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Thema 3

Thema 3: Atomwaffen in der Systemkonfrontation

(Quelleninterpretation)

Übergreifende Aufgabenstellung:

Interpretiere in einem inhaltlich kohärenten und sinnvoll strukturierten Fachaufsatz die Quelle mit Blick auf Einschätzungen Winston Churchills zu Auswirkungen der Verfügbarkeit von Atomwaffen auf die Systemkonfrontation.

Bearbeite dabei auch folgende Teilaufgaben:

  • Gib die Positionen des Autors wieder.

  • Erläutere Churchills Aussagen vor dem historischen Hintergrund.

  • Diskutiere die folgende Auffassung des Verfassers: „Ein Wettrüsten, selbst wenn es mit Atomwaffen und ferngesteuerten Geschossen durchgeführt wird, kann den Großmächten, welche die Landmassen Asiens und Nordamerikas beherrschen, weder Sicherheit noch Seelenruhe bringen, ebensowenig wie den Ländern, die zwischen diesen Großmächten liegen.“ (Zeilen 74–78)

Quelle: Eine zeitgenössische Sicht auf den Beginn des Atomzeitalters (1954)

Der konservative Politiker Winston S. Churchill (1874–1965) nahm seit den 1910er Jahren Regierungsämter in Großbritannien wahr und prägte dessen Innen- und Außenpolitik. Zwischen 1940 und 1945 sowie von 1951 bis 1955 wirkte er als Premierminister. Der folgende Textauszug steht am Ende seiner autobiografisch angelegten Kriegserinnerungen.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen der Vorlage.

