Aufgabe 1
Thema
Chantal Awassi / Marcel Machill: Informieren, nicht indoktrinieren (2023)
Aufgabenstellung
Analysiere den Text Informieren, nicht indoktrinieren von Chantal Awassi und Marcel Machill. Berücksichtige dabei die Argumentation, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.
Setze dich mit der Position der Autoren auseinander. Beziehe dabei unterrichtliche Kenntnisse zu Sprache in politisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen sowie eigene Erfahrungen mit ein.
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Informieren, nicht indoktrinieren (2023)
Chantal Awassi / Marcel Machill
1 Boris Palmer: deutscher Politiker, seit 2007 Oberbürgermeister der Stadt Tübingen.
2 Mutterblatt: Die Autoren beziehen sich auf die Zeitung DIE ZEIT, in der sie diesen Artikel veröffentlichen.
3 „Massenzustromrichtlinie“: Programm zur Bewältigung eines Massenzustroms ausländischer Staatsangehöriger in die Europäische Union (EU), die nicht in ihr Land zurückkehren können.
4 Echokammern: überwiegender oder ausschließlicher (virtueller) Kontakt mit Gleichgesinnten und deren Auffassungen, insbesondere in sozialen Netzwerken.
5 N-Wort: Ausdruck, der meist gebraucht wird, um über die Verwendung des rassistischen Begriffs „Neger“ zu sprechen oder zu schreiben, ohne ihn wiederzugeben.
6 Deutscher Pressekodex: Sammlung journalistisch-ethischer Grundregeln, die Richtlinien für die journalistische Arbeit festlegt.
Quelle: Chantal Awassi / Marcel Machill (08.07.2023): Informieren, nicht indoktrinieren (letzter Zugriff: 25.09.2024)
Anmerkung zu den Autoren: Chantal Awassi studiert an der Universität Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaft. Marcel Machill ist Professor für Journalistik an der Universität Leipzig.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
-
Der 2023 in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienene essayistische Zeitungsartikel Informieren, nicht indoktrinieren von Chantal Awassi und Marcel Machill setzt sich kritisch mit dem Phänomen des Framings im deutschen Nachrichtenjournalismus auseinander.
-
Am Beispiel von Leitmedien wie tagesschau.de, ZEIT ONLINE und DIE WELT sowie gestützt auf Ergebnisse eines Leipziger Forschungsprojekts zeigen die Autoren auf, dass wertende Deutungsrahmen die Objektivität der Berichterstattung untergraben.
-
Sie argumentieren, dass verdeckte Meinungsbeeinflussung durch Framing das Vertrauen der Bevölkerung in die Presse gefährdet, und plädieren für die Rückkehr zu einem radikal neutralen, faktenbasierten Nachrichtenjournalismus zur Wahrung des Presseansehens.
Hauptteil
Gedankengang
-
Awassi und Machill steigen direkt mit dem Zitat eines Artikels von tagesschau.de zur Tübinger Oberbürgermeisterwahl ein, in dem der Politiker Boris Palmer als „umstritten“ bezeichnet wird. Sie kennzeichnen diese Formulierung als Standardphrase des Nachrichtenjournalismus (vgl. Z. 1-6).
-
Die Autoren legen dar, wie das kleine Wort „umstritten“ die betroffene Person sofort in Misskredit bringt und Assoziationsketten sowie Gedankenschubladen bei den Lesern öffnet, die alle folgenden Informationen im Artikel vorstrukturieren (vgl. Z. 7-13).
-
Das Autorenduo definiert den Begriff „Framing“ als das Spannen eines Deutungsrahmens um Informationen. Während das Hervorheben von Aspekten zur journalistischen Alltagsarbeit gehöre, stelle das Glattbügeln von Widersprüchen eine bewusste Verzerrung dar, die im nachrichtenbasierten Journalismus nichts zu suchen habe (vgl. Z. 14-21).
