Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe II

Thema: China aus europäischer Sicht

Rahmenthema 2 mit Übergriff auf Rahmenthema 1

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

30%

2.

Erläutere die Krisensymptome, die der Verfasser in Bezug auf das China seiner Zeit sieht. Beziehe deine Kenntnisse zum Krisenbegriff ein.

40%

3.

Nimm Stellung zum Chinabild des Verfassers.

30%

Material

Friedrich Ratzel in einem wissenschaftlichen Beitrag von 1876 über die Ursachen der chinesischen Auswanderung

Friedrich Ratzel (1844-1904) war ein deutscher Geograph, dessen Schriften internationale Aufmerksamkeit erhielten. In der Schrift, aus der dieser Auszug stammt, thematisiert er die im 19. Jahrhundert stark zunehmende Auswanderung aus China in andere Teile Asiens, nach Australien und Amerika.

1
Eine dritte Welle der wachsenden Auswanderung, welche unserer Zeit und der jüngs-
2
ten Vergangenheit angehört, entspricht den Erschütterungen, welche das Reich in
3
den letzten zwanzig Jahren durch die Aufstände der Taiping und der Muhamedaner1
4
und die Invasionen der Europäer erfahren hat. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie
5
wesentlich verstärkt worden ist durch einen allgemeinen Rückgang in der Energie und
6
Intelligenz der Regierenden und, dem entsprechend, in der Tätigkeit, der Ehrlichkeit
7
und dem heilsamen Einflusse der Beamten.
8
Man kann, abgesehen vom Umsichgreifen des Opiumrauchens, kein Zeichen finden,
9
das für eine Verschlechterung des chinesischen Volkes im Großen spräche, und doch
10
ist kein Zweifel, dass das Reich im Niedergange ist. Die Verschlechterung liegt eben in
11
den Regierenden, und das Volk trägt nur insoweit Schuld, als seine Lenksamkeit und
12
Geistesverdumpfung der Missregierung mit allen ihren Lastern den fettesten Boden
13
bietet. […] Das Autoritätsprinzip ist die Grundlage der chinesischen Verwaltung und
14
Regierung. Man kann dieselbe als eine Herdenregierung bezeichnen, denn die Beam-
15
ten stehen vollkommen autokratisch über der Masse des Volkes, das auch Böses lange
16
mit Geduld über sich ergehen lässt, um dann oft urplötzlich blindwütend loszubre-
17
chen und sich ebenso herdenhaft zu wehren, wie es geleitet wurde. […]
18
Soweit man die chinesische Geschichte übersieht, findet man, dass nur die starken,
19
energischen Kaiser dem Lande ruhige und glückliche Zeiten zu verschaffen mochten
20
und dass dies immer am besten den Dynastiengründern […] gelang, in denen noch in
21
friedlichen Zeiten die Energie fortwirkte, durch welche sie sich zum Throne erhoben
22
hatten. Aber Zeiten der Verwirrung und Schwäche wie die jetzigen sind in China nie
23
eine Ausnahme, sondern eine ziemlich häufig wiederkehrende, fast periodische Er-
24
scheinung gewesen [...].
25
Bei so vielen guten Eigenschaften untergeordneter Art, welche die Chinesen besitzen,
26
fehlt ihnen eine einzige große Gabe, deren Mangel alle kleinen Vorzüge aufhebt: der
27
ideale Zug2. Mit diesem sind sie der Begeisterung und der hohen moralischen Gesin-
28
nung bar3, welche über Rücksichten augenblicklicher Nützlichkeit hinweg das Recht
29
um seiner selbst willen vollbringt. Dies erklärt die Häufigkeit der Zeiten des Verfalls
30
und dessen reißende Zunahme, sobald nicht eine starke Hand von oben her Halt ge-
31
bietet.
32
Aber auf den heutigen Niedergang fällt ein Schatten von anderer Seite her. Während
33
bisher das Volk durch seine Emsigkeit und seinen Fleiß im Kleinen immer wieder gut-
34
machte, was seine Herrscher und Beamten im Großen verdarben, und während es
35
durch seine Gewohnheits- und Ordnungsliebe den staatsverderbenden Wirkungen,
36
die sich in den höheren Schichten geltend machten, die Spitze abbrach, fängt nun
37
durch den Verkehr mit Europa und Nordamerika auch dieser feste Boden sich zu lo-
38
ckern an, auf dem sonst die Dauerhaftigkeit Chinas beruht. Der Glaube an China, an
39
die Einzigkeit und Heiligkeit des Reiches, der Glaube an sich selbst, der sonst als der
40
schärfste Zug im chinesischen Volkscharakter hervortrat, wird sich auf die Dauer an-
41
gesichts der unzweifelhaften Überlegenheit der abendländischen Kultur nicht mehr
42
so rein erhalten können wie bisher.
43
Es ist zu fürchten, dass, wenn heute selbst ein neuer Hongwu4 erstände, er China nicht
44
vor dem zersetzenden Einfluss der abendländischen Kultur hüten könnte, welche auf
45
tausend Wegen Eingang sucht. Ja, ein starker, energischer Herrscher würde dem
46
Lande wahrscheinlich mehr schaden als nützen, denn er würde es für seine kaiserliche
47
Pflicht halten, den Anmaßungen der europäischen Barbaren endlich eine Schranke zu
48
setzen und der Stoß, der dann unvermeidlich kommen würde, könnte den alten Bau
49
in einem einzigen Augenblick stürzen machen, während das jetzige System der Um-
50
wege und Ausflüchte ihn wenigstens noch für einige Zeit aufrechterhalten kann. […]
51
So ist auch fast mit Sicherheit vorauszusagen, dass die Auswanderung, soweit sie von
52
den politischen Zuständen bedingt ist, vorerst nur zunehmen kann, denn eine solche
53
Übergangszeit ist keine Zeit für politische Reformen im Innern, und die Kriege und
54
Aufstände, denen das stolze Reich nicht entgehen wird, werden nur zur Vermehrung
55
der Auswanderung beitragen können.

1veraltete Bezeichnung für Muslime

2idealer Zug: Idealismus

3bar: frei von

4Kaiser Hongwu (1328-1398) war erfolgreicher Kriegsherr und Gründer der Ming-Dynastie.

Fundort:Friedrich Ratzel, Die chinesische Auswanderung. Ein Beitrag zur Cultur- und Handelsgeographie, Breslau 1876, S. 51-55.

Weiter lernen mit SchulLV Plus!

monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV