Aufgabe 1
Bismarck – eine Schlüsselfigur der deutschen Geschichte?
„Man kann Geschichte überhaupt nicht machen“, betonte Bismarck 1892, „aber man kann immer aus ihr lernen.“ […] Die Auseinandersetzung mit Bismarcks faszinierender, von Widersprüchen nicht freier Persönlichkeit erscheint auch gut 200 Jahre nach seiner Geburt hilfreich, ja notwendig, gehörte er doch zu den wirkmächtigsten Gestalten und Gestaltern der deutschen Geschichte. Noch immer bewegen wir uns in dem von ihm geschaffenen politischen Raum der föderal und sozialstaatlich organisierten deutschen Nation.
Ulrich Lappenküper, Historiker und Geschäftsführer der Bismarck-Stiftung, 2021
Setze ausgehend vom Zitat, mit der erinnerungskulturellen Bedeutung Otto von Bismarcks für die deutsche Geschichte auseinander.
(Zur Bearbeitung der Aufgabe sind alle Materialien einzubeziehen.)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1 Theodor Fontane (1819 – 1898): Wo Bismarck liegen soll (geschrieben am 31. Juli 1898, einen Tag nach Bismarcks Tod)
1Sachsenführer zur Zeit Karls des Großen, Legendengestalt, gewann im Zuge des zu Anfang des 19. Jahrhun-
derts erwachenden deutschen Nationalgefühls als Vorkämpfer deutscher Freiheit und Verkörperung deutscher
Tugenden neuen gesellschaftlichen Symbolwert.
Material 2 Postkarte, 1933

helmutcaspar.de/aktuelles18/gesch18/schlag.htm (18.09.2025)
Untertitel: Was der König eroberte, – der Fürst formte, – der Feldmarschall verteidigte, – rettete und einigte der Soldat.
Material 3 Bundespräsident Gustav W. Heinemann in einer Rede zum 100. Jahrestag der deutschen Reichsgründung, 1971
Gustav W. Heinemann: Allen Bürgern verpflichtet. Reden des Bundespräsidenten 1969 - 1974, Frankfurt a. M.
1975, S. 46 f.
Material 4a Bismarckierung – ein digitales Projekt der Otto von Bismarck Stiftung, 2024
Bismarck-Orte rund um den Globus
2verherrlichen
https://bismarckierung.de/ (12.05.2026)
Material 4b Bismarcktürme in Thüringen

https://www.bismarcktuerme.net/thueringen (12.05.2026)
Material 4c Hamburg streitet über Bismarck-Denkmal, Der Nordschleswiger (Lokalzeitung), 15. Juli 2020
https://www.nordschleswiger.dk/kultur/hamburg-streitet-ueber-bismarck-denkmal/1359143 (12.05.2026)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Ausgehend von einem Bismarck-Zitat zum Thema Lernen aus der Geschichte
konstatiert Lappenküper, dass die Beschäftigung mit Bismarcks schillernder und
ambivalenter Persönlichkeit auch im 21. Jahrhundert geboten sei. Der Historiker
zählt Bismarck zu den bemerkenswertesten und prägendsten Personen der
deutschen Geschichte. Dieser habe den politischen Rahmen geschaffen, in dem
sich die deutsche Nation noch heute föderal und sozialstaatlich bewege.
Resümee, Verknüpfung mit der Ausgangsproblematik
Bismarck gehört zu den umstrittenen Figuren der deutschen Geschichte. Die ide-
alisierende Züge tragende Erinnerungskultur ab dem Ende des 19. Jahrhunderts
nimmt vor allem Bezug auf seine Rolle als Gründer des Deutschen Reiches
1871. Die Einschätzung seiner Außenpolitik sowie der staatlichen Sozialgesetz-
gebung resultieren nicht zuletzt aus der Rückschau des folgenden Wilhelmini-
schen Zeitalters. Diese Verehrung wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
aufgegriffen und politisch instrumentalisiert. Die problematischen Aspekte ei-
ner solchen Erinnerungskultur werden verstärkt in der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg thematisiert und beziehen sich besonders auf das undemokratische
und obrigkeitsstaatliche sowie außenpolitisch ambivalente Wirken Bismarcks.
So oder so bleibt Bismarck eine prägende politische Gestalt der deutschen Ge-
schichte des 19. Jahrhunderts mit starkem Einfluss auf die Erinnerungskultur bis
in die Gegenwart. Insofern kann Lappenküper, der dies aus der Perspektive des
Geschäftsführers der Bismarck-Stiftung äußert, zugestimmt werden. Inwieweit
sich unmittelbare Spuren von Bismarcks Politik bis in die Gegenwart nachver-
folgen lassen, wird diskutiert. Die kritische Auseinandersetzung mit dem zeit-
genössischen und gegenwärtigen Gebrauch von Geschichte verliert auch im 21.
