Aufgabe 2
Thema
Heutige Literatur und der Klimawandel
Aufgabenstellung
Im Rahmen von Projekttagen an deiner Schule zum Thema „So wird unsere Schule nachhaltiger“ wirst du in deinem Deutschkurs mit der Frage konfrontiert, ob heutige Literatur den Klimawandel verstärkt thematisieren muss.
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Nimm zu der strittigen Frage Stellung und verfasse einen argumentierenden Beitrag für ein Themenheft, das die Ergebnisse der Projektwoche bündelt.
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Nutze für deine Argumentation die vorliegenden Materialien (Material 1–Material 7) sowie deine unterrichtlichen Kenntnisse über Literatur und deine Lektüreerfahrungen. Formuliere für den Beitrag eine geeignete Überschrift. Zitate aus den Materialien werden ohne Zeilenangaben unter Nennung der Autorin / des Autors und ggf. des Titels angeführt.
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Dein Text sollte etwa 1000 Wörter umfassen.
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Material 1: Umfrage zu den wichtigsten Problemen für Deutschland (2022)
Europäische Kommission
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Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Probleme, denen Deutschland derzeit gegenübersteht? |
Herbst 2019 |
Sommer 2020 |
Winter 2020/2021 |
Frühjahr 2021 |
Winter 2021/2022 |
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Steigende Preise / Inflation / Lebenshaltungskosten |
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Umwelt, Klimawandel |
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Gesundheit und soziale Sicherung |
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Energieversorgung |
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Wohnungsbau/Wohnungsbeschaffung |
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Einwanderung |
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Bildungssystem |
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Wirtschaftliche Lage |
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Renten |
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Terrorismus |
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Steuern |
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Sonstiges (spontan) |
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Nichts davon (spontan) |
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Weiß nicht |
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Veröffentlichung durch: Europäische Kommission; Veröffentlichungsdatum: April 2022
<https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2739/umfrage/ansicht-zu-den-wichtigsten-problemen-deutschlands/>. [Auszug] 24.04.2022
Material 2: 1. Climate Fiction1 Festival. „Wo die Gefahr wächst, darf Literatur nicht harmlos sein“ (2020)
Börsenblatt
Das erste Climate Fiction Festival befasste sich im Dezember 2020 an drei Tagen mit den utopischen und dystopischen Weltentwürfen der neuen Literaturströmung. […]
1 Climate Fiction: (engl.) Literatur, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt.
Quelle: Börsenblatt (20.10.2020): 1. Climate Fiction Festival. „Wo die Gefahr wächst, darf Literatur nicht harmlos sein.“
<https://www.boersenblatt.net/news/literaturszene/1-climate-fiction-festival-wo-die-gefahr-waechst-darf-literatur-nicht-harmlos>. 24.04.2022
Material 3: Selbst Fiktionen können nützlich sein – Ein Interview mit Martin Zähringer (2020)
Constanze Matthes (* 1977)
² Panel: Podiumsdiskussion.
³ E- und U-Literatur: ernsthafte Literatur und Unterhaltungsliteratur.
Quelle: Constanze Matthes (01.12.2020): Selbst Fiktionen können nützlich sein – Ein Interview mit Martin Zähringer.
<https://zeichenundzeiten.com/2020/12/01/selbst-fiktionen-konnen-nutzlich-sein-ein-interview-mit-martin-zahringer/#more-51563>. 24.08.2022
Martin Zähringer: Literaturkritiker und Radioautor
Anmerkung zur Autorin: Constanze Matthes (* 1977): Journalistin
Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Material 4: Mit Geschichten das Klima retten (2019)
Hans von Trotha (* 1965)
1 Greta: Greta Thunberg (* 2003), schwedische Klimaschutzaktivistin und Begründerin von Fridays For Future.
2 Garbo: Greta Garbo (* 1905 - † 1990), schwedisch-US-amerikanische Filmschauspielerin, gilt als Hollywood-Ikone.
Quelle: Hans von Trotha (16.12.2019): Mit Geschichten das Klima retten. <https://www.deutschlandfunkkultur.de/aus-den-feuilletons-mit-geschichten-das-klima-retten-100.html>. 22.04.2022
Anmerkung zum Autor: Hans von Trotha (* 1965): Journalist
Material 5: Warum, zur Hölle? (2021)
Bernd Ulrich (* 1960)
1 postdestruktiv: hier: nicht zerstörend.
