Aufgabe 2 – Der Feuersalamander als Forschungsobjekt der Genetik
Der Feuersalamander (Salamandra salamandra) weist in der Regel eine unverwechselbare schwarz-gelbe Färbung auf. Da darüber hinaus aber auch eine Reihe von Farbvariationen bekannt sind und der Feuersalamander besonders große Zellkerne und Chromosomen besitzt, ist er ein interessantes Forschungsobjekt für Vererbungs- und Kernteilungsprozesse.
Stelle den ersten gegebenen Kreuzungsversuch in einem Kreuzungsschema nach Mendel bis einschließlich zur F2-Generation dar (M 3).
Definiere die hier zutreffenden Mendelschen Regeln (M 3).
Nenne eine mögliche DNA-Sequenz für den gegebenen Ausschnitt aus der Aminosäuresequenz der Tyrosinase (M 4).
Analysiere die Auswirkungen auf molekulargenetischer, zellulärer und organismischer Systemebene beim Auftreten einer Punktmutation im Triplett für die Aminosäure an Position 27, wenn die dritte Base gegen Thymin ausgetauscht wird (M 3, M 4).
Stelle eine Hypothese auf, die die scheinbar paradoxen Ergebnisse des zweiten gegebenen Kreuzungsversuchs mit Feuersalamandern erklärt (M 3).
Leite die Bezeichnung des Prozesses ab, den Walther Flemming bei Spermatozyten des Feuersalamanders beobachtete (M 5).
Skizziere ein beschriftetes Schema des Verlaufs der „heterotypischen Teilung“ nach Walther Flemming (M 5).
Vergleiche tabellarisch Oogenese und Spermatogenese beim Menschen anhand von drei Vergleichskriterien und schlussfolgere hinsichtlich der evolutionsbiologischen Bedeutung beider Prozesse.
Beurteile die Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse Walther Flemmings auf den Menschen (M 5).
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Der Feuersalamander weist in der Regel eine auffällige schwarz-gelbe Zeichnung auf, die je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen kann (Wildtyp, Abbildung 2A). Darüber hinaus kommen vielfältige Farbvariationen vor (Abbildung 2B und 2C).
Die Zeichnung beim Feuersalamander geht nicht auf ein einzelnes Pigment zurück, sondern entsteht durch ein Zusammenspiel von Farbstoffen. Für die schwarze Grundfärbung der Haut und der Augen ist das Pigment Melanin zuständig, das in speziellen Farbzellen der Epidermis, den Melanophoren, durch einen komplexen Syntheseweg gebildet wird, an dem die drei Enzyme Tyrosinase, TYRP1 und DCT beteiligt sind. In Xantophoren bzw. Erytrophoren werden dagegen gelbe bzw. rote Pigmente synthetisiert. So sind unter anderem erythristische Feuersalamander bekannt, bei denen alle Gelbanteile rot gefärbt sind (Abb. 2B). Es kommen aber auch amelanistische Exemplare vor, deren Grundfarbe fleischfarben ist, die aber auch rote oder gelbe Zeichnungen aufweisen (Abb. 2C).

