Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Thema 2 – Erschließen pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Lies den Text Bleibt’s dabei? sorgfältig durch und bearbeite dann die folgenden Aufgaben:

  • Fasse den Inhalt des Textes so zusammen, dass dessen Aufbau erkennbar wird.

  • Beschreibe sprachliche Auffälligkeiten und deren Wirkung in den Zeilen 1 bis 74.

  • Stelle anhand geeigneter Textstellen mögliche Absichten der Autorin dar.

  • Manche Restaurants fordern bei einer nicht wahrgenommenen Reservierung mittlerweile eine Gebühr (vgl. Z. 136 – 139). Was hältst du von dieser Maßnahme? Lege deine Meinung in etwa 250 Wörtern dar.

  • Stell dir vor, dir wäre per Kurznachricht von einem Freund oder einer Freundin kurzfristig abgesagt worden. Du stellst deinen Freund bzw. deine Freundin in einem Telefonat zur Rede. Verfasse hierzu einen passenden Dialog, der zu einer konstruktiven Lösung des Problems führt.

Material

Bleibt’s dabei?

Wir leben in Zeiten grenzenloser Unverbindlichkeit. Warum es Menschen gerade so schwerfällt, sich festzulegen, und was daran bedenklich ist

Silke Wichert

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Große Ereignisse werfen ihre Schatten
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voraus. Und die kleinen? Die mittelwich-
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tigen? Kündigen sich heute mit einem
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Schwall von Remindern und Nachfragen an. An
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den morgigen Zahnarzttermin des Kindes wird
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von der Praxis zweimal per SMS erinnert, die
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Taxi-App schickt eine Push-Nachricht, dass dein
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Fahrer dich gleich abholen wird, die Kommunika-
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tionsplattform zeigt auf dem Computer-Bild-
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schirm die „dringlich“ bevorstehende Videokonfe-
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renz an. Geht ja alles vollautomatisch. Aber auch
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Freunde und Bekannte machen sich immer öfter
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die Mühe, nach- beziehungsweise vorzuhaken.
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„Wir sehen uns morgen wie vereinbart um
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13 Uhr, hier für alle Fälle noch mal die Adresse“,
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schreiben sie als Gedächtnisstütze in den Grup-
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pen-Chat. Oder, längst ein Klassiker, den das
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Smartphone ins feste Phrasenrepertoire über-
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nehmen sollte: „Bleibt's bei heute Abend...?“
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Was vollkommen selbstverständlich klingt – man
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sagt etwas zu und hält das auch ein –, versteht
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sich heute keineswegs mehr von selbst. Der
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Mensch, so scheint es, ist zu einem hochgradig
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unzuverlässigen Wesen mutiert, das ständig mit
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digitalen Zaunpfeilern eingefangen werden
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muss, weil es sonst Termine platzen lässt, Dates
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versetzt, nicht auf Partys oder Empfängen er-
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scheint.
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Auch Restaurants beklagen seit Jahren eine
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katastrophale No-show-Mentalität. Eine befreun-
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dete Event-Veranstalterin bemerkte kürzlich halb
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belustigt, halb verbittert, sie fühle sich mehr und
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mehr wie ein Orakel. Zusagen per Mail seien
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heute im Grunde wertlos. Wenn es sich nicht um
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eine absolute A-Veranstaltung handele, könne
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man nur raten, wie viele Gäste am Ende auf der
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Matte stehen. Statt wie früher 50 Prozent mehr
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als Puffermasse lade sie jetzt manchmal dreimal
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so viele Gäste wie vorgesehen ein und bete,
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dass dieses Risikospiel irgendwie aufgehe.
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Schon seltsam, eigentlich: War nicht gerade
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Deutschland bis vor Kurzem noch jenes Land, In
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dem man sich auf vieles verlassen konnte, die
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Heimat der Überkorrekten, Überpünktlichen, und
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war man nicht sehr stolz darauf, dass man hier-
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zulande, im Gegensatz zu lässigeren Kulturkrei-
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sen, ohne Verspätungen und Verschiebungen
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zur gesetzten Stunde und Minute im Lokal oder
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zum Besuch zu erscheinen hatte? Woher kommt
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jetzt die ständige Wankelmütigkeit?
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Legen wir uns zur Abwechslung mal fest: Der
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technologische Wandel ist schuld. Oder zumin-
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dest mit schuld, denn er hat die Kommunikation
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spontaner, direkter, aber auch flüchtiger ge-
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macht Es ist ne mal leichter, ein schnelles
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„sorrrrry, schaff's nicht“ ins Handy zu tippen, als
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persönlich anzurufen und sich erklären zu müs-
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sen. Außerdem wird heute ganz selbstverständ-
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lich davon ausgegangen, dass jeder ständig auf
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sein Handy guckt, ihn eine Absage also noch
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rechtzeitig erreicht. Früher wartete die Verabre-
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dung wirklich wie bestellt und nicht abgeholt.
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Heute erteilen zwei blaue Häkchen bei Whats-
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app die Absolution: gesendet, empfangen, gele-
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sen. Damit ist die Sache im wahrsten Sinne des
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Wortes abgehakt.
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Wenn mit Computern kommuniziert wird, ist die
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Hemmschwelle noch geringer, etwa bei Reser-
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vierungssystemen von Amtern, Tennisklubs,
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Restaurants. Schnell gebucht, genauso schnell
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wieder gecancelt. Online hantieren wir mit Ter-
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minen wie mit einem Warenkorb, den man bei
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Bedarf noch mal umpackt oder entleert. Das
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prägt auf Dauer.

