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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe I

Thema: Wechselwirkungen des europäischen Imperialismus

(Rahmenthema 2 mit Übergriff auf Rahmenthema 1)

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

25 %

2.

Ordne das Material in seinen historischen Zusammenhang ein.

25 %

3.

Erläutere unter Berücksichtigung des Materials die Ursachen der russischen Revolution von 1905.

25 %

4.

Nimm Stellung zu den Ausführungen des Verfassers.

25 %

Material

„Besteht eine gelbe Gefahr?“, Broschüre des deutschen Offiziers Wichard von Wilamowitz-Moellendorff (1871–1916), 1905 [Auszüge]

Der Verfasser war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Leutnant im ostasiatischen Reiterregiment. Er hatte am China-Feldzug 1900/01 teilgenommen. Er reagiert mit seinem Text auf die Broschüre „Die gelbe Gefahr“ (1900, 2. Aufl. 1904) eines Kolonialschriftstellers.

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Der große Kampf in Ostasien zwischen Russland und Japan, der nun ein Jahr dauert
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und dessen Ende noch nicht abzusehen ist, beherrscht das allgemeine Interesse Eu-
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ropas, ja der ganzen zivilisierten Welt. Wie der Ausgang sein wird, lässt sich vorläufig
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noch nicht voraussehen, aber so viel erscheint jetzt schon sicher: Ob Japan oder Russ-
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land siegt, es wird ein Pyrrhussieg¹ sein; beide kriegführenden Mächte werden stark
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erschöpft sein; der eigentliche Zweck des ganzen Feldzuges, nämlich der Gewinn und
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die auf längere Zeit gesicherte Vorherrschaft in Ostasien, wird aller Wahrscheinlich-
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keit nach durch diesen Krieg noch nicht entschieden werden, sondern einer späteren
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Auseinandersetzung vorbehalten bleiben. Wie die Friedensbedingungen auch lauten
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mögen, voraussichtlich wird jeder der beiden Staaten dabei denken: Für den Augen-
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blick lässt sich nicht mehr als dies für uns erreichen, die wirkliche Entscheidung wird
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später fallen! [...] Japan wird sich sagen, dass es nur einen sicheren Weg gibt, dann
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noch mit Aussicht auf Erfolg Russland entgegenzutreten, nämlich ein Bündnis mit
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China [...]. Hiermit kämen wir auf das gerade jetzt oft erörterte Thema der „gelben
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Gefahr“, über welche die Ansichten ja sehr auseinandergehen; während die einen im
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Geiste Europa schon von „gelben Horden“ überflutet sehen, erklären andere die
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gelbe Gefahr für Unsinn und behaupten, dem weißen Manne wäre für alle Zeit die
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Herrschaft der Welt gesichert. [...] Als ehemaliger „Chinakämpfer“ ist man natürlich
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geneigt, gegen die Gelben Partei zu nehmen, ich habe mich aber bemüht, möglichst
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objektiv zu sein und der gelben Rasse gerecht zu werden; inwieweit mir dies gelungen
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ist, wird der Leser besser beurteilen können als der Autor. [...]

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Die Schlacht am Yalu², der 1. Mai 1904, wird für alle Zeit ein Markstein in der Welt-
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geschichte sein! Seit den Zeiten Dschingis-Khans und seiner Söhne³ [ist es] das erste
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Mal, dass ein ostasiatisches Volk ein europäisches schlug, und, wenn wir von den Tür-
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ken absehen, der erste Sieg des Mongolentums über die weiße Rasse in neuerer Zeit.
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Aber welcher Unterschied zwischen den Siegen Dschingis-Khans und dem japani-
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schen Siege! Damals Erfolge, welche nur der Übermacht und der ungestümen Tap-
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ferkeit barbarischer gelber Horden zu verdanken waren; jetzt hat Japan Russland
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durch die geschickte Aneignung europäischer Strategie, Taktik und Waffentechnik,
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denn die gewandte Verwendung der Feldhaubitzen scheint den Tag entschieden zu
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haben, besiegt, dadurch, dass es in Kuroki⁴ einen Heerführer besaß, der jeder euro-
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päischen Armee Ehre gemacht hätte [...]. Wenn man nun bedenkt, dass noch bis zu
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den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Japan ein fast vollständig abgeschlos-
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senes Land war, dass es nur einige Jahrzehnte gebraucht hat, um sich alle wichtigen
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Grundsätze der europäischen Strategie, Taktik und Waffentechnik anzueignen, an de-
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nen wir seit Jahrhunderten arbeiten, so gibt das gewiss zu denken, und es hat etwas
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Beschämendes, wenn wir jetzt schon bekennen müssen, dass der Schüler seinen
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Meister oder wenigstens einen seiner Meister übertrifft. [...]

