Aufgabe 1 — Reduzierung von Schall durch Schall
Die Geschwister Tim und Erik haben geräuschunterdrückende (Active-Noise-Cancelling) Kopfhörer geschenkt bekommen. Sie vermuten, dass die Geräuschunterdrückung der Kopfhörer auf eine Auslöschung bestimmter Schallwellen durch Interferenz zurückzuführen ist. Ihrer Vermutung wollen sie nachgehen und stellen den Aufbau der Kopfhörer in einem großen Wohnzimmer nach.
Der Aufbau von Tim und Erik ist in Material 1 in Abbildung 1 zu sehen. Sie stellen zwei Lautsprecher gegenüber einem Sofa auf. In Material 1 in Abbildung 2 sind die Schallwellen beider Lautsprecher dargestellt.
Beschreibe die akustische Wahrnehmung von Tim, wenn er sich von links nach rechts entlang der Sofa-Linie bewegt. Mit einem Ohr ist er den Lautsprechern zugewandt, das andere Ohr hält er zu.
Berechne mit den Informationen aus Material 1 die Wellenlänge des Tones und markiere in Abbildung 2 eine Strecke, welche die Wellenlänge repräsentiert.
[Kontrollwert: ]
In Material 1 in Abbildung 2 zeigt Punkt einen Ort minimaler Lautstärke.
Erkläre unter Bezugnahme auf Material 1, Abbildung 2, das Zustandekommen von Orten minimaler Lautstärke.
Zeichne in Abbildung 2 eine Linie mit Orten minimaler Lautstärke durch
Beschreibe die Änderungen im Interferenzbild in Material 1, Abbildung 2, wenn die beiden Lautsprecher die Schallwellen gegenphasig aussenden würden, sich also die Lautsprechermembranen zu jedem Zeitpunkt genau gegenläufig bewegen würden.
Die Lautsprecher schwingen für die folgenden Aufgaben gleichphasig mit gleicher Frequenz und gleicher Amplitude.
Tim findet in seinem Physikbuch die folgende Gleichung zur Bestimmung der Lage der Minima bei Interferenz von Licht am Doppelspalt:
Hierbei bezeichnen (siehe Material 2, Abbildung 3)
-
den Abstand des Minimums
-ter Ordnung von der Lage des Hauptmaximums,
-
-
die Wellenlänge,
-
den Abstand zwischen dem Doppelspalt und dem Schirm und
-
den Spaltabstand.
Leite Gleichung auf Basis der beiden Skizzen in Abbildung 3 in Material 2 her.
Nenne die Voraussetzungen, die bei der Herleitung genutzt werden.
Berechne auf Basis von Gleichung wo sich Erik entlang der Sofa-Linie in Material 1, Abbildung 1, positionieren muss, damit er das Lautstärkeminimum 1. Ordnung des Tones (
) wahrnehmen kann.
In Wirklichkeit liegt das Lautstärkeminimum bei Begründe, warum die Gleichung
in der Situation von Tim und Erik nicht zum korrekten Ergebnis von
führt.
In dem Punkt in Material 1 in Abbildung 1 befindet sich ein Mikrofon.
Die Tonhöhe der beiden Lautsprecher wird nun variiert. Berechne die Tonhöhen (Frequenzen ), bei denen das Mikrofon Lautstärkeminima registriert.
Beim Entfernen von einer Schallquelle nimmt die Lautstärke des Tones mit zunehmender Entfernung ab
Begründe, dass eine nahezu vollständige Auslöschung eines Tones nur dann stattfinden kann, wenn der Abstand eines Mikrofons zu den Lautsprechern im Vergleich zum Abstand der Lautsprecher untereinander sehr groß ist.
Material 3 enthält Informationen zum Active-Noise-Cancelling.
Beurteile die Eignung der Modellierung von Tim und Erik in Material 1, Abbildung 1, zur Nachbildung der Funktionsweise der Active-Noise-Cancelling-Kopfhörer.
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Zwei als punktförmig angenommene Lautsprecher Die Lautsprecher haben einen Abstand von |
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Abbildung 1: Aufbau mit Lautsprechern und Sofa (von oben) |
In der Abbildung 2 ist ein Teil der sich in der Zeichenebene ausbreitenden Schallwellen zu einem festen Zeitpunkt dargestellt. Die durchgezogenen Kreise stellen „Wellenberge“ der Schallwellen dar, die gestrichelten Kreise stellen „Wellentäler“ dar. Die Zeichnung ist nicht maßstabsgetreu.

