Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Thema 2 – Erschließen pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Lies den Text Im Rhythmus der Sonne sorgfältig und bearbeite dann die folgenden Aufgaben:

  • Fasse den Inhalt des Textes so zusammen, dass dessen Aufbau erkennbar wird.

  • Beschreibe sprachliche Auffälligkeiten und deren Wirkung.

  • Bestimme die Textsorte und weise diese am Text nach.

  • Die indigene Bevölkerung am Amazonas möchte trotz technischen Fortschritts ihre Traditionen bewahren (vgl. Z. 120 – 124). Hat das Festhalten an Traditionen und Bräuchen auch für dich eine Bedeutung? Lege deine Position zu dieser Frage in etwa 250 Wörtern dar.

  • Stell dir eine Situation vor, in der ungünstigerweise plötzlich der Strom ausfällt. Schilder deine Gedanken, Gefühle und Eindrücke.

Material

Im Rhythmus der Sonne

Mithilfe modernster Solartechnik finden indigene Völker im Amazonasgebiet zu ihren ursprünglichen Lebensweisen zurück

von Jan Christoph Wiechmann

Das Solarboot Tapiatpia am Ufer des Amazonas Das Solarboot Tapiatpia am Ufer des Amazonas

Das Solarboot Tapiatpia am Ufer des Amazonas (Foto: Peter Yeung)

