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Inhaltsverzeichnis

Thema 3 – Erschließen literarischer Texte

Aufgabenstellung

Lies den Auszug aus dem Roman Ein ganzes Leben sorgfältig und bearbeite dann die folgenden Aufgaben:

  • Fasse den Inhalt des Textes zusammen.

  • Beschreibe sprachliche Auffälligkeiten des Textes und deren Wirkung.

  • Charakterisiere die Figur des Andreas Egger.

  • „Er wollte Marie beschützen und für sie sorgen“ (Z. 13). Entspricht diese Rollenverteilung in einer Partnerschaft deinen Vorstellungen? Lege deine Position in ca. 250 Wörtern dar.

  • Als Marie sich nach dem Heiratsantrag wieder allein in ihrem Zimmer befindet, beginnt sie, über den vergangenen Abend und ihre Entscheidung nachzudenken. Verfasse einen inneren Monolog, in dem Maries Gedanken und Gefühle zum Ausdruck kommen.

Material

Ein ganzes Leben (Romanauszug)

Robert Seethaler

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Am liebsten hätte er sofort um ihre Hand angehalten. Aber er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen
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sollte. Nächtelang saß er auf der selbstgezimmerten Schwelle seines Hauses und starrte auf das vom
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Mond beschienene Gras zu seinen Füßen, während seine Gedanken um seine eigenen Unzulänglichkei-
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ten kreisten. Er war kein Bauer und wollte keiner sein. Er war aber auch kein Handwerker, kein Waldar-
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beiter oder Almhirt. Um ehrlich zu sein, verdiente er sein Brot als eine Art Handlanger, als Mietknecht für
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alle Saisonen und Gelegenheiten. So ein Mann taugte so ziemlich für alles, nur nicht zum Ehemann. Die
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Frauen erwarteten mehr von einem Zukünftigen, so viel glaubte Egger schon von ihnen zu verstehen.
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Ginge es nach ihm, würde er für den Rest seines Lebens an irgendeinem Wegrand sitzen, Hand in Hand
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mit Marie, an einen harzigen Baumstamm gelehnt. Aber jetzt ging es eben nicht mehr nur nach ihm. Er
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kannte seine Aufgaben in dieser Welt. Er wollte Marie beschützen und für sie sorgen.
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Egger suchte das Lager der Firma Bittermann & Söhne auf, das sich mittlerweile über die komplette Hang-
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wiese auf der anderen Talseite ausgebreitet hatte und mehr Bewohner zählte als das Dorf selbst. Er fragte
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sich zur Baracke des für die Einstellung neuer Arbeiter zuständigen Prokuristen durch und betrat unge-
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wohnt zaghaft dessen Büro, da er fürchtete, seine groben Stiefel könnten den Teppich beschädigen, der
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sich fast über den ganzen Boden ausbreitete und seine Schritte dämpfte, als ginge er auf Moos. Der
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Prokurist war ein schwerer Mann mit einer vernarbten, von einem kurzgeschorenen Haarkranz umrahmten
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Glatze. „Du hinkst“, sagte er. „So einen können wir nicht gebrauchen.“ „Es gibt in der Gegend keinen
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besseren Arbeiter als mich“, antwortete Egger. „Ich bin stark. Ich kann alles. Ich mache alles.“ „Aber du
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hinkst.“ „Im Tal vielleicht“, sagte Egger. „Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht.“ Der Prokurist
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lehnte sich langsam zurück. Ein Schweigen lag im Raum, das sich wie ein dunkler Schleier über Eggers
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Herz legte. Er starrte gegen die weiß getünchte Wand und für einen Moment wusste er nicht mehr, warum
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er überhaupt hierher gekommen war. Der Prokurist seufzte. Er hob seine Hand und machte eine Geste,
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als wollte er Egger aus seinem Blickfeld wischen. Dann sagte er: „Willkommen bei Bittermann & Söhne.
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Kein Alkohol, keine Hurereien, keine Gewerkschaften. Arbeitsbeginn morgen früh halb sechs!“
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Egger half beim Holzschlagen und beim Errichten der mächtigen Eisenträger, die sich entlang einer
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schnurgeraden Linie immer weiter den Berg hinanfädelten. Er schleppte Eisen, Holz und Zement die
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Hänge hinauf und wieder hinunter. Er hob Fundamentgruben aus dem Waldboden und bohrte armdicke
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Löcher in den Felsen, in die der Sprengmeister seine Dynamitstangen steckte. Egger mochte die Arbeit
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im Fels. Hier oben war die Luft kühl und klar und manchmal hörte er den Steinadler kreischen oder sah
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seinen Schatten lautlos über die Wand gleiten. Er dachte oft an Marie. An ihre warme, raue Hand und an
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ihre Narbe, deren geschwungene Form er immer wieder im Geiste nachzeichnete.
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Im Herbst wurde Egger von Ruhelosigkeit gepackt. Er sah nun endgültig die Zeit gekommen, um Maries
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Hand anzuhalten, aber immer noch hatte er keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Natürlich, dachte
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er bei sich, konnte sein Antrag nicht einfach nur irgendein Antrag sein. Es musste einer sein, der gewis-
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sermaßen die Größe seiner Liebe in sich trug und sich für immer in Maries Gedächtnis und Herz einbren-
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nen würde. Er dachte an etwas Schriftliches, doch schrieb er noch viel seltener, als er redete, also prak-
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tisch nie. Am liebsten hätte er seine Liebe in den Berg hineingeschrieben, riesengroß und weithin sichtbar
