Vorschlag C
Die deutsche Einheit im europäischen Kontext
Aufgabenstellung
Gib wieder, wie Fritz Ullrich Fack den Wiedervereinigungsprozess einschätzt. (Material)
Erläutere, auch mit Bezug auf das Material, die Ursachen und den Prozess der deutschen Wiedervereinigung 1989/90.
Fack bemerkt im Falle einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten „Ängste vor dem entstehenden Koloß“ (Material) bei den europäischen Nachbarn.
Überprüfe, mit Blick auf die deutsche Politik von 1871 bis 1914, ob die Ängste der europäischen Nachbarn vor dem neu entstandenen deutschen „Koloß“ (Material) berechtigt waren.
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Kommentar von Fritz Ullrich Fack in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14. Dezember 1989)
Fritz Ullrich Fack: Für die Einheit auf die Straße, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember 1989, S. 1.
Hinweise
Fritz Ullrich Fack (1930–2019) war von 1971 bis 1994 einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung sollen Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In dem Kommentar „Für die Einheit auf die Straße“, der am 14. Dezember 1989 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, fordert der Verfasser Fritz Ullrich Fack von der Politik, den Wunsch der protestierenden Menschen in der DDR nach einer staatlichen Wiedervereinigung ernst zu nehmen. Fack befürchtet aufgrund der Haltungen amtierender Politiker in der DDR und in der BRD, der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges sowie der politischen Linken in der BRD, dass der Prozess der Wiedervereinigung verzögert oder vereitelt werden könnte.
Im Einzelnen führt Fritz Ullrich Fack das Folgende aus:
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Die Protestierenden in der DDR würden befürchten, dass die nationale und internationale Politik eine Einheit Deutschlands vereiteln wolle, und proklamierten daher dieses Ziel zunehmend vehementer.
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Der DDR-Ministerpräsident Modrow und der SED-Parteichef Gysi seien klare Gegner einer Wiedervereinigung.
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Bundeskanzler Kohl sei angesichts der internationalen Vorbehalte nicht mehr eindeutig als Befürworter einer raschen Wiedervereinigung wahrnehmbar.
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Einflussreiche politische Kräfte in der DDR hielten an einem sozialistischen, eigenständigen deutschen Staat fest.
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In diesem Fall würden sich für die Menschen in der DDR die Lebensverhältnisse nicht verbessern, da sich für die Bundesrepublik keine Verpflichtung für einen sozialen Ausgleich ergebe und auch kein privatwirtschaftliches Engagement in der DDR zu erwarten wäre. Den protestierenden DDR-Bürgern sei dieser Umstand bewusst.
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Die vier Siegermächte würden die Wiedervereinigung ablehnen aufgrund von Ängsten vor der Größe sowie der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands. Auf Seiten der Westmächte werde dabei nicht offen kommuniziert, sondern Entscheidungen würden vordergründig hinausgezögert.
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Die westdeutsche Linke sei ebenfalls Gegner einer Wiedervereinigung und favorisiere einen neuen Anlauf zu einem sozialistischen deutschen Staat.
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Fack resümiert abschließend, dass für den Prozess der Wiedervereinigung Geduld nötig sein werde, es aber den protestierenden Bürgern gelingen müsse, Gegner der Wiedervereinigung zu überzeugen, dass das Volk diesen Zusammenschluss verlange. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die friedlichen Proteste gewaltsam werden könnten.
Hinsichtlich der Ursachen für den Zusammenbruch der DDR können u. a. folgende Aspekte benannt werden:
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Ablehnung der Reformpolitik Gorbatschows (Glasnost und Perestroika) durch die politische Führung in der DDR; zunehmende Unzufriedenheit in der Bevölkerung
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Reformen in den Ostblockstaaten (Ungarn, Polen)
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hohe Staatsverschuldung, Mangel an Konsumgütern, Umweltverschmutzung („die bedrückenden Lebensverhältnisse“)
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mangelnde politische Partizipationsmöglichkeiten, staatliche Bevormundung
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fehlende Freiheitsrechte, insbesondere Meinungs- und Reisefreiheit
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System der Unterdrückung durch staatliche Zensur und Überwachung (Ministerium für Staatssicherheit)
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Aufdeckung der Fälschung der Kommunalwahl im Mai 1989
Zum Verlauf der Entwicklung bis zur Wiedervereinigung kann auf folgende Ereignisse eingegangen werden:
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massive Ausreisewelle insbesondere über die Tschechoslowakei und Ungarn auch aufgrund enttäuschter Hoffnungen
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Entstehung einer Bürgerbewegung mit dem Ziel, die DDR zu reformieren („der jäh zu politischem Leben erwachten ehemaligen Blockparteien und der Opposition“)
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Massendemonstrationen für Veränderungen in der DDR in Leipzig und anderen Städten („Leipzig ist der Seismograph der politischen Beben, die die DDR seit dem Früherbst erschüttern.“)
