Aufgabe I
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Arbeite aus dem Text heraus, mit welchen Aussagen der Konsul in der Rede vor seinen Soldaten die Gallier herabsetzt!
Nenne fünf verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Nimm unter Bezugnahme auf den Text Stellung, ob der Konsul seinen Soldaten auch den vergilischen Aeneas als Vorbild hätte vor Augen stellen können!
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Übersetzungstext
Einem römischen Heer stehen in Asien Kämpfe gegen einen gallischen Stamm bevor, der Gallien einst verlassen und sich hier angesiedelt hat. Die Soldaten reagieren eingeschüchtert wegen der legendären römischen Niederlage gegen gallische Stämme an der Allia mit der anschließenden Belagerung des Kapitols 200 Jahre zuvor. Der befehlshabende Konsul spricht ihnen Mut zu.
(178 Wörter ohne die in Z. 11 und 12 f. übersetzten Passagen)
Anlage 2
Hilfen
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Z. 1 |
me praeterit mit AcI – mir ist unbekannt, dass |
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Z. 1 f. |
omnium gentium praestare mit Abl. – hier: alle Völker durch etwas übertreffen |
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Z. 2 |
Inter mitissimum genus hominum –Die Völker Asiens galten den Römern als verweichlicht. |
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Z. 3 |
promissus, a, um – lang Ad hoc – Dazu kommen noch |
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Z. 4 |
inchoantium proelium – wenn die Gallier in den Kampf ziehen de industria – mit Absicht |
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Z. 5 |
componi (componor, compositus sum) ad terrorem – erschaffen werden, um Angst zu verbreiten quibus – hier: für diese Menschen (Gemeint sind die im Folgenden genannten Völker.) Phryges, Phrygum m. – die Phryger (Volk in Asien; sie galten den Römern als verweichlicht.) Cares, Carum m. – die Karer (Volk in Asien; sie galten den Römern als feige.) |
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Z. 6 |
adsuetus, a, um – hier: vertraut |
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Z. 7 |
Allia, ae f. – (die) Allia (Fluss in Latium, vgl. dt. Einleitungstext) fundere, fundo, fudi – besiegen (Subjekt zu fuderunt sind die Gallier.) ex mit Abl. – seit pecorum in modum – wie Vieh |
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Z. 8 |
consternatos – Lies: consternatos ⟨Gallos⟩ caedunt fugantque – Subjekt sind jetzt die Römer. prope (Adv.) – beinahe; fast |
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Z. 8 f. |
triumphum agere (ago, egi, actum) de mit Abl. – (einen) Sieg feiern über jemanden/etwas |
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Z. 9 |
usu cognitus (a, um) – durch Erfahrung bekannt effundere, effundo – hier: eilig durchführen (Subjekt sind die Gallier.) |
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Z. 10 |
sustinueris – hier: man erträgt; man hält aus fluere, fluo – schwach werden |
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Z. 11 |
ut … admoveas – ohne dass man mit ihnen kämpfen muss T. Manlius / M. Valerius –Diese legendären römischen Jünglinge sollen im 4. Jh. v. Chr. jeweils einen riesigen Gallier im Zweikampf besiegt haben. |
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Z. 12 |
M. Manlius – römischer Patrizier, legendärer Verteidiger Roms |
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Z. 12 f. |
agmine … Gallos (Akk.) – die Gallier, die in Heeresstärke den Kapitolshügel hinaufstiegen |
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Z. 13 f. |
cum haud dubiis Gallis res est mit Dat. – jemand hat es mit echten Galliern zu tun |
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Z. 14 |
hi –Gemeint sind die in Asien lebenden Gallier (vgl. dt. Einleitungstext). |
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Der Konsul sprach die Soldaten vor der Heeresversammlung an: „Mir ist wohlbekannt, Soldaten, dass die Gallier durch ihren Kriegsruhm alle Völker, die Asien bewohnen, übertreffen. Unter dem schwächsten Menschenschlag hat das wilde Volk sich angesiedelt. Ihre Körper sind hochaufragend, das Haar lang und rot gefärbt, die Schilde sind gewaltig, die Schwerter sehr lang. Dazu kommen noch der Gesang, wenn die Gallier in den Kampf ziehen, und das Geheule und die Kriegstänze und der schreckliche Lärm der Waffen. Alles ist mit Absicht erschaffen worden, um Angst zu verbreiten. (5) Aber davor sollen sich die Griechen und Phryger und Karer fürchten – für diese Menschen ist es ungewohnt und neu! Den Römern ist das gallische Lärmen vertraut, auch ihre Eitelkeiten sind bekannt. Einst haben sie ein einziges Mal unsere Vorfahren beim ersten Angriff an der Allia besiegt. Seither töten und vertreiben sie schon 200 Jahre hindurch die Gallier, nachdem sie sie wie Vieh aufgescheucht haben; und es wurden fast mehr Siege über die Gallier gefeiert als über die ganze Welt. Durch Erfahrung ist schon Folgendes bekannt: Wenn man die erste Attacke, die sie eilig mit heißem Herzen und in blindem Zorn durchführen, aushält, (10) werden ihre Glieder vor Anstrengung und Müdigkeit schwach, es wanken ihre Waffen. Sonne, Staub und Durst bringen – ohne dass man mit ihnen kämpfen muss – ihre weichen Körper und weichen Gemüter zu Fall. T. Manlius und M. Valerius haben gezeigt, wie sehr römischer Mut gallisches Rasen übertrifft. Schon M. Manlius hat ganz alleine die Gallier, die in Heeresstärke den Kapitolshügel hinaufstiegen, hinabgeworfen. Und unsere Vorfahren hatten es mit echten Galliern zu tun, die in ihrem eigenen Land geboren waren. Diese hier sind schon degeneriert.“
II. Interpretation
Aussagen, mit denen der Konsul in der Rede vor seinen Soldaten die Gallier herabsetzt:
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Der Konsul führt den Soldaten vor Augen, dass die Gallier nur für Völker bedrohlich erscheinen, die als ängstlich bekannt sind und die keine Erfahrungen im Kampf mit Galliern haben (vgl. Z. 5 f.).
