Aufgabe I: Körper – Raum – Bewegung
Hinweis: In der Prüfung erhältst du zwei Aufgaben, von denen du dir eine aussuchen und bearbeiten darfst.
I. Gegenstand der Aufgabe
Rebecca Horn (1944–2024)
Weißer Körperfächer, 1970–1972
Abb. 1–8
Stoff, Metallkonstruktion, Durchmesser: 300 cm
Tate Gallery, London
Oskar Schlemmer (1888–1943)
Scheibentänzer, 1922
Abb. 9
Holz (farbig gefasst), Papiermaché, 194 x 62 x 100 cm
Staatsgalerie Stuttgart
II. Arbeitsauftrag
Beschreibe und analysiere Rebecca Horns Werk „Weißer Körperfächer“.
Deute die Arbeit Rebecca Horns in Hinblick auf das Verhältnis von Objekt und Mensch. Beziehe in deine Überlegungen vergleichend den „Scheibentänzer“ von Oskar Schlemmer ein.
III. Bewertung
Die Aufgabe stellt eine Gesamtheit dar und wird mit maximal 15 NP bewertet.
IV. Hinweise zur Bearbeitung der Aufgabe
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Formuliere deine Ausführungen in einem zusammenhängenden Text.
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Achte auf Gliederung und sprachlich angemessene Form.
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Belege deine Aussagen anhand der Abbildungen.
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Für die Beurteilung ist die Reinschrift maßgeblich.
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Abb. 1–3: Rebecca Horn, Weißer Körperfächer, 1972 (Schwarzweißfotografien)


Abb. 4, 5: Rebecca Horn, Weißer Körperfächer, 1972 (Filmstill)

Abb. 6: Rebecca Horn, [unleserlich – Titel im Bild], 1970, Tinte, Farbstift u. Bleistift auf Papier, 29,7 x 21 cm
Text in Abb. 6:
nach vorne zu bewegen
langsames aufklappen (Dauer 1 Min)
entfalten

Abb. 7: Rebecca Horn, Weißer Körperfächer, 1972, Holz, Stoff, Metall, 70 x 143 x 68 cm, und gerahmte Fotografie

Abb. 8: Rebecca Horn, Weißer Körperfächer, 1972 (Schwarzweißfotografie)

