Aufgabe 1
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht Wann kam die erste Nachtigall darauf von Hellmuth Opitz. (ca. 70 %)
Vergleiche, wie der Wandel in der Natur in den Gedichten Wann kam die erste Nachtigall darauf von Hellmuth Opitz und Nachklänge von Joseph von Eichendorff gestaltet wird. Berücksichtige dabei inhaltliche sowie sprachliche und formale Aspekte. (ca. 30 %)
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Material 1: Hellmuth Opitz (*1959): [Wann kam die erste Nachtigall darauf]1 (2022)
Quelle: Opitz, Hellmuth: Flauschnacht Rauschnacht. Gedichte. Bielefeld: Pendragon Verlag 2022, S. 46 f.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechend der Textquelle.
Erläuterung:
1 Hinweis: Das Gedicht ist ursprünglich titellos; hier wird der erste (im Original fett gedruckte) Vers anstelle eines Titels gesetzt.
2 Münsterland: Region in Nordrhein-Westfalen.
3 Erstschlag: vogelkundliche Bedeutung: erster Vogelgesang am Morgen.
4 Treptower Park: Park in Berlin.
5 Kamener Kreuz: Autobahnkreuz in Nordrhein-Westfalen.
6 rätschen: Ausstoßen von Warnlauten durch den Eichelhäher.
Material 2: Joseph von Eichendorff (*1788 – †1857): Nachklänge (1837)
Quelle: Eichendorff, Joseph von: Werke. Band I. München: Winkler Verlag 1981, S. 234 f.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechend der Textquelle.
Erläuterung:
1 falbe: hier: im Sinn von blass, farblos.
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Aufgabe 1
Einleitung
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Hellmuth Opitz thematisiert in seinem Gedicht Wann kam die erste Nachtigall darauf aus dem Jahr 2022 die Folgen einer zunehmend vom Menschen geprägten Umwelt für das Verhalten von Vögeln.
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Im Mittelpunkt steht die Frage, wie verschiedene Vogelarten auf Lärm, Verkehr und technische Eingriffe reagieren und ihre natürlichen Verhaltensweisen daran anpassen müssen.
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Zugleich richtet das Gedicht den Blick auf den Versuch der Wissenschaft, diese Veränderungen zu erklären, und verbindet die Beobachtung der Natur mit einer kritischen Auseinandersetzung mit menschlichem Umweltverhalten.
Form des Gedichts
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Das Gedicht umfasst zehn Strophen unterschiedlicher Länge. Die einzelnen Strophen bestehen aus zwei bis vier Versen und wirken dadurch formal uneinheitlich.
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Dennoch lässt sich der Text nach inhaltlichen, syntaktischen und zeitlichen Kriterien in zwei größere Abschnitte gliedern.
Strukturierte Inhaltsangabe
V. 1–20: Veränderungen im Verhalten der Vögel und deren Ursachen
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Der erste, acht Strophen umfassende Abschnitt (V. 1–20) steht überwiegend im Präteritum und thematisiert bereits eingetretene Veränderungen. Auffällig ist, dass dieser Teil fast ausschließlich aus Fragesätzen besteht.
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Zunächst werden die Gründe für die Verhaltensänderungen dreier Vogelarten thematisiert. Jeweils sechs Verse widmen sich einer Art: Die ersten beiden Verse fragen danach, weshalb die Nachtigall lauter (vgl. V. 1 f.), der Buchfink früher (vgl. V. 7 f.) und die Kohlmeise höher (vgl. V. 14 f.) singt.
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Die jeweils folgenden Verse machen in Form rhetorischer Fragen den Straßen- und Verkehrslärm für diese Veränderungen verantwortlich (vgl. V. 3–6, V. 9–12, V. 15–18).
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In den letzten beiden Versen des ersten Abschnitts (V. 19 f.) wird dieses Schema aufgebrochen: Zu weiteren Vogelarten werden nur noch knappe Fragen gestellt, ohne mögliche Antworten zu nennen.
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Dadurch erhöht sich das Tempo deutlich und es entsteht der Eindruck einer nahezu endlosen Folge von „Fragen über Fragen“ (V. 21).
V. 21–27: Erklärungsversuche der Forscher und Reaktion des Sprechers
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Mit dieser Wendung reflektiert das Gedicht seine eigene Sprechweise und leitet den zweiten Abschnitt (V. 21–27) ein. Dieser steht im Präsens und richtet den Blick zunächst auf die Erklärungsversuche der „Forscher“ (V. 21).
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Begriffe wie „Lichtverirrung“ und „Lärmverseuchung“ (V. 23) zeigen ihre wissenschaftlichen Deutungsversuche, die das Phänomen jedoch offenbar nicht wirklich erfassen.
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Schließlich formuliert das Gedicht einen „eine[n] einzigen Lehrsatz“ (V. 24), der alle weiteren Erklärungen überflüssig machen könnte: „Schreien muss man […]!“ (V. 25).
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Die zuvor fragende Haltung schlägt damit in eine appellative und protestierende Sprechhaltung um. Das „Schreien“ erscheint als einzige Möglichkeit, „in dieser Welt“ (V. 25) überhaupt noch wahrgenommen zu werden.
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Offen bleibt dabei, ob das unbestimmte Pronomen „man“ (vgl. auch V. 3) ausschließlich die Vögel bezeichnet oder zugleich die Menschen einschließt. Ein ausdrücklich auftretendes lyrisches Ich fehlt, sodass die menschliche Perspektive nur indirekt erkennbar wird.
Untersuchung der formalen und sprachlich-stilistischen Gestaltung
Vermenschlichung der Vögel
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Die Vögel erhalten im ersten Abschnitt deutlich menschliche Züge.
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Die Verben, mit denen ihr Verhalten beschrieben wird, lassen ihr Tun nicht instinktiv, sondern bewusst geplant und zielgerichtet erscheinen.
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Immer ist es der „erste“ Vogel seiner Art (V. 1, 7, 13, 19), der eine neue Strategie entwickelt. Dadurch wirken die Vögel beinahe wie Pioniere, die systematisch auf veränderte Bedingungen reagieren.
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Unterstützt wird dies durch Fachvokabular aus Musik, Akustik und Vogelkunde, das innerhalb eines Gedichts zunächst ungewöhnlich wirkt.
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So erhöht die Nachtigall ihre Lautstärke „um ein paar ‚Dezibel‘“ (V. 2), der Buchfink verlegt seinen „‚Erstschlag‘“ (V. 8) zeitlich nach vorne und die Kohlmeise steigert nach „ihre[n] akustischen Studien“ die „Tonfrequenz“ ihres „Balzgesang[s] um eine Oktave“ (V. 14–16).
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In den Beweggründen der Tiere spiegeln sich dabei ironisch menschliche Eitelkeiten und Verhaltensweisen.
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Die Nachtigall reagiert beinahe trotzig auf die „Lärmschutzwälle“ (V. 5), der Buchfink möchte „unbedingt sein Solo haben“ (V. 9), die Kohlmeise versucht, endlich gehört zu werden (V. 18), während das Rotkehlchen sogar „zum Nachtschwärmer“ wird (V. 19 f.).
Darstellung der Umgebung und Atmosphäre
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Auch die Darstellung der Umgebung folgt wiederkehrenden Mustern.
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Die Nachtigall befindet sich im „Finsterland des Mittelstands“ (V. 4), wodurch zunächst eine beinahe geheimnisvolle, romantisch wirkende Atmosphäre entsteht.
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Diese Wirkung wird jedoch bereits durch die „Lärmschutzwälle“ (V. 5) gebrochen.
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Besonders ironisch wirkt dabei die Verkehrung des Kompositums: Nicht die Nachtigall soll vor dem Lärm geschützt werden, sondern der „Lärm“ werde „geschützt vor ihr, ihrem Gesang“ (V. 6).
