Vorschlag C
Volkssouveränität – Anspruch, Wunsch oder Wirklichkeit?
Aufgaben
Fasse die Ausführungen Erich Honeckers zusammen (Material 1) und setze sie zur Karikatur (Material 2) in Beziehung.
Erläutere – auch unter Berücksichtigung der Karikatur (Material 2) sowie unter kritischer Bezugnahme auf Honeckers Perspektive (Material 1) – die Entwicklungen, die in der DDR zu Revolution und Mauerfall 1989 führten.
„Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk“. (Material 1)
Überprüfe, inwiefern sich dieser Leitgedanke der Demokratie auf die Revolution von 1848/49 übertragen lässt.
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Erich Honecker in der „Prawda“ zum 40. Jahrestag der DDR (1989)
Erich Honecker: Die DDR tritt in ihr fünftes Jahrzehnt. Artikel in der „Prawda“ zum 40. Jahrestag der DDR vom 5. Oktober 1989, abgedruckt in: „Neues Deutschland“, 6. Oktober 1989, S. 3.
Hinweise zu Material 1:
Die „Prawda“ (russisch „Wahrheit“) ist eine Tageszeitung, die bis 1991 die wichtigste Zeitung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war.
Das „Neue Deutschland“ war von 1946 bis 1989 die Parteizeitung der SED.
Der Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Material 2
Karikatur von Fritz Behrendt mit dem Titel „DDR“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. Juli 1989

Fritz Behrendt: DDR, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Juli 1989, Nr.156, S. 3, zit. nach: URL: https://www.cvce.eu/obj/cartoon_by_behrendt_on_the_protest_movements_in_the_gdr_10_july_1989-en-5a94f372-48e5- 45a1-9541-354563df5d9e.html
Hinweise zu Material 2
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): eine der wichtigen überparteilichen Tageszeitungen in der Bundesrepublik
Bundesrepublik
Die Person in der Mitte stellt Erich Honecker dar
Solidarność: unabhängige polnische Gewerkschaft, die 1980 aus einer Streikbewegung gegen das kommunistische System entstanden ist
Szabadság: ungarisch für Freiheit
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung nenne Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. den Adressaten: Die sowjetische Tageszeitung „Prawda“ veröffentlicht am 5. Oktober 1989 einen von Erich Honecker verfassten Artikel anlässlich des 40. Jahrestages der DDR, der einen Tag später auch im „Neuen Deutschland“ erscheint. Der DDR-Staats- und Parteichef Honecker zeichnet darin sein ideologisch sehr einseitiges Bild von der DDR, lobt die „Errungenschaften des Sozialismus“ und blickt zuversichtlich in die Zukunft.
Im Einzelnen führt Honecker aus:
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Die DDR sei ein entwickelter sozialistischer Industriestaat des Volkes, in dem „Freiheit, Demokratie und Menschenwürde“ tatsächlich für jeden gelten würden.
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Die DDR gewährleiste im Bund mit anderen Nationen und der Sowjetunion Frieden und Sicherheit in Europa.
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Die sozialistische Demokratie befinde sich in der DDR weiter im Aufbau und werde – basierend auf einer breiten Zusammenarbeit verschiedener Parteien und Massenorganisationen – von der SED angeführt.
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Der Sozialismus verbinde alle Bürger, berücksichtige deren Bedürfnisse und verschaffe ihnen wirtschaftliche und soziale Sicherheit, auch wenn es noch Probleme gebe, die zukünftig zu bewältigen seien.
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Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum Jahrestag zeugten vom Einverständnis der DDR-Bürger mit dieser Politik.
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Auch Gorbatschow habe die Leistungen der DDR sowie deren stabilisierende Rolle „in Europa und in der Welt“ gewürdigt.
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Die Bundesrepublik und besonders einige nationalistische Kreise stünden der DDR seit ihrer Gründung ablehnend gegenüber. Die Grenzen zwischen beiden deutschen Staaten würden von der Bundesrepublik nicht akzeptiert werden, da man immer noch von einem Großdeutschland träume.
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Der souveräne sozialistische Staat DDR lehne jedoch eine Einmischung in seine Politik ab.
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Die Existenz der beiden deutschen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, entspreche der politischen Realität und sei dauerhaft.
