Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2 — Reich Gottes und Kirche

Aufgabenstellung

1.

Gib den Gedankengang des Textes von Sarah Vecera wieder.

30 %

2.

Erläutere Jesu Botschaft vom Reich Gottes. Berücksichtige dabei Aussagen des Textes.

40 %

3.

Entwickle ausgehend von den Ausführungen Veceras Perspektiven für eine zukunftsfähige Kirche.

30 %

Material

Sarah Vecera, Das Hörwunder, Publik-Forum 11/2025, Quelle, letzter Zugriff am 02.10.2026, gekürzt.

Erläuterungen

Sarah Vecera (geboren 1983) ist evangelische Theologin.

Hilfsmittel

Bibel

Material: Sarah Vecera — Das Hörwunder

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Der Pfingstwind [vgl. Apg 2,1-13] fegt nicht nur durch verschlossene Türen, er reißt
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Mauern ein. Als die Jünger*innen in Jerusalem plötzlich fremde Sprachen
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sprechen, entsteht keine Einheitssprache, sondern ein vielstimmiges Gewirr.
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Menschen aus Mesopotamien, Kreta und der arabischen Halbinsel – sie alle hören
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Gottes Taten in ihrer Muttersprache. Dieses Wunder ist kein sprachliches
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Kunststück, sondern ein politisches Manifest: Gottes Reich gründet nicht auf
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Assimilation, sondern darauf, dass jede*r mit der eigenen Stimme gehört wird.
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Pfingsten ist das Fest, das uns jedes Jahr daran erinnert, wie alles begann: mit
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Wind und Feuerzungen, die aus Angst Mut machten, mit Stimmen, die plötzlich
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verstanden wurden – und mit einer Gemeinschaft, die sich nicht über Gleichheit,
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sondern über Vielfalt definierte. Für viele ist Pfingsten der „Geburtstag der
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Kirche“. Aber was heißt das eigentlich, wenn wir ehrlich hinschauen? Wer wurde
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da geboren – und wer bleibt heute draußen vor der Tür? Wie steht es um die
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pfingstliche Vision? Wenn Kirchen über „Inklusion“ diskutieren, geht es oft darum,
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Menschen an bestehende Strukturen anzupassen – statt die Strukturen zu
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hinterfragen. Dabei ist Pfingsten eine Provokation: Es entlarvt kirchliche
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Homogenität als geistlichen Selbstbetrug – als etwas, das nicht dem Geist Gottes,
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sondern nur der eigenen Ordnung dient.
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Die Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte 2 ist keine Story über die
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plötzliche Gleichheit der Menschheit. Im Gegenteil: Menschen aus allen
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Himmelsrichtungen, mit verschiedensten Sprachen, Kulturen, Geschichten,
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stehen zusammen – und jede*r hört die Botschaft in der eigenen Sprache. Nicht,
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weil die Menschen plötzlich vielsprachige Genies geworden wären, sondern weil
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die Heilige Geistkraft die Grenzen der Verständigung überwindet. Es ist, wie es die
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neutestamentliche Forschung betont, kein Sprach-, sondern ein Hörwunder. Die
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Verschiedenheit bleibt bestehen. Und doch entsteht Verstehen. Was für ein
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radikales Gegenbild zu einer Kirche, die ich heute oft als monokulturell erlebe.
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Pfingsten ist der Moment, in dem Gott sich nicht auf eine Sprache, eine Kultur,
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eine Identität festlegen lässt. Die Heilige Geistkraft „inkulturiert“ sich in jede
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Lebenswelt. Das ist keine theologische Nebensache, sondern der Kern der
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christlichen Botschaft: Sie spricht alle Sprachen, sie kennt keine „richtige“
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Herkunft, kein „normales“ Leben. Die Kirche, die an Pfingsten geboren wird, ist
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von Anfang an vielfältig, divers, widersprüchlich – und genau darin göttlich.
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Wir sind in der Kirche ja fast schon das Gegenteil von dem, was an Pfingsten
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begann: Strukturen, die ausgrenzen, statt echte Partizipation möglich zu machen.
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Normen und Verhaltenscodes, die bestimmen, wer dazugehört und wer nicht. Die
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westliche Norm ist weiß, wohlhabend, heterosexuell und nicht behindert.
