Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

HT 3

Aufgabenstellung:

1.

Analysiere den Text.

26 BE

2.

Erläutere die Umsetzung der Entnazifizierung in den Westzonen und in der frühen Phase der Bundesrepublik Deutschland (16 BE) und untersuche die Haltung der Autoren zur deutschen „Aufarbeitung“ (Z. 3) der NS-Verbrechen insgesamt (12 BE).

28 BE

3.

Nimm Stellung zu den Aussagen der Autoren.

26 BE

Materialgrundlage:

  • Zachary Gallant, Katharina F. Gallant: Entnazifiziert euch! Wider den Mythos der Vergangenheitbewältigung, Neu-Isenburg 2024, S. 12–15.
    (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

    Hinweise zu den Autoren und zum Material:

    Zachary Gallant: amerikanischer Politikwissenschaftler, Menschenrechtsaktivist und Publizist, der in verschiedenen Projekten zu Fragen von Identität, Ethnizität und Migration gearbeitet hat.

    Katharina F. Gallant: deutsche Ethnologin und Psychologin am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, die in Forschungsbereichen wie Interkulturalität und interethnische Konflikte arbeitet.

    Das Buch erschien unter dem Titel „Nazis All The Way Down. The Myth of the Moral Modern Germany“ auch auf Englisch.

Zachary Gallant, Katharina F. Gallant: Entnazifiziert euch! Wider den Mythos der Vergangenheitbewältigung (2024)

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[…] Im letzten halben Jahrhundert hat Deutschland weltweit den Ruf erlangt, sich ehr-
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lich mit den Verbrechen der Nazi-Zeit auseinanderzusetzen. Dieser Prozess, der allgemein
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als Aufarbeitung bezeichnet wird, befasst sich mit der systematischen Verarbeitung der Ge-
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schichte, inklusive des Eingeständnisses individueller und systemischer Schuld am Völker-
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mord an den Juden sowie an anderen Individuen (zum Beispiel politischen Gegnern) und
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Gruppen (zum Beispiel Roma und Sinti), die das Naziregime aus verschiedenen Gründen
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zu beseitigen suchte. Es ist die nationale Entschuldigung: nicht nur einmalig, nicht nur ein
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Lippenbekenntnis, sondern immerwährend und ewig. Man meint es ernst, und man meint es
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immer wieder, für immer. Das nationale Handeln wird, wenn nicht von der nationalen Schuld,
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so doch zumindest von der Absicht bestimmt, «nie wieder» ein vergleichbares Verbrechen
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zu begehen. Darüber hinaus steht im Fokus, die spezifische(n) Gruppe(n), die durch Nazi-
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Deutschland zum Opfer wurden, vor weiterem Schaden zu bewahren, in welcher Form auch
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immer.

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Dieser Prozess der Aufarbeitung, der sich zugegebenermaßen auf die Juden konzentriert,
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schloss sich an die vermeintliche Entnazifizierung während der Gründungszeit der Bundes-
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republik an und wurde lange als gesellschaftliches Kernstück des modernen Deutschlands
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gehandelt. Die Entnazifizierung wiederum hatte die öffentliche Diskussion über die Rolle
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des deutschen Durchschnittsbürgers in den Vordergrund gestellt, hatte aber auch nach der
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Bedeutung von Persönlichkeiten aus Literatur und Wissenschaft sowie der Rolle von Insti-
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tutionen wie den Kirchen gefragt, die zwar nicht dem Nazi-Regime angehört, die aber mög-
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licherweise zum Aufstieg des Nazi-Regimes und damit zum Holocaust beziehungsweise
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zur Shoah beigetragen hatten. Die unzulängliche Umsetzung der Entnazifizierung in der
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frühen Zeit der Bundesrepublik Deutschland wurde von der nächsten Generation, den 68ern,
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angeprangert. Sie forderten eine umfassende Überprüfung des politischen und gesellschaft-
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lichen Fundaments des modernen Deutschlands, inklusive der persönlichen Erzählungen und
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der offiziellen Geschichtsschreibung über die Nazi-Zeit.

