Aufgabe II
Thema: China aus europäischer Sicht
Rahmenthema 2 mit Übergriff auf Rahmenthema 1
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Erläutere die Krisensymptome, die der Verfasser in Bezug auf das China seiner Zeit sieht. Beziehe deine Kenntnisse zum Krisenbegriff ein.
Nimm Stellung zum Chinabild des Verfassers.
Material
Friedrich Ratzel in einem wissenschaftlichen Beitrag von 1876 über die Ursachen der chinesischen Auswanderung
Friedrich Ratzel (1844-1904) war ein deutscher Geograph, dessen Schriften internationale Aufmerksamkeit erhielten. In der Schrift, aus der dieser Auszug stammt, thematisiert er die im 19. Jahrhundert stark zunehmende Auswanderung aus China in andere Teile Asiens, nach Australien und Amerika.
1veraltete Bezeichnung für Muslime
2idealer Zug: Idealismus
3bar: frei von
4Kaiser Hongwu (1328-1398) war erfolgreicher Kriegsherr und Gründer der Ming-Dynastie.
Fundort:Friedrich Ratzel, Die chinesische Auswanderung. Ein Beitrag zur Cultur- und Handelsgeographie, Breslau 1876, S. 51-55.
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Inhaltliche Aspekte:
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Verfasser (international anerkannter deutscher Geograph), Materialart (Sachtext) sowie Zeit (erschienen 1876; zur Zeit der ungleichen Verträge und der Selbststärkungsbewegung) und leitet daraus Aussagen zu Perspektive (eurozentrisch), Adressaten (Fachpublikum) und Intention (Vermittlung seines Chinabildes) ab.
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gegenwärtige Auswanderungswelle als Folge von Aufständen, europäischen militärischen Interventionen und einem wachsenden Qualitätsverlust von Regierung und Verwaltung
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Niedergang Chinas durch Opiummissbrauch sowie Unfähigkeit der autoritären Regierung und Verwaltung auf allen Ebenen des Staates
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Duldung und Förderung dieser Missstände aufgrund von Passivität und Lenkbarkeit des Volkes; Aufstände gegen ineffizienten Beamten- und Regierungsapparat nur in großen Abständen
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Niedergang als strukturell bedingte und periodisch wiederkehrende Erfahrung in der chinesischen Geschichte
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Beschleunigung des Verfalls durch Fehlen eines Idealismus unter Chinesen
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zunehmendes Versagen des Staatsapparats infolge der Kontakte mit imperialistischen Mächten nicht länger durch Fleiß der Chinesen kompensierbar; Verlust der chinesischen Selbstgewissheit der eigenen Überlegenheit unausweichlich
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Unmöglichkeit, sich des westlichen Einflusses zu erwehren
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absehbare Zunahme von Konflikten in China und als Folge eine vermehrte Auswanderung
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Ratzel konstatiert einen offensichtlichen Prozess des Niedergangs (vgl. z. B. Z. 10, 22–24), den er mit einem Verweis auf verschiedene Symptome der Krise illustriert.
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gesellschaftliche (und wirtschaftliche) Krise:
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massenhafter Opiummissbrauch (vgl. Z. 8): Abhängigkeit der Konsumenten; Beschleunigung von Verarmung und wirtschaftlichem Niedergang durch Opiumschmuggel (z. B. durch den Abfluss von Silber)
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staatliches Unvermögen, Schmuggel und Missbrauch dauerhaft zu unterbinden; Niederlagen in den Opiumkriegen
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Bevölkerungsexplosion sowie Umweltkrisen verschärften die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise.
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Anstieg der Auswanderung (vgl. Z. 1 f.) als Folge der Öffnung Chinas
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Krise des Herrschaftssystems (vgl. z. B. Z. 5–7, 10–13):
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zunehmende Dysfunktionalität tradierter Strukturen in Verwaltung und im Beamtenapparat (z. B. Beamtenprüfungsverfahren)
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Korruption
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Behinderung von Modernisierungsbestrebungen durch tradierte Strukturen, z. B. im Zuge der Selbststärkungsbewegung
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Schwächung der kaiserlichen Regierung (z. B. durch Niederlage in Opiumkriegen, ungleiche Verträge, aber auch durch schwache und unfähige Kaiser, Taiping-Aufstand)
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Autoritätsgläubigkeit des Volkes (vgl. Z. 13 f.) als Folge des Konfuzianismus, was das Fortbestehen der alten Strukturen begünstigte
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militärische Krise:
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Niederlagen in den Opiumkriegen (vgl. Z. 4) aufgrund technischer und militärischer Unterlegenheit
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Modernisierung im Rahmen der Selbststärkungsbewegung zu wenig wirksam und in der Folge militärische Niederlagen gegen Japan (1894/95) und gegen die Allianz der imperialistischen Mächte im „Boxeraufstand“ (1900/01)
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kulturelle Krise:
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wachsender Zweifel an der Überlegenheit der eigenen Kultur (vgl. Z. 38–42)
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Vertrauensverlust als Folge militärischer Niederlagen und der Erfahrung der Ausbeutung durch die imperialistischen Mächte
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Ratzel beschreibt die Situation in China als unvermeidbaren Prozess des Niedergangs, doch war – wie das Beispiel des sich schnell modernisierenden Japans zeigt – der Ausgang zunächst offen und der Niedergang somit nicht vorherbestimmt, auch wenn er im weiteren Verlauf des Jahrhunderts immer schwerer abzuwenden war.
Die Stellungnahme bezieht sich auf die Perspektivität des Materials und greift auf Kenntnisse zum europäischen und chinesischen Selbstverständnis zurück. Sie berücksichtigt dabei die Zeitgebundenheit des Materials bzw. der Position des Verfassers.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
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krisenhafte Zuspitzung in verschiedenen Bereichen (vgl. Z. 2–7, 8, 36–42, 49 f.)
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Generalisierung bezüglich eines chinesischen „Volkscharakter[s]“ (Z. 40)
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Darstellung der chinesischen Gesellschaft als autoritätsgläubig (vgl. Z. 13)
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Konstatierung des Niedergangs aufgrund von schlechter Regierung (vgl. 4–7, 22–24) und Unterlegenheit gegenüber imperialistischen Mächten (vgl. Z. 4)
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Nichtbenennung von Reformbemühungen sowie Ansätzen, sich dem Niedergang entgegenzustellen und China zu modernisieren
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Annahme der „Überlegenheit der abendländischen Kultur“ (Z. 41)