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Damit wird der Autolärm zum schützenswerten Element erklärt, während die Nachtigall selbst als Störung erscheint.
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Auch der Buchfink „im Morgendämmern“ (V. 10) könnte zunächst romantische Naturvorstellungen hervorrufen.
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Die „Giftflocken“ (V. 10), die in den „Treptower Park“ „herüberweh[r]en“ (V. 12), sind jedoch keine natürlichen Erscheinungen, sondern eine bildhafte Umschreibung der „Verkehrsgeräusche“ (V. 11).
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Ähnlich funktioniert das Bild des „Dickicht[s] des / Krachs am Kamener Kreuz“ (V. 16 f.). Durch Synästhesie und harte K-Laute erscheint der Lärm geradezu undurchdringlich und aggressiv.
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Die konkreten Ortsangaben geben dem Geschehen zusätzlich Gegenwartsnähe und gesellschaftliche Relevanz.
Scheiternde Erklärungsversuche der Wissenschaft
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Auch die Wissenschaft wird sprachlich verfremdet und ironisiert.
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Die „Forscher“ (V. 21) „[p]lustern [sich] auf[, schmettern, zwitschern, tirilieren“ (V. 22).
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Durch diese Aneinanderreihung von eigentlich vogeltypischen Lautäußerungen erscheinen die Wissenschaftler selbst wie Vögel.
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Ihre Erklärungsversuche wirken dadurch hilflos, komisch und unzureichend.
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Mensch und Natur tauschen sprachlich ihre Rollen: Die Vögel werden vermenschlicht, während die Menschen und die vom Menschen geschaffene Umwelt metaphorisch „animalisiert“ werden.
Erklärung der Verhaltensänderungen durch den Sprecher
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In der letzten Strophe konzentriert sich die sprachliche Gestaltung erneut auf Verben des Lautgebens.
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Das „Schreien“ (V. 25) wird durch seine Position am Versanfang hervorgehoben und zugleich elliptisch wiederholt.
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Es steht im deutlichen Gegensatz zu den zuvor beschriebenen lieblichen Vogellauten und wird zum Ausdruck von Wut und Protest gegen die zunehmende Umweltzerstörung.
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Sollte „Schreien“ nicht angemessen sein, müsse man wenigstens „hässlich dazwischen rätschen. Wie dieser Eichelhäher da.“ (V. 25 ff.).
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Damit wird erneut auf einen Vogel zurückverwiesen und zugleich ein warnendes, störendes Dazwischenrufen gefordert.
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Das Gedicht verweist dadurch selbstreflexiv auch auf seine eigene bewusst schmucklose Form: Es verzichtet auf ein regelmäßiges Metrum und Reime und verweigert damit klassische poetische „Schönheit“.
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Formal wird es so selbst zum Ausdruck einer disharmonischen, gestörten Welt.
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Dass in einer solchen Welt oft nur noch das „Schreien“ bleibt, erscheint vor dem Hintergrund von Rücksichtslosigkeit, Anpassungsdruck und Erschöpfung nachvollziehbar.
Zusammenfassende Deutung
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Der moderne Stil des Gedichts setzt sich bewusst von älteren literarischen Traditionen ab.
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Romantische Motive werden aufgegriffen, aber durch moderne Erscheinungen wie Autobahnen, Lärm und technische Infrastruktur gebrochen.
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Dadurch wird das Vordringen der modernen Zivilisation in die Natur sichtbar.
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Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Entfremdung zwischen Mensch und Natur, obwohl beide denselben Lebensraum teilen und von dessen Zerstörung betroffen sind.
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Der dargestellte Naturwandel ist deshalb als Ausdruck einer tiefgreifenden Zeitenwende zu verstehen, die insbesondere im Hinblick auf Klima- und Umweltfragen problematisch erscheint.
Aufgabe 2
Sprechsituation
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Ein deutlich romantischeres Bild vom Wandel der Natur entwirft Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht „Nachklänge“ aus dem Jahr 1837.
