Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1 — Künstliche Intelligenz in der Seelsorge

Aufgabenstellung

1.

Gib den Gedankengang des Textes von Peter Zimmerling wieder.

30 %

2.

Setze Aussagen des Textes in Beziehung zum biblischen Menschenbild.

40 %

3.

Erörtere den Einsatz von KI in der Seelsorge.

30 %

Material

Peter Zimmerling, Von Lernfähigkeit profitieren, Zeitzeichen 02/2025, Quelle, letzter Zugriff am 02.10.2026, gekürzt und bearbeitet.

Erläuterungen

Peter Zimmerling (geboren 1958) ist evangelischer Theologe.

Hilfsmittel

Bibel

Material: Peter Zimmerling — Von Lernfähigkeit profitieren

1
Mit dem Thema „Künstliche Intelligenz (KI) in der Seelsorge“ betreten wir Neuland
2
auf dem Gebiet der Poimenik, also der Lehre von der Seelsorge. Da es bisher kaum
3
praktische Erfahrungen damit und entsprechend auch nur wenige theoretische
4
Überlegungen gibt, können meine Überlegungen nicht mehr als einen Versuch
5
darstellen. […]
6
Christliche Seelsorge geht von Jesus Christus als dem Vermittler zwischen Gott und
7
Menschheit (1. Timotheus 2,5) aus. Voraussetzung dafür, dass er dazu werden
8
konnte, war die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, sie ist
9
Grundlage und Vorbild für alles Handeln in der Seelsorge. Daher kommt die
10
Seelsorge […] nicht ohne Medien aus. Vielmehr nimmt sie diese in Dienst.
11
Seelsorge geschieht durch Worte, durch Brot und Wein, durch Bilder, durch
12
Gesten wie Handauflegung und Salbung, um einige traditionelle Medien zu
13
nennen.
14
Ein herausragendes Medium urchristlicher Seelsorge war der apostolische Brief.
15
Paulus intendiert durch medial vermittelte Seelsorge eine persönliche Begegnung
16
seiner Seelsorgeadressatinnen und -adressaten mit Jesus Christus
17
beziehungsweise mit dem dreieinigen Gott. Ursache dafür, dass durch das
18
Medium des Briefes die Begegnung mit Jesus Christus beziehungsweise der
19
Glaube an ihn zustande kommt, stellt für den Apostel das Wirken des Geistes
20
Gottes dar. Die Verwendung von Medien in der Seelsorge ist daher kein
21
Selbstzweck. […]
22
Angesichts der Frage nach der möglichen Rolle von KI in der Seelsorge stellt sich
23
an dieser Stelle die Frage, ob auch moderne, vom Menschen geschaffene,
24
technische Produkte und Kommunikationsprozesse als legitime mediale
25
Vermittlungsformen christlicher Seelsorge gelten können. Im Hinblick auf das
26
Telefon ist diese Frage schon vor Jahrzehnten positiv beantwortet worden. Es gilt
27
heute unbestritten als Medium gelingender Seelsorge. Auch das Internet wurde
28
nach einigem Zögern bei Einhaltung bestimmter Voraussetzungen als Medium der
29
Seelsorge kirchlich anerkannt. […]
30
Meine These ist, dass das für die Telefon- und Internetseelsorge Gesagte analog
31
auch für die Nutzung von KI in der Seelsorge gilt, wobei einige Präzisierungen nötig
32
sind. Wie alle anderen Medien in der Seelsorge auch, besteht das Ziel von KI darin,
33
sich selbst überflüssig zu machen. Es geht wie bei allen anderen Medien bei KI
34
darum […], „dass der Schöpfer und Herr sich selbst [der Seele des
35
Seelsorgesuchenden] mitteilt“ (Ignatius von Loyola). Diese Einsicht ist die
36
Voraussetzung einer nüchternen Einschätzung der Möglichkeiten von KI in der
37
Seelsorge. Sie sollte einer messianischen Aufladung der Erwartungen an KI einen
38
Riegel vorschieben, aber genauso vor einer übergroßen Skepsis bewahren.
39
Vergleichbar mit einer menschlichen Seelsorgeperson ist KI fähig, aus der
40
Interaktion mit den Seelsorgesuchenden zu lernen. Darin unterscheidet sie sich
41
von allen anderen Medien in der Seelsorge. Die Fähigkeit zu lernen, stellt eine
42
nicht zu unterschätzende Chance im Hinblick auf die Weiterentwicklung von KI und
43
ihre Verwendung in der Seelsorge dar.
44
Anders als Seelsorgerinnen und Seelsorger ist KI nicht nach Zeit und Raum
45
begrenzt. Das ist angesichts des zukünftig zu erwartenden großen
46
Nachwuchsmangels an hauptamtlichen Seelsorgerinnen in der Kirche ein nicht zu
47
unterschätzender Vorteil. Eine in ihren Möglichkeiten begrenzte (und auch
48
fehlbare) KI ist immer noch besser als ein nicht vorhandener menschlicher
49
Seelsorger. Überdies stellt KI ein Hilfsmittel auf dem Weg zu einer
50
barriereärmeren, inklusiveren Seelsorge dar. Das zeigt sich an ihrer Verfügbarkeit
51
für Menschen, die kein Deutsch verstehen und sprechen können. KI erlaubt
52
darüber hinaus, gesprochene Sprache in Schriftsprache und umgekehrt
53
Schriftsprache in gesprochene Sprache zu übertragen.
54
KI zeichnet sich durch emotionale Distanz gegenüber den Seelsorgesuchenden
55
aus. Das muss im Vergleich mit einer menschlichen Seelsorgeperson nicht
56
unbedingt ein Nachteil sein. Zwischen Seelsorgenden und Seelsorgesuchenden
57
können emotional bedingte störende Übertragungs- und Projektions-
58
mechanismen und Abhängigkeiten entstehen. KI dagegen verbleibt gegenüber
59
den Seelsorgesuchenden in professioneller emotionaler Distanz.
60
Trotz der genannten Vorteile von KI besteht zwischen ihr und einem Menschen
61
mindestens ein dreifacher kategorialer Unterschied. Einen ersten stellt die
62
Unergründlichkeit des Menschen dar. Aufgrund des menschlichen
63
Geschaffenseins geht das christliche Menschenbild von der Gottesebenbildlichkeit
64
des Menschen aus. Der Mensch bleibt sich selbst und anderen ein Geheimnis. […]
65
Eine andere Form der kategorialen Unterscheidung besteht in der menschlichen
66
Vulnerabilität. Anders als KI kennt Menschsein keine zwangsläufige
67
Selbstoptimierung. Der Mensch bleibt ein fehlerhaftes, gebrochenes Wesen. […]
68
Ein dritter Unterschied: „Die menschliche Person ist und bleibt in ihrer
69
individuellen Körpergestalt die primäre Vermittlungsform medialer
70
Seelsorgepraxis.“ (Hans-Ulrich Gehring) […] Dahinter muss jede allein durch KI
71
geübte Form von Seelsorge zurückbleiben. Die menschliche Seelsorgeperson muss
72
daher keine Angst haben, durch den Einsatz von KI überflüssig zu werden.
73
Unerlässlich ist die Transparenz des Einsatzes von KI im Rahmen der Seelsorge. Wo
74
immer KI in der Seelsorge eingesetzt wird, sollte das gegenüber den
75
Seelsorgesuchenden klar kommuniziert werden. […]
76
Mir ist bewusst, dass im Rahmen der wissenschaftlichen Seelsorgediskurse die
77
Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI gegenwärtig dominiert. Ich bin anderer
78
Meinung. KI ist ein mögliches Seelsorge-Medium unter anderen.

Weiter lernen mit SchulLV Plus!

monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV