Vorschlag B
Die Weimarer Republik und die Tradition des Kaiserreiches
Aufgaben
Beschreibe die jeweiligen Deutungen von Kaiserreich und Weimarer Republik, wie sie anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Reichsgründung von 1871 in den verschiedenen Tageszeitungen dargelegt werden, und arbeite die jeweils vorliegende politische Haltung heraus. (Material 1–3)
Erläutere, auch unter Bezugnahme auf die Materialien, die Belastungen der Weimarer Republik 1918–1923.
In der Weimarer Republik gab es wiederholt Diskussionen, ob der 18. Januar, der Tag der Reichsgründung 1871, Nationalfeiertag werden solle. Dies wurde aus innen- und außenpolitischen Gründen abgelehnt.
Setze dich, auch unter Bezugnahme auf die Materialien, mit dieser Entscheidung auseinander.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1
Kommentar in „Tägliche Rundschau“ vom 18. Januar 1921
50 Jahre Deutsches Reich. Der Tag der Reichsgründung, in: Tägliche Rundschau. Unabhängige Zeitung für nationale Politik, 18. Januar 1921, S. 1.
Material 2
„Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 18. Januar 1921
Vor fünfzig Jahren, in: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 18. Januar 1921, S. 1 f.
Material 3
„Die Rote Fahne“ vom 18. Januar 1921
Fritz Ebert zum 18. Januar, in: Die Rote Fahne, 18. Januar 1921, S. 2.
Hinweise zu den Materialien 1– 3
Die Rechtschreibung entspricht der jeweiligen Textvorlage. Sperrdruck wurde nicht übernommen.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung können jeweils Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: Am 18. Januar 1921 erschienen anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Gründung des Deutschen Reiches in vielen Tageszeitungen verschiedene Kommentare zur Einordnung dieses Ereignisses und damit zur Bewertung von Kaiserreich und Weimarer Republik. Zu den einzelnen Beiträgen sowie deren politischer Verortung kann u. a. Folgendes angeführt werden:
Zu Material 1
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Nach der „Täglichen Rundschau“ ist die Gründung des Deutschen Reiches eine göttliche „Fügung“ gewesen, die jahrzehntelange Bestrebungen nach einer staatlichen Einheit mit einem Kaiser zum Abschluss gebracht hätten.
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Das Deutsche Reich habe sich seit seiner Gründung um den Frieden in Europa bemüht und sei letztlich aufgrund der äußeren Aggression und einer schlechten Staatsführung in den Krieg involviert worden.
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Das Kaiserreich wird grundsätzlich positiv bewertet, die Veränderungen nach 1918 dagegen als ungerechtfertigter Absturz.
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Als größte Gefahr werden diejenigen Deutschen gesehen, die mit dem Feinde kooperieren.
Der Kommentar lässt auf eine nationalliberale oder nationalkonservative Haltung schließen. Besonders deutlich wird dies an folgenden Stellen der Argumentation:
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Die Arbeiterschaft habe sich mit der Meuterei einem „einheitlichen nationalen Willen“ entgegengestellt und sei damit der Reichswehr in den Rücken gefallen („Dolchstoßlegende“).
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Dem demokratischen Lager wird vorgeworfen, auf die Propaganda der Feinde hereingefallen zu sein.
Zu Material 2
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Das „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ betrachtet die neue demokratische Republik als Fortsetzung des 1871 geschaffenen Staates.
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Es seien die Liberalen und Demokraten gewesen, die (bereits 1848 einen einheitlichen deutschen Nationalstaat angestrebt und) nach 1918/19 für einen Erhalt der deutschen Einheit gesorgt hätten.
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Zu der nationalen Einheit sei nun mit der Verfassung der deutschen Republik eine auf Freiheit und Gerechtigkeit beruhende Gesellschaftsordnung hinzugekommen.
Der Verweis auf die demokratische Tradition und ihre Bestrebungen sowie die abschließend positive Bewertung der freiheitlichen Verfassung von 1919 sowie die Ablehnung von Dynastien und Monarchie lassen eine liberale bzw. demokratische Grundhaltung erkennen.
Zu Material 3
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In der „Roten Fahne“ wird ironisch und kritisch auf eine Kundgebung Eberts zum fünfzigsten Jahrestag der Reichsgründung Bezug genommen, in der dieser von der Erfüllung des Bestrebens nach einer deutschen Einheit spreche.
