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Thema 1

Thema 1: Industrialisierung in der Diskussion (Erörterung)

Übergreifende Aufgabenstellung:

Erörtere in einem inhaltlich kohärenten und sinnvoll strukturierten Fachaufsatz die Position Jürgen Kockas, wonach die Sicht auf die deutsche Industrialisierung ambivalenter werde.

Bearbeite dabei auch folgende Teilaufgaben:

  • Fasse die Aussagen des Autors zusammen.

  • Untersuche am Beispiel Deutschlands die Plausibilität der Einordnung der Industrialisierung als „fundamentalen Wachstums- und Strukturwandlungsprozeß“. (Zeilen 8–9)

  • Analysiere die von Kocka angeführten historischen Sachverhalte, welche zu einer sich verändernden Sicht auf den Industrialisierungsprozess führen würden.

  • Setze dich mit der Prognose des Verfassers auseinander, wonach in Zukunft keine grundsätzliche Neubewertung der Industrialisierung zu erwarten sei.

Darstellung: Jürgen Kocka über die Industrialisierung (2021)

Der deutsche Sozialhistoriker Jürgen Kocka (geb. 1941) lehrte bis zur Emeritierung an der Freien Universität Berlin. Einen seiner Forschungsschwerpunkte bildet die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen der Vorlage.

