Aufgabe 2
Thema
Veränderungen der Literaturkritik durch Neuerungen in der Medienlandschaft
Aufgabenstellung
Im Rahmen Ihres Deutsch-Leistungskurses thematisieren Sie Veränderungen der Literaturkritik, die durch Neuerungen in der Medienlandschaft eingetreten sind. Dabei geht es um die Frage, ob beziehungsweise inwiefern die Entprofessionalisierung der Literaturkritik in sozialen Medien wie Booktok Auswirkungen auf die Auswahl und Qualität der rezipierten Literatur hat.
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Verfasse zu dieser strittigen Frage einen argumentativen Beitrag, der in der Schülerzeitung deiner Schule erscheinen soll.
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Nutze dazu die folgenden Materialien 1−7 und beziehe unterrichtliches Wissen über Literatur mit ein.
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Formuliere eine geeignete Überschrift.
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Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens des Autors bzw. der Autorin und ggf. des Titels.
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Dein argumentierender Beitrag sollte etwa 1100 Wörter umfassen.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Literaturkritik oder Bookstagram (2024)
Thomas Hummitzsch (* 1979)
1 Indieverlage: (umgangsspr.) unabhängige, kleine Verlage mit eher kleinen Auflagen.
2 Bibliodiversität: Wortspiel zu „Biodiversität“, also Büchervielfalt statt biologischer Vielfalt
Quelle: Hummitzsch, Thomas: Literaturkritik oder Bookstagram (20.03.2024). 18.05.2025.
Anmerkung zum Autor: Thomas Hummitzsch (* 1979) ist freier Journalist, Literaturkritiker und Blogger
Material 2: Endlich mehr Lesen – mit den richtigen Verbündeten (2024)
Veronika Silberg (* 1995)
1 Rebecca Yarros: US-amerikanische Schriftstellerin (*1981), die 2023 mit dem Band „Fourth Wing“, dem Auftaktband einer Fantasyroman-Reihe, bekannt geworden ist.
2 Foucault: Michel Foucault (1926−1984) war ein weltweit renommierter französischer Philosoph und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Quelle: Silberg, Veronika: Endlich mehr Lesen – mit den richtigen Verbündeten (21.10.2024). 12.05.2025.
Anmerkung zur Autorin: Veronika Silberg (* 1995) ist studierte Literaturwissenschaftlerin und Journalistin.
Material 3: Wie junge Menschen auf TikTok Bücher feiern (2025)
Volker Weidermann (* 1969)
Quelle: Weidermann, Volker: Rettet Vampir-Sex die Literatur? Wie junge Menschen auf TikTok Bücher feiern. In: Die Zeit 18/2025. S. 30 (30.04.2025).
Anmerkung zum Autor: Volker Weidermann (* 1969) ist Kulturkorrespondent der ZEIT und hat einige Jahre das „Literarische Quartett“ im ZDF moderiert, bei dem aktuelle Buchneuerscheinungen bewertet werden.
Material 4: <ohne Titel> (2022)
Derek Evernden

Quelle: Evernden, Derek: <ohne Titel> (28.05.2022). (28.05.2022). 12.05.2025.
Anmerkung zum Autor: Derek Evernden (Geburtsjahr unbekannt) ist US-amerikanischer Cartoonist und Illustrator.
Material 5: Schreien, wimmern, Bücher kaufen (2024)
Henning Jauernig (* 1991)
1 Börsenverein: Der ‚Börsenverein des Deutschen Buchhandels‘ ist eine einflussreiche und angesehene Interessenvertretung der Buchhändler in Deutschland. Unter anderem veranstaltet er die Frankfurter Buchmesse.
2 quo vadis: (lat.) Wohin gehst du?
Quelle: Jauernig, Henning: Schreien, wimmern, Bücher kaufen (07.05.2024). 12.05.2025.
Anmerkung zum Autor: Henning Jauernig (* 1991) ist Wirtschaftsredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL.
Material 6: Nichts fürchten Autoren mehr als einen Verriss ihrer Bücher. Noch mehr Angst davor haben nur noch jene, welche die Verrisse schreiben sollten: die Literaturkritiker (2021)
Rainer Moritz (* 1958)
1„Literarische Quartett“: Literatursendung im ZDF, in der zwischen 1988 und 2001 sowie seit 2015 aktuelle Buchveröffentlichungen besprochen werden.
2Tacheles reden: (jemandem gegenüber) ganz offen und freimütig seine Meinung äußern.
3 Emma Bovary: Protagonistin aus Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ (1856/1857), die sich aus Langeweile und Verzweiflung in eine außereheliche Affäre flüchtet und schließlich Suizid begeht.
Quelle: Moritz, Rainer: Nichts fürchten Autoren mehr als einen Verriss ihrer Bücher. Noch mehr Angst davor haben nur noch jene, welche die Verrisse schreiben sollten: die Literaturkritiker (31.07.2021). 12.05.2025.
Anmerkung zum Autor: Rainer Moritz (* 1958) ist Germanist, Literaturkritiker, Übersetzer und Autor.
Die ursprüngliche schweizerische Rechtschreibung wurde angepasst.
Material 7: Bestenlisten und Booktok: Welcher Literaturkanon heute relevant ist (2024)
Helene Slancar (* 1998)
1 Marcel Reich-Ranicki (* 1920 − † 2013): einflussreicher und polarisierender deutsch-polnischer Autor, Publizist und Literaturkritiker.
2 Die geheime Geschichte: 1992 erschienener Roman der US-amerikanischen Autorin Donna Tartt (* 1963), inzwischen in über 24 Sprachen übersetzt.
3 Mein Jahr der Ruhe und Entspannung: 2018 erschienener Roman der US-amerikanischen Autorin Ottessa Moshfegh (* 1981).
4 Colleen Hoovers Romane: Die US-amerikanische Autorin (* 1979) zählt mit über 20 Romanen zu den meistverkauften zeitgenössischen Autorinnen und Autoren und ist bekannt geworden für Texte aus dem Bereich New Adult, einer am Jugendroman orientierten Liebesromangattung.
5 Tolstoi, Dostojewski: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (* 1828 − † 1910) und Fjodor Michailowitsch Dostojewski (* 1821 − † 1881) gelten als Klassiker der russischsprachigen Literatur.
6 Camus (* 1913 − † 1960): französischer Schriftsteller und Philosoph. Er erhielt 1957 den Nobelpreis für Literatur.
Quelle: Slancar, Helene: Bestenlisten und Booktok: Welcher Literaturkanon heute relevant ist (10.09.2024). 12.05.2025.
Anmerkung zur Autorin: Helene Slancar (* 1998) ist Journalistin und Autorin.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bücher-Boom auf TikTok: Rettung des Lesens oder Ende der Literaturkritik?
Hinführung
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Vor speziell eingerichteten Büchertischen im lokalen Buchhandel drängen sich Jugendliche, filmen bunte Farbschnitte für TikTok und tauschen sich begeistert über emotionale Lektüremomente aus.
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Was wie die Rettung des analogen Lesens wirkt – über 25 Millionen verkaufte Bücher durch BookTok allein im vergangenen Jahr in Deutschland –, löst im Feuilleton besorgte Debatten aus.
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Es stellt sich die strittige Frage, ob bzw. inwiefern die Entprofessionalisierung der Literaturkritik in den sozialen Medien zu einer echten Demokratisierung und neuen Leselust führt oder ob ein drastischer Qualitätseinbruch durch Oberflächlichkeit und Kommerzialisierung droht.
Hauptteil
Argumente für BookTok
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Die traditionelle Literaturkritik war lange Zeit ein elitärer, schwer zugänglicher Raum, der überwiegend von „alten weißen Männern“ dominiert wurde (M1).
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Soziale Medien wie TikTok und Instagram schaffen mehr soziale Durchlässigkeit und ermöglichen Menschen ohne akademischen Hintergrund einen eigenen, unverkrampften Zugang zur Literatur (M1, M2).
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Der BookToker Josia Jourdan (M2) betont, dass unterhaltende Literatur als „Einstiegsdroge“ fungiert: Wer heute populäre Jugendbücher liest, findet morgen vielleicht den Weg zu anspruchsvolleren Werken wie von Foucault oder Camus (M2, M7).
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Auch gibt es eine durch BookTok eine Steigerung in der Vielfalt der behandelten Themen (M1).
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Digitale Medien lassen die historische Tradition der Lesekreise (wie die Salons des 18. Jahrhunderts) als Orte des intellektuellen und emotionalen Austauschs neu aufleben (M2).
