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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe II

Thema: Der Frieden von Brest-Litowsk

(Rahmenthema 1 mit Übergriff auf Rahmenthema 3)

Aufgaben

1.

Fasse Material 1 nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

25 %

2.

Ordne Material 1 in seinen historischen Kontext ein.

25 %

3.

Stelle die in Material 1 dargestellte Perspektive der von Material 2 gegenüber.

25 %

4.

Überprüfe die Einschätzung Trotzkis bezüglich der Notwendigkeit eines Friedens mit dem Deutschen Reich.

25 %

Material 1:

Rede von Leo Trotzki vom 14. Februar 1918

Trotzki hielt diese Rede in seiner Funktion als Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten in der Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk von Dezember 1917 bis März 1918.

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Genossen! Die Sowjet-Regierung Russlands muss jetzt nicht allein neu aufbauen, son-
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dern auch die alten Rechnungen abschließen und bis zu einem gewissen – und dabei
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sehr hohen – Grade die alten Schulden bezahlen: zunächst die Rechnungen des Krie-
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ges, der dreieinhalb Jahre lang gedauert hat. Der Krieg bildete den Prüfstein der öko-
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nomischen Kraft der kriegführenden Länder. Das Los Russlands als des ärmeren und
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rückständigeren Landes war bei einem langwierigen Kriege von vorneherein be-
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stimmt. Bei dem mächtigen Zusammenprall der Kriegsapparate entschied letzten En-
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des die Fähigkeit eines jeden Landes, seine Industrie den Kriegsbedürfnissen anzu-
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passen, sie in kürzester Zeit umzuwandeln und in stets wachsendem Maße die Ver-
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nichtungswerkzeuge zu ersetzen, die im Laufe dieser Völkermetzelei mit solcher
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Schnelligkeit verbraucht wurden. Jedes oder beinahe jedes Land, und darunter auch
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das zurückgebliebenste, konnte am Anfang des Krieges die mächtigsten Vernich-
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tungswerkzeuge besitzen, d. h., es konnte sie aus dem Auslande beziehen. Das war
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bei allen zurückgebliebenen Ländern der Fall; auch bei Russland. Der Krieg verbraucht
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aber schnell sein totes Kapital und erfordert eine stetige Neubeschaffung. Die Kriegs-
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fähigkeit jedes einzelnen, in den Wirbel des Weltgemetzels hineingerissenen Landes
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ließ sich in Wirklichkeit durch seine Fähigkeit ermessen, selbstständig während des
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Krieges Kanonen, Geschosse und andere Vernichtungswerkzeuge neu zu schaffen.

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Wenn der Krieg das Problem der Wechselbeziehung der Kräfte in allerkürzester
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Zeit gelöst hätte, so wäre für Russland theoretisch die Möglichkeit da gewesen, den-
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jenigen Platz hinter den Schützengräben zu behaupten, der den Sieg für sich hatte.
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Aber der Krieg hat sich zu lange hingezogen. Und dies geschah nicht zufällig. Allein
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der Umstand, dass die ganze internationale Politik der letzten 50 Jahre auf die Schaf-
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fung eines sogenannten europäischen „Gleichgewichts“ hinauslief, das heißt darauf,
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dass die feindlichen Kräfte sich ungefähr die Waagschale halten, dieser Umstand
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allein musste – wenn man die Macht und den Reichtum der modernen bürgerlichen
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Nationen in Betracht zieht – dem Krieg einen langwährenden Charakter verleihen.
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Und dies bedeutete seinerseits die Erschöpfung derjenigen Länder, die schwächer
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und in ökonomischer Hinsicht weniger entwickelt waren.
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Am stärksten in militärischer Hinsicht erwies sich Deutschland, dank der Macht seiner
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Industrie und dank der modernen, neuen, rationellen Beschaffenheit dieser Industrie
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bei einer längst veralteten Staatsverfassung. Es stellte sich heraus, dass Frankreich
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mit seiner zum großen Teil kleinbürgerlichen Wirtschaft hinter Deutschland weit zu-
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rückgeblieben war; und selbst ein so mächtiges Kolonialreich wie England erwies sich
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infolge des konservativeren, von der Routine beherrschten Charakters seiner Indus-
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trie im Vergleich zu Deutschland als der Schwächere. Als die russische Revolution von
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der Geschichte vor die Frage der Friedensverhandlungen gestellt wurde, da zweifel-
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ten wir nicht, dass wir bei diesen Verhandlungen die Rechnung des dreieinhalb Jahre
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langen Krieges würden begleichen müssen – falls nicht die Kraft des internationalen
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revolutionären Proletariats einen entscheidenden Strich durch die Rechnung machen
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würde. Wir zweifelten nicht, dass wir im deutschen Imperialismus einen Gegner hat-
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ten, der durch und durch von dem Bewusstsein seiner kolossalen Kraft durchdrungen
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sei, jener Kraft, die so deutlich im Verlauf des jetzigen Krieges zu Tage getreten ist.

