Aufgabe II
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Charakterisiere Aeneas unter Berücksichtigung seiner Werte und Handlungen, wie er im Text erscheint!
Nenne fünf verschiedene sprachlich-stilistische Mittel (darunter können auch zwei metrische Gestaltungsmittel sein), die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Erläutere ausgehend von V. 19–21 die Rolle des fatum als Handlungskonzept in der Aeneis!
Untersuche, inwiefern die virtus des Aeneas, die in Vergils Aeneis zum Ausdruck kommt, der virtus des Staatsmannes entspricht, die in Ciceros de re publica deutlich wird!
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Übersetzungstext
Die Schiffsflotte der Trojaner gerät in einen heftigen Sturm. Auf der Suche nach einer sicheren Küste erreicht Aeneas mit einigen Schiffen endlich eine ruhige Bucht.
Aeneas steigt auf einen Berg, um nach weiteren Schiffen Ausschau zu halten, die es nicht in die Bucht geschafft haben.
Aeneas bringt die getöteten Tiere zu seinen Gefährten und hält folgende Rede:
(137 Wörter ohne die in V. 5 f., V. 15 f. und V. 18 übersetzten Passagen)
Anlage 2
Hilfen
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V. 1 |
hinc atque hinc – hier: auf beiden Seiten dieser Bucht gemini = duo |
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V. 2 |
quorum sub vertice – unter deren Gipfeln |
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V. 4 |
colligere (colligo, collegi, collectum) naves – hier: Schiffe wiederfinden |
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V. 5 |
subire, subeo – hier: fahren |
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V. 5 f. |
ac … harena – die Trojaner, die voll großem Verlangen nach festem Boden von den Schiffen gehen, betreten das ersehnte Festland |
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V. 9 |
armenta, orum n. (Pl.) – Herde (Sg.) |
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V. 9 f. |
sequi (sequor) a tergo mit Akk. – jemandem hinterherlaufen |
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V. 10 |
per vallis pasci (pascor) – im Tal weiden |
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V. 12 |
fidus quae tela – Lies: tela, quae fidus Achates m. (Nom.) – Achates (ein enger Vertrauter von Aeneas) |
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V. 13 |
absistere, absisto – hier: aufhören zu schießen (Subjekt ist Aeneas.) quam mit Konjunktiv – hier: bis mit Indikativ |
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V. 14 |
fundere (fundo) humi – erlegen; zu Boden strecken numerum aequare (aequo) cum mit Abl. – die Zahl der erlegten Tiere an etwas anpassen |
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V. 15 f. |
neque … graviora – uns sind ja schon manche Leiden bekannt –, ach, ihr Männer, die ihr schon Schwereres ertragen habt |
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V. 16 |
his – Lies: his ⟨malis⟩ (Gemeint ist die derzeitige Lage der Trojaner.) |
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V. 17 |
revocare (revoco) animos – Mut fassen |
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V. 18 |
Forsan … iuvabit. – Vielleicht wird uns irgendwann die Erinnerung an all das hier sogar erfreuen. |
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V. 19 |
discrimen (discriminis n.) rerum – hier: Bedrohung |
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V. 21 |
fas mit AcI – es ist vom Schicksal bestimmt, dass |
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V. 22 |
vosmet servate mit Dat. – hier: vertraut auf etwas |
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V. 24 |
premere, premo – verstecken; verbergen cor, cordis n. – Herz |
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?I. Übersetzung (Verg. Aen. I 162–164a; 170–173; 184–188; 192 f.; 198 f.; 202b–209)
Auf beiden Seiten dieser Bucht ragen große Klippen und zwei Felsen in den Himmel; unter deren Gipfeln ruht weithin das geschützte Meer. Hierher fährt Aeneas, nachdem er von der ganzen Zahl sieben Schiffe wiedergefunden hat; (5) die Trojaner, die voll großem Verlangen nach festem Boden von den Schiffen gehen, betreten das ersehnte Festland und sie legen ihre von Salzwasser triefenden Körper am Strand nieder.