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Der Erfolg der Japaner muss nicht nur bei der ganzen gelben Rasse, vor allen Dingen
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in China, den größten Eindruck machen, sondern überhaupt in ganz Asien, überall da,
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wo der weiße Mann bisher als ein höheres Wesen, als der „zum Herrscher Geborene“
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angesehen wurde [...]. Diese Auffassung muss aber durch die Schlacht am Yalu und
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den weiteren Verlauf des Feldzuges einen argen Stoß erleiden, es muss dem Asiaten
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klar werden, dass er sich unsere Zivilisation relativ schnell aneignen kann und es für
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ihn durchaus nicht unmöglich ist, uns mit unseren eigenen Waffen zu schlagen, denn
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den Beweis hat Japan erbracht. [...]

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[E]s hat entschieden für die ganze weiße Rasse etwas sehr Deprimierendes, dass der
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schöne Traum, wir seien lediglich zu dem Zweck erschaffen, die Erde unter uns auf-
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zuteilen, die Farbigen zu beherrschen und sie nach Möglichkeit auszubeuten, plötz-
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lich zu Ende gehen soll. Denn was ist schließlich Kolonialpolitik anderes? Man erwirbt
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doch keine Kolonien, um die Eingeborenen zu bereichern, sondern um den eigenen
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Landsleuten bzw. dem eigenen Staate Vorteil zu verschaffen, und „beglückt“ als Ge-
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genleistung die Eingeborenen mit den „Segnungen“ unserer Kultur und Zivilisation,
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deren Wert jene allerdings nicht immer zu schätzen wissen; einige Rassen, z. B. die
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Indianer Nord-Amerikas, gehen sogar an ihnen zu Grunde. Aber das eben Gesagte soll
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durchaus kein Vorwurf für die Kolonialpolitik sein, denn in der Welt gibt und gab es
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von jeher nur ein Recht und dieses heißt: „die eiserne Faust“. Wer sich in dem Kampfe
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ums Dasein nicht behaupten kann, für den ist kein Platz auf unserem Planeten. [...]

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Man wird zugeben müssen: Der weiße Mann, in neuester Zeit speziell der Russe, hat,
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allerdings unbeabsichtigt, aus den Japanern das gemacht, was sie jetzt sind, nämlich
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eine Großmacht, die es mit der stärksten Militärmacht Europas mit Erfolg aufnimmt,
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und hat damit die gelbe Gefahr heraufbeschworen [...].

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[Man] hört und liest [...] jetzt zuweilen, die gelbe Gefahr bestehe darin, dass die Mon-
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golen Russland überrennen und damit uns bedrohen würden. [...] [E]ine solche Mög-
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lichkeit ist ausgeschlossen. [...] Demnach wird man zugeben müssen, dass es eine
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gelbe Gefahr im politischen Sinne für Deutschland nicht gibt, dass uns aber gegen die
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uns in erster Linie von Russland drohende slawische Gefahr der Mongole von dem
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allergrößten Nutzen sein kann, denn wir Deutschen haben mit Japanern und Chine-
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sen keinerlei Interessengegensätze, welche eine Feindschaft motivieren könnten, da-
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gegen bedeutet ein militärisch organisiertes, japanisiertes China im Bunde mit dem
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Inselreiche eine große Gefahr für Russland, mit der es vor allen Dingen bei einem
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Feldzuge in Europa rechnen müsste, und somit ein sehr wirksames Gegengewicht ge-
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gen die Bestrebungen des Panslawismus, speziell gegen einen Versuch, die noch un-
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ter fremdem Joche schmachtenden slawischen Brüder „zu befreien“. Und wird es
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doch einmal zum Kampfe kommen, um die Frage zu entscheiden, ob die Germanen
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oder die Slawen die Vormacht in Europa sich sichern sollen – und dafür, dass dieser
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Kampf einmal eintreten wird, spricht der große Fortschritt der Rassen- und
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Nationalitätsbewegung –, so könnten wir in den gelben Männern, die dann die Gele-
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genheit benutzen würden, den Russen in den Rücken zu fallen, um sie aus Sibirien
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allmählich zu verdrängen und sich die Vorherrschaft in Asien zu sichern, nicht zu un-
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terschätzende Bundesgenossen haben.

1militärischer Sieg, der sich im weiteren Verlauf als Niederlage herausstellt

2Schlacht zwischen Japan und Russland am Fluss Yalu an der Grenze zwischen Korea und China

3Herrscher der Mongolen, die im 13. Jahrhundert ein Imperium errichteten, das von China bis nach Osteuropa reichte. „Die Mongolen“ ist ursprünglich ein Sammelbegriff für die Vereinigung mehrerer Volksstämme, die überwiegend aus dem Gebiet der heutigen Mongolei stammten, unter einem Anführer.

4Kuroki Tamemoto (1844–1923), japanischer General

Fundort:[Wichard Hugo Henning] Graf v. Wilamowitz-Moellendorff: Besteht eine gelbe Gefahr?, Potsdam 1905, S. I, III–IV, 1–4, 11, 80–82.

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