Wahlfreiheit über alles
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Beim Bailing, also dem Versetzen, zeige sich
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mal wieder der moralische Verfall unserer Ge-
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sellschaft, wird gerne lamentiert. Niemand hält
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sich mehr an Abmachungen, weil er narzisstisch
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nur an seinen eigenen Vorteil denkt, und der
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liegt heutzutage vor allem in der Optionserweite-
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rung. Das viel besprochene Phänomen des
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„Fear of missing out“, kurz Fomo, beinhaltet
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eben nicht nur die Angst, überhaupt etwas zu
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verpassen, sondern auch, aufs falsche Pferd zu
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setzen und deshalb ein anderes, vielleicht bes-
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seres Erlebnis zu versäumen. Am liebsten ent-
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scheiden sich viele also erst mal gar nicht, son-
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dern halten sich alle Möglichkeiten offen. Bei
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einer Freundin, die immer drei Restaurants pa-
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rallel bucht, weil man eine Woche vorher ja un-
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möglich wissen kann, „wonach man sich fühlt“,
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hängt ein Wandkalender voller Schrägstriche.
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Vor allem an den Wochenenden stehen immer
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mehrere Sachen zur Auswahl auf der Agenda.
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Flohmarkt mit Freunden, Grillen, Wochenend-
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ausflug, alles wird erst mal zugesagt und später
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ausgesiebt. Besonders Großstädter mit multiplen
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Freundeskreisen (und ausreichend Budget) be-
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treiben hochanstrengendes Freizeitmanage-
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ment. Kein Wunder, dass man sich da verzettelt,
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eine Verabredung nicht schafft oder zur Ab-
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wechslung einfach nur zu Hause bleiben will.
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Noch problematischer wird es, wenn falsch ver-
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standene Freiheit in Unzuverlässigkeit oder trot-
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zige Skrupellosigkeit umschlägt. Frei nach dem
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Motto: Wie du mir, so ich dir. Wenn der Käufer
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einer Online-Anzeige einen bei der Übergabe
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versetzt, macht man das vielleicht irgendwann
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auch selbst. Wer den Geburtstag einer Freundin
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mit einer lahmen Ausrede sausen lasst, kriegt
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bei der eigenen Party vielleicht die Retourkut-
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sche. In gewisser Weise ist dieser bedingungs-
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lose Wunsch nach Unverbindlichkeit und Freiheit
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zutiefst asozial, weil er die eigene Wahlfreiheit
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über alles stellt. Der andere ist der Gelackmeier-
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te? Egal.
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Psychologen empfehlen gerne, sich zur Konflikt-
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vermeidung immer in die Rolle des Gegenübers
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zu versetzen. Die viel beschäftigte Kollegin
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nimmt einem die kurzfristige Absage vielleicht
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nicht übel (womöglich freut sie sich sogar über
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einen unverhofft freien Abend). Aber die Single-
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Freundin, die vor Kurzem zweimal von einem
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Typen versetzt worden ist, stürzt ein weiterer
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einsamer Dezemberabend womöglich in die
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Sinnkrise. Den Schmerz der Zurückweisung, so
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die britische Neurologin Tara Swart, verbuche
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das Gehirn wie einen „Verlust“, und der wirke
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doppelt so schwer „wie die Freude über einen
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vergleichbaren Gewinn“.

Zuverlässigkeit erwünscht
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Man muss nur mal wieder irgendwo anrufen und
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persönlich stornieren, um zu merken, wie dank-
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bar viele Unternehmer mittlerweile sind, wenn
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jemand überhaupt noch Bescheid sagt. Deshalb
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wird jetzt zunehmend mit technischen Mitteln
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gegengesteuert: Manche Restaurants nehmen
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im System gar keine Reservierung mehr ohne
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hinterlegte Kreditkarte an, die im Stornofall be-
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lastet wird. Taxifahrer sehen bei Buchungen per
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App längst, wer des Ofteren kurzfristig storniert,
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und blockieren diesen User dann oder berech-
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nen ihm höhere Tarife. Auf Online-Marktplätzen
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gilt man irgendwann als „unzuverlässiger“ Käufer
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oder als Verkäufer mit nur zwei mickrigen Stern-
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chen.
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Die strengen sozialen Normen von früher will
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zwar niemand zurück, aber ein paar freiwillig
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gesetzte Verpflichtungen können durchaus ein
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hilfreicher Kompass in diesen unübersichtlichen
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Zeiten sein. Sich für eine Veranstaltung zu ent-
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scheiden – und dann auch dabei zu bleiben,
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ohne ständig Alternativen zu erwägen – schafft
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Komplexitätsreduktion. Ähnlich wie bei den Res-
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taurants mit nur einem Menü oder sehr wenigen
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Gerichten, die für ihre „Einfachheit“ gefeiert wer-
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den. Weniger Wahl, weniger Qual.

Textquelle: Süddeutsche Zeitung vom 03.12.2022 (Text zu Prüfungszwecken verändert)

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