Vorschlag B
Thema
Von Gott sprechen – aber wie?
Aufgaben
Fasse den Text von Stefan Silber zusammen. (Material)
Untersuche ausgehend vom Text, wie in verschiedenen Sprachformen von Gott gesprochen werden kann. Beziehe dabei, zusätzlich zu den von Silber genannten
Beispielen, weitere Beispiele aus dem Alten Testament sowie aus dem Leben, Reden und Handeln Jesu ein.
„Das gottlose Sprechen von Gott besitzt also [...] kommunikative Vorteile, weil säkulare Menschen dann möglicherweise lieber zuhören und besser verstehen [...].
[...] Beredter als eine gott-lastige Sprache spricht eine gotthaltige Praxis von Gott.“ (Material)
Setze dich mit diesen Aussagen auseinander.
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Stefan Silber: Gottlos von Gott sprechen (01.12.2016), (abgerufen am 05.02.2022).
Hinweise
Stefan Silber (*1966): Professor für Didaktik der Theologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen
Es handelt sich um einen Auszug aus einer Vorlesung von Stefan Silber.
Rechtschreibung, Zeichensetzung und Kursivdruck entsprechen der Textvorlage.
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In dem Auszug Gottlos von Gott sprechen aus einer Vorlesung von 2016, die auf der Website „feinschwarz.net“ abrufbar ist, kritisiert Stefan Silber die Missverständlichkeit einer exklusiv theologischen Sprache und zeigt Alternativen der Rede von Gott auf, die für Menschen heute leichter zugänglich sind. Er ruft dazu auf, Gott nicht durch Sprache, sondern durch Handeln für Menschen begreifbar zu machen.
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Silber stellt zunächst fest, dass religiöse Sprache sich „zu einer Fremdsprache“ entwickelt habe, die von vielen Menschen nicht mehr verstanden werde. Dagegen bieten für ihn die Negative Theologie sowie das passivum divinum eine echte Chance, von Gott zu sprechen, ohne auf heute unverständliche Aussagen zurückgreifen zu müssen. Die Passivform öffnet dabei den Blick für die Unbeschreiblichkeit und Andersartigkeit Gottes.
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In biblischen Texten werde das passivum divinum bewusst eingesetzt, um Gottes Wirken für die Menschen und an ihnen zu beschreiben, ohne Gott direkt als Handelnden zu benennen. Silber nennt dafür unter anderem die Seligpreisungen und die Auferweckung Jesu. So könne die Bibel darauf verzichten, Gott zu definieren, und dennoch vermitteln, dass er immer wieder die Verbindung zu den Menschen suche und gesucht habe. Gott werde als jemand vorgestellt, der in vielfältiger Weise mit seiner Schöpfung in Beziehungen stehen will und steht.
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Der Begriff „Gott“ sei demnach eine Bezeichnung für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. An Glaubenszeugnissen zeige sich schließlich, dass Menschen nicht durch Wissen, sondern durch Erfahrungen mit anderen Menschen und durch Handeln der Wirklichkeit Gottes näherkommen können.
Aufgabe 2
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Ein wichtiger Ausgangspunkt des Textes ist das passivum divinum, das Silber als zentrale Sprachform anführt. Mit seiner Hilfe wird vermieden, direkt von Gott zu sprechen, obwohl klar bleibt, wer oder was gemeint ist. Durch das Schweigen von Gott und durch die Negative Theologie werden alle positiven Aussagen über Gott grundsätzlich infrage gestellt. Der Mehrwert dieser Sprechweise liegt darin, deutlich zu machen, dass Gott vom Menschen nicht angemessen begriffen oder vorgestellt werden kann. Gott transzendiert den Menschen unendlich, sodass alles menschliche Reden von Gott ihm aufgrund seiner Unbeschreiblichkeit nicht gerecht wird. Genau diese Einsicht wird nach Silber auch durch das passivum divinum in biblischen Texten gefördert, weil diese Texte bewusst zwischen Reden und Nicht-Reden von Gott wechseln.
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Silber nennt zunächst zwei neutestamentliche Beispiele für das passivum divinum: die Seligpreisungen und die Auferweckung Jesu. Bei beiden Beispielen ist klar, dass Gott Tröstung, Heilung, Sättigung und Auferweckung bewirkt, auch wenn er nicht direkt genannt wird. So zeigt Silber, wie bereits die Bibel „gottlos von Gott“ spricht.
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Diese Möglichkeit des Sprechens von Gott zeigt sich auch im Alten Testament. Der Gott Israels sucht die Beziehung zu seinem Volk und offenbart sich als ansprechbares Gegenüber, zugleich aber auch als verborgen Da-Seiender. Ein Beispiel dafür ist die Gottesbegegnung des Mose am brennenden Dornbusch (Ex 3,1–15). Gott zeigt sich nicht konkret, sondern spricht Mose aus dem Dornbusch an und offenbart sich mit dem Namen „Jahwe“, der in der Einheitsübersetzung 2016 mit „Ich bin, der ich bin“ und in der Einheitsübersetzung 1980 mit „Ich bin der: Ich-bin-da“ wiedergegeben wird. Dieser Name entzieht sich einer wirklichen begrifflichen Festlegung, kann aber als Zusage verstanden werden, für sein Volk da zu sein.
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Dazu gehört auch das biblische Bilderverbot, etwa in Dtn 5,8 und Ex 20,4. Von Gott soll man sich kein Bild machen, weil jedes Bild und jede Vorstellung von Gott unzureichend ist. Gott ist also nicht auf konkrete Begriffe, Bilder oder eine „verdinglichende“ Rede festzulegen.
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Der Text zeigt außerdem, dass sich bestimmte Beziehungserfahrungen der Menschen mit Gott auch in positiven Aussagen über Gott niederschlagen können. Ein Beispiel ist der Auszug aus Ägypten, in dem Gott als Befreier erfahren wird. Darin wird die biblische Vorstellung deutlich, dass Gott mit seinem Volk verbunden ist und ihm an seiner Schöpfung gelegen ist. Weitere positive Gottesvorstellungen sind Gott als Schöpfer in Gen 1–2 sowie Gott als Vater. Diese Vorstellung kann durch das Vaterunser in Mt 6,9, durch Jesu Anrede Gottes als „Abba“ in Mk 14,36 sowie durch die Vorstellung des Volkes Israel bzw. aller Menschen als Töchter und Söhne Gottes, etwa in Dtn 14,1 und Gal 4,4–7, verdeutlicht werden. Trotz ihres bejahenden Charakters bleiben solche Gottesbeschreibungen als Teil der lebendigen Beziehung zwischen Gott und Mensch aber immer zugleich unfertig und offen.
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Häufig wird von Gott außerdem in Analogien gesprochen. Dabei werden Erfahrungen und Vorstellungen aus dem menschlichen Bereich auf die Wirklichkeit Gottes bezogen. Beispiele dafür sind die Rede von Gott als „Vater“ oder „Mutter“ sowie die Beschreibung Gottes als „Hirte“, etwa in Psalm 23 oder Lk 15,4–7.
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In diesem Zusammenhang lassen sich auch die drei Wege des Thomas von Aquin nennen: Die via affirmationis bezeichnet den Weg der Bejahung, etwa wenn Gott als Schöpfer, Liebe, Licht oder Leben bezeichnet wird. Die via negationis betont, dass solche Aussagen zugleich verneint oder relativiert werden müssen: Wenn Gott groß und mächtig genannt wird, ist er nicht groß und mächtig im menschlichen Sinn. Die via eminentiae steigert menschliche Attribute ins Unendliche, sodass Gott etwa als allwissend, allmächtig oder allgegenwärtig bezeichnet wird.
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Auch im Leben, Reden und Handeln Jesu wird sichtbar, wie Gott erfahren werden kann. In Jesus ist Gott Mensch geworden; er ist nach Kol 1,15 das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. Deshalb wird Gott in Jesu Leben, Reden und Handeln transparent. Jesus spricht von Gott in Gleichnissen, Parabeln und Metaphern und handelt an Gottes Stelle bzw. im Sinne Gottes durch Wunder, Mahlgemeinschaften und seinen Umgang mit Randgruppen der Gesellschaft. So macht er erfahrbar, wie Gott wirklich ist.
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Seine einzigartige Gottesbeziehung macht ihn und seine Botschaft glaubwürdig, weil bei ihm Wort und Tat nicht auseinanderfallen. Er tut, was er predigt. In seinen Gleichnissen verdeutlicht Jesus die Wirklichkeit Gottes in metaphorischen Bildern, etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) oder vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32). Zugleich zeigt sich Gott in Jesu Handeln besonders gegenüber denen, zu denen Jesus Kontakt sucht: etwa gegenüber Zöllnern (Mk 2,13–17) oder der Sünderin (Lk 7,36–50). Dadurch wird der Kern seiner Botschaft deutlich: Gottes Liebe gilt allen Menschen (Mt 5,45). In der Bergpredigt, besonders in den Seligpreisungen, aber auch in der Feindesliebe (Mt 5,44), werden die Radikalität und der Anspruch des von Jesus verkündeten Gottes sichtbar.
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Dennoch bietet auch Jesus mit seinem Reden und Handeln keine feste Beschreibung und keine endgültige Definition Gottes.
Aufgabe 3
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Religiöses Sprechen von Gott wird heute begrifflich oft nicht mehr verstanden. Dadurch kann es die Beziehung zu Gott eher stören als fördern. Wenn religiöse Begriffe für viele Menschen wie eine Fremdsprache wirken, besteht die Gefahr, dass die Rede von Gott nicht erschließt, sondern verschließt.
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Gleichzeitig kann die ausdrückliche Rede von Gott hilfreich sein. Gerade säkularen Menschen kann sie verdeutlichen, was Glaube bedeutet, aus welchen Quellen Menschen leben und was ihrem Leben Sinn und Halt gibt. Eine Sprache, die Gott ausdrücklich nennt, kann also Orientierung geben und den eigenen Glauben verständlich machen.
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Silber schlägt jedoch vor, „gott-los“ von Gott zu sprechen, also nicht ständig ausdrücklich das Wort „Gott“ zu verwenden. Entscheidender sei eine „gotthaltige Praxis“, die im Kern Nachfolge Jesu im Handeln bedeutet. Menschen können in Beziehungen zu anderen Menschen Gott erfahren, ihren Glauben leben und entdecken, auch wenn diese Beziehungen zunächst gar nicht ausdrücklich als Gottesbegegnung verstanden werden. Gott steht auch zu denen in Beziehung, die nicht glauben.
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Insofern ist Silber zuzustimmen: In einer gotthaltigen Praxis kann Gott unter Umständen viel besser „zur Sprache“ kommen als in einer tatenlosen Rede von Gott. Beispiele dafür sind soziales Engagement in der Gemeinde, Engagement für die Jahrgangsstufe, Unterstützung leistungsschwächerer Mitschülerinnen und Mitschüler, Flüchtlingshilfe oder Mitarbeit an Umweltprojekten zur Erhaltung der Schöpfung. Wenn am Handeln von Christinnen und Christen erkennbar wird, aus welcher Kraft heraus sie leben, und dieses Handeln authentisch wirkt, kann es auch für säkulare Menschen überzeugend sein.
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Andererseits muss realistisch gesehen werden, dass Menschen unvollkommen und fehlerhaft sind. Deshalb kann auch eine gotthaltige Praxis Gott nicht vollständig oder angemessen zum Ausdruck bringen. Sie ist ebenso defizitär wie die Rede von Gott und kein Allheilmittel. Sie ist unverzichtbar, kann aber nicht die einzige Form der Gottesvermittlung sein. Vielmehr ergänzt sie das ebenfalls begrenzte Reden von Gott.