der Barmherzigkeit spielt eine wesentliche Rolle in der biblischen Vorstellung von Gott – so auch Ritter im einleitenden Satz. Gottes barmherzige Seite wird in seiner Inkarnation in Jesus Christus ganz augenfällig. Jesus repräsentiert mannigfaltig in seinem Reden und Handeln einen gnädigen Gott. Barmherzigkeit ist ein wesentlicher Aspekt seiner Reich-Gottes-Botschaft.
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Wenn Ritter Gott als einen bezeichnet, „der uns gnädig und barmherzig heimholt und aufnimmt, wenn wir ,genug gelittenʻ haben“, dann findet sich hier eine Parallele zum Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32). Der jüngere Sohn erlebt nach dem Verprassen seines vorzeitig ausgezahlten Erbes einen sozialen Abstieg, der so weit reicht, dass er sich als Schweinehirt verdingen muss und in seiner Not sogar von deren Futter isst. Auch hier nimmt der Vater seinen Sohn, der quasi tot war, gnädig und barmherzig wieder auf und überwindet dessen Not.
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Dieser barmherzige, Leid lindernde Aspekt wird ebenfalls in der Zuwendung des Samariters in Lk 10 deutlich und lässt sich exemplarisch auch in Mt 20 zeigen. Dort wird Not gelindert, indem der Weinbergbesitzer nicht Lohn nach Leistung, sondern nach Bedarf zahlt. Hier zeigt sich, dass Gott ein Gott für die Menschen ist, wie Ritter ebenfalls schreibt.
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Gütige und barmherzige Zuwendung als Vorwegnahme des Heils im Reich Gottes erfahren auch die damals aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen und Verachteten. Beispielsweise demonstriert Jesus mit seinen Krankenheilungen (z. B. Mk 10,46–52) und Speisungswundern (z. B. Mk 6,30–44), dass Not nach Gott nicht sein und überwunden werden soll.
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In den Seligpreisungen wird besonders den Leidtragenden und Schwachen das Heil zugesagt und Gottes Zuspruch in Aussicht gestellt.
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Dieser Wesenszug Gottes wird bereits im Alten Testament evident. Für die Israeliten erweist sich Jahwe als Befreier, der sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft führen will (vgl. Ex). Eine mögliche Übersetzung des Tetragramms mit „Ich bin für euch da“ ist in diesem Sinn zu verstehen und lässt sich erneut auf Ritters Aussage, die Theologie rede von einem Gott für (und nicht gegen) Menschen, beziehen (vgl. ggf. hierzu Jesu Bezeichnung in Mt 1,23 als Immanuel – „Gott mit uns“).
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Am Ende seines Lebens wendet sich Jesus selbst in höchster Bedrängnis an seinen Vater und bittet ihn um Beistand. Hier kann beispielsweise auf Jesu Gebet im Garten Gethsemane (Mt 26,36–46) verwiesen werden oder auch auf Jesu letzte Worte am Kreuz (Mt 27,46). Jesus zitiert dort Ps 22, in dem an das Vertrauen und an die Rettung der Väter gedacht wird, die Jahwe aus der ägyptischen Knechtschaft befreit hat.
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In der Auferweckung Jesu durch Gott zeigt sich letztendlich, dass nicht der Tod bzw. das elendige Zugrundegehen am Kreuz das letzte Wort hat, sondern das gnädige Heimholen.
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Dass Ritter daneben, in Kontrast zu der von ihm vertretenen Vorstellung, von einem gleichgültigen und empathielosen Gott sprechen kann, der Menschen zugrunde gehen lässt, kann exemplarisch aus dem biblischen Buch Hiob abgeleitet werden. Hiob – unschuldig von schwerem Unglück betroffen – erfährt Gott über weite Strecken als abwesend und ringt um ihn.
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Auch die Tatsache, dass Gott als Befreier seines Volkes Israel in Kauf nimmt, dass die Ägypter elendiglich zugrunde gehen (Tötung der Erstgeburt, Ertrinken der Soldaten beim Durchzug durchs Schilfmeer), lässt sich auf dieses Gottesbild Ritters beziehen. Gott ist und bleibt Geheimnis. Sein Wesen wird sich für den Menschen nie komplett enthüllen können, worauf bereits das alttestamentliche Bilderverbot (Ex 20,4) hinweist.
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Am Anfang des Textes nimmt Ritter zudem die Vorstellung von Gott als souveränen Schöpfer auf, der mit dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, den Menschen als Geschöpf in seine Schranken weist.
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Teilaufgabe 3
Begriff der Nächstenliebe unter Bezugnahme auf Jesu Handeln und Verkündigung
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Der Begriff der Nächstenliebe geht zurück auf das „Doppelgebot der Liebe“, mit dem Jesus im Markusevangelium einem Schriftgelehrten antwortet, der ihn nach dem höchsten aller Gebote fragt. Unter Rückbezug auf die Tora (vgl. Lev 19,18; Dtn 6,4) sagt Jesus, man solle Gott lieben und ebenso seinen Nächsten lieben wie sich selbst.
