Aufgabenstellung C
Erörterung literarischer Texte
Thema
Walter Hettche: „Ein eignes Blatt“ Der Schreiber Licht und der Prozeß um den zerbrochnen Krug (1993)
Stelle die wesentlichen Aussagen des Textauszugs von Walter Hettche dar und formuliere
schlussfolgernd, wie Hettche die Figur Licht interpretiert.
Erörtere diesen Interpretationsansatz. Beziehe dabei deine Kenntnisse zu Kleists Dramentext ein.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?„Ein eignes Blatt“.1 Der Schreiber Licht und der Prozeß um den zerbrochnen Krug (1993)
Walter Hettche
1 Zitat aus Der zerbrochne Krug (9. Auftritt).
2 Adam Heinrich Müller: deutscher Philosoph (1779–1829).
3 obskurantisch: zwielichtig, auf dunkle Machenschaften ausgerichtet.
Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Heinrich von Kleist. TEXT + KRITIK. Zeitschrift für
Literatur. SONDERBAND. München: edition text + kritik. 2., aktual. Auflage 2021, S. 95–97.
Walter Hettche (geb.1957) ist Literaturwissenschaftler.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Thema und Textsorte
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Der Textauszug aus Walter Hettches Ein eignes Blatt Der Schreiber Licht und der Prozeß um den zerbrochnen Krug aus dem Jahr 1993 beschäftigt sich mit der Entwicklung des Schreibers Licht in Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug und mit der Bedeutung dieser Figur für die Handlung.
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Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Abhandlung.
Wesentliche Aussagen des Textauszugs
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Hettche nimmt zunächst Bezug auf Goethes Einordnung des Zerbrochnen Krugs als Werk des „unsichtbaren Theaters“. Dieser Einschätzung stimmt Hettche teilweise zu, insofern die Vergehen des Richters Adam erst im Zuge nachträglicher Aufdeckung rekonstruiert werden. Dabei bleiben einzelne Leerstellen offen (vgl. Z. 1–9).
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Demgegenüber betont Hettche jedoch das Prozessgeschehen als eigentliche Dramenhandlung. Innerhalb dieses Prozessgeschehens erscheinen die Aktivitäten des Schreibers Licht als zentraler Handlungsmotor (vgl. Z. 10–33). Während sich der Dorfrichter Adam nicht grundlegend wandelt, entwickelt sich Licht vom passiven Gerichtsschreiber zum aktiven Handlungsträger (vgl. Z. 12–19).
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Die These Goethes vom „unsichtbaren Theater“ sei auf Licht deshalb nicht anwendbar, da dieser meist sichtbar präsent ist, obgleich er sich sprachlich zurückhält. Naheliegender sei daher die Einordnung als „unhörbare[s] Theater“ (vgl. Z. 19–33).
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Außerdem stellt Hettche Licht als Detektiv-Figur dar. Licht setzt Sprache und Schrift effizient und vernunftgeleitet ein und ist dadurch den wortreichen Vertuschungsversuchen des Richters Adam überlegen (vgl. Z. 34–41). Schließlich deutet Hettche Licht als aufklärerische Figur, deren Emanzipation zu selbstbestimmtem, dem Allgemeinwohl dienendem Denken und Handeln sich besonders in der Ausfertigung eines zweiten Protokolls zum Zwecke der Wahrheitsfindung spiegelt (vgl. Z. 41–54).
Schlussfolgernder Interpretationsansatz
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Hettches Interpretationsansatz lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Licht wird als zentrale Figur gedeutet, die sich im aufklärerischen Sinne zum denkenden Subjekt emanzipiert und die Handlung im Sinne der Wahrheitsfindung und des Gemeinwohls vorantreibt.