Quelle: Bernd Ulrich (24.10.2021): Warum, zur Hölle? <https://www.zeit.de/2021/43/literatur-klimawandel-corona-klima-krise-kultur-zukunft-science-fiction?msclkid=a41eb567c3dc11ecbf463691988bed90>. 24.04.2022
Anmerkung zum Autor: Bernd Ulrich (*1960): Journalist
Material 6: Engagierte Literatur – Es ist uns kein Anliegen (2021)
Hilmar Klute (* 1967)
1 Zeit: „Die Zeit“ ist eine überregionale deutsche Wochenzeitung.
Quelle: Hilmar Klute (26.10.2021): Engagierte Literatur. Es ist uns kein Anliegen.
<https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-klimawandel-schriftsteller-buch-1.5449649?reduced=true>. 24.04.2022
Anmerkung zur Autorin: Hilmar Klute (* 1967): Journalist und Schriftsteller
Material 7: Graeme MacKay: Climate Change (2020)

Quelle: <https://mackaycartoons.net/2020/03/18/wednesday-march-11-2020/>. 24.04.2022
Anmerkung zum Autor: Graeme MacKay (*1968): kanadischer Karikaturist
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Geschichten für die Zukunft: Warum die Literatur der Klimakrise eine Sprache geben muss
Hinführung
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Wenn an unserer Schule im Rahmen der Projekttage darüber diskutiert wird, wie der Alltag nachhaltiger gestaltet werden kann, kreisen die Gedanken fast reflexartig um Photovoltaikanlagen, Energiesparmaßnahmen oder fleischfreie Tage in der Cafeteria.
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Doch während die naturwissenschaftlichen Fakten zur Erderwärmung seit Jahren unmissverständlich auf dem Tisch liegen, offenbart sich auf gesellschaftlicher Ebene ein tiefes Paradoxon: Trotz des Wissens um das Ausmaß der Katastrophe verharren wir weitgehend im gewohnten Trott.
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Genau an dieser Schnittstelle entzündet sich eine hochaktuelle und kontroverse Debatte: Muss die heutige Literatur den Klimawandel verstärkt thematisieren und fassbar machen oder droht sie dadurch ihre künstlerische Freiheit an tagespolitische Botschaften zu verlieren?
Hauptteil
Gegenargumente: Warum Literatur sich nicht dem Klimawandel unterwerfen darf
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Wie der Journalist und Schriftsteller Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung treffend feststellt, besteht die eigentliche Aufgabe eines Autors schlicht darin, gute Bücher zu schreiben, anstatt den permanenten Rechtfertigungs- und Haltungsansprüchen der spätmodernen Konsumgesellschaft hinterherzulaufen. Literatur darf sich nicht zum parteipolitischen Instrument oder zu einer moralischen Erziehungsanstalt degradieren lassen; reine Botschaftsliteratur verfehlt das Wesen wahrer Kunst und artet in plumpe Belehrung aus (vgl. M 5).
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Große literarische Werke schöpfen ihre Kraft traditionell aus dem Rückblick und der geschichtlichen Reifung; wer übereilt auf die Tagesaktualität reagiert, produziert allzu oft bloße Gebrauchsliteratur, die nach wenigen Jahren ihre ästhetische Relevanz einbüßt (vgl. M 5).
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Die globale Erderwärmung ist ein hochgradig komplexes, abstraktes Phänomen (vgl. M 3). Wenn literarische Güte plötzlich primär an der persönlichen, engagierten Haltung der Autorenschaft bemessen wird, wie Zähringer es als Kriterium anführt, geraten formale und poetische Qualitätsstandards ins Hintertreffen.
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Wie Klute darlegt, führt der Wunsch nach einem literarischen Begleitwerk der Klimabewegung fast unausweichlich in ein hoffnungsloses Endzeit-Panorama. Solche dystopischen Katastrophenszenarien gibt es im Genre der Climate Fiction (Cli-Fi) bereits zuhauf – ein Übermaß daran lähmt die Leserschaft durch Ohnmacht, anstatt sie zu motivieren. Zudem sieht sich ein Autor, der das geglückte Weiterleben unter veränderten Bedingungen schildern will, rasch dem Verdacht der Verharmlosung ausgesetzt.
