Vorschlag A
Thema
Kleiner oder großer Glaube
Aufgaben
Gib den Inhalt des Predigttextes von Franz Langstein wieder. (Material)
Untersuche anhand selbstgewählter Beispiele aus dem Neuen Testament, ob sich Franz Langstein mit seinen Überlegungen
zum „kleinen“ Glauben auf Leben, Wirken und Botschaft Jesu berufen kann.
Stelle die Religionskritik Friedrich Nietzsches dar.
In seinem Werk „Die fröhliche Wissenschaft“ formuliert Friedrich Nietzsche:
„In der Tat: Wir Philosophen und ‚freien Geister‘ fühlen uns bei der Nachricht, dass der
‚alte Gott tot‘ ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; [...] endlich dürfen
unsre Schiffe wieder auslaufen, [...] das Meer, unser Meer liegt wieder offen da,
vielleicht gab es noch niemals ein so ‚offnes Meer‘.“
Langsteins Predigt endet mit dem Satz:
„Denn das große Meer, die Weite Gottes, ist die Heimat des Menschen.“ (Material)
Entwirf ein fiktives Streitgespräch zwischen einem Anhänger der Position Nietzsches und Langstein, das sich an dem von beiden verwendeten Bild des Meeres
entzündet und deren jeweilige Ansichten über den Glauben deutlich werden lässt.
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Franz Langstein: Predigt zum 27. Sonntag im Lesejahr C 2019.
Hinweise
Franz Langstein (*1959): römisch-katholischer Theologe, Pfarrer in Marburg, Gemeinde St. Johannes Evangelist
Die Zeichensetzung entspricht der Textvorlage.
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Die Predigt des Marburger Pfarrers Franz Langstein zum 27. Sonntag im Lesejahr 2018/2019 handelt von der Frage, wie groß wahrer Glaube sein muss.
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Ausgangspunkt ist der Unterschied zwischen der alten und neuen Übersetzung der Vulgata, speziell bezogen auf den Vers Lk 17,6, in dem das Senfkorn symbolisch mit dem Glauben an Gott verglichen wird. Laut Langstein impliziert die alte, nicht korrekte Übersetzung den Vorwurf, der Glaube der Menschen sei zu klein. In der Neufassung dagegen werden die Kleinheit des Senfkorns und die Kleinheit des Glaubens in Beziehung zueinander gesetzt, während die alte Version dahingehend missverständlich gewesen sei, dass „unser“ Glaube nicht einmal so groß sei wie ein winziges Senfkorn.
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Folglich habe die frühere Pastoral Probleme einer Person mit dem Appell, mehr und stärker glauben zu müssen, zu beheben versucht. Da aber die Bewältigung von Schwierigkeiten keine Frage der Glaubensstärke sei, laufe ein solcher Appell Gefahr, zunächst Illusionen zu wecken und sodann in tiefe Enttäuschung zu führen.
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Die neue Übersetzung (Glauben haben „wie ein Senfkorn“) legt nahe, dass Glaube eher „klein“ sein soll. Langstein kontrastiert diesen „kleinen“ Glauben mit dem „großen“ Glauben, der leicht zu selbstsicher und besserwisserisch daherkomme, der Gott vereinnahme, von Gott vermeintlich alles wisse und somit meine, alle Probleme in den Griff bekommen zu können. Gerade deshalb würden diejenigen mit einem komfortabel eingerichteten „großen“ Glauben von jenen, die Probleme in ihrem Leben haben, fordern, stärker zu glauben. Doch auch jemand, der meint, einen „großen“ Glauben zu haben, könne von Schicksalsschlägen getroffen und mit Problemen belastet werden. Es erhebe sich dann die Frage, ob nicht stark genug geglaubt worden sei.
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Der Autor favorisiert eine andere Sichtweise: Der richtig Glaubende müsse Demut zeigen, Gott seine ursprüngliche Größe und Unverfügbarkeit zurückgeben. Nur der „kleine“ und bescheidene Glaube sei richtig verstandener Glaube: „vertrauend, nicht [...] wissend“.
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Ganz in diesem Sinne ist auch die Perikope vom Pharisäer und Zöllner im Tempel zu verstehen: Nicht den vorn stehenden, sich wegen seines Glaubens und seiner Werke rühmenden Pharisäer, sondern den hinten stehenden, um Gnade bittenden Zöllner sieht Jesus als gerechtfertigt an.
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Abschließend überträgt Langstein das Bild vom ins Meer verpflanzten Maulbeerfeigenbaum auf den Menschen: Er soll sich nicht auf seinen vermeintlich festen Glauben verlassen, sondern sich in Gottes Weite führen lassen, die dem Menschen Geborgenheit gibt.
Aufgabe 2
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Langstein führt als unmittelbaren Beleg für seine Interpretation der Verse Lk 17,6 das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner im Tempel (Lk 18,9–14) an. Die Argumentation, dass Jesus den „einfachen“, nicht perfekten Glauben und das Wissen, kein perfekter Mensch zu sein, zum Maßstab für eine gelingende Gottesbegegnung macht, findet vielfache Unterstützung im Neuen Testament.
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Dies zeigt sich in der Bergpredigt, insbesondere in den Seligpreisungen (Mt 5,3–12). Ebenso wird dies deutlich in Jesu Gemeinschaft mit Sündern, etwa mit dem Zöllner Zachäus (Lk 19,1–10).
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Auch verschiedene Gleichnisse belegen diese Sichtweise: Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) handelt ein Mensch richtig, der aus pharisäisch-jüdischer Sicht gar kein rechtgläubiger Jude ist. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) wird jemand angenommen, der sich von seinem Vater losgesagt hat. Im Gleichnis vom großen Festmahl (Lk 14,15–24) werden die vermeintlich Unwürdigen eingeladen.
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Weitere Erzählungen zeigen ebenfalls diese Haltung Jesu, etwa die Begegnung mit der Ehebrecherin (Joh 8,1–11) sowie die Fußwaschung (Joh 13,1–20).
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Auch durch Heilungen wird diese Sichtweise verdeutlicht, etwa bei der Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9,1–12) oder der verkrümmten Frau (Lk 13,10–17). Die geheilten Personen verstehen nicht, wie ihnen geschieht, verlassen sich aber ganz auf Jesus und damit auf die Unbegreiflichkeit Gottes.
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Dass der Mensch nicht perfekt sein muss, um eine gelingende Gottesbegegnung zu erfahren, wird außerdem deutlich an Jesu Verhältnis zu Pharisäern und Sadduzäern, an seinem Umgang mit dem jüdischen Gesetz – das Gesetz ist für den Menschen da und nicht umgekehrt – sowie daran, dass Jesus keine Vielzahl an Gebetsregeln vorgibt, sondern nur ein einziges Gebet hinterlässt, das Vaterunser.
Aufgabe 3.1
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Für Nietzsche ist Gott eine Erfindung des Menschen. Die Wissenschaften haben Religion unglaubwürdig bzw. überflüssig gemacht.
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Er kritisiert das Christentum und vor allem die Kirche seiner Zeit scharf. Die christliche Vorstellung eines Lebens nach dem Tod wertet er als lebensverneinend, da sie das diesseitige Leben abwertet. Auch die christliche Moral bewertet er als lebensfeindlich. Die Kirche fordere eine „Sklavenmoral“, die den Menschen einschränke und klein halte. Religion und ihre Ethik dienten dazu, den Schwächeren zu nutzen und die Mächtigen und Starken an ihrer Selbstentfaltung zu hindern.
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Daher müssten sich die Menschen von Gott befreien, damit sich ihr Horizont wieder öffne und sie selbst zu „Göttern“ werden könnten. An die Stelle Gottes und der religiösen Werte solle der Wille des Menschen treten. Durch die Überwindung der Religion habe der Mensch die Möglichkeit, zum „Übermenschen“ zu werden.
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Dieser „Übermensch“ überwindet die von Nietzsche kritisierte christliche Ethik des Mitleids und der Nächstenliebe, bestimmt sein Leben selbst und schafft eigene Maßstäbe und Werte wie Selbstbestimmung, Härte und Stärke. Nur schwache Menschen bräuchten vorgegebene Leitlinien.
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Dies führe dazu, dass sich die Menschheit nicht mehr primär um ihre schwächsten Mitglieder kümmere, sondern ein Wettbewerb freier Individuen entstehe. Die Sieger dieses Wettstreits, die „Übermenschen“, könnten das Potenzial der Menschheit voll ausschöpfen, da sie ihre Kräfte auf ihre eigene Selbstvervollkommnung konzentrieren.
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Für Nietzsche ist der „Tod Gottes“, also die Auslöschung Gottes aus dem Bewusstsein des Menschen, sowie die Überwindung des Menschen durch den „Übermenschen“ ein langwieriger Prozess, der jedoch bereits begonnen hat.
Aufgabe 3.2
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Das Streitgespräch knüpft an das gemeinsame Bild des „Meeres“ an, das sowohl bei Nietzsche als auch bei Langstein eine zentrale Rolle spielt. In beiden Fällen steht das Meer im weitesten Sinn für Freiheit. Der grundlegende Unterschied besteht jedoch darin, dass Nietzsche das Meer erst durch den Tod Gottes als offen und befahrbar betrachtet, während Langstein gerade in der Weite Gottes selbst die Voraussetzung für Freiheit sieht.
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Nietzsche vertritt eine atheistische Perspektive: Glaube macht den Menschen unfrei, da ein übergroßer Gott den Menschen klein und schwach erscheinen lässt und ihn psychisch belastet. Deshalb müsse der Mensch Gott „töten“, um seine eigene Größe erkennen und sich von religiöser Bevormundung befreien zu können. Erst dann könne der Mensch zu dem werden, was er sein soll: ein selbstbestimmter „Übermensch“. Das Meer ist bei Nietzsche offen, aber nur für die Starken, für diejenigen, die sich von Gott gelöst haben.
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Langstein vertritt eine glaubende Perspektive: Ein „großer“ Glaube ist problematisch, da er vorgibt, Gott genau zu kennen, ihn in Definitionen zwängt und dadurch auch den Menschen einengt. Deshalb müsse der Mensch erkennen, dass echter Glaube „klein“, demütig und suchend sein soll. Gott bleibt unverfügbar und unbegrifflich, ist aber zugleich eine Heimat, die dem Menschen Geborgenheit bietet. Die Weite Gottes steht allen Menschen offen.
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Es zeigt sich eine Parallele zwischen beiden Positionen in der Kritik an einem „zu großen“ Zugriff auf Gott: Bei Nietzsche ist es der übergroße Gott selbst, bei Langstein der „zu große“ Glaube des Menschen. Beide führen zur Einschränkung der menschlichen Freiheit.
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Die zentrale Differenz liegt jedoch in der Konsequenz: Nietzsche fordert die Abschaffung Gottes, um dem Menschen vollständige Selbstbestimmung zu ermöglichen. Langstein hingegen plädiert dafür, Gott groß sein zu lassen und den Anspruch auf Wissen über Gott aufzugeben. Erst ein demütiger, suchender Glaube ermöglicht eine echte Beziehung zu Gott, die dem Menschen trotz seiner Abhängigkeit Freiheit und Selbstbestimmung lässt.