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Inhaltsverzeichnis

Thema 3 – Erschließen literarischer Texte

Aufgabenstellung

Lies den Auszug aus dem Roman Was man von hier aus sehen kann sorgfältig durch und bearbeite dann die folgenden Aufgaben:

  • Fasse den Inhalt des Textes zusammen.

  • Beschreibe sprachliche Auffälligkeiten des Textes und deren Wirkung.

  • Charakterisiere die Ich-Erzählerin Luise.

  • „Mein Vater findet, dass man nur in der Ferne wirklich wird, deshalb ist er auf Reisen“ (Z. 26 f.). Nimm Stellung (etwa 250 Wörter) zu der Frage, inwiefern das Reisen einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten kann.

  • Verfasse einen Tagebucheintrag aus der Sicht Frederiks, der am Ende des Tages seine Gedanken und Gefühle zur Begegnung mit Luise notiert.

Material

Was man von hier aus sehen kann (Romanauszug)

Mariana Leky

Der Bestseller-Roman Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky aus dem Jahr 2017 wurde in über 20 Sprachen übersetzt und verfilmt. Im Buch geht es um Luise, die in einem Dorf in Deutschland lebt, in dem jeder jeden kennt. Auf der Suche nach ihrem Hund Alaska kommt es zu einer unerwarteten Begegnung.