Abb. 9: Oskar Schlemmer, Scheibentänzer, 1922 (Ausstellungssituation)
Abbildungsnachweis
Abb. 1–3: Meisterwerke der Kunst. SondermappeKörper – Raum – Bewegung. Gianlorenzo Bernini. Oskar Schlemmer. Rebecca Horn. Villingen: Neckar-Verlag, 2023, Bildtafel 17, zu Prüfungszwecken bearbeitet
Abb. 4–7:Rebecca Horn. Körperphantasien. Wien: VfmK Verlag für moderne Kunst, 2019, S. 60–63, zu Prüfungszwecken bearbeitet
Abb. 8: Brugger, Ingried und Busse, Bettina (Hg):Rebecca Horn. Berlin: Hatje Cantz, 2021, S. 55
Abb. 9: Staatsgalerie Stuttgart und Conzen, Ina (Hg):Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt. München: Hirmer, 2014, S. 221
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?1. Beschreibung und Analyse von Rebecca Horns Weißer Körperfächer
Einleitung
Die Performance Weißer Körperfächer wurde von Rebecca Horn zwischen 1970 und 1972 entwickelt. Das Werk besteht aus einer Konstruktion aus Stoff und Metall, die von einer Person am Körper getragen wird. Durch gezielte Armbewegungen lässt sich der Fächer langsam entfalten und wieder schließen. Das Werk verbindet Performance, Skulptur und Körperobjekt und untersucht das Verhältnis zwischen Mensch, Bewegung und Raum.
Beschreibung
Die Bildfolge zeigt eine einzelne Person vor einer hellen, nahezu leeren Sandlandschaft. Die Umgebung ist reduziert und lenkt den Blick vollständig auf die Figur. In der ersten Aufnahme steht die Person frontal und aufrecht mit eng am Körper anliegenden Armen. Der weiße Stoff hängt seitlich herab und verdeckt die Konstruktion weitgehend.
Im zweiten Bild werden die Arme langsam seitlich ausgestreckt. Dadurch spannt sich der Stoff zu einem halbkreisförmigen Fächer auf. Die Bewegung wirkt langsam und kontrolliert.
Im dritten Bild ist der Fächer vollständig geöffnet. Der Stoff bildet nun einen nahezu geschlossenen Kreis von etwa drei Metern Durchmesser. Der Körper befindet sich genau in der Mitte der Kreisform und bildet deren senkrechte Achse. Weitere Fotografien zeigen den Fächer von der Seite sowie das langsame Zusammenklappen der Konstruktion. Die Zeichnung Rebecca Horns verdeutlicht zusätzlich, dass sich der Fächer „langsam aufklappen“ und „nach vorne bewegen“ soll. Dadurch wird deutlich, dass nicht nur das Objekt, sondern vor allem dessen Bewegung Bestandteil des Kunstwerks ist.
Analyse
Körper
Der menschliche Körper bildet den Mittelpunkt der gesamten Konstruktion. Ohne ihn könnte das Objekt weder getragen noch bewegt werden. Gleichzeitig tritt der Körper optisch hinter den weißen Fächer zurück. Besonders im vollständig geöffneten Zustand erscheint die Person beinahe als Mittelachse einer geometrischen Form.
Die Bewegungsfreiheit des Körpers ist deutlich eingeschränkt. Die Arme können nur innerhalb der vorgegebenen Konstruktion bewegt werden. Dadurch wird sichtbar, dass das Objekt den Körper zwar erweitert, ihn aber gleichzeitig kontrolliert.
Raum
Der Raum besitzt eine zentrale Bedeutung. Die Performance findet in einer offenen Landschaft statt, die kaum Ablenkung bietet. Dadurch kann sich die Konstruktion vollständig entfalten.
Mit jeder Armbewegung verändert sich die räumliche Wirkung. Während die geschlossene Form nur wenig Platz einnimmt, breitet sich der vollständig geöffnete Fächer kreisförmig in den Raum aus. Der Körper erzeugt somit aktiv Raum und verändert dessen Wahrnehmung.
Bewegung
Die Bewegung bildet den eigentlichen Kern der Performance. Der Fächer öffnet sich langsam und kontinuierlich. Es handelt sich nicht um eine schnelle oder dramatische Bewegung, sondern um einen ruhigen und kontrollierten Prozess.
Erst durch diese zeitliche Entfaltung entsteht die endgültige Form des Kreises. Das Werk existiert deshalb nicht nur als Objekt, sondern vor allem als Handlung. Der Betrachter erlebt die Veränderung Schritt für Schritt.
Gestaltungsmittel
Rebecca Horn verwendet überwiegend weißen Stoff und eine filigrane Metallkonstruktion. Die Farbe Weiß wirkt neutral, leicht und rein. Gleichzeitig hebt sie sich deutlich von der dunkleren Kleidung der Trägerin und der natürlichen Landschaft ab.
Die dominante Kreisform vermittelt Harmonie, Geschlossenheit und Vollkommenheit. Dem gegenüber steht die senkrechte Körperachse, die Stabilität und Ruhe ausstrahlt. Die klare Symmetrie verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.
Die reduzierte Farbigkeit und die einfache Formensprache lenken die Aufmerksamkeit vollständig auf die Beziehung zwischen Körper, Objekt und Bewegung.
2. Deutung des Verhältnisses von Objekt und Mensch mit Vergleich zu Oskar Schlemmer
2.1 Deutung von Rebecca Horn
Verhältnis zwischen Mensch und Objekt