Abbildung 2: Farbvariationen beim Feuersalamander
Kreuzungsversuche mit Feuersalamandern
Bei einem ersten Kreuzungsversuch wird ein Feuersalamander mit Wildtypfärbung (G) und langem Schwanz (L) mit einem erythristischen Feuersalamander (g) mit kurzem Schwanz (l) gekreuzt. Beide Tiere sind für beide Merkmale homozygot.
Bei einem zweiten Kreuzungsversuch mit zwei amelanistischen Feuersalamandern mit gelber Zeichnung (Abb. 2C) aus unterschiedlichen Herkunftspopulationen erhielten Forschende zu 100 % schwarz-gelbe Nachkommen (Abb. 2A).
M 4 – Tyrosinase
Das Pigment Melanin wird aus Tyrosin synthetisiert. Ein an diesem Stoffwechselweg beteiligtes Enzym ist die Tyrosinase, dessen Aminosäuresequenz 161 Positionen umfasst. Die Tabelle zeigt einen Ausschnitt aus der Aminosäuresequenz der Tyrosinase bei Amphibien:
Tabelle 1: Aminosäuresequenz der Tyrosinase bei Amphibien
|
... |
Position 25 |
Position 26 |
Position 27 |
Position 28 |
Position 29 |
Position 30 |
... |
|
... |
Glu |
Asn |
Trp |
Pro |
Ile |
Val |
... |
M 5 – Walther Flemmings Forschungen an Zellen des Feuersalamanders
Walther Flemming (1843-1905) gilt als Begründer der Zytogenetik, da er als einer der Ersten an den besonders großen Zellkernen des Feuersalamanders mikroskopische Beobachtungen von Kernteilungsprozessen vornahm. Er prägte 1879 die Begriffe Chromatin und Mitose. Im folgenden Artikel aus dem Jahr 1887 schreibt er über Beobachtungen an Spermatozyten des Feuersalamanders (Salamandra salamandra). Der zweiphasige Teilungsprozess dieser Zellkerne weicht von Flemmings bisherigen Beobachtungen der Mitose ab, die er unter anderem an Kiemenzellen der Feuersalamanderlarve gemacht hatte:
„Eine höchst auffallende Eigenheit der Theilung bei dieser Zellenart [Spermatozyten] ist mir erst im Laufe der letzten Jahre ganz klar geworden. Die Zelltheilung erfolgt hier mit zwei verschiedenen Typen der Mitose. Der eine von diesen Typen [...] unterscheidet sich nur wenig von der gewöhnlichen Phasenreihe der Mitose, wie sie bei den Zellen anderer Gewebe vorkommt. Der andere [Typ] weicht [...] erheblich ab [...]. Um mich kurz ausdrücken zu können, will ich die erste Form die homöotypische, die zweite die heterotypische nennen [...].
Hiernach scheint, so merkwürdig dies aussieht, bei Salamandra die heterotypische Längsspaltung auf die [...] Theilungsform der Spermatocyten beschränkt zu sein [...]. Dass dies Verhalten nicht auf Amphibien beschränkt sein dürfte, [zeigen andere Forschungsergebnisse] im Insectenhoden. Ferner ist diese heterotypische Längsspaltung bis jetzt bei der Furchung [der Eizelle bestimmter Würmer] und bei Zellen des pflanzlichen Embryosacks [...] gefunden worden; bisher also stets bei Zellen des Generationsapparates [...]. Bei den meisten anderen (vielleicht allen anderen) Gewebszellen von Salamandra beträgt die Zahl der Schleifen1 [...] 24, während es bei den Spermatocyten nur 12 sind.“
1Chromosomen.
Hilfsmittel – Codon Sonne

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P-Generation:
Phänotyp: Wildtypfärbung mit langem Schwanz x erythristisch mit kurzem Schwanz
Genotyp diploide Zellen:

Genotyp haploide Keimzellen:

Kombinationsquadrat:
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GL |
GL |
|
|
gl |
GgLl |
GgLl |
|
gl |
GgLl |
GgLl |
Genotyp F1 = 4x GgLl, Phänotyp F1 = 4x Wildtypfärbung mit langem Schwanz, Erbgang = dominant-rezessiv, dihybrid
F1-Generation:
Phänotyp: Wildtypfärbung mit langem Schwanz x Wildtypfärbung mit langem Schwanz
Genotyp diploide Zellen:

Genotypen haploider Keimzellen:

Kombinationsquadrat:
|
GL |
Gl |
gL |
gl |
|
|
GL |
GGLL |
GGLl |
GgLL |
GgLl |
|
Gl |
GGLl |
GGll |
GgLl |
Ggll |
|
gL |
GgLL |
GgLl |
ggLL |
ggLl |
|
gl |
GgLl |
Ggll |
ggLl |
ggll |
|
Genotypen F2 |
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1x GGLL, 2x GGLl, 2x GgLL, 4x GgLl |
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1x GGll, 2x Ggll |
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1x ggLL, 2x ggLl |
|
1x ggll |
|
Phänotypen F2 |
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9x Wildtypfärbung mit langem Schwanz |
|
3x Wildtypfärbung mit kurzem Schwanz |
|
3x erythristische Färbung mit langem Schwanz |
|
1x erythristische Färbung mit kurzem Schwanz |
Definition zutreffender Mendelscher Regeln
Für die F1-Generation gilt die 1. Mendelsche Regel (Uniformitätsregel):
Kreuzt man 2 Individuen einer Art, die sich in mindestens einem Merkmal homozygot unterscheiden, so sind die Nachkommen in diesem Merkmal gleich (uniform).
Für die F2-Generation gilt die 3. Mendelsche Regel (Unabhängigkeitsregel, Neukombinationsregel):
Kreuzt man zwei Individuen, die sich in der P-Generation in mindestens zwei Merkmalen homozygot unterscheiden, werden die Merkmale in der F2-Generation unabhängig voneinander vererbt und führen zu neuen Merkmalskombinationen.
Mögliche DNA-Sequenz
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AS |
Glu |
Asn |
Trp |
Pro |
Ile |
Val |
|
mögliche mRNA |
GAA GAG |
AAC AAU |
UGG |
CC* |
AUU AUC AUA |
GU* |
|
Mögliche DNA |
CTT CTC |
TTG TTA |
ACC |
GG* |
TAA TAG TAT |
CA* |
* = jede mögliche RNA bzw. DNA-Base
-
je 2 richtige DNA-Tripletts ergeben 1 BE
Auswirkungen beim Auftreten einer Punktmutation
-
aus ACC wird ACT (Substitution bzw. Transition C durch T), das zugehörige Codon der mRNA lautet UGA (Stoppcodon)
-
es kommt an Position 27 von 161 zu einem Abbruch der Translation, sodass ein unvollständiges und damit funktionsloses Protein entsteht (Nonsense-Mutation)
-
Tyrosinase funktionslos → keine Beteiligung an der Synthese des schwarzen Pigments Melanin → Melaninsynthese nicht möglich → Feuersalamander mit amelanistischem Phänotyp (fleischfarbene Grundfärbung wie bei 2 C im Material 3)
Hypothese zur Erklärung
-
amelanistische Feuersalamander können kein Melanin bilden, weil mindestens eines der Enzyme Tyrosinase, TYRP1, DCT defekt ist → wenn amelanistische Feuersalamander aus verschiedenen Populationen stammen, können bei den beiden gekreuzten Individuen andere Proteine defekt sein
-
wenn beide homozygot für die 3 Enzyme sind und miteinander in der P-Generation verpaart werden, wird je ein intaktes Allel für je ein defektes Protein wechselseitig vererbt, sodass die F1 Generation wieder Melanin bilden kann, wie es das folgende optionale Schema exemplarisch verdeutlicht:

