ll Interpretationsaufgaben
Grammatik
Bestimme exakt die Form von ...
…servorum (Z. 1) und nenne die semantische Funktion des Kasus.
…velis (Z. 3) und veniat (Z. 4) und begründe jeweils den Modusgebrauch.
Fertige ein Satzbild an zu Quotiens … licere (Z. 3/4), identifiziere den Hauptsatz und bestimme die Nebensätze und satzwertigen Konstruktionen.
Text- und Literaturverständnis
Weise mit lateinischem Textbeleg zwei der folgenden Stilmittel nach und erläutere ihre Wirkung im Kontext: Trikolon, Klimax, Metapher, Anapher, Antithese.
Untersuche den Übersetzungstext auf zwei typische Merkmale von Senecas Briefstil und belege diese mit Beispielen.
Wähle eine der beiden folgenden Aufgaben zur Bearbeitung:
Arbeite aus dem Text Senecas Einstellung zur Sklavenhaltung an sich heraus.
Oder:
Weise in dem Textabschnitt Gedankengut einer antiken philosophischen Schule nach.
Stellungnahme
Erläutere die Aussage zur freiwilligen Sklaverei „Nulla servitus turpior est quam voluntaria.“ (Z. 11) im philosophischen Kontext und setze dich kritisch mit ihr auseinander.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Über den Umgang mit Sklaven gibt Seneca seinem Freund Lucilius folgende Ratschläge:
(146 Wörter)
Hilfen:
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Z. 1 locus, i m. |
Thema |
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Z. 1 immittere … in |
einlassen auf |
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Z. 1 usus, us m |
hier |
Umgang |
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Z. 2 summa, ae f. |
das Wesentliche |
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Z. 4 tantundem |
ebenso viel |
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Z. 6 Hecuba, ae f |
Gattin des Priamus (wurde nach dem Untergang Trojas die Sklavin des Odysseus) |
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Z. 8 non est, … quod |
es gibt keinen Grund dafür, dass |
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Z. 9 cessare |
hier |
brach liegen, unbenutzt bleiben |
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Z. 10 liber + Ablativ |
frei in, frei hinsichtlich |
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servorum: Genitiv Plural maskulinum, Genitivus obiectivus
velis: 2. Person Singular Präsens Konjunktiv Aktiv; Konjunktiv im indirekten Fragesatz
veniat: 3. Person Singular Präsens Konjunktiv Aktiv, Iussiv
Quotiens in mentem venerit, (Temporalsatz)
quantum tibi in servum tuum liceat, (indirekter Fragesatz)
veniat in mentem tantundem in te domino tuo licere. (Hauptsatz mit AcI)
Text- und Literaturverständnis
Zwei Stilmittel aus einer Auswahl nachweisen und erläutern:
Trikolon – superbissimi, crudelissimi, contumeliosissimi
Durch dieses asyndetische Trikolon mit Superlativen wird das abfällige Verhalten der Herren gegenüber ihren Sklaven hervorgehoben.
Klimax – in sermonem illum admitte et in consilium et in convictum
Seneca führt durch diese Steigerung des vertrauten Umgangs den Leser an den Gedanken heran, dass auch Sklaven Freunde sein können, mit denen man sogar in geselliger Runde auf Augenhöhe Kontakt haben kann.
Metapher – Saepe bona materia cessat sine artifice
Der Sklave wird hier mit ungenutztem, aber wertvollem Material verglichen, aus dem ein Künstler ein Kunstwerk herstellen kann. Dieses Bild schmeichelt dem Herrn, der sich mit seinem Sklaven beschäftigt, ist er doch der Künstler, der mit Kennerblick den wahren Wert des Materials erkennt und daraus etwas Brauchbares formt.
Anapher – alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni
Die Anapher betont, dass jeder irgendeiner Sache dient.
Antithese – Servus est. Sed fortasse liber animo.