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Nach einer dieser feuchtheißen Nächte
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am Amazonas, in der sich der Regen
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als Trommelfeuer entlädt, versammeln
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sich 50 Indigene am Rio Napo im Os-
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ten Ecuadors. Im Gesicht tragen sie die Festbe-
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malung ihrer Völker, im Haar bunten Feder-
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schmuck. Es steht Großes an. Zwischen ihnen,
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am matschigen Ufer, liegen im Morgendunst drei
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Boote, von denen man sagt, dass sie die Revolu-
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tion im Regenwald seien, die Lösung gegen den
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Klimawandel, der Weg zurück in die Zukunft.
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Die Boote sind je zehn Meter lang und aus Glas-
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faser, sie bieten Platz für 20 Passagiere. Auf je-
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dem Dach befinden sich 28 Solarpanels und in
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jedem Rumpf Dutzende kastenförmige Batterien.
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Aufgeladen werden sie von nichts als der Kraft
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der Sonne oder – wie es die Ureinwohner sehen
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– mit dem Segen des Sonnengottes. Ein Boot
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soll an das zehn Bootstage entfernt lebende
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Nachbarvolk übergeben werden. Die beiden an-
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deren sollen etwa 300 Kilometer weit über etliche
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der mehr als 1000 Nebenflüsse des Amazonas
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nach Peru gebracht werden. „Meine Brüder und
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Schwestern können nur erahnen, wie sehr die
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Boote ihr Leben im Dschungel verändern wer-
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den“, sagt der Anführer Nantu Canelos. „Wir wis-
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sen es bereits.“
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Sein Volk, die Achuar, war das erste, das ein so-
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larbetriebenes Elektroboot von dem Umweltpro-
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jekt „Kara Solar“ erhielt, die „Tapiatpia“, über-
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setzt: elektrischer Fisch. Sieben Jahre ist das
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her. Den Schlüsselmoment erlebten sie, als wie-
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der mal Holzräuber illegal in ihr Territorium ein-
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drangen. Canelos und einige seiner Männer gin-
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gen damals auf Patrouille – aber nicht mehr im
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knatternden Motorboot, sondern in ihrem neuen
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Solarboot, geräuschlos. Sie schlichen sich an
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den Tatort heran, überraschten die Eindringlinge
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und konnten sie verjagen. „Früher, mit Benzin-
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motoren, wäre das unmöglich gewesen“, sagt
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Canelos. „Man hört die auf dem Fluss mehrere
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Kilometer weit.“ Außerdem verseuchen sie das
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Flusswasser nun nicht mehr mit Benzinlachen.
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„Für uns Urvölker Amazoniens sind Solarmodule
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die größte Errungenschaft, seit ich denken kann“,
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sagt Canelos. Die Boote seien ein technischer
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Fortschritt und gleichzeitig ein Schritt zurück in
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die Ursprünglichkeit, in eine Zeit vor fossilen
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Brennstoffen, als der Urwald still war, der Fluss
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sauber, das Leben ursprünglich.
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Entworfen wurden die Boote von Schiffsbauer
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Yacinto Mera, einem großen, breitschultrigen
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Mann von der Pazifikküste Ecuadors, der jetzt
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die letzten Dinge ausbessert, Kanten schmirgelt,
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Batterien putzt. Kinder schauen ihm neugierig zu.
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Seit Jahren ist es Meras Leidenschaft, immer
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bessere Boote für die tückischen Flüsse des Re-
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genwalds zu entwickeln, leichtere, wendigere. Er
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und andere Ingenieure des Umweltprojekts „Kara
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Solar“ bilden Indigene seit Jahren zu Solar-
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technikern und Kapitänen aus – in Dörfern, die
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nur per Fluss zu erreichen sind. Sie installieren
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Sonnenkollektoren und Aufladestationen und er-
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möglichen die Elektrifizierung der abgelegensten
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Dörfer, den Anschluss ans Internet, vor allem:
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den Gratistransport über die Flüsse, um zu ihren
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Feldern zu kommen, zu den Märkten, Schulen,
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Zeremonien. Die Sonne kostet nichts. Benzin
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jedoch ist in entlegenen Ecken des Amazonasge-
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biets fünfmal so teuer wie in der Stadt und muss
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aufwendig in Flugzeugen herbeigeschafft wer-
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den. Weil Solarpanels mittlerweile auch auf Hüt-
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ten installiert werden, brauchen sie dort keine
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Diesel-Generatoren mehr, um Krankenstationen
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und Schulen mit Strom zu versorgen. „So sind
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wir weniger darauf angewiesen, Wälder zu fällen,
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um Holz zu verkaufen und Ackerland zu schaf-
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fen“, sagt Canelos.
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Um zwölf Uhr, als die Sonne schlagartig durch
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die dichte Wolkendecke bricht, gibt er das Zei-
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chen zum Aufbruch. Der Kapitän des ersten Boo-
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tes, Angel Wasup, setzt die Mission in Gang. Sie
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wird durch 13 Reservate führen bis zu Wasups
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Heimatdorf, wo er das Boot an die etwa 200 Be-
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wohner übergeben wird. Fast lautlos steuert
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Wasup das Boot über den Fluss, vorbei an
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Schlingpflanzen und Kolibris. „Es ist ein fast heili-
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ges Erlebnis“, schwärmt er. „Man fühlt sich wie-
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der wie früher, wie in Kanus.“ Wasup ist sichtlich
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bewegt. Er hat zwei Jahre Solartechnik studiert
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und vehement dafür gekämpft, dass sein Dorf ein
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Solarboot bekommt und keine Straße. „Denn
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Straßen sind unwiderruflich, sie bringen Lastwa-
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gen, Goldgräber, Spekulanten – Dinge, die indi-
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genes Leben vergiften.“ Die Folge sei die Indus-
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trialisierung des ganzen Amazonasgebiets mit
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gravierenden Schäden nicht nur für die Urein-
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wohner, sondern für die ganze Erde, stellt Wasup
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fest. Schon jetzt spiele das Klima bei ihnen ver-
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rückt: mehr Stürme, längere Trockenzeiten, ver-
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schobene Jahreszeiten. Das ist der wohl größte
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Effekt der neuen Technologie: Sie macht Straßen
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überflüssig. „Aber wir brauchen eben Alternati-
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ven, um andere Stämme zu überzeugen; Solar-
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boote gehören dazu. Wir sind keine Hinterwäld-
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ler. Wir wollen mobil sein. Mit Solarbooten kom-
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men wir überallhin.“
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Der Kopf hinter dem Umweltprojekt „Kara Solar“
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ist Oliver Utne. Vor zwölf Jahren hat sich der stu-
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dierte Solartechniker gefragt, warum die Sonne
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als Energiequelle überall eingesetzt wird, aber
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ausgerechnet im Amazonasgebiet nicht. „Der
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Regenwald sei zu feucht, heißt es, die Flüsse zu
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gefährlich. Es gebe keine Ersatzteile, man sei
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einen Monat lang unterwegs, um eine einzige
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Schraube herbeizuschaffen.“ Utne blieb hartnä-
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ckig. Er gründete „Kara Solar“. Nun haben sie
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optimale Solarboote, bis zu 25 km/h schnell –
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und in den Reservaten Hightech-Stationen fürs
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Aufladen, für Licht und Internet. „90 Prozent der
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indigenen Eltern wollen Computer für ihre Kinder.
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Sie wollen Strom und beleuchtete Hütten. Das
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heißt aber nicht, dass sie ihr traditionelles Leben
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aufgeben“, berichtet Utne. Er hat sogar den Fort-
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schritt berechnen lassen: Mit einem einzigen
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Solarboot werden umgerechnet 75 Hektar Re-
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genwald vor der Rodung bewahrt. Nun will Utne
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das Projekt ausweiten. Er will Schulboote im Re-
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genwald ebenso mit Solarkollektoren ausstatten
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wie Touristenlodges. Und schließlich den gesam-
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ten Amazonas-Regenwald fossilfrei machen.
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Einen Tag später folgt der nächste Meilenstein.
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Die beiden anderen Solarboote brechen nach
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Peru auf, die ersten für den Andenstaat. Heimat
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von 5,5 Millionen Indigenen. „Wir sind Pioniere“,
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sagt Kapitän Ulises Cahuasa, Anführer vom Volk
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der Wampi, „Wiederentdecker der Langsamkeit.
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Unser Leben wird entschleunigt, ursprünglicher,
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im Einklang mit unseren Werten. Für euch Weiße
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ist das Tempo zu niedrig. Für eure Industrie ist
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die Leistung der Boote zu schwach. Für uns ge-
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nau richtig, im Rhythmus der Sonne und Wol-
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ken.“ Am wichtigsten sei die Innovation für die
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Kinder. „Sie wachsen mit der Gewissheit auf,
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dass die Sonne die wahre Kraft ist, nicht das Öl,
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für das wir die Erde plündern.“ Und so gleitet Ka-
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pitän Cahuasa vom Osten Ecuadors langsam auf
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seine Heimat Peru zu und bringt noch vor Beginn
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der Trockenzeit die grüne Revolution in jenes
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Land, in dem der Amazonas seinen Ursprung
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hat.

Textquelle: Zeitschrift stern vom 29.05.2024 (Text zu Prüfungszwecken verändert

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