Aufgaben
Autozulieferer ZF in der Krise:
Raus aus den Schulden – aber wie? Die ZF Friedrichshafen AG produziert Bauteile für PKW und weitere Fahrzeugarten und ist Deutschlands zweitgrößter Autozulieferer. Der Konzern ist an 168 Produktionsstandorten in 32 Ländern vertreten und hat rund 165000 Beschäftigte. ZF ist eine Aktiengesellschaft, die aber nicht an der Börse notiert ist. Angesichts hoher Schulden müssen im Rahmen der betriebswirtschaftlichen Möglichkeiten Investitionen getätigt, aber auch Schulden abgebaut werden. Als Stiftungsunternehmen mit dem Mehrheitseigner Zeppelin Stiftung (93,8 %, von der Stadt Friedrichshafen verwaltet) kann ZF mit verlässlichen Anteilseignern die notwendigen Veränderungen angehen. Was dabei die richtigen Maßnahmen sind, wird von Unternehmensleitung und Beschäftigten kontrovers diskutiert.
Analysiere anhand von M 2 a bis M 2 c die betriebswirtschaftliche Situation (Liquidität, Rentabilität, Sicherheit) des Unternehmens ZF.
Um neues Kapital zu beschaffen, schlägt ein Automobilexperte vor: „ZF sollte an die Börse.“ (M 3, Z. 15)
Beurteile ausgehend von M 3 diesen Vorschlag aus betriebswirtschaftlicher Sicht.
Ein Börsengang ist eine Möglichkeit zum Schuldenabbau.
Erläutere ausgehend von M 4 zwei andere geeignete Maßnahmen für ZF zum Schuldenabbau.
ZF-Chef Klein schließt die Schließung unrentabler Standorte nicht aus (vgl. M 4, Z. 37 ff.).
Erörtere ausgehend von M 4 das Mittel der Standortschließung unter Berücksichtigung der drei Anspruchsgruppen Beschäftigte, Unternehmensleitung und Staat.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Anhand der Materialien M 2a bis M 2c wird die wirtschaftliche Lage der ZF Friedrichshafen AG im Hinblick auf Liquidität, Rentabilität und Sicherheit untersucht. Die Tabellen basieren auf Daten aus dem Geschäftsbericht 2023.
Die Liquidität beschreibt die kurzfristige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens. Die flüssigen Mittel steigen von 2.518 Mio. € im Jahr 2022 auf 3.637 Mio. € im Jahr 2023 (vgl. M 2a). Zusätzlich verfügt ZF über Forderungen aus Lieferungen und Leistungen von rund 5,8 Mrd. € sowie Vorräte von ca. 5,6 Mrd. € (vgl. M 2a). Dem stehen kurzfristige Schulden in Höhe von 14.205 Mio. € gegenüber, die sich u. a. aus finanziellen Schulden, Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen sowie Vertragsverbindlichkeiten zusammensetzen (vgl. M 2a).
Der frei verfügbare Cashflow hat sich deutlich von 544 Mio. € (2022) auf rund 1,3 Mrd. € (2023) erhöht (vgl. M 2c), was eine verbesserte Innenfinanzierung zeigt. Die Liquidität ersten Grades steigt von 18 % auf 25,6 % und liegt damit im empfohlenen Bereich von 20–30 % (vgl. M 2c). Insgesamt war die kurzfristige Liquidität im Jahr 2023 gesichert und stabil.
Die Rentabilität misst die Ertragskraft des Unternehmens. Die Umsatzerlöse steigen von ca. 43,8 Mrd. € im Jahr 2022 auf ca. 46,6 Mrd. € im Jahr 2023 (vgl. M 2b). Gleichzeitig verbessert sich das EBIT von 1.109 Mio. € auf 1.505 Mio. €, was einer deutlichen Steigerung entspricht (vgl. M 2b). Die Umsatzrendite steigt von 2,5 % auf 3,2 %, liegt aber weiterhin deutlich unter dem Branchendurchschnitt von rund 5,6 % (vgl. M 2c). Auch die Eigenkapitalrendite verbessert sich von 12,9 % auf 19,5 % (vgl. M 2c).
Daraus lässt sich schließen, dass die Gewinne und die operative Ertragskraft zwar gestiegen sind, die Rentabilität im Branchenvergleich jedoch noch unterdurchschnittlich bleibt.
