Aufgabe I
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Stelle in Grundzügen dar, was in Ciceros de re publica über die Verpflichtung und Motivation des Staatsmannes zur virtus ausgeführt wird! Arbeite zwei Aussagen aus dem vorliegenden Text heraus, die hierzu passen!
Nenne vier verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Stelle Livius’ Vorstellung von der Frühzeit Roms dar und zeige, dass die Aussagen des Textes (Z. 5–10) dem entsprechen!
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Anlage 1
Übersetzungstext
Cicero führt im Folgenden aus, wie sich Bürger, die hohes Ansehen erlangen wollen, gegenüber ihren Mitbürgern verhalten sollten:
(144 Wörter ohne die in Z. 8 f. übersetzte Passage)
Anlage 2
Hilfen
|
Z. 1 |
Qui – Lies: 〈ii,〉 qui quaerere – hier: bringen; verschaffen |
|
Z.1 f. |
Sudandum est iis – Sie müssen sich abmühen |
|
Z. 2 |
adeundae – Lies: adeundae 〈sunt iis〉 mit Nom.: sie müssen etwas auf sich nehmen subeundae – Lies: subeundae 〈sunt iis〉 mit Nom.: sie müssen etwas erdulden |
|
Z. 3 |
dimicandum –Lies: dimicandum 〈est iis〉 |
|
Z. 5 f. |
qui – hier: diejenigen, die |
|
Z. 5 |
horum – deren (Gemeint sind Personen, die gegen die res publica gehandelt haben.) |
|
Z. 6 |
consiliis resistere (resisto, restiti) – gegen die Pläne … Widerstand leisten |
|
Z. 6 f. |
hi habiti sunt mit Nom. – genau diese haben als jemand gegolten |
|
Z. 6 |
gravis, gravis m. – hier: angesehener Mann auctor, auctoris m. – hier: Förderer |
|
Z. 7 |
dignitas, dignitatis f. – hier: Stand (Gemeint ist der Senatorenstand.) |
|
Z. 8 f. |
Brutos, ... , Aemilios – Helden von der Art eines Brutus, Camillus, Ahala, Decius, Curius, Fabricius, Maximus, Scipio, Lentulus, Aemilius |
|
Z. 9 f. |
reponere (repono) in mit Abl. – aufnehmen in etwas |
|
Z. 10 |
consulere (consulo) mit Dat. – sorgen für jemanden |
|
Z. 11 |
praesentis fructus (Akk. Pl. m.) – gegenwärtige Vorteile |
|
Z. 12 |
Speremus, quae – Lies: Speremus 〈ea〉, quae sed, quod – Lies: sed 〈id〉, quod |
|
Z. 13 |
motus, motus m. – hier: Kraft |
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?I. Übersetzung (Cic. Sest. 139; 143a)
Aber diejenigen, die einen guten Ruf anstreben, müssen anderen Muße und Vergnügungen verschaffen, nicht sich. Sie müssen sich für die Vorteile der Allgemeinheit abmühen, sie müssen Feindschaften auf sich nehmen und sie müssen oft für den Staat Stürme erdulden: Mit vielen Kühnen, Verbrechern und manchmal auch mit den Mächtigen müssen sie kämpfen. Dies haben wir über die Pläne und Taten der berühmtesten Männer gehört, dies haben wir erfahren, dies haben wir gelesen. (5) Aber diejenigen, die deren Angriffe und Versuche unterdrückt haben, die durch Einfluss, die durch Treue, die durch Beständigkeit und die durch Geistesgröße gegen die Pläne der Kühnen Widerstand geleistet haben, genau diese haben immer als angesehene Männer, als Erste, als Anführer, als Förderer dieses Standes und dieser Herrschaft gegolten.
Deswegen wollen wir unsere Helden von der Art eines Brutus, Camillus, Ahala, Decius, Curius, Fabricius, Maximus, Scipio, Lentulus, Aemilius und unzählige andere nachahmen, die diesen Staat gesichert haben! Diese nehme ich jedenfalls (10) in die Versammlung und die Zahl der unsterblichen Götter auf. Wir wollen das Vaterland lieben, wir wollen dem Senat gehorchen, wir wollen für die Guten sorgen! Lasst uns gegenwärtige Vorteile vernachlässigen, lasst uns dem Ruhm der Nachwelt dienen! Wir wollen glauben, dass das das Beste ist, was das Rechte sein wird! Wir wollen erhoffen, was wir wollen, aber, was geschieht, ertragen! Lasst uns schließlich daran denken, dass der Körper tapferer Männer und großer Menschen sterblich, die Kräfte des Geistes aber und der Ruhm der Tüchtigkeit unsterblich sind!