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Das lyrische Ich beklagt dort melancholisch das Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit.
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Die Sprechsituation unterscheidet sich damit grundlegend von Opitz’ Gedicht, in dem kein ausdrücklich auftretendes lyrisches Ich vorhanden ist und der Mensch hinter dem unpersönlichen „man“ zurücktritt.
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Bei Eichendorff steht vor allem der innere Zustand des Sprechers im Mittelpunkt; der Wandel der Natur spiegelt sich in seinem eigenen Erleben wider.
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Seine Klage richtet sich an die Vögel, die auch hier ein zentrales Motiv bilden.
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Während Opitz zahlreiche Vogelarten genau benennt und damit fast den Eindruck einer wissenschaftlichen Beobachtung erzeugt, tritt bei Eichendorff besonders die Nachtigall hervor.
Darstellung von Mensch und Natur und ihres Verhältnisses
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Auch bei Eichendorff wird die Nachtigall vermenschlicht, etwa wenn sie als „Fromme Nachtigall“ erscheint und „weint“ (V. 7 f.).
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Anders als bei Opitz geschieht dies jedoch nicht ironisch oder absurd, sondern entspricht romantischer Tradition.
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Die Lautäußerungen der Vögel besitzen auch hier eine poetologische Bedeutung.
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Der Vogelgesang, der in der ersten Strophe den Wald erfüllt (vgl. V. 1 f.) und am Ende als „Abschied hallt“ (V. 15), bildet einen Rahmen um das Gedicht.
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Auch der Titel „Nachklänge“ greift diese Vorstellung auf.
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Im Gegensatz zu Opitz stehen Mensch und Vogel bei Eichendorff nicht in Konkurrenz.
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Vielmehr sind beide im Sinne der romantischen All-Einheitsvorstellung miteinander verbunden.
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Die Stimmung der Natur entspricht der Gefühlslage des Sprechers: Die „[l]ust'ge[n] Vögel“ (V. 1) spiegeln frühere Freude, während das Weinen der Nachtigall (vgl. V. 7 f.) seine spätere Trauer vorwegnimmt.
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Die zärtliche Anrede „Vöglein“ (V. 15) mündet schließlich in den Wunsch, mit ihnen fortzuziehen und Teil ihrer Gemeinschaft zu werden.
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Bei Opitz dagegen wirkt der sprachliche Rollentausch zwischen Mensch und Vogel bewusst absurd und ironisch.
Gründe und Ursachen für den Wandel der Natur
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Die Ursachen des Naturwandels unterscheiden sich in beiden Gedichten deutlich.
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Bei Opitz ist der Wandel menschengemacht und kaum umkehrbar: Die Natur wird durch technische Entwicklung, Verkehr und Lärm zunehmend zurückgedrängt.
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Bei Eichendorff dagegen folgt die Natur einem natürlichen, zyklischen Jahreszeitenwechsel.
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Der Frühling mit seinem Grün (vgl. V. 2) geht allmählich in den Herbst über, in dem die Zugvögel fortziehen.
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Diese Veränderung zeigt sich auch in der Sinneswahrnehmung des lyrischen Ichs.
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Das Grün des Waldes (vgl. V. 1 f.) wird zu „falbe[m] Grün“ (V. 14), das frühere „Glänzen“ (V. 6) endet im „Abendrot“ (V. 12), und schließlich prägt kalter Wind die Landschaft („die Lüfte wehen kalt“, V. 13).
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Der fröhliche Vogelgesang des Frühlings wird so am Ende zum herbstlichen „Abschied“ (V. 15).
Form und Rhythmus
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Auch Form und Rhythmus spiegeln bei Eichendorff den zyklischen Charakter des Naturgeschehens wider.
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Das Gedicht besteht aus vier gleichmäßig aufgebauten Strophen.
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Die Verse wechseln regelmäßig zwischen vier- und dreihebigen Trochäen und sind durch Kreuzreime miteinander verbunden.
