Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Teil I Pflichtteil: Textverständnis

Aufgabenstellung

  • Lies den Text. Bearbeite anschließend die vorgegebenen Aufgaben.

Material

1
Erich Kästner: Der Weg zum Kinderbuchautor mit Weltruhm

2
Obwohl Erich Kästner auch Romanschriftsteller, Lyriker,
3
Journalist und Drehbuchautor war, ist er weltweit am besten
4
bekannt als Kinderbuchautor.

5
Erich Kästner schrieb für Erwachsene und für Kinder. Aber es sind seine
6
Kinderbücher, die ihm Ruhm gebracht haben und die als erste mit seinem
7
Namen assoziiert werden. Seine Werke wurden in mehr als 30 Sprachen
8
übersetzt. In Film, Fernsehen und im Theater ist der Autor auch heute
9
noch allgegenwärtig.

10
Kindheit und Jugend – ein strebsamer Junge

11
Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner in Dresden geboren. Der Vater schuftete als
12
Sattlermeister1 in einer Fabrik, die Mutter nähte zunächst in Heimarbeit fast rund um die Uhr
13
für andere und wurde später Friseurin. Sie hatten wenig Geld, nur in kleinen Schritten ging es
14
aufwärts. Alle paar Jahre zogen sie in der Königsbrücker Straße in der Dresdner Neustadt ein
15
paar Häuser weiter in Richtung der Wohlhabenderen. Dort wohnte in einer Villa Onkel Franz,
16
ein Bruder der Mutter, der als Pferdehändler reich geworden war. Bei seinem Onkel auf der
17
Gartenmauer saß er oft, der kleine Erich, und sah den Straßenbahnen zu. Die rattern bis heute
18
auf den Schienen, auch die Villa steht noch und beherbergt nun das Erich-Kästner-Museum.

19
Kästner beschrieb sich selbst als wissbegierigen Musterschüler und Musterknaben. Schon vor
20
der Schule eilte er los, um Brot, Wurst und Lampenöl zu besorgen, stets bemüht, es der Mutter
21
recht zu machen. Sie schenkte all ihre Zuwendung dem einzigen Sohn. Zu seiner Mutter hatte
22
er Zeit ihres Lebens ein sehr enges Verhältnis. Mehr als 30 Jahre lang schrieben sie sich fast
23
täglich Briefe. 1951, nach ihrem Tod, schrieb Kästner: „Ihren ganzen Fleiß, jede Minute und
24
jeden Gedanken, ihre gesamte Existenz setzte sie, fanatisch wie ein besessener Spieler, auf eine
25
einzige Karte, auf mich.“ Früh schon hatte sie den Plan seines sozialen Aufstiegs entworfen, er
26
sollte Lehrer werden. Diese Ausbildung war damals kostengünstiger als der Besuch eines
27
Gymnasiums und einer Universität und sie ermöglichte einen bescheidenen Aufstieg sowie eine
28
gesicherte Existenz. Lehrer spielten in Kästners Kindheit eine große Rolle. Die Untermieter
29
seiner Eltern waren alle Lehrer und beeindruckten ihn, noch bevor er selbst zur Schule ging. So
30
war es naheliegend, dass Kästner Lehrer werden wollte. Ab 1913 besuchte er das damalige
31
Lehrerseminar in Dresden, um Volksschullehrer zu werden. Jedoch empfand Kästner dieses
32
Ausbildungsinstitut als „Lehrerkaserne“. Hier würden seiner Meinung nach gehorsame Beamte
33
ausgebildet, die Kinder für immer kleinhalten sollten. Er selbst wollte lieber Lernender bleiben
34
und brach die Ausbildung zum Volksschullehrer drei Jahre später kurz vor ihrem Ende ab.

35
Noch während Kästners Zeit am Lehrerseminar begann der Erste Weltkrieg (1914– 1918). Er
36
wurde 1917 zum Militärdienst einberufen und musste dort zunächst eine militärische
37
Ausbildung absolvieren. In dieser Ausbildung wurde Kästner so malträtiert, dass er mit einer
38
Herzkrankheit ins Lazarett eingeliefert werden musste. Durch den Aufenthalt im Lazarett blieb
39
ihm zunächst die Front erspart, und als er schließlich kriegstauglich ausgebildet war, war der
40
Krieg vorbei. Aber die Brutalität der militärischen Ausbildung und das Grauen des Krieges
41
prägten in ihm eine tiefe Abneigung gegen jeglichen Militarismus2
42
aus, sodass er zeitlebens gegen Krieg, Gewalt und Untertanengeist kämpfte.

43
Der erwachsene Kästner – ein vielseitiger Autor

44
Im Jahr 1919 holte Kästner das Abitur nach und begann an der Universität Leipzig das Studium
45
der Geschichte, Philosophie, Germanistik, Zeitungskunde und Theaterwissenschaft. In dieser
46
Zeit entdeckte er das Schreiben für sich. Sein Studium finanzierte Kästner schon bald aus
47
eigenen Einnahmen als Journalist und Theaterkritiker. Wie ein Besessener arbeitete er für
48
Zeitungen, verfasste manchmal zwei, drei Artikel am Tag. 1927 ging er nach Berlin, wo er als
49
freier Mitarbeiter für verschiedene große Tageszeitungen schrieb. Er veröffentlichte Gedichte,
50
Kommentare, Reportagen und Rezensionen. Und immer wieder warnte er in der Zeit der
51
Weimarer Republik3 in Gedichten und Artikeln vor dem Krieg, der mit der Herrschaft der
52
Nationalsozialisten auf Deutschland zukäme. Kurt Tucholsky4 schwärmte von Kästners
53
politischen satirischen Texten, kritisierte aber dessen humoristische Erzählungen und
54
Kurzgeschichten aus dem Alltagsleben mit den Worten: „Da pfeift einer, im Sturm, bei
55
Windstärke 11 ein Liedchen.“

56
Kästners Jahre in Berlin von 1927 bis 1933 gelten als seine produktivste Zeit. Seine zahlreich
57
veröffentlichten Texte, seine ersten Kinderbücher und der Roman „Fabian“ (1931) für
58
Erwachsene machten ihn sehr populär. Mit seinen antimilitaristischen Gedichten und anderen
59
zeitkritischen Texten gehörte er jedoch zu den Gegnern der Nationalsozialisten. So wurden bei
60
den öffentlichen Bücherverbrennungen im Jahr 1933 auch Kästners Bücher verbrannt und in
61
Deutschland verboten. Dennoch blieb er in Deutschland. Er wollte, wie er nach 1945 mitteilte,
62
Augenzeuge bleiben und die Ereignisse dokumentieren, aber auch seine Mutter nicht alleine
63
lassen. Kästner veröffentlichte mehrere Bücher im Ausland und schrieb unter Pseudonym auch
64
in Deutschland weiter, vor allem Theatertexte und Filmdrehbücher. Ab 1943 folgte schließlich
65
auch ein Veröffentlichungsverbot für das Ausland.

66
Trotz zweimaliger Verhaftung überstand Kästner die Zeit des Nationalsozialismus und konnte
67
nach 1945 an seine Erfolge anknüpfen: als Kinderbuchautor, mit satirischen Kabarett-Texten
68
und mit zeitkritischen Aufsätzen. Zeit seines Lebens mahnte er in politischen Reden und mit
69
Aktionen vor Militarismus und Nationalismus5. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, so etwa
70
1956 den Literaturpreis der Stadt München, ein Jahr später den Georg-Büchner-Preis und 1959
71
das Große Bundesverdienstkreuz, eine Auszeichnung, die durch den Bundespräsidenten
72
verliehen wird. Erich Kästner starb am 29. Juli 1974 mit 75 Jahren in seiner Wahlheimat
73
München.