Kein Schiff erblickt er vor seinen Augen, er erblickt drei an der Küste umherschweifende Hirsche. Diesen läuft eine ganze Herde hinterher (10) und im Tal weidet die große Schar. Hier stellte er sich hin und mit der Hand ergriff er den Bogen und die schnellen Pfeile – Waffen, die der treue Achates trug. Und er hört nicht eher auf zu schießen, bis er siegreich sieben gewaltige Körper zu Boden streckt und die Zahl der erlegten Tiere an die Schiffe anpasst.
(15) „Ach, Gefährten – uns sind ja schon manche Leiden bekannt –, ach, ihr Männer, die ihr schon Schwereres ertragen habt: Auch diese Leiden wird ein Gott beenden. Fasst Mut und lasst die traurige Furcht fahren! Vielleicht wird uns irgendwann die Erinnerung an all das hier sogar erfreuen. Durch unterschiedliche Unglücksfälle und durch so viele Bedrohungen sind wir unterwegs nach Latium, (20) wo das Schicksal uns eine friedliche Heimat in Aussicht stellt. Es ist vom Schicksal bestimmt, dass dort das Königreich Troja wieder aufersteht. Harrt aus und vertraut auf das Glück!“ Solches sagt er und leidend an gewaltigen Sorgen täuscht er mit seiner Miene Hoffnung vor und verbirgt den Schmerz tief in seinem Herzen.
II. Interpretation
Auf folgende Aspekte kann dabei eingegangen werden:
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Aeneas sorgt dafür, dass zumindest sieben Schiffe den Weg aus dem Sturm heraus in eine sichere Bucht schaffen (vgl. V. 4 f.).
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Direkt danach treibt ihn die Sorge um seine Gefolgsleute an und er versucht als verantwortungsvoller Anführer, noch weitere Schiffe vom Land aus zu erblicken (vgl. V. 8 f.).
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Voller Fürsorge für seine Mannschaft erlegt Aeneas Tiere, um für das Essen der erschöpften Trojaner zu sorgen (vgl. V. 13 f.).
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Entschlossen und pflichtbewusst appelliert Aeneas an die Trojaner, trotz der derzeitigen Lage nicht zu verzweifeln; er selbst zeigt sich den Männern gegenüber zuversichtlich, das versprochene Latium letztendlich zu erreichen (vgl. V. 15–22).
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Aeneas ist aber auch ein zweifelnder Held, der innere Konflikte und Unsicherheiten durchlebt, die er selbstlos vor seinen Gefährten verbirgt (vgl. V. 23 f.).
Folgende Phänomene können z. B. angesprochen werden:
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Das Hyperbaton „Navem … nullam“ (V. 8) verdeutlicht, dass Aeneas’ Hoffnung, es könnten noch andere Schiffe in die sichere Bucht gelangt sein, enttäuscht wird.
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Durch die Litotes „neque enim ignari sumus“ (V. 15) zeigt Aeneas seinen Gefährten unmissverständlich, wie leidgeprüft die Trojaner sind, um sie so für die anstehenden kleineren Schwierigkeiten zuversichtlich zu stimmen.
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Die Alliteration „Dabit deus“ (V. 16) hebt nachdrücklich die göttliche Hilfe hervor, der sich die Trojaner sicher sein können und die ein gutes Ende garantiert.
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Der Chiasmus „Revocate animos maestumque timorem / mittite!“ (V. 17 f.) stellt den Mut und die Angst kontrastiv gegenüber und unterstreicht dadurch Aeneas’ Appell, die frühere Unerschrockenheit zu zeigen.
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Die Anapher „Per … , per …“ (V. 19) bezeugt die Vielzahl der Widrigkeiten, denen die Trojaner auf ihrer Reise ausgesetzt waren und noch immer sind.
