Vorschlag A
Konfrontation und Kompromiss in der Außenpolitik
Aufgaben
Gib Balfours und Lichnowskys Sicht auf die deutsch-englischen Beziehungen und die deutsche Außenpolitik wieder. (Material 1 und 2)
Erläutere, auch unter Bezugnahme auf die Materialien und unter Berücksichtigung der deutsch-englischen Beziehungen, den Weg in den Ersten Weltkrieg von 1890 bis einschließlich zur Julikrise 1914.
Überprüfe anhand der Politik der USA und der UdSSR, ob es im Kalten Krieg gelungen ist, „durch richtige Erkenntnis der widerstreitenden Kräfte und Interessen zu einem Kompromiß zu gelangen, bei dem […] die Beteiligten keinen Schaden leiden“. (Material 2)
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Der ehemalige britische Premierminister Arthur James Balfour über die deutsch-englischen Beziehungen in der deutschen Zeitschrift „Nord und Süd“ (1912)
Arthur James Balfour: Offener Brief an den Herausgeber, in: Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift, 36. Jg., Bd. 141, Heft 453, Breslau Juni 1912, S. 287 f.
Material 2
Antwort des späteren deutschen Botschafters in London, Karl Max von Lichnowsky, in der deutschen Zeitschrift „Nord und Süd“ (1912)
Karl Max Fürst Lichnowsky: Deutsch-englische Mißverständnisse, in: Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift, 36. Jg., Bd. 142, Heft 454, Breslau Juli 1912, S. 15 ff.
Hinweise Material 1 und 2:
Arthur James Balfour (1848–1930): britischer Politiker, 1902–1905 Premierminister, 1905–1911 Oppositionsführer, 1915–1916 Marineminister, 1916–1919 Außenminister Großbritanniens
Karl Max von Lichnowsky (1860–1928): deutscher Diplomat, seit 1899 im Außenministerium tätig, 1912–1914 deutscher Botschafter in Großbritannien, von Kaiser Wilhelm II. Ende 1912 in dieses Amt berufen
In der 1877 gegründeten Zeitschrift „Nord und Süd“ veröffentlichten zahlreiche internationale Staatsmänner Aufsätze zu Fragen der Diplomatie und des Völkerrechtes.
Die Rechtschreibung der Materialien entspricht der jeweiligen Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung sollen jeweils Autoren, Titel, Textsorten, Erscheinungsjahr, das jeweilige Thema und ggf. die Adressaten genannt werden: Der ehemalige englische Premierminister Arthur Balfour beschreibt 1912 in einem in der deutschen Zeitschrift „Nord und Süd“ erschienenen Beitrag kritisch die militärische und politische Entwicklung des Deutschen Reiches. Folgende Aspekte führt er dabei aus:
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Die Aufrüstung der deutschen Armee und Marine sowie einem Ausbau der Eisenbahnverbindungen in Richtung der Nachbarstaaten lasse eine deutsche Kriegsvorbereitung vermuten.
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Die gewaltigen deutschen Anstrengungen könnten dabei sowohl der Verteidigung als auch einem Angriff dienen.
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Das Deutsche Reich und insbesondere die deutsche Bevölkerung würden mit Blick auf die Folgen wohl nicht unmittelbar und gezielt einen Krieg anstreben.
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In Verbindung mit einer allein auf nationale Ziele ausgerichteten expansiven Außenpolitik sei jedoch für die deutsche Führung Krieg ein legitimes Instrument.
Aus Balfours Überlegungen wird insgesamt deutlich, dass er angesichts einer unverhältnismäßig erscheinenden Aufrüstung sowie der politischen Ausrichtung der deutschen Führung hinter den Rüstungsanstrengungen eine klar aggressive Absicht vermutet.
In der unmittelbar nachfolgenden Ausgabe und damit ebenfalls im Jahr 1912 antwortet der deutsche Botschafter in London, Karl Max von Lichnowsky, auf die Überlegungen Balfours:
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Zunächst konstatiert er, dass es zwar machtpolitische Gegensätze gebe, es aber nicht im Interesse der beiden Mächte sei, diese gewaltsam auszutragen, und daher ein friedfertiger und respektvoller Umgang möglich sei.
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Das Verhältnis der beiden Staaten sei von einem gegenseitigen Misstrauen hinsichtlich der politischen und militärischen Stärke geprägt.
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Die rüstungspolitischen Aktivitäten hält er in diesem Zusammenhang für jeweils nachvollziehbar und gerechtfertigt, das deutsche Vorgehen sogar für notwendig, um ein Gegengewicht herzustellen.
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Die deutsch-britischen Interessengegensätze seien im sozialdarwinistischen Sinne eine Auseinandersetzung zweier Nationen, die sich nicht auflösen ließen und daher einen Kompromiss erfordern würden.
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Das Ringen der beiden Staaten um Macht und Einfluss ermögliche letztlich einen Fortschritt der Menschheit, wenn es friedlich bleibe.
Hinsichtlich der außenpolitischen Entwicklung von 1890 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 können einige der folgenden Aspekte genannt werden:
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zunehmender Nationalismus und konkurrierendes imperiales Machstreben der europäischen Großmächte („Möchte doch jeder Staat und namentlich jede Heeres- und Flottenverwaltung möglichst stark und mächtig sein, das liegt im Wesen der Sache, wie etwa der Einzelne möglichst reich sein will.“)
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außenpolitische Wende des Deutschen Reiches unter Wilhelm II. nach der Entlassung Bismarcks im Jahr 1890 (Neuer Kurs): Anspruch auf eine Weltmachtstellung („Vertretung einer Politik, die unmöglich mit dem Weltfrieden und den Völkerrechten vereinbar zu sein scheint“)
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Abkehr von der eher auf Ausgleich bedachten Bündnispolitik Bismarcks:
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konfrontative Einmischung in englische und französische Kolonialpolitik (Krüger-Depesche, Marokkokrisen)
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aggressive Unterstützung Österreich-Ungarns gegenüber Russland (Bosnienkrise)
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infolgedessen Etablierung konkurrierender Bündnissysteme in Europa (u. a. englisch-französische Entente cordiale, später zur Triple-Entente mit Russland erweitert)
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zunehmende Isolation des Deutschen Reiches, dem v. a. Österreich-Ungarn als Bündnispartner verbleibt
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internationale Krisen und sich verschärfende Nationalitätenkonflikte (Marokkokrisen, Bosnische Krise, Balkankrise, Österreich-Ungarn als Vielvölkerstaat, Panslawismus)
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massive Aufrüstung bei den europäischen Großmächten, was in ein Wettrüsten mündet; deutsches Flottenbauprogramm und infolgedessen bewusste Inkaufnahme einer Rivalität mit England und eines maritimen Wettrüstens („Zu gleicher Zeit verfügt sie so über die Gliederung ihrer Flotte, daß sie ihre Flottenmacht im Augenblick schlagfertig machen kann.“; „Es ist das gute Recht der Engländer, eine gewaltige Flotte zu besitzen, um als Seemacht eine überragende Stellung einzunehmen, um ihrer Diplomatie zu jedem geeignet erscheinenden Zeitpunkt den nötigen Nachdruck zu geben, um unter Umständen drohen zu können. Unsere Pflicht ist es, dem gegenüber nicht allzu wehrlos zu bleiben.“)
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wachsende Kriegsbereitschaft, auch aufgrund der Überzeugung, ein Krieg sei früher oder später ohnehin unvermeidlich
Zur Erläuterung des unmittelbaren Ausbruchs des Ersten Weltkrieges könnte darüber hinaus zur Julikrise u. a. einige der folgenden Gesichtspunkte angesprochen werden:
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Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten in Sarajewo
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„Blankoscheck“ des Deutschen Kaiserreichs an Österreich
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kaum erfüllbares österreichisches Ultimatum an Serbien, das zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien führt
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englische Kriegserklärung an Deutschland nach dem Einmarsch deutscher Truppen im neutralen Belgien
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Bündnisautomatik und Verselbstständigung der militärischen Prozesse zu Kriegsbeginn
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Begleitung des Kriegsausbruches durch massive Kriegspropaganda
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weitgehende Kriegseuphorie, aber auch Ängste
Für die deutsch-englischen Beziehungen lässt sich festhalten, dass es vor allem der propagandistisch untermauerte imperialistische deutsche Anspruch auf den Weltmachtstatus sowie die Flottenpolitik waren, die England als Einmischung und Bedrohung wahrnahm. Dies führte auf englischer Seite zu einer bündnispolitischen Verbindung mit Frankreich und Russland und schuf eine wesentliche Ausgangslage für den Ersten Weltkrieg.
Für die Übertragbarkeit des Zitats auf die Zeit des Kalten Krieges lassen sich einige der folgenden Argumente anführen:
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Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Welt – und insbesondere Europa – im Wesentlichen von zwei „widerstreitenden Kräften“ geprägt: Dem von den USA angeführten Westen und dem von der UdSSR dominierten Osten. Vor allem aufgrund ihrer gegensätzlichen weltanschaulichen Prägungen verfolgten beide Seiten gegensätzliche „Interessen“.
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Trotz phasenweise erheblicher Spannungen und bedrohlicher Krisen (Berlin-Blockade, Koreakrieg, Berlinkrise, Kubakrise) kam es letztlich nie zu einer Eskalation vom „kalten“ zum „heißen“ Krieg zwischen den Supermächten.
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Dies ließe sich auch darauf zurückführen, dass beide Seiten in bestimmten Situationen zur „richtige[n] Erkenntnis“ auch der Interessen und Motive der Gegenseite gelangten (Beispiel: Kubakrise).
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Wie sich bei verschiedenen Gelegenheiten zeigte (Aufstände im Ostblock 1953, 1956, 1968; Mauerbau 1961), bestand der gefundene Kompromiss darin, der jeweils anderen Seite eine volle Handlungsfreiheit in ihrer klar umgrenzten Macht- und Interessensphäre zuzugestehen und auf eine Einmischung jenseits des eigenen Bereiches zu verzichten („die Beteiligten keinen Schaden leiden“).
Auf der anderen Seite ließen sich aber auch Fakten anführen, die die Geltung des Zitates zumindest relativieren:
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Vor allem die Kubakrise, bei der eine katastrophale Eskalation nur sehr knapp vermieden wurde, zeigt die Labilität der Wirksamkeit „richtige[r] Erkenntnis“.
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Letztlich war es weniger die Erkenntnis der „widerstreitenden Kräfte und Interessen“, die eine kriegerische Eskalation verhinderte, sondern die Existenz und der drohende Einsatz der Atombombe.
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Dass „die Beteiligten keinen Schaden“ gelitten hätten, kann angesichts der vielfältigen Begleiterscheinungen des Kalten Krieges nicht behauptet werden. Dies könnte u. a. eingehender verdeutlicht werden durch folgende Aspekte:
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„Eiserner Vorhang“, Berliner Mauer
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massive, große Ressourcen verschlingende Aufrüstung
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Stellvertreterkriege in Korea und Vietnam
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aufgrund des geltenden Kompromisses ungehinderte gewaltsame Niederschlagung von Aufständen in der DDR, in Ungarn und der Tschechoslowakei
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leidvolle Diktaturerlebnisse der osteuropäischen Bevölkerung
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Mögliches Fazit
Die Anwendbarkeit des Zitates beschränkt sich im Wesentlichen auf dessen ersten Teil, da die Vermeidung einer Eskalation vom „kalten“ zum „heißen“ Krieg durchaus auf eine gewisse, auf beiden Seiten vorhandene Erkenntnis- und Kompromissfähigkeit zurückzuführen ist; Lichnowskys weitergehende optimistische Implikationen erscheinen auf die ebenso leidvolle wie spannungsreiche Weltlage nach 1945 dagegen nicht anwendbar.