(amelanisisch, z. B. weil Merkmal TYRP1 defekt) x (amelanistisch, z. B. weil Merkmal Tyrosinase defekt)

(Die Buchstaben A, B, C stehen hier jeweils für eines der drei Enzyme. Nicht unterstrichene Buchstaben bezeichnen unveränderte Allele, die zu intakten Enzymen führen, unterstrichene Buchstaben bezeichnen mutierte Allele, die zu defekten Enzymen führen.)
Bezeichnung des Prozesses
-
Flemming stellt bei Spermatozyten einen Teilungsprozess in 2 Schritten fest, dessen Endergebnis Zellen mit haploidem Chromosomensatz (12 statt in anderen Geweben 24) sind
-
er hat damit den Prozess der Meiose beobachtet, deren Teilprozesse Reduktionsteilung und Äquationsteilung von Flemming heterotypische und homöotypische Teilung genannt werden.
Skizze des Schemas
(1. Reifeteilung, es wird nur ein Chromosomenpaar dargestellt):

Vergleich und Schlussfolgerung
|
Mögliches Vergleichskriterium |
Spermatogenese |
Oogenese |
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Bildungsorgan |
Hoden (Samenkanälchen) |
Eierstöcke |
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Zeitraum |
Pubertät bis Lebensende |
Pränatal bis Wechseljahre |
|
Ergebnis pro Meioseprozess |
4 haploide Gameten (Spermien) |
1 haploider Gamet (Eizelle), 3 Polkörperchen |
Mögliche Schlussfolgerung:
Der Vergleich verdeutlicht unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien bei der Produktion haploider Gameten. Oogenese investiert in Qualität (hoher Ressourcenbedarf pro Eizelle), Spermatogenese in Quantität der Gameten. Dies führt zu einer starken Selektion bei der Partnerwahl durch das Weibchen und einer hohen Konkurrenz der Männchen untereinander. Die reproduktive Fitness der Weibchen hängt daher von der Qualität des Partners und der erfolgreichen Aufzucht der Nachkommen ab, während sie beim Männchen eher von der Befruchtungsrate abhängt.
Beurteilung der Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse
-
Flemming weist schon 1887 darauf hin, dass „heterotypische Teilungen“ bei „Zellen des Generationsapparates“ unterschiedlichster Organismen beobachtet wurden (Insekten, Würmer, Amphibien, Pflanzen) → Prozess der Meiose findet in nahezu allen eukaryontischen Organismen, die sich sexuell fortpflanzen, in ähnlicher Form statt
-
der Prozess läuft daher auch beim Menschen in den beiden Abschnitten Reduktions- und Äquationsteilung ab und führt auch hier von Zellen mit diploidem Chromosomensatz zu Zellen mit haploidem Chromosomensatz, wobei sich die Zahl der vorhandenen Chromosomen aufgrund der jeweiligen artspezifischen Chromosomensätze unterscheidet (24/12 beim Feuersalamander, 46/23 beim Menschen) → in den wesentlichen Aspekten lassen sich die von Flemming beim Feuersalamander beobachteten Ergebnisse aber auch auf den Menschen übertragen