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Ich ging nicht zurück durch die Dörfer, sondern am Waldrand entlang. Es wurde langsam dunkel. Als ich
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bei der Uhlheck war, einer Wiese, traten auf einmal drei Männer zwischen den Stämmen hervor. Sie waren
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so plötzlich und lautlos da, als kämen sie nicht aus dem Wald, sondern aus dem Nichts. Ich blieb stehen.
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Die Männer hatten kahle Köpfe, schwarze Kutten und Sandalen an. Drei Mönche waren durchs Unterholz
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gebrochen.
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„Guten Abend“, sagte der Mönch in der Mitte. „Wir wollten Sie nicht erschrecken.“ Ich war nicht erschrocken
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gewesen, erst jetzt, als der Mönch in der Mitte das sagte, erschrak ich. Mir wurde schwindlig, ich
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machte einen Schritt nach rechts, nicht, weil mich irgendetwas von außen oder von innen anrempelte,
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sondern weil ich, als der Mönch in der Mitte „Guten Abend“ sagte, ahnte, dass er das ganze großflächige
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Leben in einer einzigen Bewegung umdrehen würde. Ich hatte immer geglaubt, dass man so was im Vorhinein
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nicht ahnen könnte, aber hier, auf der Uhlheck, merkte ich, man konnte es doch.
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„Was machen Sie denn hier?“, fragte ich, weil das die angemessene Frage an jemanden ist, der sich an
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einem Leben zu schaffen macht. „Gehmeditation“, sagte der Mönch. „Wir haben gerade eine Tagung in
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dem Dorf dahinten.“ „Und Sie?“, fragte der Mönch in der Mitte. „Ich suche Alaska, meinen Hund“, sagte
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ich. „Seit wann ist er weg?“ „Ich glaube, seit vergangener Nacht“, sagte ich, weil einem die Zeit verschwimmt,
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wenn man ahnt, dass das Leben gerade umgedreht wird. Der Mönch in der Mitte sah den
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steinalten Mönch an, der nickte. „Wir helfen Ihnen“, sagte er dann, legte mir kurz die Hand auf die Schulter
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und lächelte mich an. „Wollen wir zusammen losgehen?“, fragte er mich. „Mein Name ist übrigens Frederik.“
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Wir gingen nebeneinander, wir hielten Ausschau, und immer wieder sah ich Frederik aus den Augenwinkeln
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an. Wir sagten lange nichts. Ich überlegte fieberhaft eine Frage, aber weil es zu viele Fragen
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gibt, wenn auf der Uhlheck plötzlich ein buddhistischer Mönch neben einem hergeht, einer, der sich anschickt,
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das Leben umzudrehen, verkeilen sich alle Fragen ineinander, und keine lässt sich von den anderen
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lösen.
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Alles an Frederik war hell, die nicht vorhandenen Haare auf seinem Kopf, die vorhandenen türkisfarbenen
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Augen. Wie kann man nur so schön sein, dachte ich. Und dann blieb ich stehen. Ich hielt Frederik am
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Ärmel seiner Kutte fest. „Es ist folgendermaßen“, sagte ich. „Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Mein Vater
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findet, dass man nur in der Ferne wirklich wird, deshalb ist er auf Reisen. Meine Mutter hat einen Blumenladen
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und ein Verhältnis mit einem Eiscafébesitzer, der Alberto heißt. Diesen Hochsitz da“, ich zeigte auf
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die angrenzende Wiese, „hat der Optiker angesägt, weil er den Jäger umbringen wollte. Der Optiker liebt
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meine Großmutter und sagt es ihr nicht. Ich mache eine Ausbildung zur Buchhändlerin.“ All das hatte ich
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noch nie jemandem gesagt, weil es teilweise Dinge waren, die alle, die ich kannte, wussten, und teilweise
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Dinge, die keiner wissen durfte. All das sagte ich zu Frederik, damit er umstandslos einsteigen konnte.
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Frederik schaute über die Felder und hörte mir zu wie jemand, der versucht, sich eine Wegbeschreibung
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genau einzuprägen. „Und das ist eigentlich so weit alles“, sagte ich.
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Frederik legte seine Hand auf meine, die immer noch seinen Ärmel festhielt, und schaute weiter in die
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Ferne. „Ist er das?“, fragte er. „Wer?“ „Alaska“, sagte Frederik. Von weit, weit hinten kam etwas auf uns
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zugelaufen, ein kleines graues Ding, das beim Näherkommen immer größer wurde und immer mehr wie
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Alaska, und als es ganz nah war, als es uns erreichte, war er es tatsächlich. „In der Nähe wird man auch
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wirklich“, sagte Frederik, und ich hockte mich hin und schlang meine Arme um den atemlosen Hund, der
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voller kleiner Zweige und Blätter war. Ich richtete mich auf, Frederik und ich standen voreinander, und ich
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überlegte, was ich auf die Schnelle und vorsätzlich noch verlieren könnte, damit Frederik und ich hier noch
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etwas zu suchen hätten. „Ich müsste dann mal zurück“, sagte er. „Wir begleiten dich“, sagte ich etwas zu
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laut und so glücklich, wie man ist, wenn man einen absehbaren Abschied etwas unabsehbarer gemacht
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hat.
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„Es ist folgendermaßen“, sagte Frederik plötzlich, als wir schon fast am Haus der Einkehr waren, „ich
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komme eigentlich aus Hessen.“ „Ich dachte, du kämst aus dem Nichts.“ „Das ist ungefähr dasselbe. Vor
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zwei Jahren habe ich mein Studium abgebrochen, um ...“ „Wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich, weil sich
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plötzlich alle Fragen entwirrten und zur Benutzung parat lagen. „Fünfundzwanzig. Ich habe das abgebrochen,
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um in Japan in einem Kloster zu leben, und ...“ „Warum?“ „Unterbrich mich nicht immer“, sagte
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Frederik, „ich habe dich auch nicht unterbrochen. Ich bin mal ein paar Wochen in einem buddhistischen
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Kloster gewesen. Und dann habe ich mich eben für diesen Weg entschieden. Wie spät ist es eigentlich?“
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Wir standen jetzt vor dem Haus der Einkehr. Frederik zog eine Armbanduhr aus der Tasche. Viel zu früh,
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dachte ich. „Viel zu spät“, sagte er, „ich muss da jetzt rein.“ Alaska hatte sich vor Frederik gesetzt, als
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wolle er ihm den Weg versperren. „Danke für die Hilfe“, sagte ich leise. Frederik schaute mich an. „Auf
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Wiedersehen, Luise“, sagte er, „es war ein Abenteuer, dich kennenzulernen.“ „Dich auch“, sagte ich. Frederik
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strich mir über die Schulter. Ich schloss die Augen, und als ich sie öffnete, ging Frederik bereits durch
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die Tür. Die Tür begann, sich hinter ihm zu schließen, und ich ahnte, dass es eine Tür war, die, im Gegensatz
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zu anderen Türen, tadellos schließen würde. Ich dachte, während ich der Tür beim Geschlossenwerden
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zusah, daran, dass Frederik gesagt hatte, er habe sich für diesen Weg entschieden, und ich
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dachte, dass ich mich noch nie für etwas entschieden hatte, dass mir alles immer eher widerfuhr, ich
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dachte, dass ich zu nichts wirklich Ja gesagt hatte, sondern immer nur nicht Nein. Ich dachte, dass man
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sich von aufgeplusterten Abschieden nicht ins Bockshorn jagen lassen darf, dass man ihnen sehr wohl
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von der Schippe springen kann, denn solang keiner stirbt, ist jeder Abschied verhandelbar. Und im allerletzten
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Moment, bevor die Tür das Schloss erreichte, sprang ich vor und stellte einen Fuß in die Tür.
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„Au“, sagte Frederik, weil ich sie ihm gegen die Stirn geschlagen hatte. „Entschuldigung“, sagte ich, „aber
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ich brauche noch deine Telefonnummer.“ Frederik rieb seine Stirn. „Telefonieren ist sehr umständlich“,
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sagte er dann. „Wir telefonieren eigentlich nie.“ „Gib sie mir trotzdem“, sagte ich. Er lächelte. „Du bist ganz
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schön hartnäckig“, sagte er, und das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Er holte einen Stift aus seiner
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Tasche. „Hast du einen Zettel?“ „Nein.“ Ich hielt ihm meine Hand hin. „Schreib sie hier drauf“, sagte ich.
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„Eine Hand reicht nicht“, sagte Frederik. Ich drehte meinen Arm um, Frederik fasste mich am Handgelenk
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und schrieb seine Nummer auf die Innenseite meines Unterarms. Der Stift kitzelte auf der Haut, Frederik
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schrieb und schrieb, die Nummer reichte von der Handwurzel bis beinahe zum Ellenbogen. Die Telefonnummern,
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die ich kannte, waren fast alle vierstellig. „Danke“, sagte ich, „jetzt musst du aber mal los.“
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„Dann auf Wiedersehen“, sagte Frederik, drehte sich um und schloss die Tür.
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Die Tür schloss, und ich verbeugte mich, weil kein anderes Publikum zur Verfügung stand, vor Alaska.
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Immerhin hatte ich einen Fuß in die Tür gestellt.

Textquelle: Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann, 8. Auflage, Köln 2021, S. 131 – 140 (Text zu Prüfungszwecken verändert)

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