Aufgabe 1
Werk im Kontext
Thema
Katharina Hacker: Die Habenichtse
Aufgabenstellung
-
Interpretiere die Textstelle; beziehe das für das Verständnis Wesentliche aus der vorangehenden Handlung ein. (ca. 50%)
-
Wesentlicher Bestandteil einer dauerhaften und erfolgreichen Partnerschaft ist, dass beide Partner ehrlich zueinander sind. Dabei bedeutet Ehrlichkeit nicht, dass wir unseren Partner über die kleinsten Einzelheiten, Gedanken und intimsten Geheimnisse informieren. [...] Ehrlichkeit in positivem Sinne bedeutet, dass wir unseren Partner über die Dinge informieren, die für ihn und unsere Partnerschaft wichtig sind.
Dr. Doris Wolf, Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin (Quelle: www.partnerschaft-beziehung.de/ehrlichkeit.html)
Katharina Hacker Die Habenichtse und Anna Seghers Transit:
Erörtere in einer vergleichenden Betrachtung, inwieweit Isabelle und Jakob aus Die Habenichtse von Katharina Hacker sowie der Ich-Erzähler und Marie aus Transit von Anna Seghers ehrlich miteinander umgehen und die im Zitat genannten Bedingungen für eine dauerhafte und erfolgreiche Partnerschaft auf sie zutreffen. (ca. 50%)
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Katharina Hacker: Die Habenichtse
Aus: Katharina Hacker, Die Habenichtse, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuchverlag 22017, S. 118-121. (entspricht Reclam-Verlag S. 138–141).
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
-
Katharina Hackers Roman Die Habenichtse aus dem Jahr 2006 thematisiert Menschen, die zwar materiell abgesichert sind, denen jedoch Nähe, Orientierung und emotionale Sicherheit fehlen. Im Mittelpunkt stehen Jakob und Isabelle, die sich am 11. September 2001 wiederbegegnen, heiraten und nach London ziehen.
-
Die vorliegende Textstelle schildert einen gemeinsamen Weg durch London sowie die anschließende Begegnung mit Jakobs Vorgesetztem Bentham. Dabei wird deutlich, dass Jakob und Isabelle zwar äußerlich ein Paar sind, sich innerlich jedoch bereits voneinander entfremdet haben.
-
Für das Verständnis ist die vorangehende Handlung wichtig: Jakob hat New York kurz vor den Anschlägen verlassen, während sein Kollege Robert dort ums Leben kam. Da Jakob später dessen berufliche Position übernimmt, leidet er unter Schuldgefühlen. Isabelle betrachtet er als seine „Retterin“, weil er wegen ihr abgereist war. Ihre Ehe beruht daher nicht nur auf Liebe, sondern auch auf Zufall, Schuld und gegenseitigen Vorstellungen.
Hauptteil
Entfremdung zwischen Jakob und Isabelle
-
Bereits zu Beginn wird die Widersprüchlichkeit ihrer Beziehung deutlich. Obwohl ihre Hände sich berühren, sind sie „mit dem winzigen Mißtrauen zu großer Nähe“ verbunden und zugleich von dem Wunsch erfüllt, sich voneinander zu entfernen (Z. 1–3). Körperliche Nähe führt somit nicht zu Geborgenheit, sondern zu Misstrauen und Unbehagen.
-
Isabelle verlagert ihr Gewicht und „rückte von Jakob ab“ (Z. 5). Diese Bewegung verdeutlicht symbolisch die innere Distanz zwischen beiden. Auffällig ist außerdem, dass sie nicht miteinander sprechen. Ihre Gefühle werden nur durch Bewegungen und Jakobs Gedanken vermittelt. Die fehlende Kommunikation zeigt, dass sie ihre Probleme nicht offen ansprechen.
-
Jakob beobachtet die Leuchtanzeige und fürchtet, anstelle des Stationsnamens könne eine Terrorwarnung erscheinen (vgl. Z. 5–7). Die vorgestellte Meldung lautet: „Alert! Terror Attack!“ (Z. 7). Dadurch wird deutlich, dass ihn die Anschläge des 11. September weiterhin belasten.
