Aufgabenstellung B
Interpretation literarischer Texte
Thema
Friedrich Schiller: Wilhelm Tell (1804), I/1 und IV/3
Aufgabenstellung
Interpretiere die vorliegenden Szenenausschnitte aus Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell. Berücksichtige
dabei insbesondere die Figurengestaltung des Protagonisten Wilhelm Tell.
Beurteile ob die Figur des Wilhelm Tell dem Menschenbild im Zeitalter der Klassik entspricht.
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Friedrich Schiller
Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ (1804) ist ein Drama, das sich mit dem Widerstand der
Schweizer gegen die habsburgische Fremdherrschaft im 13. und 14. Jahrhundert befasst.
Es beruht auf der Legende des Freiheitskämpfers Wilhelm Tell.
Die Handlung beginnt mit der Darstellung der österreichischen Unterdrückung in den
Schweizer Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden. Wilhelm Tell, ein geschickter Jäger
und Armbrustschütze, gerät in den Konflikt mit dem Landvogt (Vertreter und Verwalter des
Landesherren) Gessler, als er versäumt, vor dessen Hut zu salutieren – einem Symbol der
habsburgischen Landesherren. Zur Strafe zwingt Gessler Tell, mit einer Armbrust einen
Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter zu schießen. Tell gelingt der Schuss, doch er wird
verhaftet, als er gesteht, dass er mit einem zweiten Pfeil Gessler töten wollte, wenn Tell
beim erzwungenen Apfelschuss sein eigenes Kind getroffen hätte.
Tell kann jedoch auf dem Weg in die Festungshaft während der Überfahrt über den
Vierwaldstättersee fliehen und versteckt sich in der Hohlen Gasse, wo er Gessler auflauert
und ihn schließlich erschießt. Währenddessen organisieren die Bewohner der Kantone
einen Aufstand gegen die Macht der Landesherren. Am Ende des Dramas wird die
Tyrannei durch den erfolgreichen Widerstand gebrochen und die Schweiz erlangt ihre
Freiheit.
1 Bürglen: Dieser und alle weiteren Orte befinden sich in der Schweiz.
2 Alzeller: Altzellen, siehe Fußnote 1.
3 Burgvogt: Verwalter und Vertreter eines Feudalherrschers.
4 Simons und Judä: kirchlicher Feiertag am 28. Oktober (1307).
5 Weidgeselle: Jagdgeselle.
6 zürnet: zürnen, (auf jemanden) böse, zornig sein.
7 Kleinod: Kostbarkeit, Juwel.
Studienkreis (Hrsg.): Schiller – Nachdruck nach der Bellermann'schen Ausgabe.
Studienkreis Edition. Bochum 2005, S. 683 ff. und S. 783 f.
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Einleitung und Thema
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In den vorliegenden Szenenausschnitten aus Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell aus dem Jahr 1804 stehen zentrale Aspekte der Figur Wilhelm Tell im Mittelpunkt. Thematisiert werden einerseits das Zusammentreffen der Figuren Kuoni, Werni, Ruodi und Baumgarten am See mit Wilhelm Tell, der Baumgarten das Leben rettet, indem er ihm zur Flucht vor seinen Verfolgern verhilft.
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Andererseits zeigt der zweite Ausschnitt Tells reflexiven Monolog vor seinem bevorstehenden Attentat auf den Landvogt. In beiden Szenen erscheint Tell als mutiger und entschlossener Mensch, der einfachen Leuten gegen die Ungerechtigkeiten der Oberen hilft. Zugleich wird er als handelnder Mensch gestaltet, der einzigartige Taten vollbringt. Damit wird auch die Frage nach der Berechtigung eines Tyrannenmordes aufgeworfen.
Inhalt und Aufbau
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Der erste Ausschnitt aus dem 1. Aufzug, 1. Szene beginnt mit Baumgartens Klage, dass er zwar das rettende andere Ufer sieht, aber nicht hinüberkommen kann (vgl. V. 1–6). Daraufhin erscheint Tell und fragt nach dem Unbekannten. Der Fährmann fordert Tell auf, selbst zu rudern (vgl. V. 7–18). Es folgt ein Streitgespräch zwischen Tell und Ruodi über die Gefahren einer Seeüberquerung bei aufziehendem Sturm.
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Dabei werden die Risiken der Rettung abgewogen (vgl. V. 19–35). Ruodi verweigert schließlich endgültig die Überfahrt, während Tell entschlossen ist, das Ruder selbst zu übernehmen (vgl. V. 36–38). Die Männer loben seinen Mut und seine Stärke; Tell verweist zugleich auf die Macht göttlicher Allmacht (vgl. V. 39–45). Für den Fall seines Todes bittet er darum, seine Frau zu trösten (vgl. V. 47–49). Abschließend verspottet der Hirte Ruodi, während Ruodi selbst Ehrfurcht vor Tells Mut zeigt (vgl. V. 51–54).
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Der zweite Ausschnitt aus dem 4. Aufzug, 3. Szene besteht aus einem Monolog Tells. Tell wartet in einer Gasse auf den Landvogt und plant den Überfall auf ihn (vgl. V. 55–62). Er beschuldigt den Vogt, ihn durch die Geschichte mit dem Apfelschuss erst zum Mörder gemacht zu haben (vgl. V. 63–78). Danach gesteht Tell seinen Schwur ein, den Vogt zu töten (vgl. V. 79–84).
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Er vergleicht den Landvogt mit dem Kaiser und klagt ihn wegen seines Machtmissbrauchs an (vgl. V. 85–91). Schließlich spricht Tell mit seiner Mordwaffe und bittet den Pfeil flehend, ihn bei diesem einzigen Versuch nicht im Stich zu lassen (vgl. V. 92–103).
Sprachliche und formale Gestaltung
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Die Handlung setzt gleich zu Beginn dynamisch ein, wodurch Aufmerksamkeit und Spannung entstehen. Dies wird unter anderem durch Adverbien wie „dort“, „da“ und „hier“ (V. 3 ff.) sowie durch kurze Dialoge unterstützt. Tell wird von Anfang an aus der Gruppe herausgehoben und als Held aufgewertet. Das geschieht dadurch, dass er schon von Weitem erkannt wird (vgl. V. 7 f.), dass sich die anderen Figuren direkt an ihn wenden und ihm die bedrohliche Situation schildern (vgl. V. 10–15), und dass der Fährmann abgewertet wird, dessen Furcht vor dem Sturm deutlich hervortritt (vgl. V. 16, 22, 36, 52). Auch die Anreden „wackrer Tell“ (V. 39), „Mein Retter“ und „mein Engel“ (V. 41) erhöhen Tell sprachlich zum außergewöhnlichen Helfer.
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Die Wettermetaphorik verstärkt die Bedrohung und dramatisiert die Situation. Der nahende Sturm erscheint als Gefahr (vgl. V. 16, V. 20–22), wodurch Tells Entschlossenheit und Mut umso stärker hervorgehoben werden. Dazu passen auch die Metapher „Höllenrachen“ (V. 21) sowie die Personifikation des Sees, etwa wenn gesagt wird: „Der See kann sich [...] erbarmen“ (V. 27) oder „Da rast der See und will sein Opfer haben.“ (V. 32). Auf diese Weise wird die Natur als bedrohliche Gegenmacht gestaltet, gegen die Tell sich behauptet.
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Zur Dramatisierung tragen außerdem Kuonis Botenbericht (vgl. V. 11–16) und Tells dramatischer Monolog (vgl. V. 55 ff.) bei. Beide kündigen Gefahr an und steigern die Spannung vor der Rettung beziehungsweise vor der Ermordung des Landvogts. Auch moralisierende Redewendungen Tells verdeutlichen seine Charakterstärke und Überlegenheit, etwa „Wo’s not thut, Fährmann, läßt sich alles wagen“ (V. 19) oder „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.“ (V. 23).
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Die Wiederholung des Imperativs „Rett’ ihn! Rett’ ihn! Rett’ ihn!“ (V. 29) durch Hirten und Jäger steigert den Konflikt zwischen Tell und dem Fährmann zusätzlich. Ruodi wird moralisch abgewertet, auch durch seine Ausrede, es sei Feiertag (vgl. V. 31). Die kurzen, hitzigen Dialoge zwischen den Beteiligten machen die lebensbedrohliche Situation sichtbar, die sowohl durch die Willkür des Landvogtes als auch durch die Naturgewalten bestimmt ist. Exclamationes verstärken diese Dramatik zusätzlich (vgl. z. B. V. 36–40).
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Der lange Monolog Tells im zweiten Ausschnitt zeigt seine Entschlossenheit und seine Bereitschaft, planvoll gegen die Willkür der Mächtigen vorzugehen. Tell beschreibt sich zunächst als einfachen Jäger und macht deutlich, dass er erst durch die Provokation mit dem Apfelschuss zum Feind des Vogtes geworden ist (vgl. V. 63–71).
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Danach kündigt er die Ausführung seines Racheschwurs gegenüber dem Landvogt an (vgl. V. 80–84). Zugleich räumt er ein, Obrigkeiten grundsätzlich anzuerkennen, jedoch nicht deren Machtmissbrauch (vgl. V. 85–90). Der Monolog hat die Form einer Anklage: Durch das wiederholte „du“ wird dem Vogt direkt Schuld zugewiesen (vgl. V. 62, 66 ff., 76, 87). Die attributive Aufzählung der Schutzbedürftigen, insbesondere Frau und Kinder, dient der Legitimation der Gewalt gegen die Obrigkeit (vgl. V. 72 ff.). Auch die Personifikation der Armbrust (vgl. V. 92–101) veranschaulicht Tells innere Anspannung und wertet sein Handeln dramatisch auf. Der wiederholte Bezug zu Gott hebt Tells Gottesfürchtigkeit und fromme Hilfsbereitschaft hervor und dient zugleich der Rechtfertigung seiner Taten (vgl. V. 24, 37, 44, 91).