Teilaufgabe 2
Zustimmende Erörterung
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Hettches Deutung der Figur Licht ist in vieler Hinsicht plausibel. Licht kann tatsächlich als Figur verstanden werden, die sich im aufklärerischen Sinne zum denkenden Subjekt emanzipiert. Seine Überwindung der untergeordneten Rolle beginnt mit der Anfertigung eines eigenen Protokolls (vgl. V. 1094 f.) und zeigt sich später in der Lenkung und Korrektur des Prozesses. So macht Licht sachdienliche Aussagen stellvertretend für Frau Brigitte (vgl. V. 1625–1628), tritt für sie ein (vgl. V. 1699, V. 1703–1708), bestätigt ihre Zeugenschaft (vgl. V. 1702) und bringt Adam diskreditierende Einwendungen vor (vgl. V. 1740–1758).
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Auch Lichts rationaler Umgang mit Sprache und Schrift spricht für Hettches Ansatz. Seine klaren Aussagen und präzisen Rückfragen zeigen ein vernunftgeleitetes Bemühen um Erforschung und objektives Berichten, etwa in der Formulierung „Fuß eines Menschen, bitte, / Doch praeter propter wie ein Pferdehuf“ (V. 1740 f.). Zudem ist die Deutung seines Namens „Licht“ als Sinnbild für erhellendes und aufklärendes Wirken plausibel.
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Licht kann außerdem als zentraler Handlungsträger im Dienst der Wahrheitsfindung und des Gemeinwohls gelten. Bereits die Eingangsszene besitzt Verhörcharakter. Lichts Anspielungen legen nahe, dass er Adams Schuld bereits durchschaut hat und ihn zu verräterischen Selbstaussagen provoziert. Dies zeigt sich etwa in den Formulierungen „Ihr stammt von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der Dinge fiel, / Und wegen seines Falls berühmt geworden; / Ihr seid doch nicht –?“ (V. 9–12), „Allgerechter! / Der ohnhin schwer den Weg der Sünde wandelt“ (V. 23 f.) oder „Der rechte kann sich dieser – Wucht nicht rühmen, / Und wagt sich eh’r aufs Schlüpfrige“ (V. 28 f.).
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Für Lichts Eigenständigkeit spricht auch, dass er Adams Bestechungsversuch vor dem Erscheinen Walters zurückweist (vgl. V. 134–147). Zudem wird seine professionelle Gelehrsamkeit sogar vom offensichtlich laienhaften Richter Adam eingeräumt: „Ihr seid ein Freund von wohlgesetzter Rede, / Und Euren Cicero habt Ihr studiert / Trotz einem auf der Schul in Amsterdam“ (V. 135–137). Diese Kompetenz nützt Licht im Prozess, um Adams Verfahrensfehler aufzudecken und seine eigene juristische Kompetenz zu demonstrieren, etwa durch die Nachfrage „Wollt Ihr nicht förmlich –?“ (V. 612).
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Auch seine anspielungsreichen Zwischenbemerkungen stützen Hettches Deutung. Licht sät Zweifel an Adams Glaubwürdigkeit und lockt ihn immer wieder an die Schwelle des Sich-Selbst-Verratens, etwa bei der Frage nach dem Tatwerkzeug von Adams Verletzung: „Ihr glaubtet wohl, es war ein Degen?“ (V. 983). Schriftlichkeit wird bei ihm zum Mittel der Wahrheitsfindung. Die Anfertigung eines eigenen Protokolls erscheint als Vorsorgemaßnahme, um Manipulationen Adams vorzubeugen: „Und brech ein eignes Blatt mir, / Begierig, was darauf zu stehen kommt“ (V. 1094 f.).
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Besonders deutlich wird Lichts aktive Rolle bei der eigenständigen Vorladung der Zeugin Brigitte. Er setzt ihre Zeugenaussage durch und greift in deren vorschnelle Interpretation durch Walter ein: „Wollen Euer Gnaden sie vollenden lassen“ (V. 1699) und „Bitte ganz submiss, / Die Frau in dem Berichte nicht zu stören“ (V. 1703 f.). Zugleich weist Licht darauf hin, dass es mit der Täterbeschreibung der Zeugin Brigitte seine „völlge Richtigkeit“ (V. 1708) hat. Seine zunehmende Einwirkung auf den Prozess zeigt sich außerdem in der Lenkung des Gerichtsrats Walter (vgl. V. 1738 f., 1740 f., 1755–1758).