74
Das besondere Kinderbuch

75
Im Jahr 1929 erschien sein erstes Kinderbuch „Emil und die Detektive“.
76
Der Roman spielt in den 1920er Jahren und handelt von Emil, einem
77
Jungen aus der Kleinstadt, der auf dem Weg nach Berlin in einem Zug
78
einschläft. Als er erwacht, ist sein Geld verschwunden. Sein Verdacht fällt
79
auf einen mysteriösen Mann mit Hut, der mit ihm im Abteil gesessen
80
hatte. So beginnt eine wilde Verfolgungsjagd durch Berlin. Emil findet
81
solidarische Mitstreiter, eine Bande cleverer Stadtkinder fordert die
82
Erwachsenenwelt heraus und sorgt für Gerechtigkeit.

83
Kästners Kinderbuchdebüt war ein sensationeller Erfolg, sein größter sogar. Mit diesem
84
Kinderbuch beschritt Kästner für die damalige Zeit ungewöhnliche Wege: Er verzichtete auf
85
den zur damaligen Zeit in Kinderbüchern üblichen belehrenden Grundton und auf gehorsame,
86
brave Kinderfiguren. Kästner fesselte seine jungen Leser stattdessen durch eine realistische
87
Schilderung der Gegenwart in der Großstadt Berlin, durch eine spannende Kriminalgeschichte
88
sowie durch kindliche Identifikationsfiguren. Neu war auch, dass Kästner in einer
89
kindgerechten einfachen Sprache schrieb, mit vielen umgangssprachlichen Wendungen in den
90
Dialogen und mit Humor. Der Roman wurde bis heute in viele Sprachen der Welt übersetzt,
91
mehrmals verfilmt, für die Bühne und als Hörspiel inszeniert und so Begleiter von mehreren
92
Kindergenerationen.

93
Das „Spezialtalent“

94
Kästner wollte Anwalt der Kinder sein, ihnen aber auch einen moralischen Kompass mitgeben.
95
Zum Lehrer taugte er nicht – die Kinder im Klassenzimmer, sagte er später, seien ihm zu nah
96
gewesen. Deswegen hatte er lieber die Distanz gesucht und einen anderen beruflichen Weg
97
gewählt. In einem späteren Fernsehinterview erklärte er das Schreiben von Kinderbüchern
98
einmal knapp zum „Spezialtalent“. Denn schreibend gelang es Kästner Nähe herzustellen und
99
Begeisterung zu entfachen – mit jedem seiner Kinderbücher traf er den richtigen Ton und
100
vollführte das Kunststück, die Kinder mit pädagogischen Botschaften zu überschütten und sie
101
dennoch nie zu belehren. Er schaffte es immer wieder, seine Botschaften in einfühlsam erzählte
102
und zugleich spannende Geschichten einzubinden und diese mit Alltagssituationen zu
103
verknüpfen, die Kinder gut nachvollziehen können. Mit diesem Talent schrieb er unter anderem
104
Geschichten über eine große Kinderschar, die sich gegen die übermächtigen Erwachsenen
105
behauptet – wie in „Emil und die Detektive“, über Eltern, die sich nicht um ihre Kinder
106
kümmern – wie in „Pünktchen und Anton“ (1931), über die Zerrissenheit und Ohnmacht, die
107
Kinder bei der Scheidung der Eltern erfahren – wie im „Doppelten Lottchen“ (1949) oder über
108
einen ganz und gar anderen Unterricht – wie in „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933).

109
Kästner erschuf mit diesen Romanen Kinderfiguren, die wissen, was sie wollen, die erkennen,
110
dass etwas falsch läuft – und sich darum kümmern. Sie haben Zivilcourage, sind klug,
111
vernünftig und nicht auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen. Er stellte sich immer wieder
112
kompromisslos auf die Seite der Kinder und übte Kritik an der Welt der Erwachsenen. Die
113
Überzeugung, dass Kinder noch unverfälschte, gute Eigenschaften haben und den Erwachsenen
114
zeigen können, wie man etwas besser macht, spiegelt sich im immer wiederkehrenden zentralen
115
Thema seiner Kinderromane: sich die eigene kindliche Seele bewahren und sich von den
116
Zumutungen der Welt nicht verbiegen lassen.