Auf folgende Aspekte kann dabei z. B. eingegangen werden:
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Aeneas’ Äußerung „tendimus in Latium, sedes ubi fata quietas / ostendunt. Illic fas regna resurgere Troiae.“ (V. 20 f.) verdeutlicht, dass Latium das vom Schicksal bestimmte Ziel ist, wo der Grundstein für die vorbestimmte neue Herrschaft gelegt werden wird.
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Auch der Hinweis „Per varios casus, per tot discrimina rerum“ (V. 19) ist vor dem Hintergrund des fatum zu sehen, da die Reise der Trojaner mit ihren Konflikten, Kämpfen usw. insgesamt vorbestimmt ist.
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Das fatum ist in diesem Kontext ein unpersönlicher Weltenplan, gegen dessen Erfüllung sich weder Götter noch Menschen auflehnen können.
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Neben dieser großen Bedeutung des fatum für die Handlung der Aeneis auf der Ebene des Mythos ist es aber auch auf der Ebene der Geschichte bedeutungsvoll: Auf dieser rechtfertigt der teleologische Plan des fatum die Begründung des römischen Staates, die Verwirklichung der römischen Weltherrschaft und die augusteische Friedensordnung.
Andere Ansatzpunkte und Perspektiven sind denkbar. Für die Bewertung dieser Teilaufgabe ist nicht die Vollständigkeit der hier genannten Aspekte entscheidend, sondern das Niveau der Problemerfassung, die Differenziertheit und Plausibilität der Argumentation sowie die Struktur und Klarheit der Darstellung.
Dabei kann z. B. auf folgende Aspekte eingegangen werden:
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Der vergilische Aeneas ist ein Musterbeispiel für virtus: Er präsentiert sich als mutiger und tatkräftiger Anführer der Trojaner, der seine Gefährten z. B. erfolgreich aus verschiedenen Gefahrensituationen führt. Diese virtus als Anführer verkörpert er auch als Einzelkämpfer: von der Flucht aus Troja über die Irrfahrten bei der Suche nach der neuen Heimat bis zu den vielen Kämpfen in Latium.
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Cicero betont die Verpflichtung und Motivation des Staatsmannes zur virtus. Diese zeigt sich im aktiven Handeln in der und für die Öffentlichkeit und Politik; schwierige, sogar gefährliche Situationen werden dabei bewusst in Kauf genommen, um die praxisbezogene virtus bei der Lenkung des Staates zur Entfaltung zu bringen. Cicero gibt dieser vita activa den Vorrang vor einer vita contemplativa. Als exemplum kann Cato der Ältere dienen, der sich auch noch hochbetagt für den Staat und das Gemeinwohl einsetzt, anstatt sich der Ruhe zu widmen.
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Aeneas repräsentiert weitgehend die vita activa: Er verkörpert virtus als Tatkraft im Gehorsam gegenüber dem Schicksal, ein neues Königreich zu gründen; sein individuelles Glück, die Liebe zu Dido, gibt er zugunsten der Pflicht auf. Gleichwohl ist er eher militärischer Anführer und nicht wie der Staatsmann bei Cicero Lenker und Bewahrer einer etablierten res publica.
Andere Ansatzpunkte und Perspektiven sind denkbar. Für die Bewertung dieser Teilaufgabe ist nicht die Vollständigkeit der hier genannten Aspekte entscheidend, sondern das Niveau der Problemerfassung, die Differenziertheit und Plausibilität der Argumentation sowie die Struktur und Klarheit der Darstellung.
Fundstelle des Textes: Verg. Aen. I 162–164a; 170–173; 184–188; 192 f.; 198 f.; 202b–209
Ausgabe: P. Vergilius Maro, Opera, ed. R. A. B. Mynors, Oxford 1969 (ND)
Die Interpunktion und Orthographie des lateinischen Textes sind den deutschen Regeln angepasst.