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Interview von Jana Hensel und Mark Schieritz für Die Zeit mit Isabella Weber und Lars Feld: Ist er jetzt der Richtige? (2023)
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[…] Die Zeit: Frau Weber, Sie sind Ökonomin und gelten als Erfinderin der „Gaspreisbremse“. Herr
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Feld, Sie sind ebenfalls Ökonom und Chefberater des Bundesfinanzministers Christian Lindner. Wir
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wollen mit Ihnen sprechen, weil Christian Lindner auf Haushaltsdisziplin drängt – während seine
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Koalitionspartner, vor allem die Grünen, auf hohe Ausgaben für den Klimaschutz setzen. Zudem
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haben die Bürger wegen der Energiekrise und der Inflation […] immer weniger Geld in der Tasche. Ist
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Christian Lindner der Richtige in dieser Zeit?
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Weber: Es geht hier nicht um eine Personalfrage, sondern um eine Frage des Prinzips. Was ansteht, ist
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nicht weniger als der ökologische Umbau der Bundesrepublik. Das Spargebot Lindners gefährdet das.
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Wir müssen hin zu einer grün-sozialen Marktwirtschaft – das ständige Betonen der Hoffnung, dass der
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Markt ohne Richtungsvorgabe des Staates alles regelt und das ständige Beharren auf der
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Schuldenbremse stehen dem im Wege.
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Feld: Ihrem ersten Satz stimme ich zu: Es geht um Politik, nicht Person. Hier bin ich ganz anderer
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Meinung: Meines Erachtens ist die Politik von Christian Lindner, die auf Haushaltsdisziplin und
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Rückführung der Schuldenquote setzt, angesichts hoher Steuereinnahmen genau richtig.
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Die Zeit: Frau Weber, die Gaspreisbremse war ein Mechanismus, mit dem die Bundesregierung die
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Bürger 2022 vor hohen Energiepreisen schützen wollte. Dafür musste Christian Lindner
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200 Milliarden Euro neuen Schulden zustimmen. Das müsste doch in Ihrem Sinne gewesen sein.
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Weber: Absolut. Die 200 Milliarden haben einmal mehr bewiesen: Geld ist da, wenn der politische
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Wille da ist! Im September 2022 war klar: Nichts tun ist keine Option mehr. Zu viele Menschen bis in
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die Mitte der Gesellschaft konnten die drohenden Gasrechnungen schlicht nicht bezahlen. Ein früheres
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Eingreifen hätte die Inflation gedämpft und mehr Kaufkraft der Haushalte erhalten. Entscheidend ist
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am Ende aber, dass die Bundesregierung mit Gasimporten und Preisbremsen einen Schutzschirm
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aufgespannt hat.
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Feld: Ich habe im vergangenen Sommer [2022] immer wieder gesagt: Wir sollten die Kirche im Dorf
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lassen, eine schwere Wirtschaftskrise ist unwahrscheinlich. Die Preise sind doch vor allem so stark
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gestiegen, weil Deutschland bereit war, Gas zu nahezu jedem Preis zu kaufen. Als die Gasspeicher
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wieder gefüllt waren, gingen die Preise runter. Gleichwohl ist die Gaskostenbremse eine smarte, weil
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flexible Lösung. Aber ich muss in einem anderen Punkt widersprechen.
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Die Zeit: In welchem?
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Feld: Die Inflation hat schon in der Corona-Pandemie angefangen – also vor dem Krieg in der
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Ukraine. Weltweit wurde die Nachfrage durch niedrige Zinsen und Anleihekäufe der Notenbanken
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sowie durch die staatliche Finanzpolitik mit ihren hohen Defiziten gestützt. Zugleich kamen
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Lieferketten ins Stocken und das Angebot blieb beschränkt. Deshalb sollten wir die Inflation jetzt
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bekämpfen, indem wir die Nachfrage dämpfen. Das heißt: Die Zinsen müssen weiter steigen – und in
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der Haushaltspolitik muss Maß gehalten werden.
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Die Zeit: Das sagt Christian Lindner auch: Wir müssen sparen. Hat er recht?