II. Interpretation
Du sollst in Grundzügen strukturiert wiedergeben, was in Ciceros de re publica über die Verpflichtung und Motivation des Staatsmannes zur virtus ausgeführt wird, und zwei Aussagen in dem vorliegenden Text, die hierzu passen, erkennen und darstellen. Dabei kann auf folgende Aspekte eingegangen werden:
-
In de re publica wird ausgeführt, dass insbesondere die politischen Eliten des römischen Staates zur virtus, also zur aktiven Teilnahme an staatlichen Angelegenheiten und zum Einsatz für den Staat (vita activa), angehalten seien. Ein Leben in Muße (otium) sei für sie abzulehnen.
-
Hierbei stellten die Widrigkeiten und Gefahren des politischen Betriebs für den wahren Staatsmann keine Hinderungsgründe dar. Sogar der Tod für die patria sei eine Option.
-
Diese Überzeugungen finden sich im vorliegenden Text z. B. in den Ausführungen wieder, dass Bürger sich für das Allgemeinwohl einsetzen und hierbei auch Feindschaften und Widrigkeiten akzeptieren müssen (vgl. Z. 2 f.).
-
Ebenso passt z. B. auch der Appell des Textes, das Vaterland zu lieben (vgl. Z. 10), gut zu den entsprechenden Ausführungen in de re publica.
Du sollst vier verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, nennen und funktional erklären. Folgende Phänomene können z. B. angesprochen werden:
-
Die Anapher von „qui“ (Z. 5 f.) hebt hervor, welche Arten von Männern es sind, die als große Staatsmänner gelten.
-
Das Asyndeton „Brutos, Camillos, Ahalas, …“ (Z. 8 f.) lässt die Zahl vorbildhafter römischer Politiker der Vergangenheit als besonders groß erscheinen.
-
Das Trikolon „Amemus patriam, pareamus senatui, consulamus bonis!“ (Z. 10 f.) verbindet Vaterlandsliebe, Gehorsam gegenüber dem Senat und die Sorge um die Patrioten zu einer idealen höheren Einheit.
-
Die Antithese „corpus … esse mortale, animi vero motus et virtutis gloriam sempiternam“ (Z. 13 f.) setzt das ewige Bestehen der Geisteskräfte und der Erinnerung an die Tüchtigkeit gegen die körperliche Vergänglichkeit pointiert ab.
Du sollst Livius’ Vorstellung von der Frühzeit Roms strukturiert wiedergeben und auf dieser Basis durch eigene Untersuchungen am Text bestätigen, dass die Aussagen des Textes (Z. 5–10) dem entsprechen. Folgende Aspekte können z. B. angesprochen werden:
-
Livius hat eine idealisierte Vorstellung von der römischen Frühzeit; für ihn sind zentrale römische Werte wie virtus, fortitudo, honor, pietas und moderatio wichtige Kennzeichen der frühen römischen Gesellschaft. Sie sind ganz auf Staat, Gesellschaft und Familie ausgerichtet und dienen dem Wohl des Staates und der Gemeinschaft, wobei der persönliche Einsatz für den Staat z. B. in Form von gloria anerkannt wird.
-
Bei Livius kann das idealisierte Verhalten Einzelner in der Frühzeit seiner eigenen Generation zum Vorbild dienen.
-
Diese Idealisierung findet annähernd eine Entsprechung im vorliegenden Text, indem römische Werte wie auctoritas, fides, constantia und magnitudo animi als charakteristisch für die führenden Bürger Roms bezeichnet (vgl. Z. 5 f.) und bedeutende Römer der Vergangenheit den Zeitgenossen als Vorbilder zur Nachahmung empfohlen werden (vgl. Z. 8 f.).
Andere Ansatzpunkte und Perspektiven sind denkbar. Für die Bewertung dieser Teilaufgabe ist nicht die Vollständigkeit der hier genannten Aspekte entscheidend, sondern das Niveau der Problemerfassung, die Differenziertheit und Plausibilität der Argumentation sowie die Struktur und Klarheit der Darstellung.
Fundstelle des Textes: Cic. Sest. 139; 143a
Auslassungen:
Z. 1 „bonorum … potest“ hinter „famam“
Z. 4 „neque … putaverunt“ hinter „legimus“
Änderungen:
Z. 3 „nonnumquam“ statt „non numquam“
Z. 8 „Quare“ statt „Qua re“
Z. 13 „magnorumque“ statt „magnorum“ gem. app. crit.
Ausgabe: M. Tullius Cicero,Orationes, Bd. 5, ed. G. Peterson, Oxford 1963
Die Interpunktion und Orthographie des lateinischen Textes sind den deutschen Regeln angepasst.