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Wenn Geschichtenerzähler wie der vom schwedischen Staat eingesetzte Per Grankvist gezielt Narrative stricken, um Menschen zum Handeln zu bewegen, schlägt Fiktion schnell in emotionale Beeinflussung um, die rationales, faktenbasiertes Abwägen verdrängen kann.
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Romane entstehen nicht auf gesellschaftliche Bestellung am Reißbrett; sie sind das vielschichtige Produkt individueller Lebensumstände, biografischer Prägungen, soziologischer Bedingungen und eigenständiger poetologischer Positionen (vgl. M 6).
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Hans von Trotha verweist in seinem Bericht über den schwedischen Regierungs-Storyteller Per Grankvist auf ein bedenkliches Einfallstor fiktionaler Narrative: Weil der Mensch von Natur aus eher auf emotionale Geschichten als auf nüchterne Statistiken anspringe, bestehe stets das Risiko manipulativer Beeinflussung. Wenn Literatur nun im Dienst des Klimaschutzes primär als persuasiver Gefühlsverstärker eingesetzt wird, läuft sie Gefahr, den zwingend notwendigen, wissenschaftlich-rationalen Diskurs durch suggestive Parteinahme zu untergraben.
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Wie Bernd Ulrich im Gespräch mit Literaturkennern einräumt, existiert unter dem Label „Climate Fiction“ längst ein unüberschaubares Spektrum an Romanen und Dystopien über eine ökologisch zerstörte Erde. Das ständige Nachschieben weiterer Endzeit-Szenarien erzeugt beim Lesepublikum einen Abnutzungseffekt und führt zu keiner neuen Erkenntnis mehr, sondern verstärkt lediglich das Gefühl von Überdruss und resignativer Passivität.
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Aus Leser psychologischer Sicht erfüllt Literatur seit jeher eine legitime Schutzfunktion vor einer bedrückenden Lebenswirklichkeit: die Flucht in imaginierte Welten (Eskapismus), Zerstreuung und Trost. Werden Romane mit dem Anspruch überfrachtet, das Publikum ständig mit den Schrecken der Erderwärmung zu konfrontieren, wird das elementare Bedürfnis der Leserschaft nach Entlastung und unbeschwerter Unterhaltung ignoriert.
Befürwortende Argumente: Warum Literatur die Klimakrise aufgreifen muss
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Der Klimawandel ist kein isoliertes Fachthema, sondern betrifft unsere Lebensgrundlagen unmittelbar und allumfassend; wie Bernd Ulrich eindringlich betont, handelt es sich um einen neuen „Aggregatzustand unseres Seins“, der alle kulturellen, sozialen und emotionalen Bereiche durchdringt.
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Während andere Probleme wie Inflation, Kriege oder Corona in Umfragen regelmäßig die Sorgen der Menschen anführen (vgl. M 1), gerät die Klimakrise trotz ihrer langfristigen Zerstörungskraft in den Hintergrund. Graeme MacKays Karikatur veranschaulicht diesen Mechanismus bildhaft: Die gigantische Tsunamiwelle des „Climate Change“ baut sich unbemerkt hinter den kleineren Wellen von „Covid-19“ und „Recession“ auf. Literatur besitzt die moralische Verantwortung und die subversiv-kritische Kraft, dieses fatale „sehende Verbergen“ und das Verdrängen im Alltag literarisch zu entlarven.
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Das Lesen schenkt dem Individuum einen geschützten Raum der Autarkie und Reflexion. Cli-Fi bietet nicht nur Dystopien, sondern entwirft alternative, lebenswerte und hoffnungsvolle Zukünfte („postdestruktive Welten“ bei Ulrich), die den Geist des Widerstands wachhalten und den Willen zu konkretem umweltpolitischen Handeln für das Allgemeinwohl stärken.
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Die Naturkrise bietet der Literatur neue ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten, um innere Seelenzustände zu spiegeln, und hebt die starre Trennung zwischen ernster E- und unterhaltender U-Literatur zugunsten moderner, frischer Erzählformen auf (vgl. M 3, M 5).
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Wie Martin Zähringer und Hans von Trotha betonen, scheitert die reine Wissenschaftskommunikation (etwa des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung) häufig an der hochkomplexen Fachsprache und der Fülle an Messdaten, die breite Bevölkerungsschichten eher abschrecken. Fiktionale Literatur bietet demgegenüber den entscheidenden Vorteil einer weniger rationalen, spielerisch-unterhaltsamen Rezeption: Sie reduziert wissenschaftliche Komplexität auf ein erfahrbares Maß und vermittelt das drängende Wissen über den Klimawandel in einem leicht zugänglichen, emotionalen Modus.