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In vielen Akten der Barmherzigkeit hat Jesus selbst vorgelebt, was die Nächstenliebe ganz alltäglich bedeutet, wenn er etwa den Außenseiter Zachäus besucht (Lk 19,1–10) oder sich für die zur Steinigung verurteilte Ehebrecherin einsetzt (Joh 8,1–10).
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Auch in seinen Gleichnissen und Reden veranschaulicht er seinen Zuhörern und Zuhörerinnen diese Nächstenliebe, etwa im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) oder in den Werken der Barmherzigkeit in der sog. Endzeitrede (Mt 25,31–46).
Diskussion
Ob der assistierte Suizid ein Akt der Nächstenliebe ist oder gerade nicht, kann vor diesem Hintergrund und unter Bezugnahme auf die vorliegenden Materialien diskutiert werden. Die konkrete Frage stellte sich zur Zeit Jesu nicht so wie heute, nicht zuletzt weil die Lebenserwartung noch nicht so hoch war. Es gilt also, Jesu Handeln und Verkündigung in unsere Zeit weiterzudenken. Dabei könnte man vertreten:
Der assistierte Suizid ist ein Akt der Nächstenliebe
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Jesus hat sich konsequent den Schwachen und Außenstehenden zugewandt und ihnen geholfen. Aus dieser Haltung heraus kann der assistierte Suizid als Akt der Nächstenliebe verstanden werden. Dies wäre auch im Sinne Ritters, der dies als Akt der Barmherzigkeit betrachtet und auf die Gnade Gottes verweist.
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Ritter sagt überdies, dass jemand, der Sterbehilfe leiste, sich Gottes Barmherzigkeit zum Vorbild nehme, insofern wäre der assistierte Suizid ein Akt der Barmherzigkeit und Nächstenliebe.
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Als er sich für die Ehebrecherin einsetzt, verdeutlicht Jesus einmal mehr, dass ihm barmherziges Handeln zum Guten des Menschen wichtiger ist als buchhalterisch-korrektes Befolgen der Gesetze. Ähnlich äußert sich Ritter, wenn er sagt, Gott sei für, nicht gegen den Menschen. Insofern würde Jesus möglicherweise nicht dem unbedingten Lebensschutz anhängen, wie Thiel es tut, wenn dadurch z. B. größtes Leid verlängert wird.
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Jesus hat vom Tode auferweckt und selbst den Tod überwunden. Er sagt von sich selbst „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe“ (Joh 11,25). Vor diesem Hintergrund wird der Tod nahezu bedeutungslos und ist nichts, das man fürchten müsste, da Gottes Gnade größer ist und eben auch den Tod umschließt. Damit kann man Ritter folgen, wenn er sagt, dass Gott „uns gnädig und barmherzig heimholt und aufnimmt, wenn wir ‚genug gelitten’ haben und ‚gehen’ wollen“. Gerade Kreuz und Auferstehung Jesu nehmen dem Tod Schrecken und Macht – warum also nicht aktiv und selbstbestimmt auf ihn zugehen bzw. andere darin unterstützen?
Der assistierte Suizid ist kein Akt der Nächstenliebe
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Jesu Zuwendung zu den Schwachen und Außenstehenden dient stets der Reintegration der Menschen in die Gesellschaft, dies zeigen seine Gleichnisse und dies spiegelt sich in seinem Handeln. Insofern ist Jesus nur denkbar als jemand, der sich für ein würdiges Leben in solidarischer Gemeinschaft einsetzt, also etwa Hospize oder palliativmedizinische Einrichtungen, aber nicht für assistierten Suizid.
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Grundlage allen diakonischen Handelns im Sinne Jesu sind die Werke der Barmherzigkeit (Mt 25,31–46). Sie alle sprechen vom Aufrichten, Lindern, Helfen, Heilen im Sinne der Solidarität und des Lebens. Aktives, wissentliches Töten läuft diesen Werken schlechthin zuwider. Dieser Ansicht ist auch Thiel, wenn er „Solidarität in der Gesellschaft, Fürsorge, Lebensschutz“ als Grundwerte betont.
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Jesus hat vom Tode auferweckt und selbst den Tod überwunden. Er sagt von sich selbst „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe“ (Joh 11,25), bevor er Lazarus auferweckt. Insofern ist er niemand, der den Tod will, weshalb man den Tod kaum als Akt der Nächstenliebe im Sinne Jesu gutheißen kann.
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Das Tötungsverbot in Ex 20,13 ist durch nichts eingeschränkt und wird von Jesus an keiner Stelle anders ausgelegt, weder im Doppelgebot noch in den sog. Antithesen. Anschlussfähig ist hier Thiel, der die Heiligkeit des Lebens betont.
Fazit
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Abschließend kann konstatiert werden, dass Frau Dr. Keller zwar Argumente auf ihrer Seite hat, dass aber eben auch mehrere Aspekte gegen ihre These sprechen. So eindeutig, wie sie sie formuliert, kann man sie nicht vertreten.
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Die Frage nach dem assistierten Suizid ist ein Dilemma, das sich mit dem Verweis auf Nächstenliebe nicht auflösen lässt.