Die Sicherheit beschreibt die langfristige Stabilität und die Kapitalstruktur des Unternehmens. Die Eigenkapitalquote sinkt von 22,1 % auf 19,7 %, entfernt sich somit vom empfohlenen Wert von über 33 % (vgl. M 2c). Gleichzeitig steigt der Verschuldungsgrad von 353 % auf 407 % und liegt damit deutlich über dem Richtwert von unter 200 % (vgl. M 2c). Zusätzlich erhöhen sich die Zinsaufwendungen von 445 Mio. € auf 770 Mio. €, was auf eine steigende Belastung durch Fremdkapital hinweist (vgl. M 2c).
Dies bedeutet, dass die finanzielle Sicherheit abnimmt: ZF ist stark fremdfinanziert, trägt eine hohe Zinslast und besitzt zu wenig Eigenkapital, um Risiken langfristig gut abzufedern.
ZF verfügt im Jahr 2023 über eine ausreichende Liquidität und eine verbesserte Rentabilität, auch wenn die Ertragslage im Branchenvergleich noch ausbaufähig ist. Die größte wirtschaftliche Schwäche bleibt jedoch die hohe Verschuldung, die sich weiter erhöht hat und die finanzielle Sicherheit spürbar beeinträchtigt. Dadurch ist ZF langfristig stärker von Fremdkapitalrisiken und steigenden Zinsbelastungen betroffen.
Im Interview „ZF sollte an die Börse“ mit dem Südkurier, das im Januar 2024 veröffentlicht wurde, schlägt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vor, die ZF Friedrichshafen AG solle zur finanziellen Stabilisierung einen Börsengang durchführen (vgl. M 3, Z. 15). Dieser Vorschlag wird im Folgenden aus betriebswirtschaftlicher Sicht anhand der Kriterien Effektivität, Umsetzbarkeit und Nachhaltigkeit beurteilt.
Durch die anhaltend hohe Verschuldung von ZF in Verbindung mit einem zu niedrigen Eigenkapital ist die Finanzierung der Zukunftstechnologien stark eingeschränkt (vgl. M 3, Z. 4 ff.). Zusätzlich belasten die Zinszahlungen aus Krediten die Liquidität erheblich (vgl. M 3, Z. 9 ff.). Ein Börsengang wäre ein wirksames Instrument, um finanzielle Mittel aufzunehmen, ohne die Fremdkapitalquote weiter zu erhöhen. Durch den Börsengang kann das Eigenkapital nach Einschätzung Dudenhöffers verdoppelt werden (vgl. M 3, Z. 27 ff.). Gleichzeitig könnten Kreditverbindlichkeiten deutlich schneller zurückgeführt werden, was die Zinslast reduziert und die finanzielle Handlungsfähigkeit stärkt (vgl. M 3, Z. 33 f.).
Die zusätzliche Kapitalbasis schafft darüber hinaus den notwendigen Spielraum, um in neue Technologien und Geschäftsfelder zu investieren, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit langfristig gesichert werden kann (vgl. M 3, Z. 34 f.). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lässt sich daraus schließen, dass ein Börsengang sehr effektiv ist, weil er zentrale finanzielle Engpässe des Unternehmens beseitigt und unmittelbare Verbesserungen bei Liquidität, Kapitalstruktur und Innovationsfähigkeit erzielt.
Die Umsetzbarkeit eines Börsengangs hängt davon ab, ob die bisherigen Eigentümer seine Durchführung unterstützen. Ein früherer Versuch scheiterte am Veto des Aufsichtsratsvorsitzenden (vgl. M 3, Z. 16 f.). Dies zeigt, dass politische oder stiftungsbezogene Interessen eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung spielen. Allerdings kann ein Börsengang so gestaltet werden, dass die Stimmrechte weiterhin bei den bestehenden Eigentümern verbleiben. Dudenhöffer verweist hierfür auf ein Modell, bei dem stimmrechtslose Vorzugsaktien ausgegeben werden, während die Stammaktien und damit die Kontrolle beim bisherigen Eigentümer verbleiben (vgl. M 3, Z. 19 ff.). Durch eine solche Struktur erhält ZF Kapital, ohne die Entscheidungsgewalt aus der Hand zu geben.
Außerdem wird das Kapitalmarktumfeld positiv eingeschätzt, da die Zinsen voraussichtlich nicht weiter steigen (vgl. M 3, Z. 37 f.). Dies erleichtert die Platzierung von Aktien und erhöht die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kapitalaufnahme. Der Börsengang erscheint damit nicht nur theoretisch möglich, sondern praktisch gut umsetzbar, sofern die Interessen der Eigentümerseite berücksichtigt werden.
