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Aufgabe 2

Aufgabenstellung

Bearbeite eine der beiden Aufgaben:

A) Interpretiere die Kurzgeschichte.

ODER

B) Verfasse einen Tagebucheintrag aus der Sicht von Peter nach dem Treffen mit Livia.

Material

Mut ist …

Jennifer Wiener

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„Hallo! Ist da jemand?“, schallte es aus dem Telefon.
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Livia wusste, wer es war. Sie hatte ihn angerufen und sie wusste, dass es das zehnte Mal war.
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Doch sie legte wieder auf, ohne ein Wort zu sagen. Das Einzige, was sie wollte, war ein Date,
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ein einziges, nur eines, nicht mehr. Aber sie konnte es nicht, konnte ihm nicht in die Augen
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schauen, konnte kein Wort mit ihm wechseln.
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Der Junge, den sie meinte, hieß Peter. Er war der Beste, den sie sich vorstellen konnte. Er
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hatte seidiges blondes Haar und blaue Augen. Seine Blicke waren wie Küsse. Doch Livia kannte
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nur seine Blicke. Na ja, er sah sie zwar nie an, aber das hieß doch nichts. Oder doch? Hasste er
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sie vielleicht? Das war Livia egal, für sie war Peter ihre Luft, er war wie eine Droge. Sie war
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süchtig nach Peter und nach seiner Liebe.
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Aber immer, wenn sie ihn anrief, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie rief ihn trotzdem
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jeden Tag an. Seine Telefonnummer hatte sie aus dem Telefonbuch. Es hatte sie eine Stunde
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gekostet, alle „Mender“¹ durchzuprobieren. Jeden Tag nahm sie sich vor, ihn anzurufen und zu
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fragen, aber sie schaffte es nicht.
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Livia beschloss, ihre Eltern zu bitten, ob sie seine Eltern anrufen könnten. Vielleicht konnte
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Peter ihr ja Nachhilfe geben und zu ihr kommen. Ja, das war’s, das würde sie machen. Ihre
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Eltern zu überreden war zum Glück nicht schwer und sie taten es tatsächlich.
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Livia wollte nicht neben dem Telefon stehen. Nein, das traute sie sich nicht. Sie lief in ihr
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Zimmer, schloss die Tür und setzte sich auf ihr Bett.
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In dieser Zeit vergingen die Sekunden wie Minuten und die Minuten wie Stunden. Ihr kam
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es vor, als hätte sie mindestens eine Stunde in ihrem Zimmer gesessen und gewartet. Aber es
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war nur eine Minute.
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Livias Herz blieb stehen, als ihre Mutter die Tür öffnete, und es schien entzweizubrechen,
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als sie die Worte ihrer Mutter hörte: „Er hat keine Zeit!“
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„Was?“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie konnte nicht mehr richtig denken. War es eine
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Lüge oder die Wahrheit? Hasste er sie? Oder wollte er, dass sie ihn selber fragte?
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Diese und tausend andere Fragen schossen ihr durch den Kopf. In dieser Nacht schlief sie
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nicht so schnell ein. Sie machte sich Gedanken, ob sie den ersten Schritt machen sollte oder
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nicht.
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Am nächsten Tag – in Livias Augen ausgerechnet in der schlimmsten Unterrichtsstunde,
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nämlich in Deutsch – verkündete die Lehrerin, dass sie ein Projekt starten wollte. Jeder sollte
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einen Aufsatz über das andere Geschlecht schreiben. Es wurde per Auszählreim beschlossen,
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wer sich mit wem zusammentun sollte, und wie es der Zufall wollte, sagte die Lehrerin: „Livia
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und Peter.“
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Beide sahen sich an, sagten aber kein Wort. Beim Läuten sprachen sie immer noch nichts
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und sahen sich nicht einmal an. Am Abend versuchte Livia, etwas über Peter zu schreiben, aber
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ihr fiel nichts ein. Sie hätte Peter einfach nur anrufen müssen, aber sie traute sich nicht.
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Schließlich ging sie in Zeitlupe zum Telefon und im gleichen Tempo hob sie den Hörer ab
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und wählte die Nummer, die sie inzwischen auswendig konnte. Ihre Hände wurden nass vor
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Schweiß. Es fing an zu klingeln, sie wurde fast ohnmächtig, als sie seine aufregende Stimme
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hörte.
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„Hallo! Wer ist da? Peter am Apparat!“, sagte er.
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„Du weißt doch, dieses blöde Projekt. Ich wollte …“, jetzt kam der entscheidende Moment,
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„… fragen, ob wir uns treffen können. Vielleicht nicht nur wegen des Projektes?“ Sie dumme
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Kuh, warum hatte sie das gesagt? Oh nein!
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„Sehr gern. Wie wär’s mit heute – jetzt gleich? Ich komm zu dir. Bis dann!“, schrie er.
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Es machte „klick“. Sie lief in ihr Zimmer, zog ihren Lieblingspulli an und schrieb in ihr
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Tagebuch: Mut ist, jemandem die Liebe zu gestehen.

1 Peters Familienname

Wiener, Jennifer: Mut ist ... In: Breckoff, Constanze (Hrsg.): Mit den Vögeln fliegen. Jugendliche über Toleranz
& Gerechtigkeit. Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2004, S. 40 – 42.

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