-
Als der Zug sich wieder bewegt, gibt Jakob sich „einen Ruck“ (Z. 9), und sein Gesicht wird „fester, männlicher“ (Z. 8). Diese Männlichkeit wirkt jedoch aufgesetzt. Jakob versucht, Sicherheit auszustrahlen, obwohl er innerlich ängstlich und unsicher ist.
-
Nach dem Aussteigen erscheint London als chaotischer und unübersichtlicher Ort. Die Lichter „verzerrten die Konturen“ (Z. 11), während die Umgebung zugleich „futuristisch und mittelalterlich“ (Z. 13) wirkt. Die Aufzählung von „Reisenden, Händlern, Dieben, Ausrufern, Bettlern und Verrückten“ (Z. 13–14) erzeugt einen Eindruck von Unruhe und Orientierungslosigkeit.
-
Diese Beschreibung spiegelt die Beziehung wider. Jakob und Isabelle werden „immer wieder […] auseinandergedrängt“ (Z. 17–18). Vordergründig trennt sie die Menschenmenge, symbolisch stehen dahinter jedoch ihre unterschiedlichen Gefühle und Bedürfnisse.
-
Jakob glaubt, Isabelle „nichts bieten“ (Z. 18) zu können. Dies zeigt sein geringes Selbstwertgefühl. Er möchte ihr Schuhe kaufen und ihr möglicherweise sein Büro zeigen (vgl. Z. 19–21), setzt diese Gedanken aber nicht um. Er bleibt passiv und spricht nicht mit Isabelle über seine Unsicherheit.
-
Hier zeigt sich die Bedeutung des Titels Die Habenichtse: Jakob und Isabelle besitzen zwar materielle Sicherheit, ihnen fehlen jedoch Vertrauen, Nähe und emotionale Stabilität.
-
Isabelle bewegt sich lebendig und selbstständig durch die Stadt. Sie läuft voraus, ruft Jakob, lockt ihn und versteckt sich hinter einem Auto (vgl. Z. 28–29). Jakob empfindet diesen Übermut jedoch als „provozierend und ihm fremd“ (Z. 29). Obwohl Isabelle seine Ehefrau ist, erscheint sie ihm nicht vertraut.
-
Er vergleicht sie mit einer „kleine[n] Cousine“ (Z. 23), die nur für ein Wochenende eingeladen worden sei (Z. 22–25). Dieser Vergleich stellt die Vertrautheit ihrer Ehe infrage. Isabelle wirkt auf Jakob wie ein vorübergehender Gast. Die „kleine erotische Verwirrung“ (Z. 26–27) zeigt außerdem, dass er zwischen kindlicher und erotischer Wahrnehmung schwankt.
Begegnung mit Bentham und sprachliche Gestaltung
-
Isabelle steuert ein Restaurant an und stößt die Tür auf, während Jakob ihr lediglich folgt (vgl. Z. 29–32). Dadurch wird erneut der Gegensatz zwischen ihrer Aktivität und seiner Passivität deutlich.
-
Im Restaurant wird Jakob von den Kellnern „in den Hintergrund“ (Z. 35) gedrängt (Z. 34–35). Diese räumliche Position entspricht seinem inneren Zustand: In Gegenwart Benthams fühlt er sich klein und unsicher.
-
Vor Bentham steht Jakob „gleich einem Schüler“ (Z. 40). Seine zuvor künstlich hergestellte Männlichkeit bricht zusammen. Er errötet und murmelt nur etwas Unverständliches. Bentham erscheint ihm dagegen souverän und überlegen.
-
Besonders auffällig ist, dass Jakob Benthams „Berührung [...] warm und tröstlich“ (Z. 45) empfindet. Während die Berührung mit Isabelle zu Beginn Misstrauen auslöst, vermittelt Bentham ihm Geborgenheit und Sicherheit.
-
Am Ende hört Jakob nicht mehr, welchem Vorschlag die anderen zustimmen, weil er Bentham betrachtet (vgl. Z. 55–57). Seine Aufmerksamkeit gilt damit nicht seiner Ehefrau, sondern seinem Vorgesetzten. Dies zeigt seine starke Faszination für Bentham.