Figurengestaltung Wilhelm Tells
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Wilhelm Tell wird in beiden Ausschnitten als außergewöhnliche Figur gestaltet. Sein Auftreten mit der Armbrust kennzeichnet ihn als kampferfahren und kampfbereit (vgl. V. 9, 55, 92–101). Zugleich wird er als Einzelgänger konzipiert: Während die Gruppe passiv bleibt oder zögert, handelt Tell unverzagt und entschlossen (vgl. V. 19, 57). Besonders deutlich wird dies in seiner Rede an die Armbrust, die er wie einen treuen Gefährten anspricht (vgl. V. 92–101).
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Tell ist ein Mann der Tat und nicht der langen Worte. Das zeigt sich in der Aussage „Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft“ (V. 33). Seine Bekanntheit als starker, mutiger, hilfsbereiter und selbstloser Mann wird mehrfach hervorgehoben (vgl. V. 8, 17–18, 39–40, 41, 51 f.). Durch die Aussage „Es gibt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge.“ (V. 54) wird Tell sogar glorifiziert. Gleichzeitig erscheint er als Held und frommer Christ, da sein Handeln wiederholt mit Gottvertrauen verbunden wird (vgl. V. 37, 47–49, 91).
Deutung
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Die Figur Wilhelm Tell ist ambivalent gestaltet. Einerseits erscheint er als frommer, hilfsbereiter und selbstloser Mensch, der anderen in Not beisteht. Andererseits wird er im zweiten Ausschnitt als gnadenloser Krieger für Gerechtigkeit sichtbar, der bereit ist, den Landvogt gezielt zu töten. Dadurch wird die moralische Spannung der Figur deutlich.
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Die Szenenausschnitte stellen Figuren gegenüber, die Leid erfahren, sich ängstlich verhalten und Opfer von Herrscherwillkür sind, und zeigen zugleich durch Tell die Möglichkeit des Widerstandes. Tell verkörpert Entschlossenheit und tritt für Gerechtigkeit ein. Damit wird er zum Beispiel für den selbstlosen Einsatz des Einzelnen für die Gemeinschaft.
Teilaufgabe 2
Zustimmung
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Die Figur Wilhelm Tell kann in mehrfacher Hinsicht dem Menschenbild der Klassik zugeordnet werden. Sein innerer Konflikt und die daraus folgende Entscheidung, eigenverantwortlich zu handeln, spiegeln die Idee des autonom denkenden Subjekts wider, das zwischen Pflicht und Neigung abwägt. Tell erscheint außerdem als unerschrockener, starker und strebsamer Typus eines wohlerzogenen Menschen.
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Zudem kann Tell als Erzieher der Bauern und Hirten verstanden werden, indem er ihnen Gottesfurcht und Entschlossenheit für Gerechtigkeit vorlebt. Er wird zum Vorbild für Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen Herrscherwillkür. Gleichzeitig verurteilt er menschliche Schwächen und stellt sich als irdischer Richter dar. In dieser Perspektive verkörpert Tell das Gute, das im Kampf gegen das Böse siegreich bleibt. Auch seine Darstellung als vorbildlicher Christ, der im Gottesglauben handelt und die göttliche Ordnung über das menschliche Chaos stellt, kann mit klassischen Idealen von Sittlichkeit und moralischer Ordnung verbunden werden.
Einschränkung und Ablehnung
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Gleichzeitig gibt es deutliche Aspekte, die gegen eine eindeutige Zuordnung Tells zum Menschenbild der Klassik sprechen. Tell entspricht eher dem Figurentypus des Sturm und Drang, da er als Selbsthelfer auftritt und Selbstjustiz übt. Er ist ein gewaltbereiter Waffenträger, der nicht nach Ausgleich strebt und keine ausgeprägte Affektkontrolle zeigt.
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Seine Konfliktlösungsstrategien entsprechen nicht dem Verstand des aufgeklärten Weltbürgers, sondern wirken archaisch und von männlicher Tatkraft geprägt. Tell handelt im überschäumenden Gefühl und reagiert auf die Gewaltherrschaft der Landvögte selbst mit Gewalt. Als Alleinkämpfer vollzieht er eine persönliche Rachetat am Landvogt, deren Berechtigung für die Gemeinschaft nur bedingt eindeutig ist.
Fazit
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Insgesamt zeigt sich, dass Wilhelm Tell nur teilweise dem Menschenbild der Klassik entspricht. Einerseits handelt er aus moralischer Überzeugung, strebt nach Freiheit und Gerechtigkeit und setzt sich mutig für das Gemeinwohl ein. Diese Tugenden stehen dem klassischen Ideal des edlen, sittlich handelnden Menschen nahe.
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Andererseits handelt Tell nicht durchgängig maßvoll und rational reflektiert, sondern greift zur gezielten Tötung Gesslers, die auch als impulsiver Akt der Gewalt aus Notwehr und Affekt verstanden werden kann. Daher ist eine abwägende Beurteilung überzeugend: Tell verkörpert zentrale Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und selbstlosen Mut, steht aber durch seine spontane, instinktive und gewaltsame Handlungsweise zugleich im Widerspruch zur klassizistischen Vorstellung des maßvollen, moralisch gereiften Menschen.