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allmähliche Veränderung der Forderung von „Wir sind das Volk!“ zu „Wir sind ein Volk!“ („Der Ruf nach der Einheit Deutschlands wird auf den Demonstrationen von Woche zu Woche lauter.“)
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Sturz des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker durch andere Mitglieder der politischen Führung (Nachfolger Egon Krenz)
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Versuch, den Menschen entgegenzukommen: neues Reisegesetz, aber unbeabsichtigte Öffnung der Mauer
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Zehn-Punkte-Programm von Bundeskanzler Kohl mit dem Ziel der schrittweisen Überwindung der deutschen Teilung; Skepsis bzw. Ablehnung auf Seiten der Siegermächte sowie der europäischen Nachbarn („Und der Bundeskanzler äußert sich zu seinem Mehrstufenplan nur noch verhalten. Er weigert sich, irgendeinen Zeithorizont anzugeben, seitdem Verbündete und Nachbarn ihn haben spüren lassen, wie sehr ihnen seine Pläne mißfallen.“)
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Bildung einer Koalitionsregierung unter Hans Modrow mit der Absicht, die DDR zu reformieren („Die amtierende Führung der DDR unter Ministerpräsident Modrow […] hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie die deutsche Einheit […] ablehnt.“)
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Etablierung eines „Runden Tisches“ zur demokratischen Teilhabe aller Parteien und Bürgerrechtsgruppierungen am Reformprozess
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Wahlsieg der CDU bei den freien Volkskammerwahlen und damit Votum für eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion
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Verhandlung der DDR- und der Bundesregierung über die Grundlagen einer Wiedervereinigung (Staatsvertrag über die Schaffung einer Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion)
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parallele Verhandlungen der beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten (Zwei-plus-Vier-Gespräche) über die Rahmenbedingungen eines wiedervereinigten Deutschlands („zweiten Pfeiler […] bilden die vier Siegermächte“)
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Wiedervereinigung entsprechend dem Einigungsvertrag Beitritt der Länder der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (03.10.1990)
Bei der Überprüfung könnten die Ängste der europäischen Nachbarn gegenüber einem „Koloß“ Deutschland in den folgenden Zusammenhängen als zum Teil ungerechtfertigt oder übertrieben eingeschätzt werden:
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Realisation der „kleindeutschen Lösung“, somit: Unangemessenheit der Bezeichnung „Koloß“
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Bismarcks bewusst europäischen Ängsten entgegenwirkende Rhetorik: keine Gebietsansprüche des Deutschen Reiches („saturiert“), keine von Deutschland ausgehende Aggression, lediglich Konsolidierung bestehender Grenzen und Sicherung des Status quo, Zurückweisung nationalistisch-expansionistischer Forderungen
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Europazentrierung, Skepsis gegenüber kolonialpolitischer Euphorie und die daraus resultierende Zurückhaltung in der Amtszeit Bismarcks
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Kriegsvermeidung durch Diplomatie und Bündnispolitik (z. B. Dreibund, Rückversicherungsvertrag, Mittelmeerentente, Bismarck als „ehrlicher Makler“)
Für berechtigte Ängste sprechen:
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Deutsches Kaiserreich als dominante politische, wirtschaftliche und militärische Großmacht in der Mitte Europas
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strategische, stark interessenorientierte Ausrichtung und daher nur scheinbare Friedenspolitik Bismarcks (z. B. zur Verhinderung eines Zwei-Fronten-Krieges)
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problematische bündnispolitische Isolierung Frankreichs (Revanche)
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gefährliche Komplexität und Widersprüchlichkeit bzw. Konfliktanfälligkeit der Bündnispolitik Bismarcks (z. B. Rückversicherungsvertrag, Zweibund, Mittelmeerentente)
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chauvinistische und nationalistisch-aggressive Ausrichtung, Militarismus (z. B. Feierlichkeiten zum „Sedantag“)
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Deutschlands politische Neuorientierung und Weltmachtanspruch unter Wilhelm II. (Wilhelminismus, „Weltpolitik“, „Neuer Kurs“, „Platz an der Sonne“ etc.)
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Flottenpolitik und zunehmende Belastungen im Verhältnis zu England
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Marokko-Krisen und die Gefahr eines Kriegsausbruchs
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Provokationen und die deutsche Politik in der Juli-Krise (z. B. „Blankoscheck“)
Mögliches Fazit
Während der Amtszeit Bismarcks gab es einige Bemühungen, den europäischen Nachbarn die Angst vor einem deutschen „Koloß“ zu nehmen; diese Versuche können allerdings nicht uneingeschränkt als überzeugend bewertet werden. In den folgenden Jahren verstärkte die aggressiv-nationalistische Politik Wilhelms II. das Bedrohungsgefühl erheblich. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Zeit zwischen 1871 und 1914 insgesamt durch gegenseitiges Misstrauen und Rivalitäten der europäischen Mächte geprägt war, die schließlich in der Eskalation und im Ersten Weltkrieg mündeten, war die Angst vor einem übermächtigen Deutschland durchaus begründet.