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Der Blick auf die sozialökonomische Geschichte des 19. Jahrhunderts verändert sich. Wenn
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es – trotz unterschiedlicher Sichtweisen im einzelnen – eine Standardinterpretation gab, dann
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war dies jahrzehntelang ihre Betrachtung als eine Geschichte der Industrialisierung. Diese
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Interpretation hat ihre Überzeugungskraft nicht verloren. Aber sie erfährt in jüngster Zeit erheb-
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liche Ergänzungen, Akzentverschiebungen und Umwertungen, so daß ein neues Gesamtbild
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entsteht. Diese Revisionen sind noch im Gange.
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Gemäß dieser seit den 1950er Jahren zumindest in der westlichen Wirtschaftsgeschichte
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dominanten Interpretation stellte die Industrialisierung einen fundamentalen Wachstums- und
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Strukturwandlungsprozeß dar, durch den sich das 19. Jahrhundert in Deutschland wie in vielen
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anderen Ländern deutlich vom 18. Jahrhundert unterscheiden, aber mit dem 20. verknüpfen
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läßt; eine im Kern sozialökonomische Entwicklung, die aber in so gut wie alle Lebensgebiete
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ausstrahlte und in begrenzter Zeit die Welt dramatisch veränderte, so daß einzelne Autoren
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von der »gründlichsten Umwälzung menschlicher Existenz, die jemals in schriftlichen Quellen
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festgehalten worden ist« (Hobsbawm) oder der größten menschheitsgeschichtlichen Zäsur
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seit der Seßhaftwerdung im Neolithikum (Cipolla, Gehlen, Conze) gesprochen haben;1 sie
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stellte danach einen Prozeß dar, der in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
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begann, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nordamerika und auf dem westlichen
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Kontinent (so auch in Deutschland) Fuß faßte, in späteren Jahrzehnten auch im östlichen
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Europa und in Japan begann und im 20. Jahrhundert in anderen Teilen der Welt zur Wirk-
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samkeit kam […]
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Die unter kapitalistischem Vorzeichen stattfindende Industrialisierung erscheint […] in ande-
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rem Licht, wenn sie aus längerer zeitlicher und ausgeweiteter räumlicher Perspektive be-
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trachtet wird. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben Erfahrungen und Warnungen er-
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heblich zugenommen, die von der drohenden Gefahr ökologischer Krisen, von der Erwartung
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einer Klimakatastrophe und von der Sorge um Zerfaserung, Fragmentierung und Desolidari-
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sierung moderner Gesellschaften geprägt sind. Joseph Schumpeter2 hat es klassisch formu-
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liert: Industrialisierung und Kapitalismus entstanden und triumphierten auf der Grundlage von
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Ressourcen, die sie selbst nicht geschaffen haben, aber zunehmend verzehren. So gefährden
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sie sich nicht so sehr durch ihre inneren Widersprüche, Krisen und Ungerechtigkeiten […],
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sondern durch ihren Erfolg. Eine Radikalisierung dieses Gedankens bietet die Zauberlehrlings-
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metapher: Die Menschheit habe mit der Industrialisierung Kräfte mobilisiert, die sich nun
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verselbständigen und gegen sie wenden. Die Übernutzung und der Verlust der begrenzten
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Ressourcen, die der Menschheit zur Verfügung stehen, sind zentrale Elemente in der – in den
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letzten Jahren an Fahrt gewinnenden – Debatte über das Anthropozän, ein erdgeschichtliches
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Zeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflußfaktor in bezug auf die biologischen und
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atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Die kapitalistische Industrialisierung
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rückt damit in einen sehr langen zeitlichen Rahmen.
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In der Konsequenz solcher Zeiterfahrungen und Zukunftssorgen der Gegenwart entsteht ein
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neues Interesse an den vorgegebenen Bedingungen der Industrialisierung und ihren nach-
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haltigen Folgen. Zum einen kommt das Verhältnis der Menschen zur Natur verstärkt in den
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Blick. Man untersucht, wie prinzipiell und folgenreich die Industrialisierung dieses Verhältnis
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veränderte, indem sie – zunächst in Gestalt der Kohle – nicht erneuerbare, langfristig erschöpf-
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bare natürliche Ressourcen in Anspruch nahm und schrittweise verzehrte. Man kann die Ge-
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schichte der Industrialisierung als Prozeß zunehmender Entfernung der Menschen von der
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Natur beschreiben, auch als Geschichte der Befriedigung alter und der Erfindung immer neuer
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Bedürfnisse. Man arbeitet heraus, wie das 19. Jahrhundert die Landwirtschaft veränderte; sie
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wurde homogener, geometrischer, begradigter, durchzogen von immer schärfer definierten
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Abgrenzungen (etwa zwischen Wald, Feld und Weide, nicht aber zwischen Land und Stadt).
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»Unberührte Natur« gab es allerdings schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts – außerhalb der
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unzugänglichen Bergregionen – in Deutschland kaum mehr, die Wildnis war längst gezähmt,
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als die Industrialisierung begann.
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Das Interesse an den dunklen Seiten der Industrialisierung nimmt zu. Die Forschung zeigt
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längst, wie schon die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die mehr oder weniger natürliche
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Umwelt – und damit die Menschen – belastete: durch die Verschmutzung der Gewässer, durch
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Vergiftung oder Unterwühlung von Böden, durch Rauchemissionen und Lärm, durch den Müll
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in den Städten. Frühe, wenngleich schwach bleibende Kritik daran kommt in den Blick,
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zusammen mit Versuchen zur Abhilfe bis hin zur Entstehung von Initiativen, die rückblickend
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als Beginn einer Umweltbewegung gedeutet werden können […]. Die meist konservative Kritik
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an Industrialisierung und Ökonomismus, Fortschritt und technischer Zivilisation – von den
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Romantikern und Wilhelm Heinrich Riehl (1854)3 bis zu Ludwig Klages' berühmter Rede auf
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dem Hohen Meißner4 von 1913 – wird ernster genommen als früher. Es wird deutlicher denn
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je, daß nicht nur Fortschrittsbewußtsein und Optimismus, sondern auch Fortschrittsangst und
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unglückliches Bewußtsein die Industrialisierung begleiteten; an den Bildern der Dichter von
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der Industrialisierung wird es offenbar. Es ist nicht zu erwarten, daß das lange dominierende
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(aber eigentlich nur selten verabsolutierte) Fortschrittsparadigma früherer Jahrzehnte durch
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ein »universales Niedergangs-Paradigma« ersetzt und die Industrialisierung primär als
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»Prozeß fortschreitender Naturzerstörung« (Radkau5) beschrieben wird. Doch das Urteil wird
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insgesamt ambivalenter, die Nachhaltigkeit wird zum Problem, und die Industrialisierungs-
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geschichte gewinnt eine Dimension, die ihr früher meist fehlte.

Kocka, J. (2021): Kampf um die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland. Stuttgart, S. 29–45.

1 Hobsbawm, Cipolla, Gehlen, Conze: Bezugnahme auf die Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012), Carlo M. Cipolla (1922–2000), Arnold Gehlen (1904–1976), Werner Conze (1910–1986), die zur angesprochenen Thematik Grundlagenwerke vorgelegt haben

2 Schumpeter: Joseph Schumpeter (1883–1950), Ökonom und Sozialwissenschaftler

3 Riehl: Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897), Schriftsteller und Kulturwissenschaftler

4 Rede auf dem Hohen Meißner: Ansprache des deutschen Philosophen Ludwig Klages (1872–1956) anlässlich des ersten „Freideutschen Jugendtages“, die auf einer Anhöhe des hessischen Mittelgebirges Hoher Meißner gehalten wurde

5 Radkau: Joachim Radkau (geb. 1943), Historiker

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