-
Anhand eines Forschungsprojekts der Universität Leipzig belegen die Autoren, dass Framing kein Problem der Skandalpresse sei, sondern in allen untersuchten Medien – darunter Tagesschau, Spiegel Online und DIE ZEIT – vielfach nachgewiesen werden konnte (vgl. Z. 22-32).
-
Veranschaulichung anhand dreier Medienbeispiele (vgl. Z. 32–57):
-
ZEIT ONLINE: Die Formulierung „Frankreich streikt“ erzeuge das Bild eines isolierten Präsidenten und verleite den Leser dazu, dessen Politik als illegitim wahrzunehmen (Metonymie/Totum pro parte).
-
DIE ZEIT: Die Übertreibung (Hyperbel) einer „gigantischen Fluchtbewegung“ aus der Ukraine wecke bedrohliche Assoziationen zu unermesslichen Wogen.
-
DIE WELT: Das abqualifizierende Attribut „mickrig“ für neun Milliarden Euro EU-Hilfskredite zeige, wie Nachrichtentexte schleichend kommentarhaft werden.
-
-
Die Autoren betonen die Gefahren des Framings mit Verweis darauf, dass das menschliche Gehirn keine Distanzierungen (wie Fragezeichen oder Partikel wie „sogenannt“) registriert, sondern unkritisch auf Schlagwörter reagiert (vgl. Z. 58-63).
-
Es wird konstatiert, dass die starke gesellschaftliche Polarisierung und eine breite Medienskepsis (ein Viertel bis ein Drittel der Bürger vertraut den Medien nicht mehr) die Versuchung erhöhen, Framing zur Verfechtung von Positionen einzusetzen (vgl. Z. 64-71).
-
Soziale Medien werden als destruktiver Faktor beschrieben, da dort Echokammern, Meinungsblasen und Verschrörungserzählungen (40 % der Jugendlichen vermuten absichtliche Informationsentschaltung) den öffentlichen Diskurs befeuern (vgl. Z. 72-78).
-
Die Autoren warnen davor, in der Berichterstattung „Haltung“ einzunehmen, da dies in die Sackgasse führe. Stattdessen müsse jegliche Wertung und Beeinflussung verbort werden, damit der Journalismus für alle politischen Lager wieder als faktenbasierte Grundlage akzeptiert werden kann (vgl. Z. 79-94).
-
Unter Verweis auf die Präambel des Deutschen Pressekodex appellieren die Autoren an Medienschaffende, ihre persönliche Meinung und ihren Stolz „herunterzuschlucken“, um das Ansehen der Presse vor dem Tiefstand zu retten (vgl. Z. 95-101).
Sprachlich-stilistische Gestaltung
-
Der Text richtet sich an die medien- und gesellschaftspolitisch interessierte Leserschaft einer überregionalen Wochenzeitung. Er ist als vordergründig sachlich-informativer, durch Beispiele gestützter, zugleich aber hochemphatischer und appellativer Plädoyer-Text verfasst.
-
Wahl eines prägnanten und appellativen Titels, dessen fehlendes Satzzeichen den Inhalt spiegelnd die Bemühung um seriöse, nicht reißerische Berichterstattung akzentuiert.
-
Erzeugung von Aufmerksamkeit und Leserlenkung durch einen argumentativen Dreischritt. Die Autoren steigen direkt mit dem Pressezitat von tagesschau.de ein. Über die schrittweise Analyse des Begriffs „umstritten“ und dessen Wirkung entfalten sie die Problemstellung argumentativ nachvollziehbar von einem konkreten Einzelbeispiel hin zur allgemeinen Theorie.
-
Der Artikel wurde fachsprachlich und präzise verfasst durch die Verwendung linguistischer und medienwissenschaftlicher Fachbegriffe wie „Assoziationen“ (Z. 10), „Partikel“ (Z. 60), „das Vehikel des Frames“ (Z. 90).