Zusätzlich bestätigt ein aktuelles Interview mit ZF-Chef Holger Klein, dass das Unternehmen konkrete Schritte in Richtung einer Kapitalmarktöffnung prüft, was ein weiteres Indiz für die Umsetzbarkeit ist (vgl. M 4, Z. 31 ff.). Damit wird deutlich, dass die Unternehmensleitung den Vorschlag als realistische Option ansieht.
Ein Börsengang schafft eine langfristige Verbesserung der Kapitalbasis. Eigenkapital muss nicht getilgt oder verzinst werden, wodurch sich die finanzielle Stabilität nachhaltig erhöht. Eine solide Eigenkapitalstruktur verbessert auch das Rating und erleichtert zukünftige Finanzierungen. Zudem kann ein größerer finanzieller Spielraum dazu beitragen, Investitionen in Zukunftstechnologien zu verstärken, welche über die Wettbewerbsfähigkeit am Markt entscheiden (vgl. M 3, Z. 4 ff.).
Darüber hinaus kann eine stabile Kapitalstruktur den Standort und die Beschäftigung langfristig absichern. Die Aussage, dass ein frühzeitiger Börsengang Arbeitsplätze hätte sichern können, unterstreicht den nachhaltigen Charakter der Maßnahme (vgl. M 3, Z. 47 f.). Zwar müssen durch die Kapitalmarktöffnung zukünftige Dividenden teilweise mit neuen Aktionären geteilt werden (vgl. M 3, Z. 30 ff.), dennoch kann der Nutzen einer stabilen und innovationsstarken Unternehmensentwicklung diese Nachteile überwiegen.
Aus nachhaltiger Sicht stärkt ein Börsengang nicht nur die finanzielle Resilienz, sondern auch die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven des Unternehmens, was auch den Standort langfristig stabilisieren kann.
Ein Börsengang der ZF Friedrichshafen AG ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine äußerst sinnvolle Maßnahme. Er ist effektiv, da er das Eigenkapital deutlich stärkt, die Verschuldung reduziert und Investitionen ermöglicht. Er ist umsetzbar, sofern die Aktienstruktur so gestaltet wird, dass die bisherigen Eigentümer die Kontrolle behalten. Er ist nachhaltig, weil er die Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Krisenresilienz langfristig erhöht.
Auch wenn Dividenden zukünftig geteilt werden müssen, überwiegen die Vorteile deutlich. Die Maßnahme verbessert die finanzielle Stabilität und eröffnet langfristig neue Zukunftsperspektiven. Ein Börsengang ist damit betriebswirtschaftlich geeignet, realistisch und nachhaltig sinnvoll.
Neben einem möglichen Börsengang nennt Material M4 weitere Maßnahmen, mit denen die ZF Friedrichshafen AG ihre Schulden reduzieren kann. Im Folgenden werden zwei betriebswirtschaftlich geeignete Maßnahmen erläutert: erstens die Desinvestition bzw. Auslagerung von Geschäftsbereichen und zweitens die Verbesserung der operativen Ertragskraft durch Standortfokussierung und strukturelle Anpassungen. Beide Maßnahmen ermöglichen einen Schuldenabbau, ohne zwingend zusätzliches Fremdkapital einzusetzen.
Eine Maßnahme zum Schuldenabbau besteht darin, Geschäftsbereiche zu veräußern oder in Kooperationen einzubringen. Im Material wird deutlich, dass ZF bereits einen Unternehmensbereich aus dem Achsmontagesegment in ein Joint Venture eingebracht hat und dadurch etwa eine halbe Milliarde Euro erlöst hat (vgl. M 4, Z. 20 ff.). Dieser Betrag steht kurzfristig zur Verfügung und kann direkt für die Tilgung von Krediten eingesetzt werden, wodurch die Zinslast sinkt und sich die Liquidität verbessert.
Diese Maßnahme ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, weil sie sofortige Mittel schafft, ohne zusätzliche Belastungen der Bilanz durch neues Fremdkapital. Das ist besonders vorteilhaft in einer Phase erhöhter Zinsen, da die Alternative – neue Kredite – die Zinsaufwendungen weiter erhöhen würde. Desinvestitionen wirken schnell und unmittelbar, weil sie liquide Mittel generieren, die nicht über mehrere Jahre verteilt erwirtschaftet werden müssen.
Darüber hinaus bietet eine Desinvestition den Vorteil, dass das Unternehmen sich auf besonders wettbewerbsfähige und margenstarke Bereiche konzentrieren kann. Wenn ein Geschäftsbereich nur geringe Renditen erwirtschaftet oder hohe Investitionen erfordern würde, ist ein Verkauf wirtschaftlich sinnvoller, als diesen dauerhaft weiterzuführen. So entsteht ein doppelter Effekt: erstens kurzfristige Liquidität für den Schuldenabbau, zweitens eine Fokussierung auf Kernkompetenzen und eine effizientere Kapitalnutzung.
Damit ist der Verkauf oder die Auslagerung von Sparten ein wirksames und strategisch nachvollziehbares Instrument zur Entschuldung.
Eine weitere Möglichkeit, Schulden abzubauen, besteht darin, die operative Ertragskraft zu steigern, um mehr Innenfinanzierung zu erzielen. Wenn ein Unternehmen langfristig höhere Gewinne erwirtschaftet, kann es diese Mittel zur Schuldentilgung nutzen, ohne externe Finanzierung in Anspruch zu nehmen.
Im Material wird beschrieben, dass es weltweit Standorte gibt, die dauerhaft nicht rentabel sind (vgl. M 4, Z. 37–39). Statt diese Werke weiter zu betreiben, plant ZF, die Produktion „deutlich kostengünstiger in der Türkei zu bündeln“ (vgl. M 4, Z. 45 ff.). Durch die Verlagerung können Fixkosten, insbesondere für Personal, Infrastruktur und Verwaltung, reduziert werden. Diese Kosteneinsparungen erhöhen langfristig das EBIT und den Cashflow.
Betriebswirtschaftlich betrachtet führt eine höhere Ertragsstärke zu mehr Innenfinanzierungspotenzial, mit der ZF die Schulden aus eigener operativer Kraft abbauen kann. Während Desinvestitionen kurzfristig wirken, entfalten Effizienzmaßnahmen eine nachhaltige Wirkung, weil sie die jährlichen Ausgaben reduzieren und damit automatisch zu höheren Rücklagen und Schuldentilgungen führen.
Ein weiterer Vorteil dieser Maßnahme besteht darin, dass ein Unternehmen mit einer verbesserten Kostenstruktur widerstandsfähiger gegenüber konjunkturellen Schwankungen wird. Ein stabileres EBIT erleichtert die Rückführung von Krediten selbst in Jahren ohne Umsatzwachstum. Außerdem verringert eine höhere Marge die Abhängigkeit von externen Kapitalgebern, was insgesamt die wirtschaftliche Freiheit erhöht.
Damit stellt die Verbesserung der Ertragskraft über Standortoptimierungen eine dauerhaft tragfähige Maßnahme zum Schuldenabbau dar, die auch ohne zusätzliche Kapitalaufnahme funktioniert.
Beide Maßnahmen ergänzen sich: Desinvestitionen wirken kurzfristig und deutlich, während Effizienz- und Standortmaßnahmen langfristig und nachhaltig wirken. Zusammen bilden sie eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Kombination, um die Verschuldung schrittweise und ohne zusätzliche Fremdfinanzierung zu reduzieren.
Im Interview „Wir werden harte Entscheidungen treffen müssen“, veröffentlicht im Handelsblatt am 30.01.2024, äußert sich Holger Klein, Vorstandsvorsitzender der ZF Friedrichshafen AG, zur wirtschaftlich angespannten Situation des Unternehmens. ZF ist hoch verschuldet und sieht sich aufgrund steigender Zinslasten gezwungen, seine Ertragskraft deutlich zu verbessern. Vor diesem Hintergrund schließt Klein die Schließung unrentabler Standorte nicht aus (vgl. M 4, Z. 37 ff.). Im Folgenden wird das Mittel der Standortschließung aus Sicht der Anspruchsgruppen Beschäftigte, Unternehmensleitung und Staat erörtert.
Für einen Teil der Beschäftigten kann die Schließung unrentabler Standorte einen stabilisierenden Effekt haben. Wenn verlustreiche Werke aufgegeben werden, steigen die Chancen, dass wirtschaftlich gesunde Standorte langfristig erhalten bleiben. Klein betont, dass das Ziel darin bestehe, „für möglichst viele unserer Beschäftigten eine Zukunft zu bauen“ (M 4, Z. 44). Aus dieser Perspektive kann eine Standortschließung dazu beitragen, die Arbeitsplätze der verbleibenden Belegschaft zu sichern und Investitionsmittel gezielt auf wettbewerbsfähige Standorte zu konzentrieren.
Für die direkt betroffenen Arbeitnehmer überwiegen jedoch die Nachteile. Eine Standortschließung bedeutet in der Regel den Verlust des Arbeitsplatzes und damit der wirtschaftlichen Existenzgrundlage. Besonders problematisch ist dies für Beschäftigte in Regionen mit wenigen alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten. Zudem kündigt Klein an, dass ZF künftig mit weniger Beschäftigten in Deutschland rechnen müsse (vgl. M 4, Z. 65 f.), was die Unsicherheit innerhalb der gesamten Belegschaft erhöht. Neben den finanziellen Folgen sind auch soziale und psychische Belastungen zu berücksichtigen, da Arbeitsplatzverluste häufig mit Zukunftsängsten und einem Verlust sozialer Sicherheit einhergehen.
Aus Sicht der Unternehmensleitung ist die Schließung unrentabler Standorte ein wirksames Instrument zur Verbesserung der finanziellen Situation. Werke, die dauerhaft Verluste erwirtschaften, belasten die Ertragskraft und erschweren den dringend notwendigen Schuldenabbau (vgl. M 4, Z. 16 ff.). Durch die Aufgabe solcher Standorte kann sich das Unternehmen stärker auf rentable Geschäftsbereiche konzentrieren und finanzielle Mittel für strategisch wichtige Zukunftsfelder wie neue Technologien bündeln (vgl. M 4, Z. 56–63). Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und erhöht langfristig die Überlebensfähigkeit des Konzerns.
Gegen Standortschließungen sprechen aus Sicht der Unternehmensleitung mögliche negative Folgen für das Unternehmensimage. Die Schließung von Werken kann als Zeichen wirtschaftlicher Schwäche wahrgenommen werden und das Vertrauen von Beschäftigten, Kunden und Geschäftspartnern beeinträchtigen. Darüber hinaus besteht das Risiko, dass wertvolles Know-how verloren geht, wenn qualifizierte Fachkräfte das Unternehmen verlassen. Interne Verunsicherung kann zudem Motivation und Leistungsbereitschaft der verbleibenden Belegschaft senken.
Für den Staat können Standortschließungen dann vertretbar sein, wenn sie zur langfristigen Sicherung eines großen Industrieunternehmens beitragen. Ein wirtschaftlich stabiles ZF kann weiterhin Steuereinnahmen generieren und Beschäftigung an verbleibenden Standorten sichern. Zudem wird durch die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eines international tätigen Konzerns der Wirtschaftsstandort insgesamt unterstützt.
Demgegenüber stehen erhebliche gesellschaftliche Kosten. Standortschließungen führen zu steigender Arbeitslosigkeit und damit zu höheren staatlichen Ausgaben für soziale Sicherungssysteme bei gleichzeitig sinkenden Steuereinnahmen. Besonders problematisch ist dies in strukturschwachen Regionen wie Gelsenkirchen, wo laut Klein unprofitable Werke bestehen (vgl. M 4, Z. 37–39). Darüber hinaus widersprechen Arbeitsplatzverluste dem staatlichen Interesse, soziale Stabilität zu sichern und den Industriestandort Deutschland zu erhalten.
Insgesamt zeigt die Erörterung, dass Standortschließungen ein wirtschaftlich nachvollziehbares, aber sozial belastendes Mittel der Unternehmenspolitik darstellen. Einerseits können sie zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit, zur Verbesserung der Ertragslage und zum Schuldenabbau beitragen. Andererseits verursachen sie erhebliche soziale Kosten für Beschäftigte und den Staat. Sie können gerechtfertigt sein, wenn Standorte dauerhaft unrentabel sind und andere Maßnahmen wie Kooperationen, Umstrukturierungen oder alternative Finanzierungswege nicht ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Voraussetzung ist jedoch ein transparenter Entscheidungsprozess sowie die Einbindung der Arbeitnehmervertretungen, wie von Klein angekündigt (vgl. M 4, Z. 47–49). Unter diesen Bedingungen stellen Standortschließungen ein vertretbares, wenn auch letztes Mittel dar, um die Zukunftsfähigkeit von ZF insgesamt zu erhalten.