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Damit agiert Licht stellenweise sogar als eloquenter Ankläger, der selbst die Vernehmung übernimmt: „Euer Gnaden werden / Nicht die Synode brauchen, um zu urteiln. / Vollendet – mit Erlaubnis! – den Bericht, / Ihr Frau Brigitte, dort; so wird der Fall / Aus der Verbindung, hoff ich, klar konstieren“ (V. 1754–1758). Hinzu kommen demonstrative Handlungen wie das Vorhalten des Spiegels (vgl. V. 38) oder das Aufsetzen der Perücke (vgl. V. 1859 f.), die als unwiderlegbare, auf den Augenschein gestützte Beweisführung verstanden werden können. Auch die faktengestützte Entlarvung von Adams Lüge einer geplanten Reise stützt diese Lesart: „Vielmehr bekam er kürzlich noch die Order, / Sich nicht von seinem Amte zu entfernen. / Auch habt Ihr heut zu Haus ihn angetroffen“ (V. 2148–2150 Vt.2).
Kritische oder relativierende Erörterung
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Gleichzeitig lässt sich Hettches Interpretationsansatz auch kritisch hinterfragen. Problematisch ist zunächst die Einordnung Lichts als Figur, die sich erst im Verlauf des Stücks im aufklärerischen Sinne zum denkenden Subjekt emanzipiert. Denn Licht erscheint von Beginn an hellsichtig, selbstbewusst und taktisch klug. Dies zeigt sich bereits in seinen frühen Bemerkungen gegenüber Adam: „Erlaubt! Da tut Ihr Eurem rechten Unrecht. / Der rechte kann sich dieser – Wucht nicht rühmen, / Und wagt sich eh’r aufs Schlüpfrige“ (V. 27–29). Ein klarer Wandel vom unmündigen zum rational denkenden Individuum ist daher nur eingeschränkt erkennbar.
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Auch die Vorstellung einer Entwicklung zum autonomen Subjekt ist fragwürdig, weil Licht sich weiterhin in bestehende Hierarchien einfügt und häufig als Erfüllungsgehilfe des Gerichtsrats Walter wirkt. Dies zeigt sich etwa in der Formulierung „Wollen Euer Gnaden den Herrn Richter fragen –“ (V. 1812). Ebenso könnte der Name „Licht“ nicht nur als Sinnbild aufklärerischen Wirkens verstanden werden, sondern auch als Karikatur einer Person mit vernünftelndem Verstand und damit als ironisierte Sicht auf die Aufklärung.
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Relativierend ist außerdem zu bedenken, dass Licht über weite Strecken des Prozesses eher passiv bleibt. Er schweigt häufig oder beschränkt sich auf kurze Antworten. Erst gegen Ende wendet er sich deutlich zum aktiven Aufklärer. Hettches Bewertung Lichts als zentraler Handlungsträger im Dienst der Wahrheitsfindung und des Gemeinwohls kann daher als einseitig erscheinen.
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Zudem treiben auch andere Figuren die Handlung und die Aufdeckung der Wahrheit wesentlich voran. Frau Marthe erscheint als energische Aufklärerin (vgl. z. B. V. 1126–1131). Weitere Zeugen tragen ebenfalls zur Wahrheitsfindung bei. Auch der Gerichtsrat Walter greift als externe Instanz entscheidend in das Geschehen ein (vgl. z. B. V. 537 f., 540–544, 1401 f.). Nicht zuletzt entlarvt sich Adam selbst zunehmend, indem er sich in immer verräterischere Lügenkonstrukte verwickelt. Hettches Reduktion der „‚Handlung‘ im eigentlichen Sinne“ (Z. 12) auf die Aktivitäten Lichts wirkt deshalb einengend.