-
Wissenschaftsorientiert Stil. Rekurs auf die „Kommunikationswissenschaft“ (Z. 14), „repräsentative Umfrage“ (Z. 76) und „inhaltsanalytische Journalistik-Studien“ (Z. 95 f.) zur Unterstreichung der Seriösität.
-
Verwendung prägnanter Wendungen wie „apokalyptische Bilder“ (Z. 42), „psychologische Perfidie“ (Z. 58), „destruktiver Faktor“ (Z. 72) und „kreative Rhetorik“ (Z. 79 f.).
-
Jedoch auch saloppe und metaphorische Elemente. Zur Veranschaulichung der eigenen emotionalen Involviertheit nutzen die Autoren anschauliche Redewendungen wie „gedankliche Schublade“ (Z. 12, 63), „glatt gebügelt werden“ (Z. 18 f.) oder den Stolz „herunterschlucken“ (Z. 101).
-
Parataxen und thesenhafte Sätze. Dominanz prägnanter, einprägsamer Hauptsätze für normative Setzungen (z. B. Z. 4–6, 26 f., 39 f., 84).
-
Doppelpunktkonstruktionen werden häufig als Textscharniere zur Ankündigung von Erklärungen oder Hervorhebungen verwendet (z. B. Z. 7 f., 27–29, 83 f.).
-
Es werden gezielt Hypotaxen zur komplexen Begründung von Wirkungs- und Kausalzusammenhängen eingesetzt (z. B. Z. 8–10, 18–21, 91–94).
-
Satzanfänge mit der Konjunktion „und“ (Z. 63) oder das nachdrückliche „Aber:“ am Satzanfang (Z. 18, 25, 84 f.) setzen rhetorische Zäsuren.
-
Nachdrückliche Richtigstellung und Einengung der Perspektive durch Correctio (vgl. Z. 29–31, 55–57, 64).
-
Inkludierende Wir-Ansprache: Erzeugung eines Gemeinschaftsgefühls mit der Leserschaft und Einbindung der Bürger in die Verantwortung („haben wir [...] vor Augen“, Z. 23 f.; „unsere Gehirne“, Z. 58; „sollten wir nicht akzeptieren“, Z. 96).
-
Expertise-Belege und Autoritätsargumente, durch das Einbinden wörtlicher Zitate mit Quellennachweisen (vgl. Z. 1–3, 33 f., 43) sowie Berufung auf die Präambel des Deutschen Pressekodex (vgl. Z. 96–98) zur Untermauerung der Glaubwürdigkeit.
Intention
-
Awassi und Machill beabsichtigen, die Leserschaft über die verdeckten Wirkungsweisen und Ausmaße von Framing im nachrichtenbasierten Journalismus aufzuklären.
-
Sie wollen für das Ideal einer radikal neutralen, von Werten und Meinungseinschlägen freien Berichterstattung werben.
-
Zudem appellieren sie eindringlich an Journalisten, Verleger und Herausgeber, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, um das tief erschütterte Ansehen der freien Presse zu retten.
Fazit
-
Awassi und Machill gelingt mit ihrem Essay eine fundierte, durch empirische Beispiele gestützte Kritik an der aktuellen Berichterstattungspraxis deutscher Medien.
-
Durch die Verbindung aus wissenschaftlicher Begrifflichkeit, rhetorischer Prägnanz und engagiertem Appell veranschaulichen sie eindringlich, dass verdeckte Wertungen den Kernauftrag des Journalismus gefährden und eine Ausfechtung politischer Debatten erschweren.
Teilaufgabe 2
Überleitung
-
Die Autoren Chantal Awassi und Marcel Machill vertreten in ihrem Artikel die Auffassung, dass subjektive Wertungen und Framing im nachrichtenbasierten Journalismus konsequent unterbleiben müssen, um Neutralität zu garantieren und das Vertrauen der Bürger in die Medien wiederherzustellen.
-
Im Folgenden wird diese Position unter Rückgriff auf unterrichtliche Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen sowie persönliche Wahrnehmungen im Medienalltag erörtert.