Jahrhundert nicht an Bedeutung.
sachgerechte inhaltliche Schwerpunktsetzung unter Nutzung des Fachwort-
schatzes und historischer Daten
mögliche inhaltliche Schwerpunkte:
-
Reichsgründung und „Revolution von oben"
-
politische Ordnungsvorstellungen und Gestaltungskräfte im Kaiserreich bis 1890
-
Innen- und Außenpolitik im Kaiserreich bis 1890
-
politische Kultur im Kaiserreich bis 1890
-
nationalstaatliche Erinnerungskultur im Wandel der Zeit
-
Umgang mit Geschichte
Analysiere und bearbeiten die Materialien (formal und inhaltlich), führe Belege
führung, sach- und methodenkompetente Verknüpfung zwischen Materialien
und eigenen Gedankengängen
Material 1
historischer Kontext: Tod Bismarcks, 1898
Inhalte:
-
Plädoyer für einen möglichen Beisetzungsort Bismarcks im Sachsenwald
-
Zukunftsvision einer respektvollen Begegnung von Fremden mit Bismarcks Beisetzungsort
Erörterungsmöglichkeiten:
-
Deutung Bismarcks als wirkmächtige und ehrfurchtsgebietende historische Figur
-
Verbindung Bismarcks mit legendären Gestalten der deutschen Geschichte
und ihrer Deutung im 19. Jahrhundert
-
Beginn einer mythisch-romantisierenden Verklärung Bismarcks unmittelbar
nach seinem Tod
Material 2
historischer Kontext: nationalsozialistische Machtübernahme, 1933
Inhalte:
-
Bildpostkarte mit Friedrich II. als König von Preußen, Bismarck als Fürst,
Hindenburg als Feldmarschall und Hitler als Soldat
-
Personen chronologisch angeordnet, in einer Reihe auf gleicher Höhe
-
Spruch mit Verweis auf deren vermeintliche historische Leistung
Deutung Erörterungsmöglichkeiten:
-
propagandistischer Rückgriff Hitlers auf mythologisierte Figuren der
deutsch-nationalen Geschichtsschreibung und deren Verdienste
-
Ziel: Autzeigen von Kontinuität und Fortsetzung von zeitgenössisch positiv
bewerteten historischen Traditionen
-
Verharmlosung der Errichtung und Durchsetzung einer totalitären Diktatur
durch Nutzung von Kult und Mythos, u. a. um Bismarck
Material 3
historischer Kontext: 100. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches,
1971
Inhalte:
offizielle Rede des Bundespräsidenten Gustav Heinemann
-
späte nationale Einheit Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen
Staaten
-
beständige Forderung nach nationaler Vereinigung seit Befreiungskriegen
gegen Napoleon, Höhepunkt 1848/49
-
fortlaufende Verhinderung der Einheit durch Einzelinteressen der Fürsten-
Staaten
-
Bismarck als Begründer der Einheit – gängige, aber vereinfachte und ver-
zerrte Darstellung der Geschichte
-
erzwungene kleindeutsche Vereinigung zum Deutschen Reich durch Bis-
marck
-
Reichsgründung unter Ausschluss demokratischer Traditionen
-
Gründungsakt in Versailles nur in Anwesenheit von Fürsten, Militärs und
Beamten
-
Spaltung der demokratischen und nationalen Kräfte durch Reichsgründung
-
Bindung von Nationalbewusstsein an den Konservatismus
-
Reichsgründung als äußere Einheit ohne wahre Freiheit der Bürger
Erörterungsmöglichkeiten:
-
kritische Sicht auf Reichsgründung und Bismarck aus demokratischer Per-
spektive der Bundesrepublik Anfang der 1970er Jahre
-
Dekonstruktion
Material 4a
historischer Kontext: digitales Projekt, 2024
Inhalte:
-
kultische Verehrung Bismarcks schon zu Lebzeiten
-
Entstehung ausgeprägter Erinnerungskultur nach seinem Tod (rechtferti-
gende Literatur, Denkmale, Namensgebungen im öffentlichen Raum)
-
Folgen: starke öffentliche Präsenz Bismarcks auch im 21. Jahrhundert
-
Verehrung, im Unterschied zum Personenkult in Diktaturen, durch örtliche
Initiativen von unten
Material 4b
historischer Kontext:
-
Kartendarstellung zu Bismarcktürmen in Thüringen, 2004
Inhalte:
-
kartografische Darstellung der Standorte von 16 erhaltenen und 7 zerstörten
Bismarcktürmen in Thüringen
-
Verteilung über ganz Thüringen
Erörterungsmöglichkeiten:
-
Bismarckverehrung in der Region
-
politische Bedeutung und Umgang mit dem Erbe heute
Material 4c
historischer Kontext: Zeitungsartikel, 2020
Inhalte:
Kontroverse um die Sanierung des Bismarck-Denkmals in Hamburg
-
Verweis auf Kritiker des Denkmals und ihre Argumente (Bismarck als Anti-
Demokrat, Kriegstreiber und Wegbereiter des Kolonialismus, Verehrung un-
zeitgemäß)
-
kurze Darlegung der Denkmalsgeschichte
-
Hinweis auf Proteste gegen das Denkmal und damit verbundene Forderungen
Erörterungsmöglichkeiten:
-
Umgang mit Relikten der Bismarckverehrung
-
Auseinandersetzung mit Darstellungen, Dekonstruktion