Aufgabe II
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Arbeite aus dem Text (V. 10–17) heraus, mit welchen Argumenten Aeneas seinen Gefährten Mut zu machen versucht!
Nenne vier verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Nenne drei verschiedene gattungsspezifische Merkmale des Epos und weise diese an der Aeneis nach! Mindestens ein Nachweis muss dem vorliegenden Text entnommen sein!
Stelle Ciceros Vorstellung einer vita activa, die in seinem Werk de re publica deutlich wird, dar und erläutere, dass Aeneas mit seinem Handeln in Vergils Aeneis dieser Vorstellung weitgehend entspricht!
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Übersetzungstext
Die Schiffsflotte der Trojaner gerät in einen heftigen Sturm. Auf der Suche nach einer sicheren Küste erreicht Aeneas mit einigen Schiffen endlich eine ruhige Bucht.
Erschöpft betreten die Trojaner das Festland und Aeneas steigt auf einen Berg, um nach weiteren Schiffen Ausschau zu halten, die es nicht in die Bucht geschafft haben.
Aeneas bringt die getöteten Tiere zu seinen Gefährten und hält folgende Rede:
(112 Wörter ohne die in V. 10 f. und V. 13 übersetzten Passagen)
Anlage 2
Hilfen
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V.1 |
septem collectis navibus |
nachdem er nur sieben Schiffe wiedergefunden hat |
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V.2 |
subire, subeo |
hier: fahren |
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V.3f. |
tris cervos errantis |
= tres cervos errantes |
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V.3 |
litus, litoris n. |
Küste |
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V.4 |
armenta, orum n. (Pl.) |
Herde (Sg.) |
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V.4f. |
sequi (sequor) a tergo mit Akk. |
jemandem hinterherlaufen |
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V.5 |
per vallis pasci (pascor) |
im Tal weiden |
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V.7 |
quae tela (Akk. Pl. n.) |
diese Waffen |
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V.7 |
Achates m. (Nom.) |
Achates (ein enger Vertrauter von Aeneas) |
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V.8 |
absistere, absisto |
hier: aufhören zu schießen (Subjekt ist Aeneas.) |
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V.8 |
quam mit Konjunktiv |
hier: bis mit Indikativ |
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V.8 |
victor |
hier: siegreich |
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V.9 |
fundere (fundo) humi |
erlegen; zu Boden strecken |
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V.9 |
numerum cum navibus aequare (aequo) |
die Anzahl der getöteten Tiere an die Zahl der Schiffe anpassen |
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V.10f. |
neque ... graviora |
uns sind ja schon manche Leiden bekannt –, ach, ihr Männer, die ihr schon Schwereres ertragen habt |
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V.11 |
haec, horum n. |
hier: diese Schwierigkeiten; diese Leiden |
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V.12 |
revocare (revoco) animos |
Mut fassen |
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V.13 |
Forsan ... iuvabit. |
Vielleicht wird uns irgendwann die Erinnerung an all das hier sogar erfreuen. |
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V.14 |
discrimen (discriminis n.) rerum |
hier: Bedrohung |
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V.15 |
tendere (tendo) in mit Akk. |
unterwegs sein nach etwas |
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V.16 |
fas mit AcI |
es ist vom Schicksal bestimmt, dass |
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V.17 |
vosmet servate mit Dat. |
hier: vertraut auf etwas |
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V.18 |
voce referre (refero) |
sagen |
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V.19 |
premere, premo |
verstecken; verbergen |
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V.19 |
cor, cordis n. |
Herz |
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?I. Übersetzung (Verg. Aen. I 170–171a; 184–188; 192 f.; 198 f.; 202b–209)
Hierher fährt Aeneas, nachdem er von der ganzen Zahl nur sieben Schiffe wiedergefunden hat. Kein Schiff erblickt er vor seinen Augen, er erblickt drei an der Küste umherschweifende Hirsche. Diesen läuft eine ganze Herde hinterher (5) und im Tal weidet die große Schar. Hier stellte er sich hin und mit der Hand ergriff er den Bogen und die schnellen Pfeile. Diese Waffen trug der treue Achates. Und er hört nicht eher auf zu schießen, bis er siegreich sieben gewaltige Körper zu Boden streckt und die Anzahl der getöteten Tiere an die Zahl der Schiffe anpasst.
