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Warum muss es eine Pflicht sein? Es gibt ja die Freiwilligendienste und das freiwillige Engage-
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ment. In der Tat kümmern sich Millionen in unserem Land jeden Tag um Menschen, die Hilfe
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brauchen. Sie sind für andere da, oft neben ihrem Beruf. Ich bin dankbar für die Verantwortung,
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Hilfsbereitschaft und Tatkraft, die in unserer Gesellschaft steckt. Zur Wahrheit gehört aber auch,
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dass das Engagement in vielen Vereinen, Notdiensten, Hilfsorganisationen an Nachwuchsmangel
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leidet. Wahr ist auch, dass an vielen Orten immer dieselben Personen das Ehrenamt tragen. Viele
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Strukturen der Solidarität werden in der modernen Gesellschaft brüchig. Es fehlt ihnen zunehmend
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an Breite, Dauer und Verlässlichkeit.
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Eine Pflicht ist nicht einfach nur Zwang. Denken wir einen Moment darüber nach. Wenn alle
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angesprochen sind und sich alle beteiligen, dann erfahren sich auch alle als gleiche Bürgerinnen
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und Bürger. Mit der Pflicht sagt der demokratische Staat: "Du zählst, du trägst Verantwortung, und
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du bist Teil dieser Demokratie! Du wirst gebraucht!" Und zwar für eine gerechtere, eine menschli-
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che und nachhaltige Gesellschaft. Die Pflichtzeit ist praktischer Einsatz für die Demokratie und für
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eine lebenswerte Zukunft.
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Wir geben mit der sozialen Pflichtzeit eine Antwort auf die destruktiven Auswirkungen sozialer
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Zersplitterung. Ich mache mir Sorgen, dass die Abwendung der Menschen voneinander früher
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oder später die Grundlage unserer Demokratie aushöhlt. Wer sich nur noch von seiner Gruppe
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bestätigen lässt, wer nur noch denkt und fühlt, was in der eigenen Blase gedacht und gefühlt wird,
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der verliert sein Mitgefühl mit anderen und oft auch den Respekt vor ihnen. Eine allgemeine Pflicht-
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zeit führt zur Begegnung mit Leuten, denen wir sonst wenig oder nie begegnen oder die wir nur im
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Vorbeigehen in ihrer beruflichen Funktion erleben, aber nicht in ihrer Menschlichkeit. Indem wir
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ihnen näherkommen, lernen wir auch etwas über das Leben anderer. „Ambiguitätstoleranz" nennt
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es die Sozialphilosophie. Gemeint ist die Fähigkeit, sich nicht so leicht befremden und ängstigen
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zu lassen, wenn ein Mitmensch ganz anders tickt als man selbst.
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Ich bin überzeugt, dass eine soziale Pflichtzeit eine verbindende Erfahrung in einer Gesellschaft
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der verschiedenen Lebenswege ermöglicht. Sie kann gegeneinander abgeschottete Lebenswel-
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ten öffnen - reich und arm, Abiturienten und Hauptschüler, jung und alt, Stadt und Land, Ost und
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West, Nord und Süd, diese oder jene Religion, Kultur, Herkunft, Orientierung, Identität. Das ist kein
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Widerruf der individuellen Entfaltung, die zur Stärke der modernen freien Gesellschaften zählt. Wir
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wachsen in der Auseinandersetzung mit anderen Milieus. Es geht darum, dass selbstbewusste
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Individuen an Orten zusammenfinden, an denen sie gemeinsam etwas bewirken. Freiheit als Ge-
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sellschaftsentwurf geht nicht in einer isolierten Ich-Perspektive auf. Sie benötigt lebendige Bezie-
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hungen zu anderen Menschen, in denen sich eine verantwortungsbewusste Persönlichkeit entwi-
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ckeln kann. Hilfe geben und Hilfe empfangen, die eigene Stärke als nützlich und gewinnbringend
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für Mitmenschen erleben, mit denen wir nicht verwandt sind, die nicht unserem Freundeskreis, ja
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nicht einmal der eigenen Generation angehören, in Kooperation mit anderen Menschen Probleme
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lösen - dies sind Dimensionen unseres Lebens, mit denen wir nicht nur durch Worte, sondern
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durch Taten alles stärken, was uns verbindet.
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Mein Wunsch wäre es, dass die soziale Pflichtzeit länger dauert als eine Hospitation oder ein
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Praktikum. Sechs Monate sollten es schon sein, aber auch nicht mehr als ein Jahr. Sie sollte in
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unterschiedlichen Phasen des Lebens absolviert werden können: Die Zeit nach dem Schulab-
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schluss oder der Berufsausbildung liegt nahe, als Moment der Orientierung und des Neuanfangs
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im Leben. Aber auch später, als Auszeit im Beruf, kann ein solcher Dienst besonders sein. Jeder
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und jede sollte die Wahl haben.
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Die Pflichtzeit kommt, wenn wir Bürgerinnen und Bürger sie wollen. Ich werbe dafür. Denn sie
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wäre ein Gewinn für die innere Festigkeit unserer demokratischen Lebensweise in unsicheren