Der Karikaturist Fritz Behrendt entwickelt in seiner Karikatur, veröffentlicht in der Tageszeitung FAZ am 10. Juli 1989, ein ganz anderes Bild von der DDR und der Situation in Europa, das dem von Honecker deutlich widerspricht:
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Behrendt zeigt Honecker, wie er alleine, eingemauert und von Stacheldraht umgeben, einem Demonstrationszug den Rücken zuwendet, sich die Ohren zuhält und auch die Augen zukneift. Der Staatsratsvorsitzende nimmt damit die unruhige Situation und die Ereignisse um ihn herum nicht mehr wahr. Vom Volk und seinen Bedürfnissen haben er, und damit die SED, sich abgekapselt. So entsprächen seine offiziellen Aussagen, wie in dem Artikel getroffen, nicht den realen Bedingungen, sondern seiner politischen Wunschvorstellung.
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An Honecker vorbei laufen Demonstranten mit unterschiedlichen Transparenten, auf denen sowohl Gorbatschows Reformslogan Glasnost und Perestroika als auch Forderungen nach Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie sowie Solidarność und Szabadság (ungarisch für Freiheit) zu lesen sind. Damit wird auf europäische Bewegungen und Ereignisse angespielt, die sich gegen die kommunistischen Systeme im Ostblock richten. In Honeckers Artikel, der Wochen nach der Karikatur erschienen ist, ist von diesen keine Rede. Honecker ignoriert damit die systemkritischen Bewegungen und ihre Bedeutung für die Gegenwart.
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Der Karikaturist zeigt hier auch, dass Menschen in verschiedenen Ostblockländern – auch der DDR – entgegen Honeckers Aussagen ganz und gar nicht zufrieden sind, sondern auf die Straße gehen, demonstrieren und allgemein demokratische Forderungen stellen, die sie in ihren Ländern nicht erfüllt sehen.
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Ein Einverständnis der Bürger mit dem sozialistischen System, so wie es Honecker formuliert, ist deshalb nicht erkennbar, stattdessen Veränderungswille und Reformbedarf.
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Die allgemeine Situation in der DDR und anderen Ländern beschreibt der Karikaturist damit im Gegensatz zu Honecker als unruhig sowie als instabil. Wenn Honecker feststellt, dass „in der BRD gerade jetzt wieder eine Hetzkampagne gegen die DDR“ entfesselt werde, dann würde diese Karikatur für ihn sicher dazugehören.
Um zu erläutern, wie es in der DDR zu Revolution und Mauerfall 1989 kam, führe einige der folgenden Aspekte aus:
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Maßgeblich angetrieben von der Reformpolitik Gorbatschows (Glasnost, Perestroika) ab 1985 gerät der gesamte Ostblock in eine Krise und zerfällt bis 1990/91 (vgl. Karikatur).
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Auch in der DDR besteht eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise.
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Die SED lehnt die sowjetische Reformpolitik Gorbatschows ab und widersetzt sich innerpolitischen Forderungen nach Veränderungen (vgl. Darstellung Honeckers in der Karikatur vs. „sozialistisches Gesellschaftssystem, das ständig weiterentwickelt wird, funktioniert auf effektive Weise“).
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Die Suprematie der SED wird jedoch zunehmend von vielen in Frage gestellt, da die Widersprüchlichkeit zwischen machtpolitischer Realität und der SED-Propaganda immer offensichtlicher wird; im Gegensatz dazu steht Honeckers Behauptung: „Die Positionen, von denen aus wir die Zukunft angehen, sind stabil und eröffnen große Möglichkeiten“.
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Die zunehmend schlechte wirtschaftliche Lage und die immer größer werdende Kluft zwischen privilegierten und „normalen“ Bürgern verstärken die allgemeine Unzufriedenheit; wohingegen Honecker behauptet: „Was des Volkes Hände schaffen, ist des Volkes eigen und kommt seinem Wohl zugute. Soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung, gleiche Bildungschancen, der in allen Bereichen praktizierte Grundsatz „Arbeite mit, plane mit, regiere mit“ weisen aus, daß Freiheit, Demokratie und Menschenwürde hierzulande nicht nur auf dem Papier stehen.“
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Innerparteiliche Kritik an der Politik der SED wird immer lauter und auch oppositionelle Kräfte erstarken. Diese erkennt Honecker nicht an: „daß die Bürger unseres Landes diese Auffassung teilen, bezeugen gerade auch ihre mannigfaltigen Initiativen zur Vorbereitung des historischen Jubiläums der DDR.“
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Die offensichtlichen Wahlfälschungen bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 verschärfen die Unzufriedenheit in der DDR und lösen massive Proteste aus.