Hauptteil
Erläuterung der Autorenposition
-
Die Autoren fordern eine strikte Trennung von Nachricht und Meinung.
-
Sie kritisieren Journalisten, die ihren Berichterstattungen durch wertende Formulierungen oder Auslassungen eine normative „Haltung“ aufzwingen.
-
Sie postulieren, dass Medien nur dann als gemeinsame Faktenbasis für alle politischen Lager dienen können, wenn sie auf rhetorische Beeinflussungen durch Framing verzichten.
Zustimmende Position
-
Die von den Autoren dargelegten Wirkungen des Framings lassen sich aus eigenen Rezeptionserfahrungen bestätigen. Einmal gesetzte Sprachbilder (z. B. „Flüchtlingswelle“ oder „Klimageld“) aktivieren im Gehirn unwillkürlich gefühlsgeladene Assoziationsketten. Werden diese Frames unreflektiert übernommen, schränken sie die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung ein und drängen den Leser in eine vorgegebene „Gedankenschublade“ (Z. 63).
-
In Zeiten starker gesellschaftlicher Spaltung führt Haltungsjournalismus dazu, dass Bürger mit abweichenden Ansichten den Medien das Vertrauen entziehen. Wenn Nachrichtentexte spürbar moralisieren oder etikettieren, fühlen sich Rezipienten bevormundet. Dies treibt Rezipienten erst recht in alternative Medienkanäle und virtuelle „Meinungsblasen“, in denen Verschwörungsmythen florieren.
-
Ein Demokratieverständnis, das den Bürger als mündiges Subjekt begreift, verlangt unvoreingenommene Rohinformationen. Nur wenn Berichte Fakten neutral präsentieren, können Leser sich eigenständig eine Meinung bilden, anstatt fremde Sichtweisen zu übernehmen.
Ablehnende Position
-
Sprachkritisch lässt sich einwenden, dass Sprache von Natur aus niemals vollkommen neutral sein kann. Jede Wortwahl, jede Selektion von Fakten, jede Anordnung im Text und jede Satzstruktur beinhaltet unvermeidbar eine Perspektive und subjektive Konnotationen. Der Versuch, frei von jedem Kontext zu schreiben, bleibt eine Utopie.
-
In einer unübersichtlichen Welt mit komplexen globalen Krisen erwarten viele Bürger vom Journalismus mehr als die bloße Aneinanderreihung roher Daten. Eine journalistische Einordnung, Kontextualisierung und das Benennen von Fehlentwicklungen sind essenziell, um Desinformation zu entlarven.
-
Angesichts des Erstarkens populistischer, extremstischer oder verfassungsfeindlicher Strömungen fordert ein Großteil der Gesellschaft eine klare Haltung der Medien. Eine falsche Ausgewogenheit, die demokratiefeindliche Positionen gleichrangig neben gesicherte wissenschaftliche oder rechtsstaatliche Erkenntnisse stellt, gefährdet den gesellschaftlichen Konsens. Journalismus hat auch die Pflicht, verfassungsmäßige Werte aktiv zu verteidigen.
Schluss
-
Die Auseinandersetzung verdeutlicht, dass Awassi und Machill auf eine Fehlentwicklung im aktuellen Journalismus aufmerksam machen.
-
Ihre Warnung vor der schleichenden Ersetzung von Fakten durch wertendes Framing ist angesichts sinkender Vertrauenswerte in der Bevölkerung hochrelevant.
-
Während eine vollkommene, objektive Sprachneutralität eine Fiktion bleibt, müssen Journalisten dennoch das verbindliche Ziel verfolgen, transparent, sachlich und um Ausgewogenheit bemüht zu berichten.
-
Nur wenn Medien ihren Informationsauftrag wieder klar von Meinungsbeiträgen trennen, können sie ihrer Rolle als verlässliche Vierte Gewalt und faktenbasierte Säule des demokratischen Diskurses gerecht werden.