HT 2
Aufgabenstellung:
Interpretiere die vorliegende Quelle, indem du
sie analysierst,
sie in den Entstehungskontext der DDR einordnest (14 BE) und das Demokratieverständnis des Autors untersuchst (14 BE),
die Ausführungen Grotewohls bewertest.
Materialgrundlage:
-
Otto Grotewohl: Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. In: Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, hrsg. vom Sekretariat des Deutschen Volksrates, Berlin 1949, S. 3–10.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zu Autor und Material:
Otto Grotewohl (1894–1964) war ein deutscher Politiker. Im Zeitraum von 1946 bis 1954 war er gemeinsam mit Wilhelm Pieck Vorsitzender der SED und seit 1948 Mitglied des Deutschen Volksrats und Vorsitzender des Verfassungsausschusses. Von 1949 bis 1964 war er Ministerpräsident bzw. Vorsitzender des Ministerrats der DDR.
Der vorliegende Text ist eine Einführung Grotewohls in die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, die dem Verfassungstext in der zitierten Ausgabe vorangestellt ist.
1Obstruktion: Blockierung, Behinderung.
2Machtusurpation: gesetzwidrige Machtergreifung.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Analyse der Quelle
-
Autor: Otto Grotewohl (Co-Vorsitzender der SED, Mitglied des Deutschen Volksrats, Vorsitzender des Verfassungsausschusses und angehender Ministerpräsident der DDR).
-
Adressaten: Das deutsche Volk sowie die politisch interessierte Öffentlichkeit in allen Besatzungszonen.
-
Quellengattung: Politische Verfassungseinführung bzw. programmatische Verfassungsschrift.
-
Ort und Zeit: Berlin, 1949.
-
Historischer Kontext: Erarbeitung der DDR-Verfassung durch den Deutschen Volksrat vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der doppelten Staatsgründung 1949.
-
Thema: Das Verfassungskonzept der Deutschen Demokratischen Republik und die Begründung einer vermeintlich wahrhaften Volksdemokratie.
-
Intention: Legitimierung der DDR-Gründung als historisch notwendiger, antifaschistischer Neuanfang; Abgrenzung vom westdeutschen Grundgesetz und Überzeugung der Bevölkerung von der Überlegenheit des ostdeutschen Verfassungsmodells.
Inhalt und Gedankengang:
-
Historische Lehren und Bruch mit dem Obrigkeitsstaat: Kritik am gescheiterten Bürgertum von 1848 und 1918; Notwendigkeit, die Entfremdung zwischen Volk und Staatsmacht durch echte Volkssouveränität zu überwinden.
-
Rolle der Volkskammer: Deklarierung der Volkskammer zum höchsten Machtträger; Recht zur Aufstellung von Kandidaten auch für Massenorganisationen (Gewerkschaften, Frauen- und Jugendverbände) neben Parteien.
-
Abgrenzung zu Weimar und Bonn: Vorwurf der Machtlosigkeit des westdeutschen Bundestages; Ablehnung der diktatorischen Präsidialgewalt nach Weimarer Vorbild (Art. 48) zugunsten uneingeschränkter Parlamentshoheit.
-
Monismus und Aufhebung der Opposition: Unterordnung von Exekutive, Judikative und Wirtschaft unter die Volkskammer; Verpflichtung aller großen Fraktionen (ab 40 Abgeordneten) zur Regierungsmitarbeit; Ablehnung einer „verantwortungslosen Opposition“.
-
Grundrechte und wehrhafte Demokratie: Zusage persönlicher Freiheitsrechte, die jedoch strikt gegen faschistische, militaristische oder boykotthetzende Tendenzen abgegrenzt werden; Einräumung eines Widerstandsrechts bei Verfassungsbruch durch den Staat.
Einordnung in den Entstehungskontext der DDR:
-
Besatzungszeit und Blockkonfrontation: Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 Ausprägung der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) unter Einfluss der SMAD; Durchsetzung gesellschaftlicher Umgestaltungen (Bodenreform, Enteignungen).
-
Zwangsvereinigung: Zusammenschluss von SPD und KPD zur SED (1946) unter Führungsimpuls der Kommunisten.
-
Eskalation des Kalten Krieges: Scheitern der Außenministerkonferenzen zur deutschen Einheit, Marschallplan, Währungsreform in den Westzonen und Berlin-Blockade (1948/49).
-
Doppelte Staatsgründung: Reaktion auf die Verkündung des Grundgesetzes und die Gründung der BRD im Mai 1949; Konstituierung der DDR im Oktober 1949 durch die Umwandlung des Volksrats in die Provisorische Volkskammer.
Untersuchung des Demokratieverständnisses Grotewohls:
-
Absage an die klassischen demokratischen Prinzipien: Verwerfung des Prinzips der Gewaltenteilung zugunsten einer Konzentration aller Machtorgane bei der Volkskammer (Machtmonopol).
-
Instrumentalisierung von Pluralismus: Gleichstellung von Massenorganisationen mit politischen Parteien im Wahlrecht; in der Praxis Instrument zur Durchsetzung der SED-Mehrheit über die spätere Nationale Front und Einheitslisten.
-
Delegitimierung von Opposition: Diffamierung parlamentarischer Kontrolle und Opposition als „Obstruktion“; Durchsetzung des Fraktionszwangs zur Regierungsbeteiligung als Mittel zur Gleichschaltung.
-
Eingeschränkter Vorbehalt der Freiheitsrechte: Grundrechte gelten nicht bedingungslos, sondern stehen unter dem Vorbehalt der Antifaschismus-Doktrin; Dehnung von Straftatbeständen („Boykotthetze“) zur Kriminalisierung politischer Gegner.
Kritische Reflexion und Beurteilung:
-
Demokratische Fassade versus Diktaturpraxis: Grotewohls Konstruktion der „Parlamentshoheit“ entpuppt sich historisch als verfassungsrechtliche Camouflage der SED-Machtübernahme.
-
Ausschaltung von Checks and Balances: Die Beseitigung der Gewaltenteilung und die Verpflichtung zur Regierungsmitarbeit verhinderten eine wirksame politische Alternative und bereiteten den Weg zum totalitären Einparteienstaat vor.
-
Fehlgewichtung der Weimarer Lektionen: Zwar war die Kritik an den Schwächen der Weimarer Verfassung (Präsidialdiktatur) historisch plausibel, die gezogene Konsequenz führte jedoch nicht zu mehr Demokratie, sondern zur Etablierung einer Parteidiktatur.
Zusammenfassendes Werturteil:
Aus der Perspektive eines modernen, an den Grundwerten des Grundgesetzes (Pluralismus, Gewaltenteilung, Minderheitenschutz, unantastbare Grundrechte) orientierten Verfassungsverständnisses ist Grotewohls Konzeption entschieden abzulehnen. Zwar bedient der Text rhetorisch das Narrativ einer radikalen Volkssouveränität und Anti-Obrigkeitsstaatlichkeit, in Wahrheit legt er jedoch das ideologische und organisatorische Fundament für die Unterdrückung der Opposition und die Jahrzehnte andauernde Diktatur der SED.