-
Die Textstelle wird überwiegend aus Jakobs Perspektive erzählt. Dadurch erhalten die Leserinnen und Leser Einblick in seine Ängste und Unsicherheiten, während Isabelles Gedanken verborgen bleiben. Sie wirkt deshalb auch sprachlich fremd und schwer verständlich.
-
Zahlreiche Bewegungsverben wie „rückte“, „trieb“, „rannte“, „lockte“ und „folgte“ erzeugen Unruhe. Zudem prägen Gegensätze wie Nähe und Entfernung, Anziehung und Misstrauen sowie Männlichkeit und Unsicherheit die Szene. Sie spiegeln die instabile Beziehung zwischen Jakob und Isabelle.
Fazit
-
Die Textstelle verdeutlicht die zunehmende Entfremdung zwischen Jakob und Isabelle. Obwohl sie verheiratet sind, fehlt es ihnen an offener Kommunikation, Vertrauen und emotionaler Nähe.
-
Jakob leidet unter Schuldgefühlen und einem schwachen Selbstwertgefühl. Isabelle erscheint ihm gleichzeitig anziehend und fremd. Besonders bedeutend ist seine Faszination für Bentham, bei dem er die Sicherheit findet, die ihm in seiner Ehe fehlt.
-
Damit bereitet die Szene die spätere Beziehungskrise vor. Jakob und Isabelle sind nicht materiell arm, sondern vor allem arm an Nähe, Sicherheit und gegenseitigem Verständnis.
Teilaufgabe 2
Überleitung
-
Nach Doris Wolf bedeutet Ehrlichkeit in einer Partnerschaft nicht, dass beide Partner jedes persönliche Detail offenlegen müssen. Sie sollen jedoch über alles sprechen, was für den anderen und für die gemeinsame Beziehung wichtig ist.
-
Sowohl Isabelle und Jakob aus Die Habenichtse als auch der Ich-Erzähler und Marie aus Anna Seghers’ Transit erfüllen diese Bedingung nur eingeschränkt. Beide Beziehungen sind durch Schweigen, Geheimnisse und unausgesprochene Gefühle belastet. Während Jakob und Isabelle vor allem durch Verdrängung und fehlende Kommunikation unehrlich sind, verschweigt der Ich-Erzähler Marie bewusst eine lebensentscheidende Wahrheit.
Hauptteil
Isabelle und Jakob
-
Jakob und Isabelle sprechen kaum darüber, was sie wirklich voneinander erwarten. Jakob betrachtet Isabelle als seine Retterin, weil er wegen ihr New York verlassen hatte. Ob er sie als eigenständige Person liebt oder vor allem mit seiner Rettung verbindet, klärt er jedoch nicht offen.
-
Ihre Unehrlichkeit besteht weniger aus direkten Lügen als aus Schweigen und Verdrängung. In der Textstelle wünschen sich beide trotz ihrer körperlichen Nähe, sich voneinander zu entfernen (vgl. Z. 1–5). Sie sprechen aber nicht über diese Distanz.
-
Jakob glaubt außerdem, Isabelle nichts bieten zu können (vgl. Z. 17–18). Diese Unsicherheit ist für ihre Ehe wichtig, wird von ihm jedoch verschwiegen. Auch über seine Schuldgefühle wegen Roberts Tod spricht er kaum, obwohl diese seine Beziehung stark beeinflussen.
-
Hinzu kommt seine Faszination für Bentham. Dessen Berührung empfindet er als „warm und tröstlich“ (Z. 45), während die Nähe zu Isabelle Misstrauen auslöst. Am Ende richtet er seine ganze Aufmerksamkeit auf Bentham (vgl. Z. 55–57). Sobald diese Faszination seine Ehe beeinflusst, wäre sie beziehungsrelevant.
-
Auch Isabelle spricht nicht offen über ihre Einsamkeit und Unzufriedenheit. Später entwickelt sie eine Anziehung zu Jim, der ihr die Intensität vermittelt, die sie in ihrer Ehe vermisst. Diese Gefühle verschweigt sie Jakob ebenfalls.
-
Damit erfüllen beide die Bedingung aus dem Zitat nur eingeschränkt. Sie verbergen gerade jene Gefühle, die für ihre Beziehung wichtig wären. Ihre Ehe leidet vor allem unter Sprachlosigkeit, emotionaler Distanz und fehlendem Vertrauen.