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Mit der Grenzöffnung Ungarns beginnt eine große Fluchtwelle aus der DDR in den Westen.
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Ab September finden, von Leipzig ausgehend, große systemkritische Demonstrationen (Montagsdemonstrationen) in allen großen Städten der DDR unter der Parole „Wir sind das Volk“ statt (vgl. Forderung der Demonstranten in der Karikatur).
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Oppositionelle Bewegungen (z. B. Neues Forum) und Gruppen sowie Parteien formieren sich und bekommen immer mehr Zulauf.
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Die Forderungen nach Veränderungen verstärken sich nach dem 40. Jahrestag der DDR, so dass der Staats- und Parteichef der SED, Erich Honecker, im Herbst abgesetzt wird. Sein Nachfolger Krenz verspricht Reformen, aber ohne grundsätzliche Änderungen des Systems.
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Am 9. November fällt die „Mauer“, was, wie sich in den folgenden Monaten zeigt, zum Untergang der DDR und zur Wiedervereinigung führen wird; womit sich Honeckers Prophezeiung „Die DDR tritt nun in ihr fünftes Jahrzehnt“ nicht erfüllt.
„Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk.“
Denkbar ist, zunächst die unterschiedlichen Einstellungen der verschiedenen politischen Strömungen 1848/49 gegenüber dem „Volk“ zu thematisieren:
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Einer politischen Partizipation des Volkes am fernsten standen die Konservativen mit ihren Grundsätzen der Autorität, der Monarchie und des Gottesgnadentums.
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Die Liberalen vertraten zwar das Prinzip der Volkssouveränität, machten aber das Ausmaß der politischen Partizipation von Bildung und Besitz der jeweiligen Akteure abhängig (Zensuswahlrecht).
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Nur die Demokraten schrieben dem ganzen „Volk“ volle politische Reife zu und forderten uneingeschränkte politische Rechte für die ganze (männliche und erwachsene) Bevölkerung.
Hinsichtlich der Anwendbarkeit des Zitates auf den Verlauf der Revolution wäre eine Orientierung an den drei zentralen Präpositionen möglich:
„mit dem Volk“
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Die erste Phase der Märzrevolution wurde von breiten Schichten der Bevölkerung getragen (Bildungsbürger, Handwerker, Bauern).
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Auch war zunächst eine starke Anteilnahme am politischen Geschehen durch Flugblätter und Zeitungen gewährleistet.
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Allerdings schieden die Bauern nach der Aufhebung der letzten feudalistischen Residuen aus dem Kreise der Revolutionäre weitgehend aus. Das schnelle Nachgeben der Fürsten (Märzministerien, Nationalversammlung) führte dazu, dass auch das Engagement der breiten Masse der Bevölkerung nachließ.
„durch das Volk“
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Die nach dem vorläufigen Ende der direkten revolutionären Aktionen zusammengetretene deutsche Nationalversammlung setzte sich zwar aus gewählten Volksvertretern zusammen, repräsentierte in seiner Zusammensetzung aber vornehmlich das gehobene Bildungsbürgertum („Professorenparlament“).
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In der Verfassung von 1849 wurde die konstitutionelle Monarchie sowohl auf bundesstaatlicher als auch auf Reichsebene beibehalten mit Monarchen, die nicht durch das Volk legitimiert waren.
„für das Volk“
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Der Kompromisscharakter der schließlich verabschiedeten Verfassung spiegelt die unterschiedliche Haltung der jeweiligen politischen Strömungen gegenüber dem „Volk“ wider:
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Eindeutig „für das Volk“ waren das allgemeine Männerwahlrecht und die Garantie der Grundrechte zu bewerten – wobei der weibliche Teil des Volkes ausgeschlossen blieb.
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Die konstitutionelle Monarchie und die Erhaltung der Bundesländer kamen eher den Fürsten und dem gehobenen Bürgertum entgegen.
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Weitergehende, im heutigen Verständnis „demokratische“ Errungenschaften wie ein sozialpolitisches Engagement des Staates oder das Frauenwahlrecht rückten ohnehin kaum in das Blickfeld.
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Mögliches Fazit
Vor allem aufgrund der stark divergierenden Einstellungen der relevanten politischen Strömungen gegenüber dem „Volk“ lässt sich das Zitat nur partiell auf die Zielsetzungen und den Verlauf der Revolution von 1848/49 anwenden.