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Kritisch zu sehen ist auch, dass Lichts Handeln nicht zwingend allein durch Wahrheitsliebe und Gemeinwohlorientierung motiviert sein muss. Naheliegend ist ebenfalls die Deutung, dass Ehrgeiz und Karrierestreben eine wichtige Rolle spielen. Seine Loyalität gegenüber Adam kann als nur vorgetäuscht verstanden werden, etwa in der Beschwichtigung „Ruhig, ruhig jetzt“ (V. 167). Gegenüber Walter dient er sich durch das unaufgeforderte Herausstellen seiner langjährigen Justizerfahrung an: „Der Schreiber Licht, / Zu Eurer hohen Gnaden Diensten. Pfingsten / Neun Jahre, dass ich im Justizamt bin“ (V. 326–328).
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Auch sein Drängen auf die Durchführung des Prozesses durch Adam kann als Versuch verstanden werden, Adam zu schaden: „Zu Bett –? Ihr wollt –? Ich glaub, Ihr seid verrückt“ (V. 516). Ebenso geht Licht bereitwillig auf Walters Angebot ein, die Prozessführung zu übernehmen: „Ob ich – ei nun, wenn Euer Gnaden –“ (V. 864). Die Anfertigung des eigenen Protokolls kann daher nicht nur als Maßnahme der Wahrheitsfindung, sondern auch als Beschaffung eines Machtmittels gedeutet werden (vgl. V. 1094 f.).
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Auch Lichts Umgang mit der Wahrheit wirkt taktisch motiviert. Er betreibt ein Doppelspiel aus Aufdeckung und Verhüllung, agiert im Verborgenen und vermeidet offene Beschuldigungen. Die Formulierung „Wollen Euer Gnaden den Herrn Richter fragen –“ (V. 1812) zeigt dieses indirekte Vorgehen. Statt einer offenen engagierten Anklage betreibt Licht eher eine subtile Demontage Adams, etwa bei der Identifizierung von Adams Perücke (vgl. V. 1848–1860). Dadurch hält er sich, abhängig vom Ausgang der Untersuchung Walters, mehrere Optionen zur Sicherung eigener Vorteile offen.
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Schließlich spricht auch Lichts unverhohlene Schadenfreude im abschließenden Kommentar zu Adams Flucht gegen eine rein idealistische Deutung seiner Figur: „Seht, wie der Richter Adam, bitt ich euch, / Berg auf, Berg ab, als flöh er Rad und Galgen, / Das aufgepflügte Winterfeld durchstampft!“ (V. 1954–1956). Diese Bemerkung lässt Lichts Verhalten weniger als uneigennütziges Handeln im Dienst der Wahrheit erscheinen, sondern zeigt auch persönliche Genugtuung.
Fazit
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Insgesamt ist Hettches Interpretationsansatz überzeugend, insofern Licht tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Adams Schuld spielt. Seine präzisen Bemerkungen, seine Schriftlichkeit, seine Kontrolle des Prozessverlaufs und seine zunehmenden Eingriffe zeigen ihn als kluge, taktisch überlegene und aufklärend wirkende Figur. Besonders die Anfertigung eines eigenen Protokolls und die Unterstützung der Zeugin Brigitte sprechen dafür, Licht als zentralen Faktor der Wahrheitsfindung zu verstehen.
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Gleichzeitig sollte Hettches Deutung relativiert werden. Licht ist nicht alleiniger Handlungsmotor; auch Frau Marthe, Walter, die Zeugen und Adams eigene Lügen treiben die Aufdeckung voran. Zudem bleibt offen, ob Licht tatsächlich aus Gemeinwohlorientierung handelt oder ob Ehrgeiz, Karriereinteresse und Schadenfreude eine wichtige Rolle spielen. Die Figur des Gerichtsschreibers ist daher als Spiel mit Uneindeutigkeiten gestaltet. Gerade deshalb können seine Motive unterschiedlich interpretiert werden: Licht erscheint einerseits als aufklärerische Figur, andererseits aber auch als taktisch handelnder Karrierist.