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Die Reichsgründung 1871 sei vielmehr ein Sieg der preußischen Obrigkeiten gewesen und daher nicht vereinbar mit den Zielen der zeitgenössischen Sozialisten und der Demokraten von 1848.
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Während Bebel sich 1871 deutlich als Gegner von Reichsgründung und Kaiserreich positioniert habe, biedere sich sein Nachfolgert Ebert in seiner Funktion als Reichspräsident den monarchisch-obrigkeitsstaatlichen Kräften an.
Bereits der Name der Zeitung impliziert eine kommunistische Perspektive. Die Kritik an Friedrich Ebert (SPD) auf der einen und den preußischen Obrigkeiten auf der anderen Seite lässt eine radikal linke Haltung auch anhand der inhaltlichen Argumentation erkennen.
Auf einige der folgenden Belastungen der Weimarer Republik in den Jahren 1918 bis 1923 könnte eingegangen werden:
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Novemberrevolution: Auseinandersetzung über die zukünftige Staatsform (parlamentarische Demokratie vs. Räterepublik) („und daß wir am Ende des Weltkrieges als ein parteizerrissenes, sich selbst bis aufs Blut befehdendes, […] ‚in zwei Völker geschiedenes Volk‘ waren“)
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Eberts Übereinkunft mit Groener: Entfremdung der linken sozialistischen Gruppen von der SPD und damit von der Regierung („Es gibt Leute, die behaupten, der Kneipwirt und spätere Parteisekretär Fritz Ebert in Bremen würde demjenigen tüchtig eine gelangt haben, der ihm prophezeit hätte, er würde am 50. Tage der bismärckischen Reichsgründung einen schmalzigen patriotischen Aufruf loslassen.“)
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politisch instabile Lage: Aufstände und Unruhen wie der Spartakusaufstand, niedergeschlagen mit Hilfe der mehrheitlich antidemokratisch und monarchistisch eingestellten Freikorps; Ermordung der Führer des Spartakusbundes Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht („ein parteizerrissenes, sich selbst bis aufs Blut befehdendes, […] ‚in zwei Völker geschiedenes Volk‘“)
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Belastungen des Versailler Vertrages (territorial, militärisch, Reparationen, Alleinschuld) („Auch der Friede von Versailles, so raffiniert teuflisch er jede berechenbare Möglichkeit eines Wiederaufbaues von vornherein zu beseitigen sucht, wird an seiner Unvernunft und Unausführbarkeit scheitern und wie eine nur tödlich scheinende Sturzwelle über unser Volk hinweggehen, wenn wir nur aushalten und festhalten.“)
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Dolchstoßlegende: Vorwurf der nationalkonservativen Eliten des Kaiserreichs, die Niederlage sei nicht eine militärische Niederlage des Heeres gewesen, sondern durch die Revolution besiegelt worden („daß ein Teil im Kriege die Meuterei schürte und die innere Front zerbrach, der äußeren in den Rücken fiel“)
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Propaganda der antirepublikanischen Kräfte: aufgrund der alternativlosen Annahme des Versailler Vertrages Vorwurf gegenüber den Vertretern der Republik und Übertragung der Verantwortung auf sie („Die größte Gefahr droht uns nicht von außen, sondern aus unseren eigenen Reihen, von denjenigen, die heute kaum noch verhüllt mit dem Feinde gemeinsame Sache machen“)
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Ermordung führender linker bzw. bürgerlicher Politiker wie Rathenau und Erzberger
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fehlende demokratische Tradition in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung (z. B. keine Entmachtung der alten Eliten, rechtsgerichtete Justiz, Wahlgewinne für die radikalen linken und rechten Parteien sowie herbe Verluste für die demokratischen Parteien der „Weimarer Koalition“ ab 1920)
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Putschversuche, z. B. Kapp-Lüttwitz-Putsch
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Krisenjahr 1923: Hyperinflation, Ruhrbesetzung und Ruhrkampf, Hitler-Ludendorff-Putsch, separatistische Bestrebungen, Umsturzversuche in Sachsen und Thüringen
Auf der Grundlage der innen- und außenpolitischen Situation in der Anfangsphase der Weimarer Republik ist eine Argumentation zu entwickeln, bei der die Bedeutung der Reichsgründung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und die ablehnende Entscheidung bewertet wird. Dabei sollten einige der folgenden Aspekte bei der Argumentation berücksichtigt werden.