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für jedermann im Tal. Er erzählte seinem Kollegen Thomas Mattl, mit dem er am Rande der Waldschneise
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widerspenstige Wurzelstöcke aus der Erde riss, von dem Problem. Mattl war ein erfahrener Holzhauer
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und einer der ältesten Mitarbeiter der Firma. Vielleicht gebe es ja tatsächlich eine Möglichkeit, etwas in
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den Berg hineinzuschreiben, meinte Mattl, und zwar mit der Tinte des Teufels: dem Feuer. In seiner Ju-
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gend hatte er ein paar Sommer lang in nördlichen Regionen für den Brückenbau geholzt und dabei den
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alten Brauch der Herz-Jesu-Feuer miterlebt, bei dem zur Sonnenwende riesige Feuerbilder entzündet
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wurden und nachts den Berg erleuchteten. Wenn man mit Feuer malen könne, meinte er, so könne man
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damit auch schreiben. Zum Beispiel eine Art Antrag an diese Marie. Drei, vier Worte, mehr dürften es
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natürlich nicht sein, mehr wäre ja auch gar nicht machbar. „So könnte es gehen“, setzte Mattl
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gedankenverloren hinzu. „Ja“, nickte Egger. „So könnte es gehen.“
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Zwei Wochen darauf, am späten Nachmittag des ersten Oktobersonntags, stiegen siebzehn der zuverläs-
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sigsten Männer aus Eggers Trupp im Geröll oberhalb der Adlerkante herum, um unter Mattls heiser ge-
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brüllten Anweisungen zweihundertfünfzig anderthalb Kilogramm schwere, mit Sägespänen gefüllte und
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mit Petroleum getränkte Leinensäckchen im Abstand von etwa zwei Metern entlang einer mit Hanfseilen
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vorgezeichneten Linie auszulegen. Thomas Mattl saß die meiste Zeit über auf einem Felsvorsprung und
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kontrollierte die Bewegungen der Männer. Pünktlich zum Sonnenuntergang waren alle Säcke ausgelegt.
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Die Nacht senkte sich über die Berge und Mattl kroch von seinem Felsen hinab zum ersten Säckchen des
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ersten Buchstabens. Er nahm die Fackel, schwenkte sie über seinem Kopf und stieß den hellsten und
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lautesten Juchzer aus, den er in seinem Leben jemals zustande gebracht hatte. Fast gleichzeitig gingen
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auf dem Geröllfeld sechzehn Fackeln an und die Männer begannen, so schnell sie konnten, die Linien
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abzulaufen und die Säcke einen nach dem anderen zu entzünden.
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Genau in diesem Moment legte unten im Tal Andreas Egger seinen Arm um Maries Schultern. Sie hatten
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sich zum Sonnenuntergang am Baumstumpf beim alten Steg verabredet und zu Eggers Erleichterung war
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sie pünktlich erschienen. Sie trug ein helles Leinenkleid und ihre Haare dufteten nach Seife, Heu und, wie
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Egger fand, auch ein bisschen nach Schweinebraten. Er hatte seine Jacke über den Baumstumpf gebreitet
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und ihr bedeutet, sich zu setzen. Er wolle ihr etwas zeigen, etwas, was sie womöglich nie wieder vergessen
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werde. „Etwas Schönes?“, fragte Marie. „Kann schon sein“, sagte er. Sie setzten sich nebeneinander und
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sahen schweigend zu, wie die Sonne hinter den Bergen verschwand. Egger hörte sein eigenes Herz po-
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chen. Für einen Moment kam es ihm vor, als schlüge es nicht in seiner Brust, sondern in dem Baumstumpf
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unter ihm, so als ob das modrige Holz zu neuem Leben erwacht wäre. Dann hörten sie aus weiter Entfer-
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nung Thomas Mattls Juchzer und Egger zeigte in die Dunkelheit. „Schau“, sagte er. Eine Sekunde darauf
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glommen hoch oben an der anderen Talseite sechzehn Lichter auf und bewegten sich wie ein Schwarm
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Glühwürmchen in alle Richtungen. Auf ihrem Weg schienen die Lichter glühende Tropfen zu verlieren, die
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sich nacheinander zu geschwungenen Linien vereinten. Egger fühlte Maries Körper neben sich. Er legte
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seinen Arm um ihre Schultern und hörte sie leise atmen. Drüben schwangen sich die glühenden Linien in
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immer weiteren Bögen über den Hang oder schlossen sich zu rundlichen Gebilden zusammen. FÜR DICH,
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MARIE stand in flackernden Buchstaben in den Berg geschrieben, riesengroß und weithin sichtbar für
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jedermann im Tal. Egger atmete einmal tief ein, dann drehte er sich zu Marie und bemühte sich, in der
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Dunkelheit ihr Gesicht zu erkennen. „Willst du meine Frau werden?“, fragte er. „Ja“, flüsterte sie so leise,
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dass er nicht sicher war, ob er sie auch richtig verstanden hatte. „Willst du das werden, Marie?“, fragte er
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noch einmal. „Ja, das will ich“, sagte sie mit fester Stimme und Egger hatte das Gefühl, als müsste er im
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nächsten Moment einfach nach hinten vom Baumstumpf kippen. Aber er blieb sitzen. Sie umarmten sich
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und als sie voneinander abließen, waren die Feuer am Berg verloschen.

Textquelle: Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, 31. Auflage, München 2016, S. 44 – 55.

(Text zu Prüfungszwecken verändert)

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