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Die Römer hätten in ihrer Geschichte hingegen den Galliern mehr Niederlagen beigebracht als irgendeinem anderen Volk (vgl. Z. 7–9).
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Die Gallier würden sich zwar als wild und bedrohlich inszenieren, seien in Wirklichkeit aber schwach und ohne Ausdauer (vgl. z. B. Z. 9–11).
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Die in Asien lebenden Gallier seien zudem nicht mit den ursprünglichen Galliern zu vergleichen (vgl. Z. 13 f.).
Folgende Phänomene können z. B. angesprochen werden:
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Die Antithese „mitissimum genus hominum ferox natio“ (Z. 2) verdeutlicht prägnant den unterstellten Unterschied zwischen den Galliern und den Asiaten.
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Das Asyndeton „Procera corpora, promissae et rutilatae comae, vasta scuta, praelongi gladii.“ (Z. 3) handelt in schneller, nicht bei den Einzelheiten verweilender Aufzählung die äußeren Eindrücke ab, die den Römern von den Galliern in Erinnerung sind.
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Das Polysyndeton „Graeci et Phryges et Cares“ (Z. 5) nennt in betonter Anreihung die vielen (vermeintlich) ängstlichen Völker, an deren Furcht sich die Soldaten nicht orientieren sollen.
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Das Hendiadyoin „sudore et lassitudine“ (Z. 10) fasst das körperliche Symptom des Schwitzens und die dadurch angezeigte körperliche Schwäche der Gallier prägnant zusammen.
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Das Polyptoton „Mollia … molles“ (Z. 10) rückt die Unterlegenheit der Gallier in den Bereich einer Verweichlichung, weshalb sie von den römischen Soldaten leicht besiegt werden können.
Begründete Position hinsichtlich der Frage, ob Aeneas in der Rede des Konsuls ein geeignetes Vorbild für die Soldaten hätte abgeben können:
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Zu den zentralen Tugenden des Aeneas gehören Pflichtgefühl (pietas) und Tapferkeit (virtus und fortitudo). Hier ist er ohne Bedenken Vorbild für römische Soldaten, die im Einklang mit dem Handeln der maiores stehen sollen (vgl. Z. 7–9).
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Anders als die Helden, für die sich der Konsul als Vorbilder entschieden hat (vgl. Z. 11–13), gerät Aeneas in der Dido-Episode selbst in die Gefahr, als mollis zu erscheinen. Da der Konsul diese Charaktereigenschaften nur bei den Galliern sehen möchte (vgl. Z. 10), könnte er Aeneas auch für ein ungeeignetes Vorbild halten.
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Aeneas erlebt zwar immer wieder einen Konflikt zwischen seinem Auftrag, den er im Sinne seiner Gefährten und für das zukünftige Rom erfüllen muss, und seinen persönlichen Neigungen, die ihn davon wegzuführen drohen. Er entscheidet sich aber für die Pflicht. Angesichts der Angst der Soldaten, die der Konsul adressiert, kann die Gestalt des Aeneas hier motivierend für eine größere Entschiedenheit wirken.
Andere Ansatzpunkte und Perspektiven sind denkbar. Für die Bewertung dieser Teilaufgabe ist nicht die Vollständigkeit der hier genannten Aspekte entscheidend, sondern das Niveau der Problemerfassung, die Differenziertheit und Plausibilität der Argumentation sowie die Struktur und Klarheit der Darstellung.
Fundstelle des Textes: Liv. XXXVIII 17, 1b–9
Auslassungen:
Z. 1 „in … modum“ hinter „milites“
Z. 2 „pervagata … terrarum“ hinter „natio“
Z. 4 „quatientium … modum“ hinter „tripudia et“
Z. 10 „ubi ira consedit“ nach „molles“
Z. 11 „Non … congrediendo“ hinter „prosternunt“
Ausgabe: T. Livius, Ab urbe condita, Bd. VI, ed. P. G. Walsh, Oxford 1999
Die Interpunktion und Orthographie des lateinischen Textes sind den deutschen Regeln angepasst.