Aufgabe II
Thema: Der Frieden von Brest-Litowsk
(Rahmenthema 1 mit Übergriff auf Rahmenthema 3)
Aufgaben
Fasse Material 1 nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Ordne Material 1 in seinen historischen Kontext ein.
Stelle die in Material 1 dargestellte Perspektive der von Material 2 gegenüber.
Überprüfe die Einschätzung Trotzkis bezüglich der Notwendigkeit eines Friedens mit dem Deutschen Reich.
Material 1:
Rede von Leo Trotzki vom 14. Februar 1918
Trotzki hielt diese Rede in seiner Funktion als Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten in der Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk von Dezember 1917 bis März 1918.
Fundort:Platten, Fritz (Hrsg.): Leo Trotzki. Von der Oktober-Revolution bis zum Brester Friedensvertrag, Bern 1918, S. 103–106.
Material 2:
Karikatur von Bernard Partridge aus der britischen Satire-Zeitschrift „Punch“, 12. Dezember 1917

Anmerkungen zur Abbildung:
Übersetzungen des Textes: VERRATEN. Der Kuppler: „Komm schon. Komm und lass dich von ihm küssen.“
Die Person im Hintergrund stellt Kaiser Wilhelm II. dar, auf der Mütze des Kupplers in der Mitte steht „Bolshevik“ und auf seiner Tasche „German Gold“. Auf dem Hut der Frau ist „Russia“ zu lesen.
Fundort: Punch 153 (1917), S. 399 (12. Dezember 1917), URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/QBXARVLPE2U6SGELCVGMJSOOD5FTEZDH (letzter Zugriff: 30.11.2025).
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Quellengattung (politische Rede), Redner (Leo Trotzki, Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, hoher kommunistischer Funktionär), Adressat (Zentrales Exekutivkomitee) sowie Zeitpunkt (während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk von Dezember 1917 bis März 1918 zwischen den Mittelmächten und den Bolschewiki) und leitet daraus Aussagen zur Intention ab (Rechtfertigung der Friedensverhandlungen).
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Belastung der Sowjetregierung durch Zerstörung des Landes und Kriegsschulden
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Chancenlosigkeit Russlands im industrialisierten Krieg als wirtschaftlich rückständiges Land
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Langwierigkeit des Krieges als Folge einer internationalen Politik des letzten halben Jahrhunderts, die auf ein militärisches Gleichgewicht ausgerichtet gewesen sei
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Deutschland als militärisch stärkste Nation, die Frankreich und Großbritannien aufgrund ihrer modernen Industrie überlegen sei
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Rechtfertigung der Aufnahme separater Friedensverhandlungen aufgrund
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der Überlegenheit Deutschlands gegenüber dem geschwächten Russland
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der imperialistischen Gesinnung der Verbündeten innerhalb der Entente, die Russland bei einem alliierten Sieg nicht besser behandeln würden
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Schwächung Russlands nicht Folge der Friedensinitiative der Bolschewiki, sondern der vorhergehenden zaristischen Politik
Das Material ist als bolschewistische Rechtfertigung eines Separatfriedens zwischen Russland und den Mittelmächten in den Kontext des Ersten Weltkriegs sowie der Russischen Revolutionen von 1917 einzuordnen.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
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Zeitpunkt der Rede: Februar 1918, ein Jahr nach dem Beginn der Russischen Revolutionen von 1917, im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges.
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Wirtschaftliche und mentale Erschöpfung des Zarenreichs nach dreieinhalb Kriegsjahren:
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Front: schlechte Ausrüstung der Soldaten, zunehmende Befehlsverweigerungen und Desertionen; Soldaten als „Kanonenfutter“
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Land: Zwangsrekrutierungen und Requirierung von Getreide
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Städte: Inflation, Wohnungsnot, angespannte Versorgungslage
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Überforderung industrieller Kapazitäten Russlands (vgl. Z. 15–18, Z. 59–61) infolge der Umstellung der russischen Industrie auf Kriegswirtschaft (vgl. Z. 8–11)
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Februarrevolution durch drastische Verschlechterung der Versorgungslage im Winter 1916/1917; Sturz des Zaren und Ausbildung einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Petrograder Rat
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Fortführung des Ersten Weltkriegs durch Provisorische Regierung; Forderung einer Beendigung des Krieges durch Bolschewiki
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Machtübernahme der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 (vgl. Z. 36)
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Dekret über den Frieden (26. Oktober/8. November 1917)
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Ausscheren Sowjetrusslands aus der Entente und Aufnahme von Verhandlungen mit Mittelmächten in Brest-Litowsk bis März 1918
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Separatfrieden mit massiven Gebietsverlusten und wirtschaftlichen Einbußen
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Proteste der Ententemächte gegen Separatfrieden
Die Materialien verdeutlichen gegensätzliche politische Sichtweisen, die unter Verweis auf die Unterschiedlichkeit der Perspektiven herauszuarbeiten sind.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
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Trotzkis Rede stellt bolschewistische Lesart dar, die den Frieden als souveräne Maßnahme zum Schutz Russlands vor weiterer Verwüstung und imperialistischer Ausbeutung ausweist (vgl. Aufgabe 2).
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Karikatur aus britischer Perspektive (Bernard Partridge, britischer Karikaturist, Veröffentlichung in einer britischen Satirezeitzeitschrift zur Zeit der Friedensverhandlungen im Dezember 1917) ist als Kritik an bolschewistischer Politik einzuordnen:
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Russland von den Bolschewiki gewaltsam übernommen (Frau als Allegorie Russlands wehrt sich gegen die Annäherung des groben Bolschewiken), was auf Staatsstreich der Bolschewiki hindeutet
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Verrat russischer Interessen („Betrayed“) durch die Bolschewiki und Auslieferung Russlands an Deutschland
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Partridge deutet Unterstützung der Bolschewiki durch deutsche Regierung an (z. B. Einreise Lenins, „German Gold“), um Krieg im Osten – zum Nachteil der Entente – zu beenden.
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Mögliche inhaltliche Aspekte:
In den folgenden Punkten ist Trotzki zuzustimmen:
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geringe Industrialisierung Russlands im Vergleich zu westeuropäischen Nationen (vgl. Z. 5–7)
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Unvermögen der russischen Industrie, militärischen Materialbedarf zu decken (vgl. Z. 14–18)
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moralische und wirtschaftliche Erschöpfung Russlands nach dreieinhalb Kriegsjahren (vgl. Z. 59–61)
Folgende Punkte sprechen eher gegen seine Behauptungen:
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Erschöpfung der Mittelmächte
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Gefallene in Millionenhöhe
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wachsender Mangel an Rohstoffen aller Art, was eine Verknappung der zivilen Versorgung und Rüstungsgüter nach sich zieht
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Mangel an Lebensmitteln bereits seit 1915 („Steckrübenwinter“ 1916/17)
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Kriegsverlauf im Westen belegt industrielles Potential der Ententemächte (vgl. Z. 32–36).
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zunehmende militärische und wirtschaftliche Bedeutung der USA
Mögliches Fazit: Trotzki stellt die Situation einseitig und die militärische Stärke des Deutschen Reiches verzerrt dar. Der Friedensschluss dient weniger dem Schutz Russlands als der Sicherung der bolschewistischen Herrschaft (die Provisorische Regierung war vor allem an der Kriegsfrage gescheitert) und soll Kräfte freisetzen, diese im Inneren durchzusetzen. Eine Weiterführung des Krieges gemeinsam mit den imperialistischen Staaten hätte die Bolschewiki zudem ideologisch diskreditiert.