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Alle jene Erwägungen der bourgeoisen Cliquen, wir wären unvergleichlich
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stärker gewesen, wenn wir diese Verhandlungen gemeinsam mit unseren Verbünde-
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ten geführt hätten, sind im Grunde genommen unzulänglich. Damit wir in unbe-
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stimmter Ferne gemeinsam mit unseren Verbündeten Verhandlungen führen könn-
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ten, hätten wir vor allem gemeinsam mit den Verbündeten den Krieg weiterführen
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müssen; da aber das Land erschöpft und geschwächt war, so musste gerade die Fort-
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setzung des Krieges und nicht das Kriegsende das Land noch mehr schwächen und
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erschöpfen. So hätten wir einmal den Krieg quittieren müssen unter Bedingungen,
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die für uns noch viel ungünstiger gewesen wären. Wenn es sich sogar herausgestellt
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hätte, dass dasjenige Lager, in das Russland infolge internationaler Kombinationen
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des Zarismus und der Bourgeoisie hineingetrieben worden war, dasjenige Lager, an
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dessen Spitze Großbritannien steht – wenn es sich herausgestellt hätte, dass dieses
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Lager aus dem Kriege als Sieger hervorgegangen wäre – nehmen wir für einen
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Augenblick diesen wenig wahrscheinlichen Ausgang an –, so hätte das noch keines-
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wegs bedeutet, Genossen, dass auch unser Land siegreich hervorgegangen wäre.
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Denn bei einem weiteren Fortgang des Krieges musste Russland auch innerhalb des
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siegreichen Lagers der Entente noch erschöpfter, noch verwüsteter dastehen, als es
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jetzt schon ist. Die Herren dieses Lagers, d. h. England und Amerika, hätten in Bezug
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auf unser Land genau dieselben Methoden angewandt, wie sie während der Friedens-
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verhandlungen Deutschland entwickelte. Bei der Wertung der Politik imperialisti-
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scher Länder wäre es eine sinnlose und läppische Kinderei, wenn man sich von ande-
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ren Erwägungen leiten ließe als den Erwägungen der nackten Interessen und der gro-
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ben Macht. Wenn wir also als Land jetzt vor dem Angesicht des Weltimperialismus
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geschwächt dastehen, so sind wir nicht dadurch geschwächt, dass wir uns aus dem
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feurigen Kreis des Krieges losgerissen haben und zudem noch uns aus der Umklam-
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merung der internationalen Kriegsverpflichtungen befreit haben – nein, wir sind
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durch die Politik des Zarismus und der bürgerlichen Klassen geschwächt, jene Politik,
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gegen die wir als revolutionäre Partei gekämpft haben – sowohl vor dem Kriege wie
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während des jetzigen Krieges.

Fundort:Platten, Fritz (Hrsg.): Leo Trotzki. Von der Oktober-Revolution bis zum Brester Friedensvertrag, Bern 1918, S. 103–106.

Material 2:

Karikatur von Bernard Partridge aus der britischen Satire-Zeitschrift „Punch“, 12. Dezember 1917

Historische Karikatur: Eine Frau zieht an einem Bolschewiken, während ein Mann im Hintergrund zusieht.Historische Karikatur: Eine Frau zieht an einem Bolschewiken, während ein Mann im Hintergrund zusieht.

Anmerkungen zur Abbildung:

Übersetzungen des Textes: VERRATEN. Der Kuppler: „Komm schon. Komm und lass dich von ihm küssen.“

Die Person im Hintergrund stellt Kaiser Wilhelm II. dar, auf der Mütze des Kupplers in der Mitte steht „Bolshevik“ und auf seiner Tasche „German Gold“. Auf dem Hut der Frau ist „Russia“ zu lesen.

Fundort: Punch 153 (1917), S. 399 (12. Dezember 1917), URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/QBXARVLPE2U6SGELCVGMJSOOD5FTEZDH (letzter Zugriff: 30.11.2025).

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