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Martin Zähringer hebt hervor, dass journalistische Berichte in der täglichen Informationsflut eine extrem kurze Halbwertszeit besitzen und rasch in Vergessenheit geraten. Gelungene literarische Erzählungen hingegen stiften überdauerndes kulturelles Wissen; sie überdauern tagespolitische Moden und prägen das kollektive Gedächtnis und Umweltbewusstsein ganzer Epochen nachhaltig.
Unterrichtliches Kontextwissen und Literaturgeschichte
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Die Frage nach dem Auftrag der Literatur durchzieht die gesamte Kulturgeschichte:
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In der Aufklärung galt Literatur (etwa bei Lessing) dezidiert als Instanz zur moralischen Erziehung, Belehrung und Befähigung zur Mündigkeit.
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Die Romantik nutzte die Natur als Spiegel seelischer Innenwelten und als Fluchtpunkt vor der beginnenden Entfremdung der Industrialisierung.
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Der Naturalismus verstand Kunst als schonungslose Dokumentation realer gesellschaftlicher Missstände des Industriezeitalters.
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Das 20. Jahrhundert brachte mit Brecht und Böll die Tradition der „Engagierten Literatur“ hervor, die bewusst politisch Stellung bezog, während Gegenbewegungen wie das Konzept des „L’art pour l’art“ die Kunst als reinen Selbstzweck und freien Raum ohne Zweckbindung verteidigten.
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Auch die zeitgenössische Gegenwartsliteratur beweist diese Vielfalt: Während Romane wie Kim Stanley Robinsons Das Ministerium für die Zukunft konkrete politische und technologische Krisenszenarien durchspielen, nutzt Judith Hermann in Daheim die erodierende Küstenlandschaft als poetische Metapher für innere Leere und Vereinsamung. Dies zeigt, dass Literatur die Krisen ihrer Entstehungszeit immer widerspiegelt – sei es als handwerkliche Brotarbeit, als politischer Weckruf oder als feinsinnige Seelenkunde.
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Die Diskussion um den Auftrag von Kunst darf nicht verkennen, dass Literatur für Autorinnen und Autoren auch eine handwerkliche Praxis zur Sicherung des materiellen Lebensunterhalts darstellt. Schriftsteller sind darauf angewiesen, Bücher zu verfassen, die sich am Markt und bei Verlagen verkaufen; das Formulieren moralischer Handlungsappelle tritt hinter den ökonomischen Realitäten des freien Marktes oft zwangsläufig zurück.
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Bereits vor dem Boom moderner Cli-Fi-Romane hat die deutschsprachige Literatur die Zerbrechlichkeit der Biosphäre meisterhaft verhandelt:
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In Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän (1979) wird die existenzielle Erschütterung des Menschen vor den übermächtigen Kräften von Unwetter, Erdrutsch und geologischer Erdgeschichte eindringlich erfahrbar gemacht.
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Frank Schätzings Öko-Thriller Der Schwarm (2004) wiederum führt spektakulär vor Augen, wie das Zusammenbrechen mariner Ökosysteme die Zivilisation an den Rand des Abgrunds treibt und verbindet akribische Meeresforschung mit packendem Unterhaltungswert.
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Diese Werke beweisen, dass große Literatur die Bedrohung der Natur seit Jahrzehnten intensiv gestaltet, ohne dabei zu plumper Erziehungsprosa zu verkommen.
Schluss
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Wägt man die Argumente ab, wird deutlich: Eine moralische Pflicht oder ein thematischer Zwang würde der Kunst ihre Freiheit rauben und zu hölzerner Propaganda führen.
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Dennoch darf sich eine wache Literatur der Gegenwart nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen, wenn die Welt vor ihren Augen aus den Fugen gerät.
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Wir brauchen für eine nachhaltige Zukunft beides: die messerscharfen Fakten der Naturwissenschaften und die Kraft mitreißender Erzählungen.
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Die Literatur muss den Klimawandel nicht mit erhobenem Zeigefinger predigen – aber wenn sie uns durch berührende Geschichten die Augen für den Wert unserer bedrohten Erde öffnet und uns aus der bequemen Verdrängung reißt, wird sie zum unverzichtbaren Kompass für unsere Generation.
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