Aufgabe I
Thema: Das revolutionäre Russland und der Erste Weltkrieg
(Rahmenthema 1 mit Übergriff auf Rahmenthema 3)
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Ordne das Material in den Kontext der Russischen Revolutionen ein.
Überprüfe, inwiefern die im Material geäußerten Erwartungen hinsichtlich der Ergebnisse des Ersten Weltkriegs erfüllt wurden.
Material
Deklaration der Provisorischen Regierung über die Aufgaben des Krieges vom 27. März 1917 (9. April 1917) an die russische Gesellschaft
1hier: Truppenverbände
2Unterstützung der Provisorischen Regierung für die Wiederherstellung Polens als unabhängiger Staat
3Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow, Mitglied der ersten Reichsduma, Vertreter der Konstitutionellen Demokraten (Kadetten), vom 16. März 1917 bis zum 20. Juli 1917 russischer Ministerpräsident und Innenminister, gewählt von der Provisorischen Regierung
Fundort: W. Astrow, A. Slepkow, J. Thomas (Hgg.), Illustrierte Geschichte der russischen Revolution 1917. Reprint der Ausgabe von 1928, Frankfurt am Main 1970, S. 174.
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Inhaltliche Aspekte:
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Verfasser (Provisorische Regierung unter der Leitung des Ministerpräsidenten Fürst Lwow), Materialart (öffentliche Deklaration an das russische Volk), Zeitpunkt der Veröffentlichung (27.3./9.4.1917, nach der Februarrevolution, kurz nach Herausbildung einer Doppelherrschaft aus Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet) und leitet daraus die Intention ab (Werbung um Zustimmung und Unterstützung für außen- und innenpolitisches Handeln in der russischen Öffentlichkeit).
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Provisorische Regierung habe die Verpflichtung, die russische Bevölkerung über die militärische Situation zu unterrichten, da das Vaterland große Verluste seit Kriegsbeginn erlitten und sich die Bedrohungslage seit der Februarrevolution noch verschärft habe.
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Die Zarenregierung habe die nationale Verteidigung vernachlässigt und damit die wirtschaftliche Stabilität des Landes erschüttert.
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Diese Fehler schnell zu beheben, sei drängende Aufgabe, vor allem aber die Verteidigung des Vaterlandes und Rückeroberung von Staatsgebiet.
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Die Provisorische Regierung erstrebe eine Beendigung des Krieges im Einklang mit den Alliierten und dem Volk.
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Ein sicherer Frieden könne nur auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker, unter Wahrung der eigenen staatlichen Existenz und Rechte, erreicht werden.
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Die Provisorische Regierung habe keine Eroberungsabsichten.
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Ein gemeinsames tatkräftiges Vorgehen von Volk und Regierung werde zum Erfolg führen.
Das Material ist in der Zeit der Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung (vgl. Z. 1 f.) und Petrograder Sowjet nach der Februarrevolution 1917 zu verorten. Es spiegelt die Schwäche der Provisorischen Regierung wider.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Situation Winter 1916/17
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Kriegsmüdigkeit und hohe Verluste im Ersten Weltkrieg (vgl. Z. 10 f.), Materialknappheit und Versorgungsengpässe (vgl. Z. 5–7) führen zu Demoralisierung und Politisierung der Soldaten (vgl. Z. 36–38) sowie breiten Protesten bei Arbeitern und Bauern.
