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Walther Rosenberger (Südkurier): Interview mit Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer – „ZF sollte an die Börse“ (24. 01. 2024)
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Südkurier: Herr Dudenhöffer, Deutschlands zweitgrößter Autozulieferer ZF ist
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in der Krise. Was ist das Problem?
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Dudenhöffer: ZF Friedrichshafen ist ein Unternehmen, das technologisch immer
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noch punktet. Es hat aber deutlich zu wenig Eigenkapital. Es fehlt an Mitteln,
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um die Zukunft zu finanzieren und ausreichend in neue Technologien zu inves-
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tieren.
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ZF drücken elf Milliarden Euro Schulden aus Zukäufen. Das Management will
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genug Geld hereinbringen, um die Kredite zu bedienen. Wird das reichen?
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Die Verschuldung ist ein großes Problem. Allein die Zinslast beträgt pro Jahr
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mehrere hundert Millionen Euro. Hinzu kommt ein schlechteres Rating an den
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Finanzmärkten. Daher versucht ZF seit Monaten, sein Tafelsilber zu verkaufen
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und stellt ganze Sparten in Frage.
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Was schlagen Sie vor?
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Die Eigentümer von ZF sind jetzt in der Pflicht, dem Unternehmen neue Finan-
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zierungsmöglichkeiten zu verschaffen. ZF sollte an die Börse.
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Vor rund einem Jahrzehnt gab es so einen Vorstoß schon einmal. Er scheiterte
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am Veto des starken Manns im ZF-Aufsichtsrat, dem Friedrichshafener Ober-
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bürgermeister Andreas Brand.
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Man kann einen Börsengang ja so organisieren, dass die bisherigen Eigner, vor
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allem die Zeppelin-Stiftung der Stadt Friedrichshafen, weiter bestimmend blei-
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ben und nicht Fonds oder Investoren das Steuer übernehmen. Im Grunde steht
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der Volkswagen-Konzern Pate. Auch Porsche wurde zu einem aktiennotierten
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Unternehmen. Das Entscheidende ist, dass die Stimmrechte bei der Familie Por-
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sche verblieben. Das wurde dadurch erreicht, dass die ausgegebenen stimm-
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berechtigten Stammaktien ausschließlich von der Familie gezeichnet wurden.
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Investoren konnten nur stimmrechtslose Vorzugsaktien erwerben und wurden im
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Gegenzug mit einer höheren Dividende belohnt. Auch ZF könnte so sein Eigen-
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kapital wahrscheinlich auf einen Schlag verdoppeln und die Stiftungen blieben
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am Steuer.
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Die ZF-Eigner müssten ihre Dividenden dann aber mit anderen Aktionären tei-
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len. Den Friedrichshafener Schwimmbädern und Kindergärten würde dann Geld
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von ZF fehlen.
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Mit dem Geld, das durch den Börsengang hereinkommt, kann man natürlich die
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Kreditverbindlichkeiten viel schneller als bisher zurückführen. Außerdem wäre
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Geld da, in neue·Geschäftsfelder zu investieren.
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Wie ist das Umfeld für Börsengänge?
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Das Klima am Aktienmarkt ist positiv, auch weil die Zinsen wohl nicht weiter
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steigen werden.
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Wer sollte denn die Aktien eines Autozulieferers ZF zeichnen? Immerhin steckt
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die ganze Branche in einer tiefen Krise.
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Technologisch ist ZF gut aufgestellt. Durch den Kauf des Sicherheitstechnik-
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und Elektronikspezialisten TRW hat es viel Elektronikkompetenz hinzugewon-
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nen. Durch den Nutzfahrzeug-Bremsenhersteller Wabco ist es zum System-
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dienstleister für Nutzfahrzeuge geworden. ZF ist ein spannendes Unternehmen,
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das nur kein Geld hat, sich zu entwickeln.
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Welche Auswirkungen hätte ein Börsengang für die Mitarbeiter?
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Ich bin der Überzeugung, dass ein frühzeitig eingeleiteter Börsengang eine Viel-
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zahl der jetzt wegfallenden Arbeitsplätze gerettet hätte.
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Betriebsrat und IG Metall sehen Börsengänge traditionell skeptisch.
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Es macht sehr viel Sinn, mit den Mitarbeitern über solche Themen zu sprechen.
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Ich sehe IG Metall und Betriebsrat in der Pflicht, sich mit diesem Thema aus-
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einanderzusetzen. Stand heute ist die Zukunft von ZF risikobeladen. Mit einem
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Börsengang hat das Unternehmen eine neue Basis, neue Perspektiven tun sich
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auf. ZF wird durch die Börse zukunftssicher.
Rosenberger, Walther: „ZF sollte an die Börse“: Autoexperte Dudenhöffer sieht für Zulieferer nur einen Weg aus der Krise; Autoexperte Dudenhöffer rät ZF zu Börsengang, 24.01.2024; Zugriff am 07.12.2025] (zu Prüfungszwecken bearbeitet)