Abbildung 2: Schallwellen der beiden Lautsprecher
Material 2: Interferenz von Licht am Doppelspalt
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Abbildung 3: Versuchsskizzen zum Doppelspalt (nicht maßstabsgetreu)
Material 3: Active-Noise-Cancelling
Die aktive Geräuschunterdrückung (Active-Noise-Cancelling, kurz ANC) basiert auf dem Prinzip der destruktiven Interferenz von Schallwellen. Durch Mikrofone werden die Schallwellen eines Geräusches aufgenommen, invertiert und als Gegenschall wieder ausgesandt. Das Gegenschallsignal besitzt die gleiche Amplitude und Frequenz, ist jedoch um phasenverschoben. Die Schallwellen des ursprünglichen Geräusches überlagern sich mit dem Gegenschall so, dass die resultierende Lautstärke (Amplitude) möglichst minimiert wird.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Tim nimmt abwechselnd ein Lautstärkemaximum und ein Lautstärkeminimum wahr. Der Ton wird periodisch lauter und leiser.
Die Wellenlänge lässt sich aus dem Quotienten der Ausbreitungsgeschwindigkeit und der Frequenz berechnen. Mit Hilfe von Material 1 ergibt sich somit:
Das kann nun in Abbildung 2 eingezeichnet werden:

An den Orten minimaler Lautstärke kommt es zur destruktiven Interferenz, da sich die eintreffenden Wellen gegenläufig überlagern – es trifft also beispielsweise der Wellenberg der einen Welle exakt auf das Wellental der anderen Welle. Diese spezielle Überlagerung führt zu einer Auslöschung der Schallwellen, was sich akustisch durch eine minimale Lautstärke bemerkbar macht.
Grafisch ist das als Linie (Hyperbel) in das Diagramm einzuzeichnen:

Wenn die Lautsprecher die Schallwellen gegenphasig aussenden würden, so bleibt die Wellendarstellung für den linken Lautsprecher identisch zur Abbildung 2. Beim rechten Lautsprecher kehrt sich die Darstellung jedoch um: Bisherige durchgezogene Linien müssen nun gestrichelt gezeichnet werden und ehemals gestrichelte Linien werden durchgezogen.
Daraus folgt, dass es an allen Orten, an denen es bisher konstruktive Interferenz gab, nun destruktive Interferenz gibt. Umgekehrt wandeln sich alle Orte destruktiver Interferenz zu Orten konstruktiver Interferenz (z.B. entlang der Hyperbel durch ).
Anhand der linken Skizze (auf dem Handy der oberen) lässt sich für das dort dargestellte rechtwinklige Dreieck folgende trigonometrische Beziehung aufstellen:
Anhand der rechten Skizze (auf dem Handy der unteren) lässt sich für das dortige rechtwinklige Dreieck analog dazu folgende trigonometrische Beziehung aufstellen:
Gemäß der Kleinwinkelnäherung lassen sich die Quotienten für kleine Winkel gleichsetzen:
Für die Entstehung von destruktiver Interferenz gilt die Bedingung Das kann in die Gleichung für
eingesetzt werden:
Dass diese Formel so genutzt werden darf, basiert auf zwei wesentlichen Annahmen:
-
Erstens wird von einem parallelen Verlauf der Strahlen am Doppelspalt ausgegangen. Diese Näherung darf gemacht werden, da der Abstand
(die Distanz zwischen Schirm und Doppelspalt) um ein Vielfaches größer ist als der Spaltabstand
-
Zweitens wird die Kleinwinkelnäherung angewendet. Diese kann angewendet werden, da der Abstand
(die Distanz des Minimums
-ter Ordnung vom Hauptmaximum) deutlich kleiner ist als
(die Distanz zwischen Schirm und Doppelspalt). Dadurch ergeben sich für den Winkel
sehr kleine Werte.
Für das Lautstärkeminimum 1. Ordnung gilt Das kann in die hergeleitete Formel eingesetzt werden:
Das Hauptmaximum befindet sich exakt in der Mitte der Couch. Da das Sofa zu beiden Seiten hin jeweils eine Länge von Meter aufweist, müsste Erik sich etwa
links oder rechts neben dem jeweiligen Ende des Sofas platzieren, um das Lautstärkeminimum wahrzunehmen. Er würde sich bei dieser Position folglich nicht mehr auf dem Sofa befinden.
Zudem muss angemerkt werden, dass die Voraussetzungen für die in Aufgabe c1) hergeleitete Gleichung in der realen Situation von Erik und Tim überhaupt nicht erfüllt sind, da sich die räumlichen Dimensionen erheblich von denen eines optischen Versuchs unterscheiden:
-
Der Abstand der Lautsprecher zueinander ist nicht signifikant kleiner als deren Distanz zur Linie des Sofas. Daher darf die Annahme eines parallelen Wellenverlaufs (wie er bei Licht in Abbildung 3 skizziert wird) hier nicht getroffen werden.
