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Marina Weisband: Hören wir auf, Demokratie nur zu verwalten (2023)

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[…] Dieser Staat und diese Gesellschaft haben ein Problem. Und natürlich hat es mit Globalisierung,
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Abstiegsängsten und mit all den Populisten zu tun. Darüber wehzuklagen, bringt niemanden weiter.
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Aber es lässt sich etwas tun – zum Glück ganz einfach und konkret.
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Wir haben, als Demokratie, ein offensichtliches Problem. Ich muss die wachsenden populistischen
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Tendenzen in Deutschland nicht aufzählen. Ich muss nicht erwähnen, dass derzeit weltweit mehr
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Demokratien sterben, als neue entstehen. Wir alle sehen es mit unseren eigenen Augen. Wir alle haben
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Bekannte oder hören wenigstens in den Medien Stimmen von Leuten, die sagen: „Vielleicht versuche
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ich es diesmal mit der AfD.“ Und es ist offensichtlich, dass diese Partei diesen Menschen in ihrem
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Programm nichts bietet, was ihnen materiell in ihrem Leben hilft. Es geht nicht über ein „die zeigen es
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denen da oben“ hinaus. Also warum funktioniert das so gut?
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Menschliche Gesellschaften waren schon immer einem Wandel unterworfen. Und dieser war nie
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stetig, sondern kam immer in Wellen. Derzeit sind wir in einer Welle großen Wandels. Unsere
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Technologie hat mit der Digitalisierung diverse Durchbrüche erfahren. Wir haben im Alltag mit immer
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mehr Geräten und Systemen zu tun, die wir fundamental nicht verstehen und deren soziale
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Auswirkungen niemand seriös vorhersagen kann. Normen wandeln sich im stetigen Kampf für die
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Rechte aller Menschen. Im Zuge dessen ändert sich das Bild von Frauen, Männern, von Familien und
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von Lebensentwürfen.
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Die Finanzmärkte und Lieferketten sind globalisiert wie nie. Eine Immobilienblase in den USA treibt
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hier den Preis von Butter hoch. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter und sichtbar
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auf. Echte Macht sammelt sich an Stellen, die demokratisch nicht kontrollierbar sind. Und wir sind mit
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unserer Art zu wirtschaften an ökologische Grenzen gestoßen, die unsere Wirtschaft, unsere Sicherheit
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und unseren Frieden bedrohen. Wir haben also sehr viel umzudenken. Und das auf einmal.
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Viele Menschen sind von dieser Komplexität überfordert. Und während die meisten von uns darauf
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nicht mit Rassismus, Antisemitismus oder Verschwörungsmythen reagieren, belastet das die
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Gesellschaft ungemein. Hinter dieser Überforderung stehen Abstiegsängste – und zwar nicht nur
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finanziell, sondern gesellschaftlich – und die Angst vor Kontrollverlust. „Werde ich noch gebraucht?“,
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fragen sich einige. „Macht mein Dasein irgendeinen Unterschied? Kümmere ich jemanden?“
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An genau diese Zweifel docken nun autoritäre Populisten an. Sie nehmen das Selbstempfinden vieler
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Menschen als Opfer und bestätigen es: „Ja, ihr seid Opfer. Denn Dinge ändern sich, stets zum
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Schlechteren, und die da oben sind schuld. Aber wenn ihr mich wählt, den starken Onkel, dann werde
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ich es denen da oben zeigen!“ Genau das, nicht mehr, ist die gesamte Erzählung von Putin, von
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Trump, von Erdoğan, von allen rechten Populisten. Dass sie dabei selbst zumeist zur finanziellen und
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gesellschaftlichen Elite gehören, verschweigen sie, um sich selbst gleichzeitig als Opfer des
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Establishments und als superstark zu inszenieren.
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So weit ist die Analyse eigentlich einfach. Die spannende Frage ist jetzt: Wie begegnet man dem als
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demokratisch gesinnter Mensch? Welche Geschichten erzählen wir eigentlich über den Wert von
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Demokratie, den Wert von Menschenrechten, den Wert von Entwicklung und Fortschritt? Nicht viele.
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Wenn ich jedenfalls Politiker im Fernsehen sprechen höre, läuft es darauf hinaus, wie verachtenswert
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Populismus ist und dass ja im Wesentlichen alles in Ordnung sei. Das ist keine politische Antwort.
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Das ist eine verwalterische Antwort.
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Die Demokratie ist ins Verwalten gekommen. Ein Stück weit ist das natürlich. Begeisterung kann sich