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Weber: Nein. Wer sagt, dass wir die Nachfrage dämpfen müssen, meint ja nichts anderes als: Die
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Leute sollen weniger Geld in der Tasche haben. Und das trifft vor allem jene, die schon in der
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Pandemie und von der Inflation am härtesten getroffen wurden. Untere Einkommensgruppen, die im
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Zweifel nicht im Homeoffice waren und einen großen Teil ihres Einkommens für essenzielle Güter
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wie Energie und Lebensmittel ausgeben müssen, deren Preise enorm gestiegen sind. Ich möchte daran
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erinnern, dass wir soeben die schlimmste Pandemie seit 100 Jahren erlebt haben. Wir standen 2020 an
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einer Klippe: Bricht uns die Wirtschaft zusammen? In dieser Situation haben wir durch staatliche
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Ausgaben eine Brücke gebaut. Wir sollten aufpassen, dass wir jetzt, da durch den Ukraine-Krieg
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Stagnation droht, diese Brücke nicht durch verfehlte Sparpolitik zerschlagen. Herr Feld, Sie haben nur
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mit einer Sache recht.
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Die Zeit: Nämlich?
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Weber: Die Inflation begann tatsächlich vor dem Krieg. Aber sie wurde nicht durch eine überhöhte
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Nachfrage ausgelöst, sondern durch Lieferkettenengpässe und weltweite Preisschocks bei Energie,
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Lebensmitteln und Rohmaterialien. Es war doch eher so: In der Pandemie ist der Konsum in
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Deutschland eingebrochen und erholt sich nur zögerlich. Die Produktionskapazitäten der Unternehmen
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sind bis heute nicht ausgelastet. Die Inflation hat sich dennoch in der ganzen Wirtschaft verbreitet,
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weil die Unternehmen ihre gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben. Und einige Konzerne
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haben beim Preis ordentlich draufgeschlagen, um ihre Margen zu erhöhen. Am Ende zahlen die
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Verbraucher die Rechnung für die globalen Schocks. Daher muss man bei den Kosten und den
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Profiten ansetzen, statt über neue Sparprogramme zu reden. Man muss die Unternehmen dazu bringen,
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mit den Preissteigerungen aufzuhören.
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Feld: Ich bestreite nicht, dass die Gewinne der Unternehmen gestiegen sind. Aber das ist doch eine
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Folge der niedrigen Zinsen und der staatlichen Ausgabenprogramme! Man hat den Bürgern viel Geld
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in die Hand gegeben: Kurzarbeitergeld, Energiegeld, steuerfreie Inflationsausgleichzahlungen [...].
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Nur dadurch konnten die Kunden die höheren Preise überhaupt bezahlen. Hier liegt für mich die
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Wurzel des Problems: Der Staat muss wieder beginnen, das Haushaltsdefizit und den Schuldenstand
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zu verringern.
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Weber: Wissen Sie, was meine Untersuchungen ergeben haben? Der Konsumgüterkonzern
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Procter & Gamble hat seine Preise für Babywindeln erhöht, weil er es konnte. Unternehmen glauben
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gerade in einer Krise, Preiserhöhungen gut rechtfertigen zu können. Nun wickelt man aber ein Baby
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nicht seltener, wenn die Windel teurer ist. Man wickelt es, wenn die Windel voll ist. Letztlich ging nur
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der Absatz von Windeln im teuersten Segment zurück. Die Kunden sind auf die billigeren, aber
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ebenfalls verteuerten Windeln ausgewichen.
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Die Zeit: Das klingt erst einmal völlig normal.
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Weber: Aber es beweist, wie gesagt, dass die Preisentwicklung in vielen Segmenten viel weniger mit
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der Nachfrage zu tun hat, als oft behauptet wird. Deshalb teile ich Ihre Analyse nicht, Herr Feld. Wir
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haben enorme Preisanstiege in einzelnen Sektoren wie Energie, Konsumgüter und Lebensmittel erlebt.
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Das kann man mit einem Feuer in der Küche vergleichen. Während Sie aber vorschlagen, zur
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Löschung gleich das ganze Haus unter Wasser zu setzen, sage ich, konzentrieren wir uns doch auf das
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Feuer in der Küche. Und das macht man durch Maßnahmen wie den Gaspreisdeckel oder durch eine
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Steuer auf übermäßige Gewinne. […]
Interview von Jana Hensel und Mark Schieritz mit Isabella Weber und Lars Feld: Ist er jetzt der Richtige?, 20.05.2023. Zwischenüberschriften getilgt, URL: https:/iwww.zeit.de/2023/21/christian-lindner-finanzpolitik-inflation-sparen-schuldenquote/komplettansicht (abgerufen am 21.12.2025).
Hinweise
Isabella Weber ist eine deutsche Ökonomin, die als Professorin für Volkswirtschaftslehre an der University of Massachusetts Amherst forscht und lehrt.
Lars Feld ist Ökonom und war zur Zeit des Interviews Chefberater des damaligen Bundesministers für Finanzen, Christian Lindner.