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Die Aufarbeitung dauert auch heute noch an. Sie wird sichtbar unter anderem in Stol-
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persteinen aus Messing, die vor Häusern verlegt werden, in denen einst Opfer der Shoah lebten.
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Indem in die Steine die Namen ermordeter Juden, ihr Geburtsjahr sowie das Jahr und der
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Ort ihres Todes eingraviert sind, erzählen Sie überaus skizzenhaft die Geschichte der deut-
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schen Schuld, wie sie sich in diesen Einzelschicksalen niederlegt. Bis 2023 sollen in ganz
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Europa etwa 100 000 dieser Steine verlegt worden sein, die meisten davon in Deutschland.
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Sichtbar wird die Aufarbeitung auch darin, dass in vielen deutschen Städten riesige Shoah-
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Gedenkstätten errichtet wurden, dass es in Deutschland landesweit über 300 Gedenkstätten
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gibt und dass die Shoah und die Schrecken des Nationalsozialismus in den Schulen ausführ-
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lich behandelt werden.

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Im Gegensatz zu Polen, Kroatien, Rumänien oder auch Frankreich und den Niederlan-
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den hat Deutschland seine Nazi-Vergangenheit kritisch reflektiert und eine neue Identität
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geschaffen, die auf dem Ansinnen beruht, eine Wiederholung dieser dunklen Geschichte
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niemals zuzulassen. Im Großen und Ganzen versucht Deutschland nicht, sich von seiner
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Nazi-Vergangenheit zu befreien; im Gegenteil ist es gerade das Zugeben seiner histori-
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schen Schuld, das Deutschland im internationalen Vergleich besonders ehrlich erscheinen
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lässt.

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Was in Deutschland bis in die frühen 2020er Jahre hinein vorbildlich war (auch wenn
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sich dies gegenwärtig zu ändern scheint), ist die vollständige Akzeptanz dieser Schuld. Im
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Wissen um die Schuld der eigenen Nation zu leben und diese Schuld nicht als Last, sondern
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als Verantwortung zu akzeptieren: Das ist ein Phänomen, das es im globalen Norden sonst
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nirgendwo gibt, und es erscheint als Lichtblick angesichts des wachsenden Nationalismus,
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der so viele Länder vergiftet.

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Die Betonung der Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit ist ein Kernstück der
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Identität des modernen Deutschland nach 1945. Die häufige Bezugnahme auf die Aufarbei-
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tung bei Veranstaltungen und in Veröffentlichungen ist auch der Grund, warum viele jüdi-
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sche Wissenschaftler und Aktivisten in den Vereinigten Staaten die deutsche Aufarbeitung
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als Modell für den Umgang mit Amerikas eigener rassistischer Geschichte propagieren. […]

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Doch die Institutionalisierung der Aufarbeitung bedeutet im Umgang mit Deutschlands
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Nazi-Vergangenheit auch eine oberflächliche Normalisierung dieses ungeheuren Verbre-
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chens. Allzu leicht wird eine tiefgreifende Aufarbeitung ersetzt durch einen oberflächlichen
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Umgang mit der Geschichte, der eine Fülle von Faktoren ignoriert: Hierzu zählen an erster
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Stelle der internationale Druck als auslösende Kraft des Aufarbeitungsansinnens, aber auch
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der Rassismus, der ausgerechnet der Aufarbeitung selbst innewohnt.1 [… Dort] finden wir
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dann einige zentrale Strukturen, die eine aufrichtige und tiefgreifende Aufarbeitung aktiv
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verhindern und somit erklären, warum die gegenwärtige Aufarbeitungspraxis nicht vollends
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gelingen kann. Obwohl es in Deutschland viele gibt, die sich die Aufarbeitung zu Herzen
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nehmen und sie nutzen, um die deutsche Gesellschaft und Politik moralischer zu gestalten,
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reduzieren diese Strukturen die sichtbare Aufarbeitung letztlich auf eine unaufrichtige Maske,
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die sogar einige der abscheulichsten Verbrechen der Geschichte zu beschönigen sucht. […]

1Dieser Ausdruck impliziert, dass Deutschland im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit voreingenommen ist, z. B. verschiedene Opfergruppen unterschiedlich stark in den Blick nimmt.

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