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nicht ewig halten. […] Für die Idee, dass Menschen mündig sind. Über sich selbst mitbestimmen
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dürfen. Wichtige, unverzichtbare Mitglieder ihrer Gesellschaft sind. Die Väter und Mütter des
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Grundgesetzes mussten noch begründen, warum Gleichberechtigung, warum Menschenrechte
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wertvolle Güter sind. Wir müssen das nicht. Wir tun so, als wisse jeder das, als sei es hinreichend
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belegt. Das führt dazu, dass wir in einer Zeit des Wandels und der Systemfragen keine
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Systemantworten mehr geben. Keine leidenschaftlichen Appelle mehr dafür halten, was eigentlich gut
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ist an einer Demokratie.
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Meine Geschichte über die Demokratie, die ich in die Welt hinausrufen wollte, wäre folgende: „Wir
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haben viel neu zu denken. Nicht nur um unseren Komfort und Frieden zu erhalten. Sondern um beides
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auszubauen. Denn es geht nicht allen gut, und die Welt kann besser werden. Aber unsere Probleme
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sind zu kompliziert für kleine Expertengruppen. Für akademische Kreise. Oder für Repräsentanten.
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Sie alle erfüllen wichtige Funktionen, aber sie haben unmöglich den Einblick in alle komplexen
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Bereiche des Lebens. Darum brauchen wir die Stimmen der Pflegekräfte und der Einzelhandelskauf-
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leute und der Schüler und der Rentner und der Behinderten und der Immigranten. Jeder davon ist ein
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wichtiger, unverzichtbarer Teil der Gesellschaft und bringt etwas an den Tisch, auch wenn es nicht
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Erwerbsarbeit ist. Denn wir alle gedeihen in Solidarität und Gerechtigkeit. Dafür müssen wir
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entsprechend alle gemeinsam arbeiten.“
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Der Haken an dieser Geschichte? Sie erzählt von einer Demokratie, wie ich sie mir wünsche, aber
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nicht wie sie ist. Denn offensichtlich sind eben nicht alle Menschen gleich repräsentiert. Menschen mit
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Geld und Netzwerken finden ungleich mehr in der Öffentlichkeit statt. Ihre Probleme werden
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entsprechend weit mehr beachtet. Im Bundestag sind mehr Lobbyisten registriert als Abgeordnete.
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Und die Bedarfe dieser Gruppen werden von allen Parteien gehört.
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Während wir an sehr grundlegenden Scheidewegen stehen – beispielsweise wie unsere Wirtschaft auf
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eine nachhaltige Plattform gestellt werden kann und wie das gerecht geschehen kann – vertiefen sich
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die meisten politischen Lösungen in Symptombekämpfung. Die großen Entscheidungen und Themen
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scheinen gemieden zu werden. Und an dieser Stelle funktioniert Demokratie nicht optimal. Es wird
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Zeit, sie weiterzuentwickeln. Wir haben die Instrumente. Von direkten demokratischen Abstim-
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mungen über Themen, die wenig Vorwissen erfordern, aber alle betreffen; über (verbindliche!)
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Bürgerräte zu Themen, die alle tief betreffen, aber viel Vorwissen erfordern; über liquiddemokratische
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Prozesse zu einfachen Themen, die aber sehr spezifisch sind; bis zum jetzigen repräsentativen System
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für Fragen, die tiefe Vorkenntnisse erfordern und Menschen nur indirekt betreffen. Es gibt nicht ein
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Zuviel an demokratischer Beteiligung, es gibt höchstens die falschen Werkzeuge.
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Dazu könnte man in öffentliche Räume investieren, Kommunen und kommunale Beteiligung stärken,
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Orte schaffen, an denen Menschen im öffentlichen Raum nicht nur als Kunden, sondern als Bürger
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und Nachbarn unterwegs sind. Den Menschen eine Existenzsicherung ohne Druck ermöglichen und
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sie aufbauen, statt sie in einen bürokratischen Spießrutenlauf zu schicken.
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Sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und rufen: Was sollen wir nur tun gegen all den
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Populismus? Das. Etwas Neues, etwas Mutiges, etwas Politisches. Kommen wir aus dem Verwalten
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des Alten heraus. Denn die Demokratie wird sich entweder weiterentwickeln – oder sterben.

Marina Weisband: Hören wir auf, Demokratie nur zu verwalten, 22.09.2023, Zwischenüberschriften getilgt, URL: https://www.sueddeutsche.de/meinung/deutschland-demokratie populismus-globalisierung-kommentar-1.6248537 (abgerufen am 27.12.2025).

Hinweis

Marina Weisband, geboren am 04.10.1987 in Kiew, ist eine ukrainisch-deutsche Politikerin (Bündnis 90/ Die Grünen) und Publizistin.

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