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EPILOG
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DER KALTE «FRIEDE» UND UNSERE ZUKUNFT
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[...] Den grellen Hintergrund aller unserer die Verteidigung betreffenden Überlegungen bildete
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die Tatsache, daß der Mensch endgültig in den Besitz der vervollkommneten Mittel zur Ver-
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nichtung des Menschen gelangt war: in den Besitz der Atomwaffe und ihres monströsen Kin-
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des, der Wasserstoffbombe. Zu Beginn des Krieges waren Großbritannien und die Vereinigten
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Staaten übereingekommen, ihre Kenntnisse und ihre Versuche auf dem Gebiet der Nuklear-
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forschung zu koordinieren. Die Ergebnisse jahrelanger Forschung bahnbrechender englischer
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Physiker wurden als unschätzbarer Beitrag zu dem riesigen, höchst geheimen gemeinsamen
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Unternehmen beigesteuert, das in den Vereinigten Staaten und Kanada aufgebaut wurde.
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Diejenigen, die diese Waffen schufen, besaßen einige Jahre die alleinige Verfügungsgewalt
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über eine Kraft, die in weniger gewissenhaften Händen zur Beherrschung und Versklavung
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der gesamten Welt hätte gebraucht werden können. Sie erwiesen sich ihrer Verantwortung
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würdig. Bald jedoch wurden der Sowjetunion Geheimnisse enthüllt, die für die russischen
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Wissenschaftler eine gewaltige Hilfe bedeuteten. Damit waren aber auch die meisten aner-
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kannten Theorien der Strategie überholt. Ein neues, nie für möglich gehaltenes Mächtegleich-
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gewicht war geschaffen worden, ein Gleichgewicht, das auf dem Besitze der Mittel zur gegen-
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seitigen Ausrottung basierte.
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[...]
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[A]uf Amerikas Besitz und sein Übergewicht an Nuklearwaffen [gründeten sich] unsere sicher-
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sten Friedenshoffnungen. Die Armeen der Westmächte waren im Vergleich zu den unzähligen
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russischen Divisionen, die von der Ostsee bis zur Grenze Jugoslawiens1 entfaltet werden
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konnten, verhältnismäßig unbedeutend. Doch das sichere Wissen, daß ein Vormarsch zu Land
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die unbarmherzige Zerstörung durch die strategische Luftwaffe nach sich ziehen würde, war
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und ist das beste Abschreckungsmittel.
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Eine Zeitlang, als die Vereinigten Staaten faktisch die einzigen Besitzer nuklearer Waffen
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waren, bestand die Möglichkeit eines allgemeinen, dauernden Übereinkommens mit der
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Sowjetunion. Es ist jedoch nicht die Art der Demokratien, daß sie Vorteile dadurch ausnützen,
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daß sie Drohungen ausstoßen oder wie Diktatoren handeln. Die in jenen Jahren herrschende
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öffentliche Meinung hätte sicher auch keine scharfe Sprache gegenüber unserem ehemaligen
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Alliierten geduldet, obgleich diese vielleicht manchen unangenehmen Entwicklungen vorge-
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baut haben würde. Stattdessen nahmen die Vereinigten Staaten mit unserer Unterstützung
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eine überaus vernünftige und weitherzige Haltung gegenüber den Problemen der Kontrolle
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von Nuklearwaffen ein. Der Widerstand der Sowjets gegen wirksame Methoden der Über-
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wachung machte alles zunichte. Früher einmal hatte ein Land keine Möglichkeit, im geheimen
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Truppenbestände aufzubauen, die groß genug waren, um einen Nachbarstaat zu über-
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wältigen. Heutzutage jedoch lassen sich die Mittel zur Vernichtung vieler Millionen auf einem
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Raum von wenigen Quadratmetern verbergen.
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Durch diese Entwicklungen wurden alle Aspekte der militärischen oder politischen Planung
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von Grund auf verändert. Die riesigen Stützpunkte, die während der zwei Weltkriege nötig
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waren, um die Armeen zu unterstützen, sind die verwundbarsten Ziele geworden. Alle Werk-
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stätten und Lager am Suezkanal, welche die Achte Armee in der Wüste versorgt hatten,
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könnten jetzt mit Hilfe eines einzigen Flugzeuges in einem Aufblitzen verschwinden. Häfen,
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selbst wenn Fliegerabwehrgeschütze und Kampfflieger sie schützen, könnten zum Grab der
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Flotten werden, die sie einst beschützten. Die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus den
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Städten war selbst in den Tagen der hochentwickelten Technik der Bombenangriffe im letzten
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Kriege praktisch noch durchführbar. Heutzutage sind solche Maßnahmen, wie erwünscht sie
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auch sein mögen, angesichts der Möglichkeiten eines alles vernichtenden Atomangriffs nur
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ein sehr schwacher Trost. Um der neuen Sachlage zu begegnen, mußte der gesamte Aufbau
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der Verteidigung geändert werden. Mit konventionellen Waffen ausgerüstete Truppen wurden
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noch benötigt zur Aufrechterhaltung der Ordnung in unseren Besitzungen und um die
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sogenannten «kleineren» Kriege durchzukämpfen. Wir konnten es uns indessen nicht leisten,
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genügend solche Truppen aufzustellen, da die Atomwaffen und die Mittel zu ihrem Abschuß
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überaus kostspielig waren.
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Das Atomzeitalter veränderte die Beziehungen zwischen den Großmächten. Eine Zeitlang
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fragte ich mich, ob die Männer im Kreml eine klare Vorstellung davon hatten, was ihrem Land
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im Fall eines Krieges zustoßen würde. Möglicherweise kannte man dort weder die volle Zer-
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störungsgewalt von Atomgeschossen, noch wußte man, wie sie wirksam abzuschießen waren.
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Ich ging so weit, mir vorzustellen, eine angekündigte friedliche Luftdemonstration über den
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wichtigsten Städten der Sowjetunion, verbunden mit einer kurzen Darstellung unserer neues-
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ten Erfindungen, würde bei den Sowjetführern eine freundlichere und nüchternere Haltung zur
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Folge haben. Selbstverständlich hätte eine derartige Geste nicht von irgendwelchen Forde-
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rungen begleitet sein dürfen, da sie sonst das Aussehen einer Drohung und eines Ultimatums
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angenommen haben würde. Doch die russische Produktion dieser Waffen und die bemerkens-
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werten Fortschritte der russischen Luftwaffe haben diesen Gedanken seit langem gegen-
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standslos gemacht. Den militärischen und politischen Führern der Sowjetunion muß nun wohl
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bewußt sein, was wir einander antun könnten.
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Ich hoffe nach wie vor auf freundlichere Kontakte mit Rußland, und der Tod Stalins im März
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1953 schien mir eine Möglichkeit zu ihnen zu bieten. [...] Stalin versuchte nicht bloß, die
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Sowjetrepubliken hinter einem Eisernen Vorhang militärisch, politisch und kulturell abzurie-
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geln. Er unternahm es auch, eine Vorpostenlinie von Satellitenstaaten tief in Zentraleuropa
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aufzubauen, die der strengen Kontrolle Moskaus unterstehen, den wirtschaftlichen Bedürfnis-
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sen der Sowjetunion dienen und denen jeder Kontakt mit der freien Welt oder sogar unterein-
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ander verboten ist. Niemand wird glauben, daß dies ewig so bleiben kann. […] Ein Wettrüsten,
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selbst wenn es mit Atomwaffen und ferngesteuerten Geschossen durchgeführt wird, kann den
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Großmächten, welche die Landmassen Asiens und Nordamerikas beherrschen, weder Sicher-
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heit noch Seelenruhe bringen, ebensowenig wie den Ländern, die zwischen diesen Groß-
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mächten liegen. Ich rede hier nicht der Abrüstung das Wort. Abrüstung ist eine Folge und ein
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Ausdruck freier Verbindungen unter freien Völkern. Der Geist kontrolliert die Waffen, und an
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den Geist der Völker Rußlands und seiner Verbündeten sollten sich die freien Völker wenden.

Churchill, W. S. (1954): Der Zweite Weltkrieg. Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre. Bern, S. 1101–1116.

1 Jugoslawien: zur damaligen Zeit Vielvölkerstaat in Südosteuropa

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