(10) „Ach, Gefährten – uns sind ja schon manche Leiden bekannt –, ach, ihr Männer, die ihr schon Schwereres ertragen habt: Auch diese Leiden wird ein Gott beenden. Fasst Mut und lasst die traurige Furcht fahren! Vielleicht wird uns irgendwann die Erinnerung an all das hier sogar erfreuen. Durch unterschiedliche Unglücksfälle und durch so viele Bedrohungen (15) sind wir unterwegs nach Latium, wo das Schicksal uns eine friedliche Heimat in Aussicht stellt. Es ist vom Schicksal bestimmt, dass dort das Königreich Troja wieder aufersteht. Harrt aus und vertraut auf das Glück!“ Solches sagt er und leidend an gewaltigen Sorgen täuscht er mit seiner Miene Hoffnung vor und verbirgt den Schmerz tief in seinem Herzen.
II. Interpretation
Auf folgende Aspekte soll dabei eingegangen werden:
-
Aeneas erinnert seine Gefährten daran, dass sie schon andere und z. T. größere Gefahrensituationen und Leiden bewältigt hätten (vgl. V. 10 f.).
-
Außerdem werde mit göttlicher Hilfe diese Situation bald beendet sein (vgl. V. 11).
-
Das Durchstehen der Schwierigkeiten könne zu schönen Erinnerungen in der Rückschau führen (vgl. V. 13).
-
Mut machen soll auch der Fokus auf die glückliche Zukunft und das verheißene Ziel, die neue Heimat, in der in Frieden gelebt werden könne (vgl. V. 15–17).
Folgende Phänomene können z. B. angesprochen werden:
-
Das Hyperbaton „Navem … nullam“ (V. 3) verdeutlicht, dass Aeneas’ Hoffnung, es könnten noch andere Schiffe in die sichere Bucht gelangt sein, enttäuscht wird.
-
Durch die Litotes „neque enim ignari sumus“ (V. 10) zeigt Aeneas seinen Gefährten unmissverständlich, wie leidgeprüft die Trojaner sind, um sie so für die anstehenden kleineren Schwierigkeiten zuversichtlich zu stimmen.
-
Die Alliteration „Dabit deus“ (V. 11) hebt nachdrücklich die göttliche Hilfe hervor, der sich die Trojaner sicher sein können und die ein gutes Ende garantiert.
-
Die Anapher „Per … , per …“ (V. 14) bezeugt die Vielzahl der Widrigkeiten, denen die Trojaner auf ihrer Reise ausgesetzt waren und noch immer sind.
Dabei können z. B. folgende Merkmale angeführt werden:
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aktives Eingreifen der Götter in die Handlung (z. B. das Verhalten Neptuns im Seesturm),
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Epitheta ornantia (z. B. die formelhafte Wendung pius Aeneas),
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direkte Reden (vgl. die Rede des Aeneas, V. 10–17).
Dabei kann z. B. auf folgende Aspekte eingegangen werden:
-
In dem Werk de re publica entfaltet Cicero seine Vorstellung der Präferenz der vita activa gegenüber der vita contemplativa. Der (Staats-)Mann ist demnach zum aktiven Handeln in der Öffentlichkeit und in der Politik verpflichtet; sein Wirken ist auf das Gemeinwesen und das Gemeinwohl ausgerichtet; schwierige, sogar gefährliche Situationen müssen dabei in Kauf genommen werden. Die vita activa des Staatsmannes ermöglicht die höchste Form von virtus. Nur durch tätiges Eingreifen in die res publica wird die Tugend praktisch wirksam und trägt zum Wohl aller bei.
-
Aeneas repräsentiert weitgehend die vita activa: Er verkörpert virtus als Tatkraft im Gehorsam gegenüber dem Schicksal, ein neues Königreich zu gründen; sein individuelles Glück, die Liebe zu Dido, gibt er zugunsten der Pflicht auf. Gleichwohl ist er eher militärischer Anführer und nicht wie der Staatsmann bei Cicero Lenker und Bewahrer einer etablierten res publica.
Andere Ansatzpunkte und Perspektiven sind denkbar. Für die Bewertung dieser Teilaufgabe ist nicht die Vollständigkeit der hier genannten Aspekte entscheidend, sondern das Niveau der Problemerfassung, die Differenziertheit und Plausibilität der Argumentation sowie die Struktur und Klarheit der Darstellung.
Fundstelle des Textes: Verg.Aen.I 170–171a; 184–188; 192 f.; 198 f.; 202b–209
Ausgabe: P. Vergilius Maro,Opera, ed. R. A. B. Mynors, Oxford 1969 (ND)
Die Interpunktion und Orthographie des lateinischen Textes sind den deutschen Regeln angepasst.