-
Ebenso ist der Winkel
in diesem Szenario nicht ausreichend klein. Der Grund dafür ist, dass der Abstand
des Minimums nicht wesentlich kleiner ausfällt als die Entfernung
zwischen den Lautsprechern und der Sofa-Linie. Aus diesem Grund ist die Anwendung der Kleinwinkelnäherung hier falsch.
Für destruktive Interferenz gilt für den Gangunterschied am -ten Minimum:
Der tatsächliche Gangunterschied ergibt sich aus Abbildung 1 mit Hilfe des Satzes des Pythagoras:
Daraus folgt für
Über den bekannten Zusammenhang von Ausbreitungsgeschwindigkeit, Wellenlänge und Frequenz lässt sich anschließend die Gleichung für die Frequenzen herleiten:
Daraus folgt: Immer dann, wenn die Frequenz ein ungeradzahliges Vielfaches von beträgt, registriert das Mikrofon eine destruktive Interferenz und somit eine Auslöschung des Schalls.
Damit sich zwei überlagernde Schallwellen an einem bestimmten Punkt im Raum tatsächlich vollständig auslöschen können, ist es zwingend notwendig, dass ihre Amplituden an diesem Ort exakt gleich groß sind.
Grundsätzlich gilt, dass die Amplitude einer Welle mit zunehmender Entfernung von der Schallquelle kontinuierlich abnimmt. Wenn das Mikrofon in einer Distanz zu den Lautsprechern platziert wird, die im Vergleich zum Abstand der beiden Lautsprecher untereinander sehr groß ausfällt, ist der Unterschied zwischen den beiden zurückgelegten Wegstrecken im Vergleich zur zurückgelegten Wegstrecke nur noch sehr gering. Dadurch darf vereinfachend angenommen werden, dass die Amplituden beider eintreffenden Wellen identisch sind.
Die vorgeschlagene Modellierung durch den Versuchsaufbau aus Abbildung 1 ist zur Erklärung von Active-Noise-Cancelling-Kopfhörern (ANC) aus mehreren physikalischen Gründen eher ungeeignet:
-
Frequenzspektrum: Die im Experiment verwendeten Lautsprecher emittieren einen Ton mit einer einzigen, festen Frequenz. Im Gegensatz dazu wird bei der alltäglichen Nutzung von ANC-Kopfhörern meist Unterhaltungsmusik gehört, welche sich aus einem breiten und komplexen Spektrum unterschiedlichster Frequenzen zusammensetzt. Für jede Frequenz ist der Ort konstruktiver bzw. destruktiver Interferenz an einer anderen Stelle. Die Auslöschung einzelner Frequenzen fällt bei Unterhaltungsmusik somit kaum auf. Würden die Geschwister Unterhaltungsmusik abspielen, wäre der Effekt von Lautstärkeminima und -maxima folglich nicht zu beobachten.
-
Räumliche Anforderungen: Die Abstände zwischen Lautstärkeminima und -maxima können in Abhängigkeit der Frequenz sehr gering ausfallen, sodass sich eine gezielte Reduzierung der Lautstärke immer nur für einen räumlich eng begrenzten Bereich realisieren lässt. Auf den Modellaufbau bezogen bedeutet dies, dass über die gesamte Breite des menschlichen Kopfes hinweg zeitgleich sowohl maximale als auch minimale Lautstärken auftreten könnten. Bei der ANC-Technologie wird die destruktive Interferenz hingegen zielgerichtet für nur einen sehr kleinen Raum direkt am Ohr benötigt und erzeugt.
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Unerwünschtes Auftreten von Maxima: Der Modellaufbau erzeugt neben den gewünschten Lautstärkeminima immer auch Lautstärkemaxima. Ein funktionierendes Active-Noise-Cancelling-System zielt jedoch zwingend darauf ab, ausschließlich destruktive Interferenz herbeizuführen, um ein reines Lautstärkeminimum zu erreichen.
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Störende Reflexionen: Bei dem skizzierten Versuchsaufbau in Abbildung 1 kann es zu unkontrollierten Schallreflexionen an den Zimmerwänden kommen, welche das theoretische Interferenzmuster überlagern und stören. Bei den ANC-Kopfhörern ist das kein Problem.
Hinweis: Erwartet werden mindestens zwei Aspekte. Auch eine positive Antwort kann akzeptiert werden und zur Vergabe der vollen Anzahl von Bewertungseinheiten führen, sofern sie korrekt begründet wird.