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Die überwiegend männlichen Kadenzen verstärken die klangliche Regelmäßigkeit.
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Demgegenüber verzichtet Opitz auf eine feste Form und arbeitet mit einem nüchternen, unregelmäßigen Prosaduktus.
Zeit, Raum und Modalität
Zeit: Rückblicke
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Beide Gedichte enthalten rückblickende Passagen.
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Bei Opitz beziehen sie sich auf die bereits erfolgten Veränderungen im Verhalten der Vögel (V. 1–20).
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Bei Eichendorff erinnert sich das lyrische Ich im Mittelteil (V. 5–12) an eine frühere Zeit, in der es „einst“ (V. 5) „vom Berge“ blickte und „über Land“ (V. 9) wanderte.
Raum
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Mit „Berg“ (V. 5), „Land“ (V. 9) und „Wald“ (V. 1) entsteht bei Eichendorff eine idealisiert wirkende, zeitenthobene Landschaft.
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Diese steht im deutlichen Gegensatz zur bedrohlich und dystopisch wirkenden Raumgestaltung bei Opitz.
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Dort machen konkrete Ortsangaben den beschriebenen Naturwandel real, gegenwärtig und unmittelbar.
Modus Konjunktiv und Umgang mit dem Wandel der Natur
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Betrachtet man den Umgang der jeweiligen Sprecher mit dem Wandel der Natur, zeigt sich am Ende beider Texte im Konjunktiv eine Unzufriedenheit mit der Gegenwart.
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Das lyrische Ich bei Eichendorff leidet unter dem raschen Vergehen der Zeit und der Vergänglichkeit.
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Diese wird in Naturbildern und Jahreszeitenmotiven sichtbar, etwa in den Versen „Ach wer weiß, wie bald, wie bald / Alles muß verblühn!“ (V. 3 f.).
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Die Wiederholung von „bald“ und die W-Alliteration verstärken dabei den Eindruck der Flüchtigkeit.
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Auch das Motiv des Wissens um den Wandel verbindet beide Gedichte.
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Bei Opitz ist offensichtlich, dass die Ursachen der Veränderungen letztlich bekannt sind: Der Mensch greift zerstörerisch in seine Umwelt ein.
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Eichendorffs Sprecher erkennt ebenfalls die Vergänglichkeit, die ihm früher noch nicht bewusst war.
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Der Gegensatz zwischen „alles“ wandelt sich und „ich stand“ macht deutlich, dass er sich vom ewigen Kreislauf der Natur ausgeschlossen fühlt.
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Aus dem früheren „frisch“ (V. 10) wird nun „[m]üd“ (V. 12), was zugleich auf das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit hinweisen kann.
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Der abschließende Wunsch, mit den Vögeln fortzuziehen (vgl. V. 16), verdeutlicht schließlich die romantische Sehnsucht danach, die eigenen Grenzen zu überwinden und mit der Natur eins zu werden.
Schluss
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Bei Eichendorff bleibt das lyrische Ich am Ende einsam und isoliert in der kalten Gegenwart zurück und sehnt sich danach, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein.
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Das Gedicht zeigt damit die Ohnmacht des Menschen gegenüber der natürlichen Vergänglichkeit.
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Bei Opitz hingegen reagieren die Vögel aktiv auf die Veränderungen ihrer Umwelt.
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Ihr Schreien erscheint als Form der Selbstbehauptung und des Widerstands gegen die menschengemachten Veränderungen ihres Lebensraums.
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Während der Naturwandel bei Eichendorff Teil eines natürlichen Kreislaufs ist, ist er bei Opitz Folge menschlichen Handelns.
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Der im Gedicht enthaltene Appell, dagegen anzuschreien, kann deshalb zugleich als indirekte Aufforderung zu einem umweltbewussteren Verhalten des Menschen verstanden werden.
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Vielleicht besteht gerade darin die Hoffnung des modernen Gedichts: Wenn genügend Stimmen sich bemerkbar machen, könnten sie am Ende doch gehört werden.
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