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Der Cartoon von Derek Evernden (M4) veranschaulicht bildhaft, dass BookTok als digitales Portal wirkt, das junge Menschen direkt zurück in analoge Bibliotheken und Buchhandlungen führt.
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Große Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel verzeichnen dank BookTok-Tischen Rekordumsätze und steigende Kundenzahlen bei der Zielgruppe der 12- bis 29-Jährigen (M3, M5).
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Da klassische Rezensionsplätze in Zeitungen und Fernsehen aus Spargründen immer weiter gekürzt werden, füllen Bookfluencer eine Lücke und schaffen neue Aufmerksamkeit für Bücher (M1, M6).
Argumente gegen BookTok
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Es besteht die Gefahr, dass Booktoker im Kampf um Follower, Klicks und kostenlose Leseexemplare von Verlagen vereinnahmt werden, wodurch die Unabhängigkeit der Kritik verloren geht (M1).
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Die Beurteilung auf BookTok erfolgt selten nach ästhetischer oder inhaltlicher Qualität, sondern primär nach der Optik (bunter Farbschnitt), dem Seitenumfang oder dem reinen Zurschaustellen gelesener Buchtürme (M3).
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Fehlende oder wenig fachliche Beurteilungskompetenz aufseiten von wenig belesenen Laienkritikerinnen und -kritikern (M1).
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Helene Slancar (M7) verweist darauf, dass BookTok als „kleine Schwester“ von BookTube deutlich schneller, peppiger und inhaltsloser agiert.
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Rainer Moritz (M6) kritisiert, dass die Literaturkritik zum „zahmen Bettvorleger“ verkommen sei. An die Stelle begründeter Analysen tritt ein emotionaler Kuschelkurs und bloßes Gefallenwollen.
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Ohne die Unterscheidung von guter und schlechter Literatur verflacht der Buchmarkt, da Algorithmen meist dieselben wenigen Bestseller (z. B. Colleen Hoover) pushen (M5, M6, M7).
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Ein Übergewicht von literarisch wenig anspruchsvollen Texten und damit Etablierung eines massentauglichen statt qualitativen und vielfältigen Buchmarkts (M2, M7).
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Negative Veränderung der traditionellen Literaturkritik aufgrund einer veränderten Medienlandschaft, in der literaturkritische Maßstäbe keine entscheidende Rolle mehr spielen, dadurch fehlen literarische Analyse und Einordnung der behandelten Werke (M6).
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Zweifel und Infragestellung daran, dass ein niederschwelliger Zugang zu Literatur zur Lektüre auch traditioneller und damit kanonischer Literatur führt (M4, M5).
Einbindung von unterrichtlichem Wissen
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Im Deutschunterricht erfolgt die Lektüreauswahl kriteriengeleitet nach lehrplanrelevanter Epochenzugehörigkeit, literaturgeschichtlicher Bedeutung und ästhetischem Anspruch.
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In der Freizeit nutzen Jugendliche Literatur primär als Unterhaltungsmedium, zur Selbstoptimierung oder zur Alltagflucht, weshalb Plattformen wie BookTok bevorzugt werden.
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Interessanterweise zeigt sich bei BookTok jedoch auch ein Gegentrend: Klassiker wie Tolstoi, Dostojewski, Kafka, Goethe oder Schiller werden von einigen Creatorn als neue Statussymbole inszeniert, um sich durch anspruchsvolle Lektüre abzuheben (M7).
Schluss
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Die Entprofessionalisierung der Literaturkritik durch soziale Medien ist weder ein reiner Verfall noch ein ungetrübter Segen.
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BookTok leistet Unschätzbares, indem es Lesefreude weckt, den stationären Buchhandel stärkt und Literatur aus elitären Zirkeln holt (M1, M2, M3, M5).
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Dennoch kann die schrille Social-Media-Welt die professionelle, unabhängige Literaturkritik nicht ersetzen, da nur sie ästhetische Maßstäbe vermittelt und Orientierung auf einem unüberschaubaren Buchmarkt bietet (M1, M6, M7).
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Das Ziel für uns als Leserinnen und Leser sollte daher sein: BookTok als Begeisterungsfunke nutzen, aber unsere analytische Urteilskraft anwenden, um literarische Qualität von bloßer Verpackung zu unterscheiden.