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Franziska Telser: Hat die Gen Z zu hohe Ansprüche? (28.09.2023)
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Stefan Rascher würde eigentlich gerne weniger arbeiten. Der 56-jährige Unter-
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nehmer hat in seiner Laufbahn mehrere Start-ups mitgegründet und begleitet –
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immer wieder auch mit Vertretern der jüngeren Generation. Wenn es darauf an-
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kommt, steht er indes oft allein da. Ein Problem am Wochenende? Die Handys
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der jüngeren Kollegen sind ausgeschaltet.
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Der Kunde braucht kurzfristig einen Termin am Montagmorgen. Wer geht hin?
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Er. „Was von den Jüngeren nicht kommt, muss ich ausbügeln“, sagt Rascher.
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Angelina Eimecke, 25 Jahre alt, will, dass sich der Job ihrem Leben anpasst –
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und nicht umgekehrt. Sie studiert Wirtschaftspsychologie im Master und hat klare
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Vorstellungen davon, wie ihr Job nach dem Abschluss aussehen soll.
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Flexibel will sie arbeiten. „Schon auch im Büro.“ Aber wann sie dort ist? Das
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will sie selbst entscheiden können. Sich für ein Unternehmen kaputtschuften?
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Auf keinen Fall. Ein enger Verwandter, erzählt sie, war jahrelang unzufrieden
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mit seiner Arbeit und hat sich in zahllosen Überstunden in den Burnout manö-
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vriert. „Das prägt“, sagt die Studentin. „Ich bin lieber arbeitslos als im falschen
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Job.“ An Ehrgeiz mangele es ihr nicht, sagt Angelina Eimecke. Aber sie wünsche
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sich einen Job, in dem die Aufgaben einen Sinn haben. Viele junge Menschen
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wollen den Beruf nicht mehr zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Der Job soll
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gut bezahlt und trotzdem vereinbar mit freizeitlichen Interessen sein. Sie fordern
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Sabbaticals, verweigern zu viele Überstunden, wollen nicht an einen Ort gebun-
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den sein oder nur vier statt fünf Tage je Woche arbeiten.
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Das verändert den Arbeitsmarkt: „Vielen geht es zu gut“, sagte Bernd Freier,
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Chef der Modekette s.Oliver, zuletzt in einem Interview über die Jugend. Mit
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einer Vier-Tage-Woche und Homeoffice, wie es vor allem die jüngere Genera-
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tion fordere, funktioniere die Arbeitswelt nicht. Glaubt man den Pessimisten,
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steht nicht weniger als das deutsche Wohlstandsmodell auf dem Spiel. Tat-
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sächlich kommt die Forderung nach einer veränderten Work-Life-Balance zu
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einem schwierigen Zeitpunkt. Bereits jetzt fehlen in Deutschland rund eine halbe
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Million Fachkräfte – über alle Branchen hinweg.
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Man sollte bedenken, dass in einem Sozialstaat wie Deutschland dann auch die
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Einnahmen sinken, mit denen zum Beispiel das Rentensystem finanziert wird.
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Denn Freizeit wird nicht besteuert: Arbeit und Konsum dagegen schon. Zudem
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verschärfe sich die Fachkräfteknappheit.
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Gemessen am reinen Arbeitszeitvolumen ist Deutschland bereits heute der
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OECD-Staat, in dem am wenigsten gearbeitet wird. Im Jahr 2022 kam die Bun-
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desrepublik nach OECD-Angaben auf eine Jahresarbeitszeit von 1341 Stunden
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je Beschäftigten. Franzosen und Briten verbrachten dagegen durchschnittlich
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1511 und 1532 Stunden im Job.
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Die Generation Z ist unzweifelhaft gut ausgebildet, Digital Natives eben. Die
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zwischen 1995 und 2010 Geborenen sind mit digitalen Technologien aufge-
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wachsen, was sie für Arbeitgeber sehr attraktiv macht. Entsprechend selbstbe-
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wusst sind viele, wenn es um die Jobsuche geht.
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Erfüllen Unternehmen die Wünsche der Generation Z nicht, ziehen die jungen
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Mitarbeiter weiter. In Fachkreisen gelten sie als die „illoyalsten Jobber“ aller
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Zeiten, sagt Julian Stahl, Arbeitsmarktexperte beim Jobs-Netzwerk Xing. „Die
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Generation Z ist hochqualifiziert – aber auch und im Vergleich zu anderen Gene-
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rationen überproportional wechselwillig.“ Junge Menschen wollen ihre Befind-
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lichkeiten und Wünsche nicht mehr dem Job unterordnen – und trotzdem Kar-
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riere machen. Vertreter älterer Generationen wie der Unternehmer Stefan
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Rascher blicken dagegen manchmal frustriert auf die Generation Z, weil sie sich
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um ihren Wohlstand sorgen und von dem Gefühl geplagt werden, die Arbeit der
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Jüngeren nun auch noch schultern zu müssen.
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An Leistungsbereitschaft fehlt es der GenZ nicht unbedingt. „Sie wollen nur
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anders arbeiten, anders motiviert werden“, sagt Generationenforscher Schnetzer.
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Tatsächlich forderten junge Menschen offensiver ein, was ihnen wichtig ist.
Franziska Telser: Hat die Gen Z zu hohe Ansprüche? (28.09.2023), https://www.handelsblatt.com/karriere/generation-z-hat-die-gen-z-zu-hohe-ansprueche/29330818.html; Zugriff am 05.01.2024] (zu Prüfungszwecken bearbeitet)