Durch diese Antithese erzeugt Seneca Aufmerksamkeit auf den stoischen Gedanken, dass innere Freiheit nicht von äußeren Gegebenheiten, also auch nicht vom gesellschaftlichen Stand abhängt, sondern eine Errungenschaft des tugendhaften Lebens ist.
Typische Merkmale des Briefstils Senecas erkennen und benennen, z. B.:
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fiktive Einwürfe des Briefpartners: At ego nullum habeo dominum. Servus est.
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Anrede des Briefpartners und häufige Imperative: mi Lucili, vive, admitte, ostende, tempta et experire
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Selbstkritik: in quos superbissimi, crudelissimi, contumeliosissimi sumus
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Sentenzen: Nulla servitus turpior est quam voluntaria
Senecas persönliche Haltung zur Sklavenhaltung herausarbeiten:
Seneca stellt die Sklaverei an sich nicht in Frage. An keiner Stelle kritisiert er einen Herrn dafür, überhaupt Sklaven zu haben. Seine Metapher vom Material, das die Bearbeitung durch den Künstler / den Herrn benötigt, um sein volles Potential auszuschöpfen, betont die Unterschiede zwischen Herrn und Sklaven. Allerdings ist er der Meinung, dass durch entsprechende gute Behandlung die Sklaven zu Freunden heranreifen können. Philosophisch gesehen, können Sklaven sogar über ihre Herren hinauswachsen und wahre Freiheit erlangen, während ihre Herren möglicherweise noch ihrem Ehrgeiz oder ihrer Habsucht dienen.
alternativ: Gedankengut einer antiken philosophischen Schule nachweisen:
Der Gedanke, dass die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und von ihrem Stand als Menschen gleich sind und die gleichen Möglichkeiten haben, ihren Charakter zu vervollkommnen, entstammt der Stoa. Insofern hat ein Herr auch keinen Grund, auf seine Sklaven herabzusehen oder sie schlecht zu behandeln. Ja, er kann sich unter ihnen sogar Freunde suchen. Auch die Macht des Schicksals, das in kürzester Zeit aus einer Königin eine Sklavin machen kann, ist stoisches Gedankengut. Die unterschiedliche gesellschaftliche Stellung erscheint also als ein Zufallsprodukt des Schicksals und nicht als etwas, worauf man stolz sein könnte. Die Einsicht in diesen Wertverhalt vermittelt uns die stoische Tugend der sapientia.
Stellungnahme
„Keine Sklaverei ist schändlicher als die freiwillige.“
Üblicherweise assoziiert man mit Sklaverei nicht das Adjektiv freiwillig. In Sklaverei gerät man unfreiwillig durch Kriegsgefangenschaft, Verschuldung oder Geburt. Aus philosophischer Sicht hat diese Sklaverei nichts Unrühmliches, da sie den Charakter eines Menschen nicht berührt. Seneca benutzt den Begriff der Sklaverei im übertragenen Sinne und erklärt alle zu Sklaven, die nicht frei von Affekten sind. Das ist seiner Meinung nach die schlimmere Sklaverei, da man ihr ja entfliehen könnte, es aber aus Trägheit oder Unachtsamkeit nicht tut. Diese Sichtweise ist zum einen attraktiv, da sie unabhängig von äußeren Glücksgütern macht. Auch als armer oder kranker oder unterdrückter Mensch kann man also Würde erlangen und im Geiste frei sein. Zum anderen überschätzt sie aber auch den Menschen, indem sie unterstellt, dass man tatsächlich völlig unabhängig von äußeren Gegebenheiten allein durch die Kraft der Vernunft ein menschenwürdiges Leben leben könnte. Sie verkennt die Bedeutung der Gesellschaft und der Umgebung für die Entwicklung eines Menschen. Indem Seneca Freiheit als innere Freiheit versteht, kann er Sklaverei akzeptieren, obwohl er den einzelnen Sklaven als Menschen achtet.