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Unfähigkeit der Zaren-Regierung, Krise zu lösen (vgl. Z. 3–7)
Februarrevolution 1917
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Demonstration von hungernden Arbeiterinnen in Petrograd (23.2./8.3.); Ausweitung zum Generalstreik
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Befehlsverweigerung des Militärs, Aufstand niederzuschlagen; Rücktritt der zaristischen Regierung
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Rücktritt des Zaren am 2./15.3.; formelle Beendigung der Februarrevolution
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Doppelherrschaft von aus der Duma hervorgegangener Provisorischer Regierung unter Ministerpräsident G. Lwow (vgl. Z. 45) und dem Petrograder Sowjet, dem obersten Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt
Politik der Provisorischen Regierung
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Von Gedanken des Liberalismus gekennzeichnet:
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Reformwillen zur Überwindung der aktuellen Zustände (vgl. Z. 7–9)
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politische Zurückhaltung und Rückzug auf Volkswillen (vgl. Z. 18–20); andererseits klarer Entschluss zur Fortsetzung des Krieges im nationalen Interesse (vgl. Z. 15–18)
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Betonung des Selbstbestimmungsrechts der Völker (vgl. Z. 21–26), insbesondere mit Blick auf Polen (vgl. Z. 27 f.)
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Scheitern der Provisorischen Regierung an den Aufgaben und Erstarken der Opposition
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Kriegsführung (vgl. Z. 15–18): weiterhin Gebiets- und Truppenverluste; Kontrollverlust über das Militär (Juni 1917 Kerenski-Offensive)
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Beendigung des Krieges (vgl. Z. 19 f.): Unter anderem die Kriegsmüdigkeit der Arbeiter(innen) und Soldaten führt zu Massendemonstrationen gegen die Fortsetzung des Krieges.
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Stabilisierung der Wirtschaft (vgl. Z. 7–9): Weitere Verschlechterung der Versorgung in den Städten, steigende Arbeitslosigkeit und Inflation führen zu Streiks und Radikalisierung der Arbeiterschaft.
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Landreformen:Fehlende Umsetzung führt zu Unzufriedenheit und Radikalisierung der Bauern („schwarze Umverteilung“ auf dem Land).
Aufstieg der Bolschewiki
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Rückkehr Lenins, Veröffentlichung der Aprilthesen; radikale Opposition zur Provisorischen Regierung
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Aufstieg der Bolschewiki im Petrograder Sowjet
Oktoberrevolution 1917
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Machtübernahme der Bolschewiki, unter anderem infolge der Fehleinschätzungen der Provisorischen Regierung, wie sie auch im Material deutlich werden (vgl. Z. 15–18, 35 f.)
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Auflösung der Provisorischen Regierung
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Dekret über den Frieden
Mögliche Aspekte für eine Überprüfung:
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Die Provisorische Regierung konnte während ihrer Amtszeit (bis 25.10./7.11.1917) keines der angegebenen Ziele erreichen.
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Verteidigung des Besitzes und Befreiung des Landes von einem äußeren Feind (vgl. Z. 15–18):
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Friedensvertrag von Brest-Litowsk (März 1918); Beendigung der Kampfhandlungen mit den Mittelmächten; erhebliche Gebietsverluste (z. B. Finnland, Polen, Ukraine)
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damit einhergehend weitere wirtschaftliche Schwächung Russlands
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Beendigung des Krieges in Eintracht mit den Alliierten (vgl. Z. 19 f., 32 f.):
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Ausstieg aus der Entente durch Separatfrieden der Bolschewiki führt zur Isolierung der Sowjetunion und zum Ausschluss von den Pariser Friedensverhandlungen (1919).
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Intervention der Westalliierten im russischen Bürgerkrieg auf der Seite der Weißen
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„dauerhafter“ Friede auf Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker (vgl. Z. 21–24):
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einerseits Anerkennung der Unabhängigkeit von Finnland und der Ukraine (Friede von Brest-Litowsk)
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andererseits nur bedingte Gewährung der nationalen Selbstbestimmung unter der Prämisse eines internationalistisch ausgerichteten Marxismus-Leninismus
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kein Erstarken der äußeren Macht auf Kosten anderer Völker (vgl. Z. 25 f.)
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einerseits vorübergehende Bildung von unabhängigen sozialistischen Staaten (z. B. Ukraine, Weißrussland und Sowjetrepublik)
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andererseits umgehend russische Hegemonialbestrebungen zur Sicherung der wirtschaftlichen und politischen Grundlage; Gründung der UdSSR (1922)
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