Der Ich-Erzähler und Marie
-
In Transit gelangt der namenlose Ich-Erzähler an die Papiere des Schriftstellers Weidel, der Selbstmord begangen hat. In Marseille begegnet er Marie, Weidels Ehefrau. Sie weiß nicht, dass ihr Mann tot ist, und sucht weiter nach ihm.
-
Der Erzähler erkennt Marie, verschweigt ihr jedoch, dass Weidel tot ist und dass er selbst dessen Papiere benutzt. Dadurch hält er Maries Hoffnung aufrecht. Diese Informationen beeinflussen ihre Gefühle, ihre Beziehungen und ihre Entscheidung über die Ausreise.
-
Nach Doris Wolfs Definition müsste er Marie unbedingt die Wahrheit sagen. Sein Wissen betrifft nicht ein privates Detail, sondern ihre gesamte Lebensplanung.
-
Zwar könnte sein Schweigen zunächst als Schutz vor einer schmerzhaften Wahrheit erscheinen. Gleichzeitig handelt er jedoch eigennützig, weil er sich in Marie verliebt und hofft, sie für sich gewinnen zu können. Seine Hilfe ist deshalb widersprüchlich: Er unterstützt Marie, manipuliert aber zugleich ihre Situation.
-
Marie ist ebenfalls nicht vollkommen offen. Sie fühlt sich zum Erzähler hingezogen, bleibt jedoch emotional an Weidel gebunden. Erst spät erklärt sie, dass Weidel der eigentliche Rivale des Erzählers ist. Ihre Unehrlichkeit ist jedoch weniger schwerwiegend, da sie selbst von falschen Informationen ausgeht.
-
Als der Erzähler schließlich die Wahrheit sagt, glaubt Marie ihm nicht mehr. Das Geständnis kommt zu spät, um Vertrauen herzustellen. Dies zeigt, dass Ehrlichkeit nicht nur ausgesprochen werden muss, sondern auch rechtzeitig erfolgen muss.
Vergleich und Bewertung
-
Beide Beziehungen weisen Gemeinsamkeiten auf. Wichtige Gefühle und Informationen werden nicht rechtzeitig ausgesprochen. Zudem stehen zwischen den Partnern weitere Personen: Jakob orientiert sich an Bentham, Isabelle an Jim und Marie weiterhin an Weidel.
-
Der wichtigste Unterschied liegt in der Art der Unehrlichkeit. Bei Jakob und Isabelle handelt es sich vor allem um gegenseitiges Schweigen und Verdrängen. Es gibt keine einzelne zentrale Lüge, sondern viele unausgesprochene Gefühle.
-
Der Ich-Erzähler kennt dagegen eine konkrete Wahrheit und verschweigt sie bewusst. Dadurch beeinflusst er Maries Entscheidungen. Seine Unehrlichkeit ist deshalb gezielter und schwerwiegender.
-
Auch die Lebensumstände unterscheiden sich. Jakob und Isabelle leben materiell abgesichert, während Marie und der Erzähler sich auf der Flucht befinden. Diese Situation erklärt manche Geheimnisse, rechtfertigt aber nicht die bewusste Täuschung Maries.
Schluss
-
Die Bedingungen für eine dauerhafte und erfolgreiche Partnerschaft treffen auf beide Paare insgesamt nicht zu.
-
Jakob und Isabelle scheitern vor allem an Sprachlosigkeit, Verdrängung und emotionaler Distanz. Sie verschweigen einander ihre Ängste, ihre Einsamkeit und ihre Anziehung zu anderen Menschen.
-
Beim Ich-Erzähler und Marie wiegt die fehlende Ehrlichkeit noch schwerer. Der Erzähler verschweigt Marie den Tod ihres Mannes und nimmt ihr damit die Möglichkeit, selbstbestimmt über ihre Zukunft zu entscheiden.
-
Beide Romane bestätigen somit Doris Wolfs Aussage: Partner müssen nicht jedes persönliche Geheimnis offenlegen. Sie müssen jedoch ehrlich über alles sprechen, was für Vertrauen, Gefühle und die gemeinsame Zukunft entscheidend ist. Genau diese Ehrlichkeit fehlt in beiden Beziehungen.