Rebecca Horn zeigt den Menschen nicht als unabhängiges Individuum, sondern als Teil einer Einheit aus Körper und Objekt. Das Objekt erweitert die körperlichen Möglichkeiten, da der Mensch durch den Fächer eine wesentlich größere räumliche Präsenz erhält.
Gleichzeitig schränkt die Konstruktion den Körper ein. Die Bewegungen sind genau vorgegeben und können nur innerhalb der technischen Mechanik ausgeführt werden. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Begrenzung.
Der Mensch kontrolliert zwar das Objekt, wird aber gleichzeitig selbst von dessen Konstruktion bestimmt. Beide sind untrennbar miteinander verbunden.
Symbolische Bedeutung
Der weiße Fächer lässt zahlreiche Assoziationen zu. Seine Kreisform erinnert an einen Schutzschild, einen Heiligenschein oder ausgebreitete Flügel. Dadurch kann der Fächer Schutz, spirituelle Erhöhung oder Freiheit symbolisieren.
Gleichzeitig entsteht aber auch Distanz zwischen Mensch und Umwelt. Der große Kreis bildet eine sichtbare Grenze, die den Körper umschließt und isoliert.
Die langsame Entfaltung kann außerdem als Sinnbild persönlicher Entwicklung verstanden werden. Der Mensch überschreitet seine körperlichen Grenzen und erweitert seinen Erfahrungsraum. Vor dem Hintergrund von Rebecca Horns Biografie – insbesondere ihres langen Krankenhausaufenthalts – kann das Werk auch als Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Heilung und körperlicher Selbstwahrnehmung interpretiert werden.
Künstlerische Aussage
Rebecca Horn interessiert sich weniger für technische Perfektion als für die Erfahrung des Körpers. Das Objekt wird zu einer Erweiterung des Menschen und verändert dessen Wahrnehmung von Raum und Bewegung. Die Performance macht sichtbar, dass der Mensch seine Umwelt ständig durch seinen Körper gestaltet, gleichzeitig aber auch von äußeren Bedingungen beeinflusst wird.
2.2 Vergleich mit Oskar Schlemmers Scheibentänzer
Sowohl Rebecca Horn als auch Oskar Schlemmer beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Mensch, Objekt und Bewegung. Beide verändern den menschlichen Körper durch geometrische Konstruktionen und untersuchen dessen Wirkung im Raum.
Dennoch verfolgen beide Künstler unterschiedliche Ziele.
Rebecca Horn lässt den realen Menschen sichtbar. Der Körper bleibt Ausgangspunkt aller Bewegungen und wirkt trotz der technischen Erweiterung individuell und lebendig. Das Objekt unterstützt den Körper, ohne ihn vollständig zu verdecken.
Beim Scheibentänzer tritt die Individualität dagegen stark zurück. Die geometrischen Scheiben formen den Tänzer zu einer abstrakten Kunstfigur. Der Mensch erscheint nicht mehr als Individuum, sondern als Bestandteil einer streng konstruierten Ordnung.
Auch die Bewegung unterscheidet sich deutlich. Rebecca Horn entwickelt langsame, fließende und ruhige Bewegungen. Der Entfaltungsprozess wirkt nahezu meditativ und betont die Beziehung zwischen Körper und Raum.
Schlemmers Figur bewegt sich dagegen rhythmisch und mechanisch. Die geometrischen Formen bestimmen exakt die möglichen Bewegungsabläufe und verleihen der Figur einen technischen Charakter.
Der Raum wird ebenfalls unterschiedlich genutzt. Horn erweitert den Raum durch die große Kreisform ihres Fächers und verändert ihn während der Performance ständig. Bei Schlemmer entsteht die Raumwirkung vor allem durch die geometrische Bewegung des Tänzers und die wechselnden Silhouetten seines Körpers.
Inhaltlich steht bei Rebecca Horn die persönliche Erfahrung des Menschen im Mittelpunkt. Sie thematisiert Körpergrenzen, Verletzlichkeit und individuelle Wahrnehmung. Schlemmer verfolgt dagegen das Ideal eines harmonischen Zusammenspiels von Mensch, Geometrie und Bewegung im Sinne der Bauhaus-Idee.
Schluss
Rebecca Horn zeigt in Weißer Körperfächer, dass Mensch und Objekt eine untrennbare Einheit bilden. Das Objekt erweitert den menschlichen Körper und eröffnet neue Möglichkeiten der Raumerfahrung, begrenzt jedoch gleichzeitig seine Bewegungsfreiheit. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Kontrolle.
Im Vergleich dazu versteht Oskar Schlemmer den Menschen stärker als Teil einer geometrischen und konstruierten Ordnung. Während Horn eine poetische und offene Auseinandersetzung mit Körper und Wahrnehmung entwickelt, verfolgt Schlemmer eine rationalere, vom Bauhaus geprägte Vorstellung des Menschen.
Beide Werke untersuchen das Verhältnis von Körper, Raum und Bewegung, gelangen jedoch zu unterschiedlichen Aussagen: Rebecca Horn betont die individuelle körperliche Erfahrung und deren Erweiterung, während Oskar Schlemmer den Menschen als Träger abstrakter Form- und Bewegungsgesetze versteht.