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Menschen mit Behinderung, People of Color, queere Menschen, Arme, Allein-
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erziehende, all jene, die aus der Norm fallen, sind eher „die anderen“. Wir mögen
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sie und wenden uns ihnen gern in gnädiger Nächstenliebe zu, beten und spenden
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für sie. Wenn wir aber von „wir“ und „uns“ sprechen, sind sie meistens nicht
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mitgemeint. […]
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Die Pfingstgeschichte ist eine radikale Absage an jede Form von kirchlichem oder
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gesellschaftlichem Machtanspruch, der sich über Homogenität, Überlegenheit,
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Tradition oder Dogmatismus definiert. Die vielen Sprachen sind, wie der Theologe
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Matthias Wenk zeigt, ein „linguistisches Symbol“ für das Reich Gottes als Reich des
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Friedens, das auf jede Form von Gewalt verzichtet – auch auf die Gewalt der
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Sprache, der Normierung, der kulturellen Überlegenheit. Die Kirche ist dazu
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berufen, nicht die eigene Sprache zur Norm zu machen, sondern sich immer
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wieder in die Lebenswelt der sogenannten anderen zu begeben, ihre Sprache zu
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lernen, ihre Perspektiven zu hören und zu achten. […]
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Pfingsten ist nun aber der Auftrag, Kirche immer wieder neu als Labor der Vielfalt
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zu denken: als Ort, an dem tatsächlich jede*r willkommen ist, an dem
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Unterschiede nicht versteckt, sondern sichtbar gemacht und wertgeschätzt
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werden. Das ist unbequem, ja. Aber es ist auch heilsam – für die Kirche, für die
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Gesellschaft, für jede*n Einzelne*n.
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In einer Zeit, in der Polarisierung und Ausgrenzung zunehmen, ist die
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Pfingstbotschaft aktueller denn je. Sie ruft uns heraus aus gewohnten
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Denkmustern, fordert uns auf, die Grenzen unserer Sprache, unserer Welt,
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unserer Komfortzonen zu überschreiten. Sie lädt uns ein, nicht nur für uns selbst,
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sondern für und mit anderen zu sprechen – und zu hören. Sie macht Mut, für
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Geschehenes Verantwortung zu übernehmen und Neuanfänge zu wagen. Stellen
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wir uns vor, die Kirche würde Pfingsten nicht nur feiern, sondern leben. […] Sie
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würde zur Gemeinschaft der Verschiedenen, zum Ort der Hoffnung, zum Zeichen
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dafür, dass Gottes Geistkraft immer da weht, wo wir einander mit Respekt, Liebe
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und Neugier begegnen.
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Das ist die Vision, die ich teile, die Pfingsten uns zumutet – und verheißt. Und das
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ist die Kirche, die ich mir wünsche: gemeinsam, anders, vielfältig, lebendig.
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[…] An Pfingsten zeigt sich: Gottes Reich wächst nicht durch Expansion, sondern
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durch Verbundenheit. Die Jünger*innen werden nicht ausgesandt, um zu
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belehren, sondern um zuzuhören.
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Pfingsten endet nicht mit einem großen Finale. Die Gemeinde zerstreut sich,
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Konflikte brechen auf (Apg 6,1), Nationen werden integriert (Apg 10). Vielleicht ist
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das die eigentliche Pointe: Eine wirklich vielfältige Kirche ist nie fertig. Sie ist ein
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ständiges Werden, ein Ringen, ein heiliges Chaos. In einer Zeit, die nach einfachen
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Antworten schreit, ist das kein Mangel, sondern ein Geschenk. Gemeinsam anders
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zu sein bedeutet nicht, perfekt zu harmonieren. Es bedeutet, sich vom Geist
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überraschen zu lassen – selbst wenn es wehtut. Vielleicht brauchen wir genau das:
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Gemeinden, die so vielfältig, widersprüchlich und verletzlich sind wie die
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Menschen, die sie bilden. Das wäre wahrhaft pfingstlich.

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