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Für die immer noch monarchistisch gesinnten Teile der Bevölkerung symbolisierte die Reichsgründung nach wie vor die Erfüllung ihrer nationalen Einheitswünsche. („da uns im Spiegelsaale des Prunkschlosses von Versailles ‚ein Reich ward und ein Kaiser’“)
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Gerade angesichts der als unerträglich empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrages konnte die Erinnerung an frühere Größe eine kompensatorische Funktion besitzen. („Auch der Friede von Versailles, so raffiniert teuflisch er jede berechenbare Möglichkeit eines Wiederaufbaues von vornherein zu beseitigen sucht, wird an seiner Unvernunft und Unausführbarkeit scheitern“)
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Als Symbol für vergangene Macht und Stärke war der Reichsgründungstag geeignet, die Hoffnung auf Wiedergewinnung der deutschen Wehrhaftigkeit zu bewahren.
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Darüber hinaus stand die Erinnerung an die geachtete Position Deutschlands im Rahmen von Bismarcks Friedenssystem in klarem Kontrast zur spannungsreichen Gegenwart. („Vierundvierzig Jahre hat das siegreiche und militärisch stärkste Volk Europas sich und der Welt den Frieden erhalten“)
Den eher auf die Vergangenheit gerichteten und diese einseitig verklärenden Argumente für einen Reichsgründungsfeiertag könnte man Argumente gegenüberstellen, die den Fokus mehr auf die Schattenseiten des Kaiserreiches richten:
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Militarismus und Kriege als Grundlagen des Deutschen Kaiserreiches („das politische Genie Bismarcks und der Degen Moltkes“)
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Aufwertung einer das Kaiserreich prägenden antiliberalen und antidemokratischen Tradition („Er hat vergessen, daß der 18. Januar 1871 der Sieg der preußischen Reaktion in Deutschland war“)
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die im Kaiserreich verfolgte Exklusionspolitik gegenüber sogenannten Reichsfeinden wie den Sozialdemokraten und der Zentrumspartei, die das politische Rückgrat der neuen Demokratie bildeten („Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daß 50 Jahre später ein ‚Sozialdemokrat‘ von der Sehnsucht der Vorfahren spricht, die an diesem Tage erfüllt wurde“)
Ein weiterer Aspekt, der kritisch gegen die Etablierung eines Reichsgründungstages angeführt werden könnte, wäre die internationale Wirkung einer solchen Entscheidung:
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die Gefahr der Vertiefung der deutsch-französischen Feindschaft durch die Glorifizierung des deutschen Sieges über Frankreich und implizit der auf Frankreichs Isolation abzielenden Bündnispolitik Bismarcks
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die darüber hinausgehende Gefahr einer Verstärkung des internationalen Misstrauens gegenüber Deutschland angesichts des Wilhelminismus und des Weges in den Ersten Weltkrieg (aggressiver Nationalismus, Chauvinismus, neue Bündnisse, außenpolitische Konflikte, Aufrüstung, Imperialismus)
Mögliches Fazit
Während nur wenige Aspekte die Einführung eines Nationalfeiertages am 18. Januar plausibel erscheinen lassen, spricht Gewichtigeres für die Ablehnung: Der ungefestigten, durch soziales Leid und politische Radikalisierung gekennzeichnete „junge“ Republik wäre es durch die Einführung eines Nationalfeiertages kaum gelungen, antidemokratische – insbesondere konservativ-monarchisch orientierte Bevölkerungskreise – einzubinden und die Akzeptanz der Demokratie zu erhöhen. Es bestand sogar eher die Gefahr, die Ablehnung der Weimarer Republik dadurch zu forcieren, da das Kaiserreich gerade keine demokratische Tradition zu begründen wusste. Darüber hinaus wäre das außenpolitische Bestreben Deutschlands, die Isolation zu überwinden und eine Revision des Versailler Vertrages zu erreichen, mit der Einführung eines politisch rückwärtsgewandten Nationalfeiertages erschwert worden.