117
Erich Kästner bleibt als Autor in Erinnerung, der mit feinem Humor und scharfem Blick die
118
Welt der Erwachsenen durch Kinderaugen betrachtete. Mit seinen Werken lädt er dazu ein,
119
Verantwortung zu übernehmen, ohne die Neugier und Offenheit eines Kindes zu verlieren –
120
ganz im Sinne seiner Worte: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“6

1 Beruf des lederverarbeitenden Gewerbes, z. B. Herstellung von Sätteln, Zaumzeug, Taschen

2 Einstellung, die militärische Werte wie Disziplin, Ordnung und Gehorsam als Grundlage eines

Staates hervorhebt und für die Machtausübung und Konfliktlösung durch militärische Gewalt eintritt

3 1918 bis 1933, erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland, beendet durch

Machtergreifung der Nationalsozialisten

4 deutscher Schriftsteller (1890 – 1935)

5 Einstellung, die die eigene Nation gegenüber anderen Nationen als überlegen und wertvoller sieht

6 E. Kästner: „... was nicht in euren Lesebüchern steht.“ Fischer Tb-Verlag, Frankfurt/M. 1987, S. 53

Text nach: Katrin Hörnlein und Volker Weidermann: Der lebensfrohe Pessimist. Da pfeift jemand ein Liedchen bei

Windstärke elf. In Zeit Nr. 31/2024, 18.07.2024, S. 42f.

Hinweis: Orthografie und Grammatik werden mit 2 BE bewertet.

1)

Erich Kästner verdiente seinen Lebensunterhalt durch das Schreiben.

Nenne sechs Textsorten, die er veröffentlicht hat.

1 BE

2)

Im Text wird dargestellt, dass zwischen Kästners Ausbildung zum Lehrer und der Beziehung

zu seiner Mutter eine Verbindung besteht.

Erläutere diese Verbindung auf der Grundlage des Textes.

2 BE

3)

Erläutere den Zusammenhang zwischen Kästners Militärerfahrungen während des

Ersten Weltkrieges und seiner späteren Haltung zum Krieg mit eigenen Worten.

Nutze die Informationen im Text.

2 BE

4)

Im Text werden Gründe genannt, warum Kästner trotz der Ereignisse ab 1933 in

Deutschland blieb.

Markiere diesen Satz.

1 BE

5)

Gib stichpunktartig an, wie Kästner laut Text während der Zeit des

Nationalsozialismus weiterarbeitete.

1 BE

6)

Ordne dem Satzanfang die laut Textinformationen passende Ergänzung zu.

Notiere diesen Satz.

„Emil und die Detektive“ ist ein besonderes Kinderbuch, weil ...

a) ... es realistisch, witzig und belehrend ist.

b) ... es fantastisch, geistreich und nicht belehrend ist.

c) ... es spannend, märchenhaft und humorvoll ist.

d) ... es realistisch, humorvoll und spannend ist.

1 BE

7)

Gib an, was Kästner als sein „Spezialtalent“ bezeichnete.

Erläutere anhand des Textes mit eigenen Worten, was dieses Talent ausmacht.

3 BE

8)

Nenne sechs Merkmale, die Kästners Kinderfiguren auszeichnen.

Nutze dafür die Informationen im Text.

1 BE

9)

Kästner wollte „Anwalt der Kinder“ sein. (Zeile 94)

a) Nenne das zentrale Thema sowie die vier einzelnen Themen von Kästners

Kinderbüchern, die der Text aufführt.

b) Beurteile, ob Kästner durch diese Themen seiner Rolle als „Anwalt der Kinder“

gerecht wurde.

3 BE

10)

Eine Botschaft von Kästner lautet: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein

Mensch.“ (Zeile 120)

Können Sie sich vorstellen, dass diese Botschaft auch heute noch wichtig ist?

Begründen Sie Ihre Meinung. Nutzen Sie dafür Informationen aus dem Text und beziehen

Sie eigene Erfahrungen ein.

3 BE

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV