Lerninhalte in Wirtschaft
Inhaltsverzeichnis

M4

a) Alexander Hagelüken: Kurzarbeit schadet der Karriere nicht (04.03.2024)

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Es war ein beispielloser Wirtschaftseinbruch. Im Frühjahr 2020 entfachte die
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Corona-Pandemie eine weltweite ökonomische Krise. Zum Schutz der Bür-
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gerinnen und Bürger vor Ansteckung schlossen Fabriken und Geschäfte. Die
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deutsche Wirtschaft schrumpfte so stark wie nie nach dem zweiten Weltkrieg,
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nur in der Finanzkrise 2008/2009 hatte es Vergleichbares gegeben. Um zu
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verhindern, dass es wie in früheren Krisen zu Massenentlassungen kam, bezu-
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schusste die Bundesregierung mit hohen Kosten Kurzarbeit. Das Vorgehen
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der Regierung war ein riesiges Experiment. Von März 2020 bis März 2021
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befanden sich im Schnitt 3,6 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Sie arbei-
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teten weniger oder gar nicht und erhielten einen Großteil des wegfallenden
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Lohns ersetzt. Das rettete zunächst Millionen Jobs. Die Frage ist, wie es da-
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nach für die Beschäftigten weiterging. Die verkürzten Arbeitszeiten schade-
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ten der weiteren beruflichen Entwicklung nicht. Die Daten belegen: Wer 2020
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in Kurzarbeit war, war 2021 nicht häufiger arbeitslos als andere Arbeitneh-
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mer. Das Hilfsinstrument bewahrte also längerfristig vor dem Jobverlust. Wer
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in der Krise kurzarbeitete, war auch nicht gegen seinen Willen gezwungen,
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dauerhaft weniger zu arbeiten – und damit weniger zu verdienen. Bemerkens-
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wert ist, dass diese positiven Ergebnisse für Frauen wie Männer gleicherma-
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ßen gelten. Denn das ist bei Arbeitslosigkeit anders. Frauen bleiben nach einer
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betriebsbedingten Kündigung im Durchschnitt länger ohne Job als Männer.
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Und wenn sie wieder eine Stelle haben, drückt der Rauswurf ihre Bezahlung
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mittelfristig stärker als bei Männern. Der Einsatz von Kurzarbeit verhindert
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das alles und wirkt damit positiv auf die Gleichstellung von Frauen und
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Männern.
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Eine negative Folge hat die Kurzarbeit in der Pandemie aber doch: Wer davon
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betroffen war, hatte zumindest kurz nach der Krise ein geringeres Gehalts-
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plus. Der Bruttolohn stieg im Schnitt bei Männern von 21,60 Euro pro Stunde
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2019 auf 22,50 Euro 2021. Wer dagegen keine Kurzarbeit machte, bekam im
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Schnitt eine Erhöhung von 21,70 auf 24,50 Euro. Bei Frauen waren die Un-
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terschiede noch etwas größer. Diese Lohndämpfer könnten damit zu tun ha-
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ben, dass Firmen mit Kurzarbeit länger als andere brauchten, um wirtschaft-
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lich wieder in die Spur zu kommen. Und Gewerkschaften sich in besonders
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von der Krise betroffenen Branchen bei Tarifforderungen zurückhielten, um
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nicht doch Jobs zu gefährden. Der teure und sehr lange Einsatz von Kurzarbeit
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in der Pandemie war politisch umstritten. Einige marktliberale Ökonomen
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warnten, die staatliche Hilfe verplempere Milliarden. Es entstünden „Zombie-
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Firmen“, die später in einer riesigen Pleitewelle zusammenkrachen würden.
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Dieses Horrorszenario ist nicht eingetreten. Die Kurzarbeit verursachte keine
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Pleitewelle, aber sie rettete Millionen Jobs.

Kurzarbeit schadet der Karriere nicht, Alexander Hagelüken, SZ.de vom 04.03.2024

b) Mischa Erhardt: Kurzarbeit und Rekorddividenden – Aktionäre machen Kasse (25.04.2022)

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Kein Zweifel – die Automobilbranche steckt einmal mehr in der Krise. So
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sind 2021 die Autoverkäufe zurückgegangen. Allerdings sind die Gewinne
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2021 in den Bilanzen der Konzerne in die Höhe geschossen. BMW verdrei-
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fachte den Gewinn auf über zwölf Milliarden Euro, Mercedes verdiente über
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14 Milliarden und Volkswagen verbuchte sogar über 15 Milliarden Euro Ge-
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winn. Ein Plus von 75 Prozent. Die Autokonzerne wollen die Aktionäre an
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den Rekordgewinnen durch ebenso emporschießende Dividenden teilhaben
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lassen: Mercedes schlägt seinen Aktionären vor, die Ausschüttung auf fünf
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Euro pro Aktie fast zu vervierfachen.
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Möglich ist das allerdings auch, weil die Unternehmen ihre Produktionsprob-
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leme auf Kosten der Beitrags- und Steuerzahler ausgleichen konnten. Tau-
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sende Beschäftigte schickten die Autokonzerne in Kurzarbeit, weil die Pro-
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duktion zum Beispiel wegen Chipmangel stockte.
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„Es ist natürlich ein Hohn, dass wir auf der einen Seite Rekord-Dividenden
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bei den deutschen Autokonzernen verzeichnen werden und auf der anderen
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Seite dieselben Konzerne noch immer Kurzarbeitergeld, das mittlerweile aus
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Steuermitteln bezahlt wird, in hohen Summen bekommen. Das eine passt mit
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dem anderen nicht zusammen“, sagt Jens Hilgenberg vom Dachverband der
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Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.
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Das Kurzarbeitergeld bezahlt die Bundesagentur für Arbeit mit den Beiträ-
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gen, die Arbeitgeber und Beschäftigte abführen. Allerdings reichten diese
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Beiträge schon im ersten Corona-Jahr 2020 nicht mehr aus, um die steigenden
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Ausgaben vor allem für das Kurzarbeitergeld zu decken. Deshalb schoss der
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Bund sieben Milliarden Euro an Steuergeldern dazu; 2021 waren es sogar 17
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Milliarden Euro aus der Staatskasse.
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2022 rechnet die Bundesagentur mit einem Defizit von noch einmal knapp
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4,5 Milliarden Euro. Dass die Autokonzerne, die von diesen staatlich mit-
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finanzierten Hilfen in besonderem Maß profitieren, gleichzeitig Ausschüttun-
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gen an die Aktionäre erhöhen, sieht auch Professor Stefan Bratzel vom Center
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of Automotive Management kritisch.
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„Ich glaube, es stünde dem ein oder anderen Hersteller ohnehin gut zu Ge-
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sicht, wenn er eben keine Kurzarbeitergelder in Anspruch nimmt und seine
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Gewinne ein Stück weit dafür verwendet, eben diese Probleme, die etwa durch
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die Lieferkette entstehen, dann auszugleichen“, sagt er.
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Umso mehr, als die Probleme sich aktuell wieder vergrößern durch den Krieg
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in der Ukraine. Derzeit stockt die Autoproduktion, weil Kabelbäume nicht
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geliefert werden können. Die Autohersteller hatten im vergangenen Jahrzehnt
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deren Produktion in Niedriglohnländer wie eben die Ukraine ausgelagert.
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Aufgrund dieser und anderer Nachschubprobleme fahren die Hersteller aktu-
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ell wieder bestimmte Teile ihrer Produktion herunter – und verordnen den
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Beschäftigten Kurzarbeit. BMW und Volkswagen verweisen auf Anfrage da-
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rauf, dass es sich beim Kurzarbeitergeld eben um Leistungen aus der Arbeits-
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losenversicherung handelt. Und beide Konzerne geben an, dass sie in den ver-
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gangenen Jahren mehr Geld in die Arbeitslosenkasse überwiesen hätten, als
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sie jetzt an Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen würden. Mercedes hatte
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nach eigenen Berechnungen im Jahr 2020 rund 700 Millionen Euro durch
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Kurzarbeitergeld eingespart.
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Die aktuelle Absatzkrise wird noch verschärft durch die Transformation der
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Branche in Richtung Elektromobilität, Digitalisierung und dem zunehmend
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automatischen Fahren.
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Denn diese Umstellungen erfordern hohe Investitionen.
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Aber vielleicht haben die Autokonzerne ja ausreichend Kapital, um all diese
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Herausforderungen zu meistern und gleichzeitig noch hohe Dividenden aus-
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zuschütten? Schließlich fahren sie hohe Gewinne ein – wenngleich zum Teil
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auf Staatskosten.

Mischa Erhardt: Kurzarbeit und Rekorddividenden – Aktionäre machen Kasse (25.04.2022), https://www.deutschlandfunkkultur.de/autokonzerne-rekordgewinne-hohe-dividenden-100.html; Zugriff am 11.12.2025] (zu Prüfungszwecken bearbeitet)

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